Erst durch Jesus sehen wir die Dinge richtig - Predigt über 1. Korinther 13
Estomihi - 14.02.2010, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Ich vergesse nicht, wie ich vor 18 Jahren das erste Mal über diesen uns scheinbar so vertrauten Text gepredigt habe. Tage danach kam der Brief einer frisch geschiedenen Frau, die im Gottesdienst gewesen war. Er enthielt eine herbe Kritik meiner Predigt und mündete in den Satz, den ich nicht vergessen habe: "Mit diesen Vorstellungen habe ich damals meine Ehe begonnen. Und was ist daraus geworden? Ich finde, über diesen Text darf gar nicht gepredigt werden, er bedeutet eine totale Überforderung." Ich habe mich danach über den viel zu hohen Ton, den ich in meiner Predigt angestimmt hatte, geschämt. Denn wenn man in dieses Hohelied das einträgt, was uns die Liebe ist, dann hatte jene Frau einfach nur Recht. "Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles": Wer kann das schon von sich und seiner Liebe sagen? Keiner, der ehrlich mit sich und dem Partner ist. Unsere Liebe erträgt, glaubt, hofft und duldet nicht nur nicht alles, sondern manchmal erschreckend wenig.

I.

Nein, ein früher Vorläufer von Erich Fromm mit seinem berühmten Buch "Die Kunst des Liebens" ist der Apostel Paulus nicht gewesen. Er hat dieses zweifellos wunderschöne Liebeslied mitnichten, wie offenbar viele Brautpaare meinen, an ein solches geschrieben. Sondern an eine Gemeinde, in der es schrecklich lieblos zuging, wo die Fetzen flogen. Es ist ja so, wir wissen das alle aus eigenem Erleben: wo es um die Liebe geht, da geht es bald auch um Beziehungsstörungen. Genau darum, um gefährdete, belastete Beziehungen geht es dem Apostel auch in dem, was er in zwei langen Briefen mahnend, ringend und werbend an seine Gemeinde in Korinth schreibt. Geistlich arm war diese Gemeinde weiß Gott nicht. Wir in unserer matten Volkskirchlichkeit würden uns nach einer solch "lebendigen Gemeinde" die Finger lecken. In Korinth, da war Leben drin. Von "U-Bootchristen", die nur am Heiligen Abend auftauchen und die Kirche ansonsten nur an den Lebensknotenpunkten als religiösen Dienstleister in Anspruch nehmen, keine Spur. Es war eine verwirrend bunte Gemengelage von Gruppen, die sich gegenseitig überboten an kreativen Experimenten christlichen Lebens und christlicher Freiheit. Und vor allem, wie das in solchen superlebendigen Gemeinden bis heute vorkommt: die jeweils eigene Frömmigkeitsprägung wurde derart absolut gesetzt, daß man anderen Gruppen den Glauben absprach. Darüber drohte die junge Gemeinde in Korinth auseinanderzukrachen.

Ihr wäret eine fantastische Gemeinde - will Paulus hier den Korinthern wohl sagen - wenn ihr dieses eine hättet, ohne das alle Geistesgaben, alle Phantasie, aller nimmermüder Aktivismus am Ende nichts sind: die Liebe. "Wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte keine Liebe, so wäre ich nichts". Darin liegt übrigens hohe seelsorgliche Weisheit. Denn Paulus stellt die geistbegabten Superchristen in Korinth nicht an den Pranger, sondern er versetzt sich gewissermaßen in sie hinein, indem er in der Ich-Form redet. Ich übertrage das mal auf mich selbst: Wenn ich tausende theologischer Bücher gelesen hätte, ein brillanter Prediger und begeisternder Pädagoge wäre, und ein prima Manager noch dazu - und würde in all dem keine Liebe, kein Verständnis für die real existierenden Menschen mit ihrer Art, aber eben auch ihren Unarten ausstrahlen: dann wäre ich gar nichts, dann hätte ich meinen Beruf verfehlt. All diese Gaben - die Paulus für sich genommen keineswegs verdammt - wären bloßes Strohfeuer, wenn ich sie absolut setze, anstatt sie auf die Liebe hin zu beziehen, die Grund und Maßstab für diese Gaben ist.

