Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest, 3.1.2010 M. Franke

1.Joh. 5, 11-13

"Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes."

Liebe Gemeinde!

"Das ewige Leben haben." Gleich fünfmal werden in diesem kurzen Abschnitt aus dem
1. Johannesbrief die Worte "Leben", "ewiges Leben" genannt.
Vor einiger Zeit wurde eine Umfrage unter evangelischen Christen gemacht mit folgendem Ergebnis: Auf die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, antworteten nur 37% mit ja und 58% mit nein, der Rest hatte keine Meinung. Man hat diese Frage auch evangelischen Kirchgängern gestellt, und da war das Verhältnis umgekehrt: Etwa zwei Drittel glauben: Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, aber ein Drittel selbst der Kirchgänger sagt: Nein, es gibt kein Leben nach dem Tod.
Wenn ich also heute über das ewige Leben sprechen will, dann kann ich nicht davon aus- gehen , dass alle, die mir zuhören, an ein ewiges Leben glauben, auch wenn es im Glaubensbekenntnis heißt: Ich glaube an das ewige Leben. Vielmehr muss ich damit rechnen, dass sie zu denen gehören, die sagen: Mit dem "ewigen Leben" kann ich nichts anfangen, da habe ich so meine Schwierigkeiten, darunter kann ich mir nichts vorstellen.
Die erste Frage ist ja, ob ewiges Leben allein und ausschließlich bedeutet: Leben nach dem Tod. Der Johannesbrief sagt in unserem Abschnitt: Gott hat uns das ewige Leben gegeben. Da wird nicht gesagt: Gott wird uns nach dem Tod das ewige Leben geben, sondern er hat uns das ewige Leben gegeben, wir können es haben. Das ist ein wichtiger Hinweis, dass wir nicht zu schnell in eine ferne Zukunft denken, wenn vom ewigen Leben die Rede ist. Gott hat gegeben, heißt: Irgendetwas ist schon da, auf irgendetwas baut der Glaube an das ewige Leben auf, was jetzt schon sichtbar ist, was das Leben jetzt schon beeinflusst. Nicht umsonst heißt es ewiges Leben.
Leben das ist kein undefinierbarer Fantasiebegriff, kein Omanipadmehum, wie der Dichter Kurt Tucholsky dieses Wunschdenken des Menschen ironisch beschrieben hat. Nein, ich glaube nicht an ein Omanipadmehum, ich glaube an das Leben.
Leben, was ist das? Die Frage ist so einfach und doch so schwer zu beantworten. Diese Frage hat die Menschen aller Zeiten bewegt: Was ist das Leben, was macht das Leben lebenswert? Der griechische Dichter Euripides hat schon lange vor Christus die Frage gestellt: Wer weiß, ob das Leben ein Sterben ist, das Sterben aber unten im Hades, in der Unterwelt, als Leben gilt?
Zum Leben gehört eine Ungewissheit, eine Offenheit, etwas, das ich noch nicht weiß. Das Leben ist dem Menschen ein Geheimnis. Warum verläuft es so und nicht anders? Schon ein einziges neues Jahr liegt vor uns, wie ein unwegsames Gelände, vielleicht wie ein Berg, den es zu besteigen gilt, oder eine fruchtbare Ebene, die erforscht werden will.
Keiner weiß, was es bringen wird, dieses neue Jahr.
Das gilt erst recht, wenn ich das ganze Leben betrachte, das vor mir liegt. Nun kann ich nicht, wie bei anderen ungelösten Fragen die Wissenschaft um ein Gutachten bitten oder mich einfach an einen Fachmann wenden. Es gibt keine wissenschaftliche Definition und keine Experten für das leben. Und auch das Internet gibt keine Auskunft, selbst wenn noch so viele Daten eingespeist sind.

