Vom Engel, der nicht mitsingen wollte - Ansprache im Familiengottesdienst
Heiligabend - 24.12.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde, und besonders: liebe Kinder!

Eigentlich ist es ein Glück, daß es damals, zur Zeit von Martin Luther, so faule Pfarrer gegeben hat. Wir haben es gerade gehört und gesehen: wäre dieser stinkfaule Pfarrer nicht gewesen, den Luther und sein Freund Melanchthon besucht haben, dann wäre der gute Luther sicherlich nie auf die Idee gekommen, für seine Kinder die Weihnachtsgeschichte neu zu erzählen, und zwar als Lied. Mit diesem Lied "Vom Himmel hoch", von dem wir eben alle Strophen gehört und gesungen haben, hat Luther etwas geschaffen, was sogar die allerfaulsten Pfarrer bis heute gut verwenden können, wenn sie sich den Kopf zerbrechen, wie sie den Leuten die Weihnachtsgeschichte nahebringen können. J

Das Lied hat Luther ja als einen großen Gesang des Engels gedichtet, der in der Heiligen Nacht "vom Himmel hoch" herab zu den Hirten auf dem Feld in Bethlehem kommt. Aber etwas über die Engel möchte ich euch jetzt noch erzählen. Das steht zwar nicht direkt in der Bibel, ist aber höchstwahrscheinlich so passiert.

Als die Menge der himmlischen Heerscharen über den Feldern von Bethlehem jubelte: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen", da hörte ein kleiner Engel plötzlich auf zu singen. Obwohl er in dem riesigen Engelchor nur eine kleine Stimme war, machte sich sein Schweigen doch gleich bemerkbar. Andere Engel waren verwirrt und hörten auch zu singen auf, und beinahe wäre der ganze himmlische Chor zusammengebrochen. Aber einige Großengel sangen jetzt besonders laut und retteten so den Gesang. Einer von ihnen flog zum kleinen Engel und fragte ihn streng: "Warum willst du nicht mehr singen?" - Der kleine Engel antwortete: "Ich wollte ja! Ich habe begeistert mitgesungen, bis das mit dem 'Frieden auf Erden' kam. Da konnte ich nicht mehr weitersingen. Weil das stimmt doch einfach nicht mit dem Frieden unter den Menschen. Ich sah auf einmal all die römischen Soldaten in diesem Land und vielen anderen Ländern. Überall verbreiten sie Krieg und Angst. Und auch da, wo keine Soldaten sind, gibt es so viel Streit und Gewalt unter den Menschen. Böse Worte, die Fäuste fliegen, und Fremde werden ausgegrenzt. Sogar das junge Paar durfte sein Kind nicht daheim im eigenen Haus in Nazaret zur Welt bringen, sondern mußte wegen der Militärsteuer nach Bethlehem ziehen, wo man ihnen nicht einmal ein warmes Zimmer gab. Und wer weiß, was sie mit dem armen Kind mal noch machen werden! Es ist einfach nicht wahr, daß Frieden auf Erden ist, und gegen meine Überzeugung singe ich nicht!" Der kleine Engel zeigte ein trotziges Gesicht, und einige der anderen jungen Engel klatschten laut Beifall.

"Schweigt! Nein, singt!" rief der große Engel ihnen zu und nahm sich den jungen widerspenstigen Engel zur Seite. Und dann sagte er zu ihm: "Also gut. Du leidest daran, daß es in der Tiefe, auf der Erde so anders aussieht als in der Höhe hier im Himmel. So sollst du wissen, daß genau dieser riesen Unterschied in dieser Nacht überbrückt wurde. Dieses Kind, das geboren wurde und um das du dir Sorgen machst, soll unseren himmlischen Frieden auf die Erde und in die Welt bringen. Gott gibt in dieser Nacht seinen Frieden allen Menschen und will auch den Streit unter ihnen beenden. Deshalb singen wir, auch wenn die Menschen dieses Geheimnis noch nicht hören und verstehen."

Da fing der kleine Engel an zu strahlen: "Also wenn das so ist, dann singe gerne wieder mit!" Aber da schüttelte der große Engel den Kopf: "Nein, du wirst nicht weiter mitsingen. Du wirst jetzt einen anderen Dienst übernehmen. Du wirst nicht mit uns in den Himmel zurückkehren. Von heute an wirst du den Frieden Gottes und dieses Kindes zu den Menschen tragen. Tag und Nacht wirst du unterwegs sein. Du wirst an ihre Türen klopfen und ihnen die Sehnsucht nach dem Frieden in die Herzen legen. Du mußt dabei sein, wenn die Menschen ihre langen, mühsamen Verhandlungen führen, um mehr Frieden zu erreichen. Oft werden sie dich nicht in ihre Häuser einlassen, aber dann wirst du auf den Schwellen sitzen bleiben und geduldig warten, bis sie dir doch ihre Tür öffnen. Du mußt die kleinen, schwachen, unschuldigen Menschen unter deine Flügel nehmen und ihre Tränen an uns weiterleiten. Du wirst wenig zu singen, stattdessen viel zu klagen und zu trösten haben.

Der kleine Engel war bei diesen Worten zuerst noch kleiner, dann aber größer und größer geworden, ohne daß er es merkte. Er wollte sich gegen diese schwere Aufgabe wehren, aber der Großengel sagte: "Du hast es so gewollt. Du liebst die Wahrheit noch mehr als den schönen Gesang. Diese Eigenschaft wird nun dein Auftrag. Und nun geh. Unser Gesang wird dich begleiten, damit du nie vergißt, daß in dieser Nacht der Friede zur Welt gekommen ist." - Während er noch redete, brach er von einer Palme einen Zweig ab und hauchte darauf. Und er sprach: "Nimm diesen Zweig mit dir. Er bewahrt dir den Geruch des Himmels und wird dich stärken, wenn es auf der Erde mal stinkt." Und dann ging der Großengel an seinen Platz zurück und sang weiter.

Der kleine Engel des Friedens aber schwebte herab auf die Erde und setzte seinen Fuß auf die Felder von Bethlehem. Er wanderte mit den Hirten zum Kind in der Krippe, so daß die Hirten verstanden, was sie da sahen. Und von dort aus flog er dann in die weite Welt hinaus und begann zu wirken. Immer neu verwundet, aber nie zum Schweigen gebracht tut er seither seinen Dienst und sorgt dafür, daß die Sehnsucht nach Frieden unter uns Menschen nie mehr verschwindet. Sondern daß sie wächst, und die Menschen antreibt, Frieden zu suchen und zu schaffen. Und alle Menschen, die das tun, hören plötzlich wie von ferne einen wunderschönen Gesang, der sie ermutigt, das Werk des Friedens in dieser Welt weiterzuführen.

Amen.

(Nach einer Legende von Werner Reiser)