Our bad news are good news - Predigt über Hebräer 4, 14-16
Invokavit - 21.02.2010, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Invokavit ist der erste Passionssonntag. Die Passionszeit dauert über sechs Wochen und ist neben der Osterfestzeit die längste Spanne im Kirchenjahr, die sich die Christenheit genommen hat, um ganz bei einem Thema zu verweilen, um ein bestimmtes Ereignis aus dem Leben ihres Herrn zu umkreisen: sein Leiden und seinen Tod.

Ein Thema? Nein, so darf ich eigentlich nicht sagen! Für das Neue Testament ist das eben nicht ein "Thema" - neben anderen - sondern es ist, zusammen mit der Auferstehung, das Zentrum des Ganzen: von dem alles andere abhängt und ohne das alles, was sonst über Jesus berichtet wird, unwesentlich wäre. Unwesentlich nicht in dem Sinn, daß die Größe und das Vorbild seines Lebens in Frage gestellt wäre. Aber darin, daß dann eben nichts weiter bliebe als Größe und Vorbild - wie bei einem Franz von Assisi oder Albert Schweitzer. Sicherlich wäre Jesus von Nazareth dann ein großer Heiliger im Sinn der römischen Kirche. Es wäre Größe, Bedeutung in diesem Menschen gewesen - aber eben nicht das, was die Bibel Heil nennt.

Deshalb ist die Passion Jesu kein "Thema", zu dem wir in diesen sechs Wochen Stellung zu nehmen hätten wie in einem Schulaufsatz. Würden wir das versuchen, das Ergebnis könnte nur heißen: Thema verfehlt! Denn das ist ja gerade die Passion Jesu: das Geschehen, in dem nicht wir Stellung nehmen zu Gott, sondern in dem Gott zu uns Stellung bezieht. Und zwar so, daß damit ein für alle Mal über uns entschieden ist.

I.

So sagt es das Neue Testament. Und so sagt es besonders bewegend unser kurzer Abschnitt aus dem Hebräerbrief. "Wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit, sondern der in allem versucht worden ist wie wir." Was für eine Aussage! Denn was schon für unsere menschlichen Beziehungen gilt, für unsere Beziehung mit Gott gilt es erst recht: wir brauchen einen, der uns versteht. Einen, der weiß, was los ist mit uns, was es heißt Mensch zu sein. Wie schwierig und rätselhaft das manchmal ist. Ein Gott, der - wie es manche frommen Theologen der frühen Christenheit behaupteten - nur zum Schein Mensch geworden, sich nicht in das Zwielicht unseres Lebens hineinbegeben hätte, der nicht wirklich, sondern nur scheinbar Versuchungen hätte durchstehen müssen, solch ein Gott würde uns gar nichts nützen. "Er mußte in allem seinen Brüdern gleich werden" (Hebr 2,17), heißt es kurz vorher.

Für mich gehört das zum Wichtigsten, was in der Bibel über diesen Jesus gesagt ist: in allem uns gleich geworden! Das macht ihn mir so nahe, das hilft mir, zu Gott in Kontakt zu kommen. Seine Versuchungen waren also keine Spiegelfechtereien. Es stand keineswegs von vornherein fest, daß er sie bestehen würde. Seit alters her ist das Evangelium dieses ersten Passionssonntags die Versuchungsgeschichte, die wir eben gehört haben. Dort finden wir wie in einem Brennglas verdichtet, was "Versuchung", dieses heute trivial gewordene Wort, eigentlich ist. Diese Versuchungen, diese keineswegs unmoralischen, sondern nur allzu menschlichen Versuchungen, denen Jesus in der Wüste ausgesetzt war - wer könnte etwas dagegen einwenden, aus Steinen Brot, Brot für die Welt zu machen! -, sind ja nicht die einzigen geblieben. Immer wieder ging es darum, daß andere - bis hin zu seinen engsten Gefolgsleuten - sich nicht abfinden wollten mit dem rätselhaften Weg Jesu dorthin, wo keine Lorbeeren zu ernten sind, daß sie mit allen Mitteln versuchten, ihn in eine Richtung zu locken, an deren Ziel kein Kreuz, sondern ein Triumphbogen stehen sollte. Alle Versuchungen liefen darauf hinaus, Jesus dazu zu bringen, sein Leben zu erhalten, dem Leiden auszuweichen, sich von den Sündern, den Deklassierten zu distanzieren und - wie die Motte das Licht - die Nähe der Sieger, der Erfolgreichen zu suchen.

