Predigt am Heiligen Abend 2010 zur Christvesper in der Christuskirche, Freiburg
Johannes 3, 16-20: Geliebte Gottes


Kanzelgruß

Die Gnade des Herrn Jesus,

der für uns Mensch geworden ist,

sei mit euch allen. Amen

Der Predigttext in dieser Heiligen Nacht steht im Johannesevangelium im dritten Kapitel. Der Pharisäer Nikodemus, einer der einflussreichen Männer seiner Gesellschaft, klopft des Nachts bei Jesus an die Tür und findet sie offen. Es ist noch gar nicht lange her, da war Jesus selbst zu Gast auf einer Hochzeit in Kana. Jetzt befindet er sich im Zwiegespräch mit einem, der viel belesen war und noch mehr Fragen hatte. Hört die guten Worte, die Jesus an ihn richtet:

Johannes 3, 16-20

16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. 19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

I Eine wortreiche Religion

Liebe Gemeinde,

Gott hat das erste Wort. So beginnt ein modernes Kirchenlied aus der Feder Jan Wits. Gleich am Anfang schuf Gott Licht aus Finsternis, Leben wird möglich. So steht es am Anfang der Bibel. Der Niederländer Jan Wit wurde blind geboren. Im Jahr 1914. Zu Beginn des ersten Weltkriegs. Er lernte viel über Musik, wurde schließlich Organist und Theologe. Als solcher unterrichtete er im Untergrund Hebräisch an Studenten als die deutschen Truppen die Niederlande im zweiten Weltkrieg besetzten. Welch Wagemut, sich ausgerechnet des hebräischen Wortes anzunehmen in jener unheilvollen Zeit. Denn mit dieser Sprache ist jüdische Tradition und Glauben eingehüllt wie in das kostbarste Geschenkpapier. Jan Wit, der blind ist, weiß genau, was Licht ist. Was zum Licht führt.

Gott hat das erste Wort. - Und es soll ihm nicht genommen werden.

Zwei asiatische Gelehrte suchen das Gespräch über ihre Religionen. Der eine hat Theologie studiert und unterrichtet an der Universität. Der andere ist ein hoch verehrter Mönch, Buddhist. Der Theologe teilt mit dem Buddhisten den ersten Vers des Johannesevangelium: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Als er fertig damit ist, kommentiert der andere:

"Mein Freund, das ist eine Religion, die voller Lärm ist. Ich befürchte, sie führt uns immer weiter weg vom Beglücktsein, das wir durch innere Ruhe und Losgelöstsein erreichen. Der Theologe, Kosuke Koyama, gestand zu: In der Tat ist das Christentum eine Religion, die von sich hören lässt. Sie macht Lärm, dort, wo Gott sich in die Geschichte der Menschheit begibt und daran teilhat. Wo Jesus mit seinen durchaus auch kulturkritischen Lehren auftritt, die Feindesliebe anpreist wie die Nächstenliebe und dazu noch die Selbstliebe, trifft er auf harten Widerspruch. Gottes Gerechtigkeit, die totgeschwiegen werden soll, ja Gott selbst, der in unseren Gesprächen ein Tabu ist, durchbricht mit seinem Wort unser Schweigen.

II Eine Religion der Liebe

Gott lässt sich einbinden in menschliche Bezüge. Dabei geht es dem Christentum und der Weihnachtsbotschaft ob in Lukas oder in Johannes um eine Liebe, die sich nicht einfach in Worte fassen lässt. Kein Wunder, dass dem Gespräch der beiden Gelehrten Nikodemus und Jesus von Nazareth ein Hochzeitsfest vorausgeht. Das erste Wunder Jesu besteht bezeichnenderweise darin, reinen Wein einzuschenken. Braut und Bräutigam hat er wohl sehr glücklich gemacht durch seine Handlung. Wenn wir genau hinhören beim Lesen, dann können wir vielleicht noch den Jubel der Gäste vernehmen. Der Jubel ist groß, es gibt wieder Wein, und zwar den besten. So ist es, wenn Gott auf die Erde kommt. Seine Liebe will ergreifen und ist der eigentliche Grund zum Feiern. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er alles gab. Aus sich selbst heraus hielt er nichts zurück.