Die Frage nach dem Leben muss jeder selbst beantworten, indem er lebt. Deshalb ist keiner mit der Antwort fertig, er kann es nicht sein, solange er lebt.
Man kann das Leben auch verfehlen. Wenn jemand z.B. einen Beruf ausübt, der ihm zuwider ist, wenn er nicht das geworden ist, was er gern wollte, dann kann das Leben als verfehlt erscheinen. Oder umgekehrt, wenn jemand den erlernten Beruf nicht ausüben kann, keine Arbeit hat. Oder wenn ich einen anderen Menschen, der es gut mit mir meinte, in die Wüste geschickt habe, dann kann der Augenblick kommen, wo ich nicht mehr verstehe, warum ich das getan habe.
Ich will, liebe Gemeinde, hier nun wirklich keine Angst heraufbeschwören. Ich glaube sogar, dass jeder Mensch die Erfahrung kennt; dass sich das Leben aufspaltet. Auf der eine Seite in das Leben, das ich mir wünsche, vorstelle, vor Augen halte, ausmale, auf der anderen Seite ist mein Leben, wie es wirklich ist, wie ich mir es anders nicht aussuchen kann und ich es hinnehmen muss.
Der Mensch hat die Fähigkeit, von der Wirklichkeit des Lebens abzusehen und sich ein Wunschbild des Lebens zu machen. Das hat zu dem Wunsch eines ewigen Lebens geführt, eines Lebens voller Glück, voller Freude, voller Gesundheit, ohne Hass, ohne Leid, ohne Tod.
Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte hat vor etwas 200 Jahren die Sehnsucht nach dem zukünftigen, besseren Leben beschrieben und dich lese ihnen diesen kurzen Abschnitt im Zusammenhang vor: "Ich kann mir die gegenwärtige Lage der Menschheit schlechthin nicht denken als diejenige, bei der es nun bleiben könne; schlechthin nicht denken als ihre ganze letzte Bestimmung. Nur inwiefern ich diesen gegenwärtigen Zustand betrachten darf als Mittel eines besseren, als Durchgangspunkt zu einem höheren und vollkommeneren, erhält er Wert für mich; nicht um seiner selbst, sondern um des Besseren Willen, das er vorbereitet, kann ich den jetzigen Zustand des Lebens ertragen, ihn achten und in ihm freudig das Meinige vollbringen. In dem Gegenwärtigen aber kann mein Gemüt nicht Platz fassen, nicht einen Augenblick ruhen; nach dem Zukünftigen und Besseren strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben." Soweit der Philosoph Fichte.
Hat er ihnen, liebe Gemeinde, aus dem Herzen gesprochen? Mir schon. Ich kenne diese Sehnsucht nach einem vollkommenen Leben. Ich kann mich oft mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt und des Lebens nicht zufrieden geben. Ich kenne diese Sehnsucht nach etwas Bleibendem, Unvergänglichem, Ewigem. Das verbindet mich mit vielen Menschen weit über die Grenzen des christlichen Glaubens hinaus. Hier wird eine Art Urreligion der Menschheit sichtbar.

Nun will ich diese Sehnsucht noch einmal überprüfen an den Aussagen des
1. Johannesbriefes. Welche Antwort gib der christliche Glaube auf die Frage nach dem ewigen Leben? Wir könne sie hier nachlesen und haben sie gehört: Ewiges Leben hat der, der den Sohn hat, der an den Sohn glaubt.
An dieser schlichten und einfachen Antwort der Bibel fällt mir eines auf, was sich von den Aussagen des Philosophen Fichte unterscheidet. Die Hoffnung des ewigen Lebens wird nicht begründet mit der Unvollkommenheit des jetzigen Lebens nach dem Motto: Weil es dir jetzt schlecht geht, musst du auf das ewige, bessere Leben hoffen und warten. Sondern weil Jesus das Leben ist und in ihm die vollkommene Liebe Wirklichkeit geworden ist, deshalb darfst du hoffen. Das heißt also: Wer als Christ vom ewigen Leben sprechen will, der muss nicht gleich von einer besseren Zukunft träumen, sondern der kann zuerst von einem bereits vorhandenen Grund sprechen. Deshalb heißt es: Gott hat uns das ewige Leben gegeben.
Vielleicht ist es für sie etwas ärgerlich, dass hier nicht Wunschträume von einer besseren Welt ausgemalt werden, sondern stattdessen nur von einer bestimmten Gestalt der Geschichte die Rede ist, von Jesus von Nazareth. Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? So haben bereits die Zeitgenossen Jesu gefragt.
Wer an diesen Jesus den Christus glaubt, das heißt; wer an ihm die Zukunft misst, der lässt sich nicht einfach mit schönen Worten und fantastischen Bildern vertrösten, die in der Not doch nicht helfen und die man schnell als unglaubwürdig durchschaut. Dieser Jesu ist kein Hirngespinst, sondern eine konkrete Gestalt, keiner aus den Kreisen der Traumwelt, die jeden Tag Schlagzeilen machen, sondern einer aus Nazareth, wo die Welt zu Ende ist.

