Das Messer, das schmerzt und heilt - Predigt über Hebräer 4, 12+13
Sexagesimae - 7.02.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen" - läßt Goethe seinen Faust sagen, als der am Abend des Ostersonntages das Johannesevangelium aufgeschlagen hat. "Im Anfang war das Wort": Schon der berühmte erste Satz des Evangeliums provoziert den Widerspruch des nimmermüden Sinnsuchers. Und wir, sind wir da allzu weit von ihm entfernt? "Das Wort" hat heute wenig Konjunktur. Es ist viel davon die Rede, wie sehr wir Evangelischen, die sogenannte "Kirche des Wortes", bibelvergessen geworden sind. Bei einer Umfrage "Was ist für Sie typisch protestantisch?" kam die Antwort "Daß man in der Bibel liest", an 12. Stelle. Ganz vorne rangierte: "Daß man sich bemüht, ein anständiger Mensch zu sein". Das sagt einiges aus. Das geringe Vertrauen in die "Wirksamkeit des Wortes" ist auch unter uns Pfarrern mit Händen zu greifen. Auf Pfarrkonferenzen scheint es allgemeiner Konsens, "der heutige moderne Mensch" sei durch das Wort allein nicht mehr erreichbar, im Zeitalter von Internet und Videoclips laute die oberste Pastorenregel: Man darf über alles predigen, nur nicht über 12 Minuten! Es müsse mehr fürs Auge, "für alle Sinne" geboten werden, wie bei den Katholiken, die es mit Predigt und Bibel ja auch nicht so genau nehmen. Statt Luther - solo verbo, allein das Wort - ist heute bei vielen Protestanten tatsächlich eher Goethe gefragt: "Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen".

I.

Unser knapper, herber Abschnitt aus dem Hebräerbrief ist auf den ersten Blick alles andere als dazu angetan, die Hochschätzung des Wortes und der Kirche, die sich ihm besonders verdankt, wieder anzuheben. "Gottes Wort ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. (...) Es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein". Der Satz ist der beste Beweis für seinen Inhalt, es wird einem schon halber kalt, wenn man ihn hört. Aber dann erinnert er mich an etwas, was ich in einer Biographie über den großen Karl Barth gelesen habe. Dort steht, Barth habe auch im hohen Alter "die kalte Dusche am Morgen weiterhin pünktlich und fleißig exerziert". An sich eine banale Mitteilung. Aber seit ich das las, ist mir diese morgendliche "kalte Dusche" zu einem Bild geworden. Dafür nämlich, daß die Dinge, die uns wirklich beleben und in Bewegung bringen, nicht billig zu haben sind, sondern zunächst durchaus schockierend wirken können. "Das war eine kalte Dusche", sagen wir umgangssprachlich, wenn wir etwas Schlimmes zu hören kriegen, das uns trifft und deprimiert. Eigentlich unverständlich, daß diese Redewendung für uns so negativ besetzt ist. Denn eine kalte Dusche ist ja etwas Positives, sie tut dem Körper gut und belebt uns wie kaum etwas. Die saloppe Sprache der Jugendlichen weiß es besser, wenn sie abschätzig von "Warmduscherei" spricht. Unser Text jedenfalls meint: wenn es um Gottes Wort geht, dann sollten wir uns jede Warmduscherei verboten sein lassen. Je kälter, desto besser, desto belebender.

"Gottes Wort scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein". Das Verb, das im griechischen Urtext hier für "scheiden" steht, krinein, heißt auch "richten, urteilen". Daher kommt unser Wort "kritisch". Gottes Wort hat also nicht nur die tröstende, erbauliche Wirkung, die wir in unserer Sehnsucht nach einer kuscheligen Wohlfühlkirche so gern aus ihm herauslesen. Nein, Gottes Wort hat auch eine kritische, eine scheidende Funktion. Aber wollen wir uns dieser schroffen, kalten Unterscheidung wirklich allmorgendlich aussetzen - oder ziehen wir nicht doch die Warmduscherei vor? Oder, was noch trübsinniger wäre: die Lauduscherei, bei der man das kalte Wasser zwar halbherzig in Anspruch nimmt, aber es doch mit der Zuleitung warmen Wassers in seiner Wirkung sozusagen zu einem bequemen Kompromiß "kaltstellt"? Das ist offenbar von allem Anfang an schon so gewesen im Umgang mit Gottes Wort: im letzten Bibelbuch, der Johannesoffenbarung, heißt es im Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea: "Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde" (Off 3,15f).