Die Liebe also ist die kritische Instanz. Denn die Liebe bleibt nie bei sich selbst, sondern ist immer unterwegs, hin zu einem anderen. Sie holt mich aus der Versponnenheit heraus, aus der incurvatio in me ipsum, dem Eingekrümmtsein in mich selbst, wie Luther anschaulich den Menschen unter der Sünde beschrieben hat. Die Liebe treibt mich von mir selbst weg und zum anderen hin, und damit in die heillose Welt hinaus. Sie geht dazwischen, wenn ich in Versuchung gerate, mir mit meinen Begabungen selber zu genügen, sie zur Selbstdarstellung einzusetzen. Sie verwehrt es mir, mich gegen Andersdenkende abzuschotten, indem ich mich nur in Kreisen Gleichgesinnter bewege. Alles, was mir Gott gegeben hat, ist nichts, wenn die Liebe fehlt.

II.

Was aber nun, wenn die Liebe nicht fehlt? Wenn sie durchaus da ist, wenn unsere musischen, handwerklichen, organisatorischen, denkerischen, pädagogischen Begabungen durch die Liebe motiviert und mobilisiert werden? Auch da gibt uns Paulus eine Antwort. So, wie für ihn die großen Dinge ohne Liebe wertlos sind, so sagt er dann auch: die kleinen Dinge bekommen durch die Liebe einen großen Wert. In lauter kurzen Sätzen, die sich aneinander reihen wie Perlen einer Kette, sagt Paulus, was die Liebe tut und was sie läßt. Im Griechischen stehen hier 15 Verben.

Die Liebe ist keine Gefühlsduselei, heißt es da, sondern sie ist die Energie, die uns bewegt, nicht länger uns selbst zu leben, sondern mit anderen und für andere da zu sein. Paulus redet hier, und das ist ganz wichtig, von der Liebe wie von einer Person: die Liebe ist langmütig, so fängt es an. Sie hat also einen langen Atem. Sie ist nicht schnell fertig mit einem Menschen und sortiert ihn in eine Schublade ein. Sie kann lange zuhören, abwarten, geduldig etwas reifen lassen. Sie gibt bei Enttäuschungen nicht auf, sondern sie überwindet sie, weil die Neugier auf den anderen, auf seine noch unbekannten Seiten am Ende doch immer noch größer ist.

Die Liebe eifert nicht, heißt es dann auch. Sie wird nicht fanatisch und auch nicht ausschließlich. Sie gießt in angespannten Momenten nicht noch mehr Öl ins Feuer. Sie läßt Emotionen zu, aber ihnen keinen freien Lauf. Die Gehässigkeit, mit der Christen ihre unterschiedlichen Meinungen austragen (etwa in der Frage der Homosexualität, der Abtreibung oder des Umgangs mit der Bibel, aber auch wenn es um Reformen in der Kirche geht), wie sich Menschen, die gemeinsam auf den einen Namen Christi getauft, also Gottes Kinder und damit Geschwister sind, da ereifern, einander persönlich herabsetzen, sich den rechten Glauben absprechen, das ist erschreckend und das Gegenteil einer missionarischen Kirche.

Wir hatten in meiner früheren Konstanzer Gemeinde etliche Jahre eine Psychologin in unserem Ältestenkreis. Manchmal flüsterte sie mir bei kontroversen Diskussionen zu: Jetzt läufst du Gefahr, die Situation anzuheizen! Wie gut, wenn einer einen so aufmerksam und sensibel macht. Die Liebe eifert nicht. - Und: die Liebe prahlt nicht. Sie bläht sich nicht auf. Sie macht nichts von sich her. Auch nicht, was die eigenen Glaubenserfahrungen angeht. Sie redet davon, unverkrampft und einladend, aber sie gibt nicht damit an. Der Zürcher Theologe Emil Brunner schrieb einmal seinem berühmten Basler Kollegen Karl Barth: "Ich bin ein ganz neuer Mensch geworden!" Darauf Barth: "Ich hoffe, daß das auch die anderen von dir sagen werden."