Wenn wir das nun, liebe Schwestern und Brüder, auf unser Leben anwenden, kann das bedeuten: Wo wir im Leben leiden müssen, weil alles unvollkommen und vergänglich ist, da kann ein Blick genügen auf diesen Jesus, der ebenso hat leiden müssen. Er ist nicht geflüchtet in Lebensverachtung und Resignation, auch nicht in Wunschträume und Illusionen nach dem Motto: Es wird alles wieder gut, sondern er hat sein Leben auf sich genommen.
Nie und nimmer hätte Jesus wie Fichte sagen können: nach dem Zukünftigen und Besseren strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben: Wenn man diese Worte Jesus in den Mund legt, merkt man, wie fragwürdig solches Denken ist. Die Haltung Jesu sieht so aus: Jetzt ist der Tag des Heils, heute ist diesem Haus Heil widerfahren, jetzt ist die Stunde der Entscheidung, ich bin das Leben. Das ist etwas Nahes, Greifbares. Martin Luther sagt: Wir haben es vor der Nasen.
Man könnte lange darüber nachdenken und sprechen, warum das Leben bei Jesus als wahres, erfülltes Leben sichtbar wird. Sein radikales Eintreten und Dasein und Leben für andere und nicht für sich selbst, diese kraftvolle Liebe, die von ihm ausging, dafür fanden die Menschen, die das erlebt haben, kein anderes Wort, kein andere Beschreibung als diese: "ewiges Leben". Hier ist uns das begegnet, wonach wir so große Sehnsucht haben. Wir brauchen nicht mehr endlos zu warten, warten auf Godot oder auf einen anderen Zukunftsgott. Christus selbst ist das Leben. Und sein Tod ist nicht das Ende eines selbstlosen Lebenseinsatzes, sondern in seinem Tod kommt sein "Dasein für die Menschen" zum Ausdruck. Weil er den Tod bejahen und auf sich nehmen konnte, deshalb hat der Tod seine Macht verloren. Er ist nicht mehr der große Feind eines ewigen Gottes.

In alledem ist Jesus uns voraus und wir können ihm auf dem Weg des Lebens folgen. An Jesus glauben heißt also nicht, an eine vergangene Größe zu glauben, sondern an den, der uns voraus ist, der die Verwirklichung von dem ist, was uns noch bevorsteht, der ein Licht angezündet hat in der Finsternis, uns einen Weg gebahnt hat, einen menschlichen Weg in einer oft unmenschlichen Welt. Jesus ist immer ein Stück Zukunft, Hoffnung , Mut, ein Stück Vorwärts im Leben, der nächste Schritt wird bei ihm wichtiger als die Sicherung des ganzen Lebens, so finden wir bei ihm Gelassenheit auch gegenüber der Vergänglichkeit des Lebens und Zutrauen, dass uns nicht nur ein unvollkommenes, sondern ein vollkommenes Leben geschenkt wird, das jetzt schon beginnt, weil wir jetzt schon im Geist Jesu leben können.

Liebe Gemeinde, ewiges Leben ist bei ihm keine Ausflucht aus dem jetzigen Leben.
Deswegen finde ich es auch gar nicht so schlimm, wenn viele nicht mehr an ein solches Ausfluchtleben nach dem Tod glauben können - wenn sie nur jetzt an Jesus glauben, wenn sie nur jetzt in ihm die Spuren des wahren Lebens erkennen, dann macht uns die Frage nach der Zukunft kein Problem, sondern ich kann sie vertrauensvoll in die Hand Gottes legen.

Vielleicht sollte man statt des Wortes "ewiges Leben" ein anderes Wort sagen, dass am Ende nicht doch noch einer meint, ewiges Leben sei die ewige Verlängerung der gegenwärtigen Misere. Nehmen wir ein Wort, das heute die Sehnsucht der Menschen besser zum Ausdruck bringt, als das Wort Leben, das Wort "Glück".
Dann wäre das vor uns liegende Jahr 2010 ein glückliches Jahr, weil es an dem Glück und an der Liebe gemessen werden kann, die Christus uns gebracht und entgegengebracht hat.
Die kürzeste Beschreibung des christlichen Glaubens hieße dann: Wer an Jesus glaubt, der hat Glück und wird andere an diesem Glück beteiligen, jetzt und in Ewigkeit.
Amen.