Keine Frage, daß solche Einreden Jesus zu schaffen gemacht haben. Sonst wäre er nicht uns in allem gleich. Aber darin unterscheidet er sich auch von uns, daß er eben, wie es hier heißt, "ohne Sünde" war. Also daß er dieses Angefochtensein durchgestanden hat, ohne den Sirenenklängen zu erliegen. Jesu Sündlosigkeit war keine Qualität, die er gleichsam "von Natur", als Gottessohn mitgebracht hätte, sondern sie bestand in immer neu zu bestehenden Entscheidungssituationen, in einem immer neuen Ja zu Gottes Weg. "Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt" (Hebr 5,8), heißt es von ihm andernorts im Hebräerbrief. Das führt hin zum Garten Gethsemane, wo sich das mit dem "Gehorsam" in extremer Dramatik zuspitzt. "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod", sagt er dort zu seinen Freunden. Mit unseren Worten: ich bin fertig, ich kann nicht mehr! Und dann betet er: "Abba, mein Vater, nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie Du willst" (Mt 26,39). Nirgendwo finde ich Jesus mir so nah wie in dieser Versuchung, ob es denn unbedingt dieser grausame Weg sein müsse. Und zugleich merke ich, wie anders er darin ist als ich: in seinem Einwilligen in das, was Gott über ihn entschieden hat. Wir müssen also bei Jesus immer beides zusammen sehen: daß er kein Übermensch, kein Halbgott war, sondern ganz und gar gefährdet wie wir - und doch zugleich "ohne Sünde", und d.h.: ganz und gar anders als wir. Vere homo vere deus, wie es das alte Bekenntnis der Christenheit treffend formuliert hat: durch und durch menschlich und ganz und gar göttlich.

Und weil ihm nichts Menschliches fremd ist, weiß er nur zu gut, wie schwer das ist, der Versuchung standzuhalten und nicht hinzufallen. Deshalb steht er uns auch nicht fassungslos und wie ein enttäuschter Liebhaber gegenüber, wenn wir unsere Gefährdungen nicht bestehen. Er ist also keiner, "der nicht könnte mitleiden mit unserer Schwachheit", wie es in unserem Text so schön ausgedrückt ist. Er hat nicht nur Mitleid, kann nicht nur nachfühlen, wie das ist, wenn wir aufgeben wollen. Sondern er ist da wirklich bei uns. Er weiß genau, wie weh das tut, wenn wir es wieder nicht geschafft haben, und er trägt und leidet das mit. "Worin er selber gelitten hat und versucht ist, kann er denen helfen, die versucht werden" (Hebr 2,18). Er hält uns unser Versagen nicht vor, wie wir das gegeneinander zu tun pflegen - "Wie konntest du nur? Mir wäre das nicht passiert!" -, denn Jesus ist kein Moralist wie wir. Aber er findet sich auch nicht einfach damit ab - "Das ist nun mal so, man ist ja auch nur ein Mensch, man kann halt nicht aus seiner Haut!" -, sondern darin ist er als Mensch zugleich Gott, daß er bei uns ist im Leiden an unseren Versuchungen. Damit wir nicht darin umkommen.

II.

Was sind unsere Versuchungen? Worin sie im persönlichen bei uns liegen, kann nur jeder für sich selbst bedenken. Das gehört nicht in eine Predigt. Der uns unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs hat hier sicher weniger die Einzelnen im Auge, sondern die Gemeinde als ganze. Sie ist offenbar müde und träge geworden im Glauben und darin einem Leiden ausgesetzt, aus dem sie keinen rechten Ausweg sieht. Das alles, weil ihr Bekenntnis zu dem einen, zu Jesus Christus ins Wanken gekommen ist. Es füllt vielleicht noch die Köpfe aus, aber nicht mehr die Herzen. Verständlich, bei den Realitäten ringsum: der unbekümmert weitergehende Weltlauf ohne ein spürbares Zeichen von Gottes Macht, die beginnende Repression gegen christliche Gemeinden, das Elend, das Menschen sich auf den Schlachtfeldern antun, aber auch in den Häusern, in die keiner hineinschaut - all das setzt denen, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, zu. Und da macht es dann einfach Mühe, in diese hochgemuten Worte des Glaubens einzustimmen.

So haben sie damals am Ende des 1. Jahrhunderts mit denselben Versuchungen zu schaffen gehabt wie wir heute am Beginn des 21ten. Denken wir nur an unsere alltäglichen Enttäuschungen mit Kirche und Gemeinde: so wenig wirklich überzeugendes Leben, das die Distanzierten, die Skeptiker ins Nachdenken über den Glauben bringt. Stattdessen, ausgelöst durch die Finanznot, landauf, landab so viel Kleingeisterei, Hickhack, Taktieren und egoistisches Kirchturmdenken. Statt Paulus - "Wenn ein Glied am Leib Christi leidet, so leiden alle Glieder mit" (1. Kor 12,26) scheint in der Kirche manchmal ein ganz anderer zur Leitfigur geworden zu sein: "Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!" Ich bin sehr froh, daß wir durch die Bildung der neuen, größeren Gemeindeeinheiten bei uns in Freiburg an dieser Stelle ein Stück weiter sind als andere. Keine Frage, das war kein Schritt aus Begeisterung, sondern mehr aus nüchterner Einsicht. Aber er hat uns dazu gebracht, "weiter", vernetzter zu denken und nicht nur ängstlich auf die Bewahrung des ureigenen Kirchenturmbesitzstands zu starren.

"Wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit": Eines der schönsten Beispiele, wie Jesus das praktiziert hat, ist für mich die Begegnung nach seiner Auferstehung mit Petrus am Ufer des See Genezareth. Also mit dem selbsternannten Klassenprimus, der ihn, als es drauf ankam, dreimal verleugnet hatte. Und nun steht er vor dem Auferstandenen. Und der zieht keine "Akte Petrus, Deckname 'Fels'" aus der Tasche und hält ihm sein Versagen vor. Er zwingt ihm kein Schuldbekenntnis ab, sondern macht etwas ganz Unerwartetes: er fragt ihn nach seiner Liebe. "Simon Petrus, hast du mich lieb?" Drei Mal wiederholt er diese Frage, und erinnert ihn damit unüberhörbar, aber ganz behutsam an seine dreimalige Verleugnung. Er erspart ihm damit keineswegs den Schmerz der Scham: "Und Petrus wurde traurig, weil Jesus zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?" Es tut weh, wiederholt so gefragt zu werden. Auch in einer Partnerschaft schmerzt es, wenn ich das Gefühl habe, die Partnerin ist latent mißtrauisch, zweifelt an meiner Liebe. Aber Petrus spürt intuitiv, daß Jesus ihn nicht auf sein Versagen festlegt, sondern etwas Neues mit ihm anfangen will. Und so muß er keinen Versuch der Selbstrechtfertigung unternehmen, nach der Melodie: Herr, ich hab es doch nur gut gemeint, ich wollte nicht wie die anderen mich in Luft auflösen und dich im Stich lassen, sondern in deiner Nähe bleiben. Dazu mußte ich mich doch tarnen! Nein, kein Versuch, sich rauszureden, sondern die Auslieferung an das Wissen Jesu: "Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe!" Und dann Jesus: nicht "Drei Jahre Bewährung", sondern "Weide meine Schafe". Ich vertraue dir das Wertvollste an, das ich habe: meine Gemeinde.

Liebe Gemeinde, so also geht Jesus mit unserer Schwachheit um. Vor einem solchen Herrn brauchen wir uns nicht zu verstecken. Vor einem, der dasselbe und noch viel mehr durchgemacht hat, was uns ängstigt. Dem brauchen wir nichts vorzumachen. Keine Situation, in die wir geraten, könnte zu peinlich für ihn sein. Vor dem Gekreuzigten muß keiner von uns zu Kreuze kriechen, sondern er kann das, was er in seiner Schwachheit unterlassen oder angerichtet hat, an sein Kreuz hängen und es dort hängen lassen.

III.

Und das Großartige ist, wir werden hier aufgefordert, davon auch Gebrauch zu machen: "So laßt uns hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu der Zeit, wo wir Hilfe nötig haben". Wo er thront, da müssen wir nicht um Gnade winseln, sondern können zu ihm hinkommen und unsere leeren Hände füllen lassen mit seiner Gnade. Also das, was in jedem Gottesdienst geschieht, den wir feiern. Und im Unterschied zu den Thronen dieser Welt müssen wir uns da nicht auf Zehenspitzen und respektvollen Abstand bedacht nähern. Sondern "mit Zuversicht", wie es hier heißt, also mit offenem Visier und aufrechtem Gang. Wir haben das Recht, ihm alles zu sagen, wie es wirklich um uns steht. Unsere Angst, zu kurz zu kommen; unsere Bitterkeit über die, von denen wir uns ungerecht behandelt fühlen; unsere Sorgen um die, die wir lieben; unsere Einsamkeit.

Es gibt von Dietrich Bonhoeffer die berühmte Warnung vor der "billigen Gnade", die nichts kostet und die uns noch ins Grab nachgeworfen wird, egal wie wir gelebt haben. Gnade aber, so Bonhoeffer, ist eben nicht billig. Sie ist viel mehr: nämlich umsonst, gratis, wie die Reformatoren sagten. Nicht weil sie nichts wert wäre, sondern weil sie so unendlich teuer ist - sie hat Jesus sein Leben gekostet -, daß sie unbezahlbar und also nur als Geschenk zu empfangen ist. Daß es diesen Ort der Gnade, diesen unvergleichlichen Thron gibt, das ist wunderbar. Früher - und in manchen finsteren Regionen noch heute - wurden an den Thronen der Welt die Überbringer schlechter Nachrichten kurzerhand einen Kopf kürzer gemacht. Im Gottesdienst, vor dem "Thron" Jesu werden wir gerade dann willkommen geheißen, wenn wir ihm nichts vormachen, sondern unsere "schlechten Nachrichten" unkaschiert vor ihm ausbreiten. Da wird das Motto der Journalisten "Only bad news are good news" in einem hocherfreulichen Sinn wahr! Wir haben, wenn wir zum Gottesdienst gehen, nichts zu bringen, aber alles zu empfangen.

Deshalb "laßt uns festhalten an dem Bekenntnis", wie es in unserem Text heißt, am Gottesdienst, in dem wir - wie schlicht er auch immer sein mag - Ihm begegnen, der uns im Leben und im Sterben, in unseren Versuchungen und in der letzten Anfechtung nie mehr allein läßt. Er wurde "uns in allem gleich". Aber es gibt keinen wie ihn. So kommt, denn es ist alles bereit!

Amen.

Lieder: 76,1+2 / 645,1+2 / 97,1-4 / 362,1-4 / 488,1-3