Und weiter: die Liebe sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie rechnet nicht dauernd nach, was ihr wohl noch alles zusteht und wo sie wieder einmal das Nachsehen hatte. Sie reagiert nicht verbittert oder sarkastisch, wo sie einmal nicht genügend beachtet worden ist. Und sie ist nicht nachtragend. Sie führt kein Schuldkonto über das, was ihr von anderen angetan wurde, um die zu gegebener Zeit öffentlich an den Pranger zu stellen. Das heißt überhaupt nicht, daß die Liebe gleichgültig macht gegen Unrecht. Sie deckt nicht alles mit dem sog. "Mantel der christlichen Liebe" zu, auch wenn die offenbar gar nicht mehr enden wollenden Vorgänge in der katholischen Kirche diese Redewendung leider fatal wahr erscheinen lassen. Nein, es heißt hier ja ausdrücklich: "Die Liebe freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit". Sie freut sich, wenn einer zur Wahrheit findet, auch wenn sie für ihn selber schmerzlich oder peinlich ist. Und sie wird auf ihre Weise versuchen zu helfen, daß einer den Mut zur Wahrheit findet. Wie das etwa in den 90ger Jahren auf eindrucksvolle Weise in der sog. "Wahrheitskommission" in Südafrika geschehen ist, die die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen während der Zeit der Apartheid aufzuarbeiten versuchte. Das gelang auch deshalb, weil sie nicht von einem Staatsanwalt, sondern einem Kirchenmann, dem anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu geleitet wurde.

III.

Ja, und dann fügt Paulus als krönenden, aber für unsereinen schier erschlagenden Abschluß jenes vierfach "alles" an: "Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles". Wer kann das von sich und seiner Liebe sagen? Keiner - und wenn er noch so hingebungsvoll liebt. Auch von Paulus kann man das nicht sagen, der ja im Streit mit seinen Kritikern sehr menschelnde, schroffe Töne anschlagen konnte. Und doch würde er sagen: auf die Liebe kommt es an, auf nichts sonst! Aber: es kommt nur insofern auf die Liebe an, als es auf den ankommt, der bei uns ankommen will - Jesus Christus. Ich denke, es ist Ihnen schon längst aufgegangen, daß Paulus hier nicht als antiker Liebesbarde auftritt, sondern in zarten Strichen ein Porträt Jesu zeichnet. Und wie wirklich große Künstler es schaffen, ein Porträt so gewagt und verfremdend zu malen, daß die Person des Porträtierten sich erst dem zweiten, Blick erschließt, so erstellt auch Paulus sein Porträt so, daß sein Gegenstand nicht gleich offen zutage liegt. Sie haben sicher gemerkt, daß die Worte 'Gott' und 'Jesus Christus' hier kein einziges Mal vorkommen. Aber Paulus könnte dieses Gedicht nicht schreiben, wenn er nicht von der Erfahrung der überwältigenden, ganz und gar voraussetzungslosen Liebe herkäme, die ihn vor Damaskus buchstäblich umgehauen und seine Existenz vom Kopf auf die Füße gestellt hat.

So ist das also mit der Liebe: Wenn einer Ehebrecherin der Prozeß gemacht werden soll und die Steine zu fliegen drohen, dann geht sie dazwischen und ruft: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Und wenn man dieser Liebe ins Gesicht spuckt, dann trägt sie das Böse nicht nach, dann schreit sie nicht: "Herr, gib's ihnen!", sondern dann bittet sie: "Herr, vergib ihnen!" Diese Liebe weidet sich nicht am Unrecht anderer, sondern freut sich mit, wenn irgendwo unter den Menschen die Wahrheit aufblitzt, und sei es bei einer heidnischen Ausländerin, die penetrant für ihren kranken Sohn bittet, oder bei einem römischen Hauptmann, dem das Leiden seines Knechtes zu Herzen geht. Alles erträgt diese Liebe, alles hofft sie, alles glaubt und duldet sie, so daß sie Hohn und Spott der Vertreter des gesunden Volksempfindens auf sich zieht. Mit Essig und Galle wird sie getränkt, und wehrt sich nicht, weil sie weiß, daß ihr am Ende der Sieg gehört, daß dieser Sieg aber allen zugute kommt - auch denen, die sie mit Füßen treten.