III In seiner Liebe liefert sich Gott verrückterweise an uns Menschen aus.

Dabei hätten wir es verdient, dass er uns zurechtrückt. Was stellen wir nicht alles an, um Mit-Mensch und Mit-Schöpfung uns zu eigen zu machen. Alle Anstrengungen, den Schaden einzudämmen, den wir anrichten, sind hoch willkommen, doch wir bewegen uns einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück und arbeiten auf sogenannte "Minimalziele" hin, während wir, wenn es an die Wirtschaft geht und das Finanzielle, auf Optimalerträge bauen.

Wir dürfen sie bezweifeln und in Frage stellen, diese Liebe, ob sie genug Durchsetzungskraft besitzt in einer Welt, in der der Stärkere sich durchsetzt und Dominanz durchaus auch als Kompliment verstanden wird. Da erscheint Jesus wie ein Misfit. Er lässt sich verspotten, spricht Dialekt, erlernt einen einfachen Beruf. Er beweist sich nicht durch gewagte Aktionen. Er liiert sich nicht mit den Mächtigen, um möglichst medienwirksam seine Nachrichten zu verstreuen. Er schließt keine falschen Bündnisse ab mit den Oberen, um seinen Beliebtheitsgrad zu steigern. Seine Strategie lautet, ganz nahe am Volk zu bleiben. Bei ihm steigt er ab auf seinen Wanderungen. Bei seiner Geburt.

Kein Engel steht im Stall zu Bethlehem, um die Krippe zu bewachen. Das ist gut so, denn dann bleibt mehr Raum für uns Menschen. Keiner muss Angst haben, ihm zu nahe zu treten. Die Schwelle zu unserem Gott ist abgebaut. Welch illustre Gesellschaft sehen wir hier auf engstem Raum, Maria, die junge, unerfahrene, fast noch ein Kind. Josef, der Zurückgestoßene, gekränkt könnte er wohl sein. Die Hirten, die rauen Kerle, fast könnte man meinen, die Engel hätten sie in Sicherheitsverwahrung genommen und in den Stall beordert. Hier stehen sie Seite an Seite mit den anderen, die nicht klug oder reich genug waren, sich rechtzeitig einen Platz in den Herbergen zu sichern. So weit reichen unsere Vorstellungen. Was damals wirklich geschah, lässt sich nicht in hoch aufgelöste Bilder fassen.

IV Was machen wir aus dieser Liebe?

Erst mal gar nichts. Sie macht etwas aus uns. Wie ist das, wenn ich von der Liebe des Anderen ergriffen werde und bin? Wie hört sich das an, wenn eine/r zu mir spricht: Ich liebe Dich. Und ich merke zum ersten Mal in meinem Leben: Ich werde geliebt, nicht, weil ich bewundert werde, sondern ohne Sinn und Verstand, einfach so, zweckfrei. Wie befreiend es ist, wenn ich erfahre, ich muss mir diese Liebe nicht durch meinen Charme verdienen. Durch tadellosen Auftritt, gute Manieren, intelligente Beiträge, die meine Firma, meinen Verein fördern. Keinerlei Vorleistung ist nötig, meine Leistung ist nicht gefragt, ich bin gefragt.

Gott will im Dunkeln wohnen. Ich muss nicht so tun, als sei ich fröhlich, wenn mir gar nicht danach zumute ist. Gott liebt mich in meiner Trauer. Der junge Mensch, der aufgrund einer Wette verunglückt ist wird sich einmal fragen, wie soll es nun weitergehen? An ihn richtet Gott sein Wort: Ich liebe dich wie am Anfang. Ich lasse dich nicht, ich stehe dir bei, auch wenn alle anderen dich vergessen.

Gottes Liebe ist nicht eine herablassende, bemitleidende. Weil ich so hässlich bin, dass keiner mich zum Tanz auffordert, erbarmt er sich halt. Nein, Gott will mich, ist verliebt in mich. Er sieht das Schöne an mir, mit dem rechten Blick schaut er mir aus der Krippe entgegen.