"Lau" - ja, so gehen wir ehrlicherweise schon oft mit dem biblischen Wort um. Da gibt es etliche Stellen und Geschichten, vor allem im Alten Testament, wo Gott in einer Weise redet und agiert, die - wie wir heute so sagen - "nicht mehr unserem Gottesbild entspricht". Husch, husch springen wir dann zu den neutestamentlichen Texten, die uns Gott als den Liebenden, (Mit)leidenden, Verstehenden nahebringen. Nicht nur, daß jede Menge solcher anstößiger Texte aus dem Alten Testament gar nicht in unserer Ordnung der Predigttexte vorkommen. Nein, auch wenn einmal ein uns so fremder Text dran ist wie am Sonntag Judika der von "Isaaks Opferung" (Gen 22), machen viele Prediger einen Bogen darum und wählen einen "leichteren", weil, wie man so sagt, eine solche Geschichte dem heutigen Menschen "nicht mehr zumutbar" sei. Um es mit dem immer wieder nennenswerten Satz des Theologen Fulbert Steffensky zu sagen: "Der Gott unserer heutigen Normalpredigt ist zum lieben antiautoritären Kerlchen verharmlost worden". So aber dividieren wir den biblischen Gott auseinander in einen lieben Nahgott, den wir uns recht sein lassen, und in einen dunklen Ferngott, mit dem wir nichts zu schaffen haben wollen. Darüber vergessen wir, daß beides zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, ein und desselben Gottes, der auch als der Nahe und Liebende das unverfügbare, unbegreifbare Geheimnis der Welt bleibt.

II.

Daß Gott nicht in dieser Weise in zwei entgegengesetzte Wesenheiten zu parzellieren ist, können wir auch an dem lernen, was unser Text in erfrischender Kälte über sein Wort sagt. Es scheidet "Seele und Geist, Mark und Bein". Klingt furchterregend, nicht nach dem lieben netten Nahgott. Aber eigentlich könnten wir es besser wissen, und zwar schon aus den allerersten Zeilen der Bibel. "Da schied Gott das Licht von der Finsternis" (Gen 1,4), heißt es im Bericht von der Erschaffung der Welt, und dann auch das Meer vom Land, den Mond von der Sonne. Das heißt doch: Nicht obwohl, sondern weil Gott scheidet, unterscheidet, ist er ein schöpferischer, Leben schaffender Gott. Ein chaotischer Einheitsbrei ist nichts Lebendiges. Leben braucht Unterschiede, Profile, Konturen. Nicht umsonst ist im 2. Petrusbrief von der "bunten Gnade Gottes" die Rede. Das Bunte aber wird erst durch die Verschiedenheiten der Farben als bunt erkennbar.

Unter uns gilt es ja als Kompliment, wenn es von einem heißt, er unterscheide die Dinge nicht so genau, sondern er habe die Fähigkeit "fünfe grade sein zu lassen". Wahrheitsliebe, Moral und Glaubwürdigkeit doch bitte nicht zu sehr auf die Spitze treiben! Das ist anstrengend und setzt andere unter Druck. Wer einen ernsthaften und unbedingten Glauben hat, gerät schnell unter den Verdacht des Eifernden, Fanatischen. Wer ein Auge zudrücken kann, wer bereit ist, Konzessionen zu machen, gilt als sozial verträglich, man bescheinigt ihm "Fingerspitzengefühl" oder auch, ein "Schlitzohr" zu sein, was meistens anerkennend gemeint ist. -