Lesen Sie zuhause dieses Hohelied noch einmal in Ruhe, und ersetzen Sie jedes Mal das Wort "Liebe" durch das Wort "Jesus Christus". Dann lesen Sie diesen so oft mißverstandenen Text richtig. Und so könnte man dieses Hohelied gewissermaßen in drei Abschnitte gliedern und sie mit den Überschriften versehen: Ohne Jesus ist alles nichtig - Mit Jesus wird alles wichtig - Erst durch Jesus sehen wir die Dinge richtig.

IV.

Diese Liebe ist seither der Welt, und nie mehr aus ihr herauszukriegen. Sie hört nicht mehr auf. Und sie reicht bis zu uns. Weil wir von ihr geliebt sind, uns das in unserer Taufe unauslöschlich eingeprägt worden ist, können wir lieben in unseren kleinen Schritten im Alltag, die aber ein Stückchen Welt verändern. Vor wenigen Wochen starb hochbetagt Freya von Moltke, die Witwe des Widerständlers gegen Hitler Helmut James von Moltke. Vor seiner Hinrichtung schrieb er im Abschiedsbrief an seine Frau: "Du warst mein 13. Kapitel des Korintherbriefes". So kann einem also die Liebe Christi ganz diesseitig begegnen, durch einen Menschen. Ich habe einmal jemanden, der unter schlimmen Depressionen litt, gefragt, ob ihn in solchen Phasen noch irgendwie etwas von Gottes Liebe erreichen kann. Er sagte mir: "Ja, Gottes Liebe hat mich erreicht in der Liebe meiner Frau, die mich in meinem Dunkel nie losgelassen hat." - Nein, Liebe ist kein leerer Wahn, und auch nicht nur ein Wort, seit sie in Jesus so menschlich zu uns gekommen ist.

Vor allem aber: "Die Liebe hört niemals auf". Anders gesagt: alles vollendet sich in der Liebe. Unsere Erkenntnisse, unsere tollen Begabungen, unser Lebensglück, ja selbst Himmel und Erde werden einmal vergehen. Aber die Liebe bleibt. Das einzige, was ein Band darstellt zwischen unserer Zeit und Gottes Ewigkeit. Denn insofern wir geliebt und von der Liebe bewegt werden, haben wir schon teil an dem, was bleiben wird. Sicher, das sagt Paulus unmittelbar vorher auch: alles, was wir auf dem Weg tun, auf den uns die Liebe gestellt hat, ist "ein dunkles Bild": also Stückwerk, Fragment, unvollkommen. Aber eben Fragment, das auf ein Ganzes hinweist. Wir sind Wanderer, die mit gebrochenen Einsichten, unscharfer Erfahrung leben, deren Glaube bruchstückhaft und deren Tun in der Liebe immer fragmentarisch bleibt, auch wenn wir, wenn es gut geht, in all dem wachsen und reifen. Wir haben das Bleibende immer nur im Vorläufigen, das Ganze nur im Stückwerk. Oder um es mit Paulus aus dem anderen Korintherbrief zu sagen: "Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen" (2. Kor 4,7).

Aber es bleibt eben nicht dabei. "Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber, wie ich schon längst von Gott erkannt bin": es ist nicht auszudenken, wie das sein wird. Aber ich stelle es mir unausdenkbar schön vor. Es ist ja schon hier und jetzt unendlich schön, von einem anderen Menschen mit liebendem Augen-Blick erkannt zu werden. So kann ich schon jetzt dankbar im Bruchstückhaften leben. Und ich kann sogar das Lied singen, um das wir sonst eher einen Bogen machen, weil wir es aus einem Kontext kennen, wo es wirklich nicht hingehört. Sein Text aber ist ganz unsoldatisch:

Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.

Ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward.

Ich will anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

Amen.

Lieder: 384,1+2 / 625,1 / 413, 1+3+6+7 / 651,1+2+6 / 91, 1+2+5+7