Mich dieser Liebe aussetzen. Das ändert alles. Das 20.Jahrhundert und auch dieses Jahrzehnt - ist ein Zeitalter der Konflikte. Wie viele Konflikte entstehen, weil Menschen sich zurückgesetzt fühlen, weil sie gekränkt sind. Wenn ich durch Liebe gestärkt werde, dann spüre ich immer noch die Verletzungen, die mir zugefügt werden, aber ich lasse mich nicht von ihnen bestimmen. Das Böse frisst mich nicht auf. Ich bleibe frei, nach Wegen aus Hass und Streit zu suchen.

V Diese Liebe setzt Neues in Bewegung ohne große Worte darüber zu verlieren

Die sogenannten Frommen, die Rechtschaffenen in den Evangelien verlieren dagegen viele Worte. Sie murren und stellen Fangfragen, sie hören nicht auf, Jesus zu bedrängen, sie lassen nicht ab von ihrer Besserwisserei. Es ist düster in ihnen. Es ist verblüffend, welche große Freudlosigkeit sie ausstrahlen. Sie nehmen nur sich und ihre Sicht der Dinge wahr. Es geht ihnen um ihr Recht. Alles andere passt nicht in ihr Bild. Sie verschließen sich. Nur ihr Wort zählt noch und was sie zu sagen haben. Es verändert nichts. Alles bleibt beim Alten.

1952 komponierte der Amerikaner John Cage seine stille Symphonie 4' 33'', die aus 4 Minuten und 33 Sekunden Stille besteht. Vor wenigen Jahren wurde sie neu aufgeführt. Dazu lud er Musiker wie Frank Zappa ein. Das Stück enthält keine einzige Note. Es kann auf jedem Instrument, solo oder mit Orchesterbesetzung gespielt werden. Ein oder mehrere Musiker nehmen ihren Platz auf der Bühne ein wie bei jedem gewöhnlichen Konzert. Doch spielen sie keinen einzigen Ton. Teurer Scherz oder Provokation? Cage verbindet das Stück mit der Bitte an das Publikum, auf den Lärm um uns zu hören hinter der Musik. Dazu gehört auch der Lärm der Lastwagen und das Hupen der Taxis auf der 6.Straße in New York, an der er lebt. Den Lärm im Hintergrund dieser lautesten Straße New Yorks ließ er einfließen in seine musikalischen Werke. Geräusche, die wir abtun, ausblenden, haben bei ihm Berechtigung.

Sie brauchen keine andere Bedeutung als ihre Existenz. Gerade so wie Kant es von Musik und Lachen sagte: Diese beiden brauchen keine Bedeutung, um uns mit großer Freude zu füllen und uns glücklich zu machen.

So gehört zu unserer Stillen, Heiligen Nacht: Auf das Wort Gottes hören, das in unsere Welt einbricht, damit sie heil werde, auf das Gloria der Engel, der himmlischen Freunde, das uns aus unserer Niedergeschlagenheit reißt, auf die Fragen der Hirten, der Zweifler, wo denn, bitte, das alles stattfinden soll. Und zu guter Letzt ist Weihnachten mitten unter uns verborgen in den Geräuschen, die hinter den Worten stehen.

VI Eine Religion, die auf den leisen Atem hört

Und so ist unsere Religion voller Lärm wie das leise Atmen des Kindes in der Krippe. Darauf sollen wir achtsam sein. Wenn wir ihm zuhören, dann hören wir das Atmen eines jeden Menschen, in der Gefängniszelle und auf dem Sterbebett, im Flüchtlingslager und überall dort, wo Menschen vergessen werden. Das Kind, das so in der Krippe schläft, es bricht das Schweigen Gottes ohne Worte.

Am Weihnachtsabend des 24.Dezembers 1935 schreibt Jochen Klepper das Wort Martin Luther's in sein Tagebuch: "Sieh nicht an, was du bist, sondern sieh hier, was dir heut widerfährt, sieh an den, der zu dir kommt! Sieh nicht an, dass du ein armer Sünder bist."

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Amen.

Lieder: EG 30, 1-4 / EG 42, 1-3,8 / EG 37, 1-3, 6,9 / EG 29, 1+4 / EG 46, 1-3 / EG 55 / EG 44