Aber was hätten wir von einem Gott, der sich auf solche Erwartungen einlassen würde und dessen Wort letztlich eine Art Verhandlungssache wäre? Was hätten wir von einer Gnade, die auf Kosten der Wahrheit ginge - wo doch, meint die Bibel, gerade seine Wahrheit am Ende reine Gnade ist? Was wäre uns Gottes Schöpfung wert, wenn Licht und Finsternis, Meer und Land, Gut und Böse, Wahrheit und Lüge nicht klar voneinander geschieden wären? Und wenn sein Wort von unseren Wörtern nicht ebenso scharf unterschieden wäre? Dann bliebe alles im Halbdunkel, in dem alle Katzen grau sind, in der Unverbindlichkeit, in der alles irgendwie gleich gültig ist und vieles darüber gleichgültig, unwesentlich wird. - Gott sei Dank, daß es nicht so ist! Gott sei Dank, daß sein Wort, wie es unser Text ausdrückt, "ein Richter" - also ein Unterscheider - "der Gedanken und Sinne unseres Herzens" ist. Was aber kann das bewirken?

III.

Ich versuche eine Antwort mit einer Geschichte. In Dostojewskis wichtigstem Roman "Die Brüder Karamasow" spielt eine zentrale Rolle der Staretz Sossima, eine der wenigen ganz positiv gezeichneten Figuren, die in Dostojewskis Szenarien aus lauter geängstigten, abgründigen Menschen vorkommen. Dieser Sossima war als junger Mann ein geltungssüchtiger Offizier. Anläßlich einer leichtsinnig provozierten Duellaffäre geht ihm plötzlich die Verlogenheit des feudalen Ehrenkodex auf. Er hat den Mut, mitten im Duell seine Pistole wegzuwerfen. Und beschließt, sein Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen und Staretz, also ein orthodoxer Mönch zu werden. Kurz vor der Entlassung aus dem Militär kommt ein angesehener Beamter auf ihn zu, den der Mut des jungen Leutnants tief beeindruckt hatte. Im Lauf des Gesprächs gesteht er dem Sossima ein schreckliches Geheimnis seiner Vergangenheit. Vor 14 Jahren hatte er einen vorsätzlichen Eifersuchtsmord begangen; die Tat war bis jetzt unentdeckt geblieben. Aber jetzt wurde ihm durch Sossimas Beispiel bewußt, in welcher Lebenslüge er existierte. Er fühlt den Drang, seine Schuld öffentlich zu machen und zu ihr zu stehen. Sossima ermutigt ihn darin.

Einige Zeit danach, als der Mann Sossima wieder einmal besucht, trifft er ihn beim Lesen im Neuen Testament an. Sossima zeigt ihm die Stelle aus dem Johannesevangelium, die er gerade gelesen hat, wo von dem Weizenkorn die Rede ist, das, wenn es in die Erde fällt und stirbt, viel Frucht bringt. Der Besucher liest es. "Das ist wahr", meint er mit einem gequälten Lächeln. Dann sagt er: "Es ist unheimlich, was man in diesem Buche findet. Und wer hat das geschrieben? Doch nicht etwa Menschen?" "Der Heilige Geist hat es geschrieben", antwortet Sossima. "Sie haben gut reden", meint der andere und lächelt, diesmal sehr bitter. Darauf Sossima: "Ich zeige Ihnen jetzt noch eine Stelle aus dem Hebräerbrief". Und er liest vor: "Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen" (Hebr 10,31). Der andere liest es - und schleudert die Bibel gegen die Wand; er zittert am ganzen Leib. "Ein schrecklicher Vers, das haben Sie gut ausgesucht. Also seit 14 Jahren bin ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen. Morgen werde ich bitten, daß diese Hände mich loslassen." -

"Das Wort Gottes ist lebendig ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert". Das muß ein unglaublich scharfer, schmerzhafter Eingriff gewesen sein, der diesen gesetzten Beamten so außer Fassung brachte, daß er die Bibel wie ein übles Pamphlet an die Wand warf. Die alten Ausleger dachten bei dem Wort, das Luther mit "Schwert" übersetzt, eher an das Messer, mit dem der Priester das Opfertier tötet. Das Messer ist ein noch besseres Bild als das etwas martialische Schwert. Denn es läßt einen sofort an das Skalpell eines Chirurgen denken. Von einem denkbar tiefen Eingriff ist in unserer Textstelle die Rede, einer Operation auf Spitz und Knopf. Der Arzt übernimmt eine extreme Verantwortung - wäre der Patient nicht so schwer krank, würden beide, Arzt und Patient, das Risiko meiden. Aber es gibt Fälle, wo ein solcher Radikaleingriff unvermeidlich ist, auch auf die Gefahr hin, daß der Patient ihn vielleicht nicht übersteht. Der gute Chirurg setzt alles daran, das Leben seines Patienten zu retten; deshalb setzt er das Skalpell an. So erhellt mir diese Episode aus Dostojewskis Roman unseren Text. Gottes Wort ist zur Stelle, wie ein guter, wacher Chirurg, um das Leben eines Menschen zu retten, um einen Schaden zu heilen, an dem dieser Mensch sonst früher oder später kaputt ginge.

Gottes Wort durchschaut uns, indem es uns tiefer erkennt als wir uns jemals selber erkennen können. So macht es all unseren Versteckspielen ein Ende. Auch das war schon von Anfang an so. "Adam, wo bist du?" - "Kain, wo ist dein Bruder Abel? Was hast du getan?" Die Antwort ist klassisches Versteckspiel vor sich selbst: "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Aber am Ende war es für den Kain befreiend, vor Gott ohne Ausreden dazustehen. Wir alle haben ja als Kinder diese peinlichen, aber am Ende doch befreienden Momente erlebt, wo unsere Eltern schließlich doch "entblößten", was wir angestellt und danach so angestrengt zu verbergen versucht hatten.

IV.

Eine Frage bleibt wohl noch. Jeder kann sie nur für sich allein stellen. Was hat die Situation des schwerkranken Patienten, dem nur eine Operation auf Leben und Tod helfen kann, was hat das mit mir zu tun? Gott sei Dank, mag der eine denken, so schlimm steht es mit mir und meinem Leben nicht! Ich habe doch immer anständig gelebt, habe keine dunklen Flecken auf meiner Weste. Ein anderer mag sagen: Zum Glück habe ich einen solchen Eingriff hinter mir! Ein Dritter hingegen wird sich mit solchen Trostgedanken nicht beruhigen können. Für ihn kommt dann unweigerlich die zweite Frage: Dieses Wort Gottes, das lebendig macht und erneuert wie eine eiskalte Dusche, wo ist es für mich zu finden?

Der heutige Sonntag Sexagesimae verweist in seinem Namen ("60 Tage vor Ostern") schon auf die bald anbrechende Passionszeit. Dort, am Kreuz, geschieht es, daß Gottes Wort nicht nur Wort bleibt, sondern zur Person wird. Der da hängt, weiß alles, was wir voneinander und von uns selber nicht wissen und auch gar nicht wissen wollen. Er benutzt dieses Wissen aber nicht als Herrschaftswissen, um uns in die Enge zu treiben und erpreßbar zu machen, sondern er läßt sich dieses Wissen aufbürden und trägt diese riesige Last stellvertretend für alle Unwissenden ans Kreuz hinauf. Und läßt dort an sich selber das Skalpell ansetzen. Dort allein hat die schwierigste Operation stattgefunden, eine Operation auf Leben und Tod für die Welt - zum Heil der Welt. Das Haupt voll Blut und Wunden hat Gottes Messer an sich herangelassen, es hat sich schneiden lassen "auf Seele und Geist, Mark und Bein."

Und damit ist auch entschieden über eines jeden von uns Operation auf Leben und Tod. Sie wird erfolgreich verlaufen. Wir werden heil und können leben.

Amen.

Lieder: 452,1+2+5 / 618,1+2 / 198,1+2 / 586,1-7 / 199,1-5