Leuchtender Schatz, lädierte Gefäße - Predigt über 2. Korinther 4, 7-14
Letzter Sonntag n. Ep. - 24.01.2010, Christus- u. Petruskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Pray - it pays!" - war auf einer Postkarte zu lesen, die mir einmal in die Hände kam. Bete - es zahlt sich aus! Auf der Karte waren drei Kleriker in Soutane abgebildet, die grinsend um ein teures Luxusauto herum standen. Die Postkarte war wohl ironisch gemeint, hoffe ich zumindest. Die Haltung, die sie aufs Korn nimmt, ist freilich weiter verbreitet, als man so denkt. Das zeigt sich beim Blick in weiter entfernte Gegenden der Christenheit. In Südostasien, in Teilen Afrikas, vor allem aber in Amerika, Nord und Süd, wird der sog. prosperity gospel immer populärer. Das ist eine "theologische Richtung" (wenn man dies denn noch "theologisch" nennen will), bei der die Menschen unverblümt und unverschämt gesagt bekommen, daß sich Glauben so richtig lohnt. Und zwar nicht erst fürs Jenseits, sondern auch und erst recht schon jetzt, fürs Diesseits. Je gläubiger du bist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß du wirtschaftlichen Wohlstand erreichen wirst! Pray - it pays! Für uns mag sich das wie ein Treppenwitz der Kirchengeschichte anhören. Als ich aber vor einiger Zeit einen Bericht über einen Gottesdienst in einer jener pfingstlerischen Gemeinden las, die in Brasilien allerorten aus dem Boden sprießen, da verging mir das Lachen. 1.500 Menschen haben da ihren Geldbeutel zum Himmel gehoben und gebetet: "Jesus, mach mich zum Sieger, mach mich reich!"

I.

Freilich, das ist bei genauerem Nachdenken nur ein besonders bizarrer Auswuchs einer Haltung, die uns näher ist, als wir uns dessen bewusst sind - weil sie wohl geradezu allgemein menschlich ist. Wie oft habe ich in seelsorgerlichen Gespräch mit von Krankheit oder einem anderen Schicksalsschlag getroffenen Menschen Sätze wie diesen gehört: "Herr Pfarrer, wieso ausgerechnet ich? Ich habe immer so viel gebetet in meinem Leben. Und dafür bestraft mich Gott nun!" Ich sage das ohne Kritik an denen, die so empfinden. Weil ich zu gut ahne, daß bei aller theologischen Bildung etwas von dieser Haltung auch in mir selber steckt und ich nicht davor gefeit wäre, vielleicht ähnlich zu empfinden und mit Gott zu hadern, würde mich einmal ein schweres Widerfahrnis aus der Bahn werfen. Wir mögen noch so gut in unserem Konfirmandenunterricht gelernt haben, daß wir von uns aus, mit unserer Frömmigkeit oder unseren vermeintlich guten Werken vor Gott nichts für uns ausrichten können, sondern allein auf seine Gnade angewiesen sind und aus ihr heraus leben - in jedem von uns steckt wohl etwas von dieser Haltung, nach der unser Verhältnis zu Gott so ein wenig dem von Vertragspartnern ähnelt, wo man auf der Basis von Leistung und Gegenleistung voneinander etwas erwarten und ggf. einfordern kann.

Daß der Glaube aber kein Mittel zum Zweck ist, das ist es, worum es dem Apostel Paulus in unserem Predigttext geht - ein Abschnitt, in dem der Herzschlag seines Glaubens, seiner Theologie vernehmbar wird. Dieser große, und doch zeitlebens vielfach angefochtene und gequälte Mensch weiß, was er sagt, wenn er uns hier nahe bringt, daß das, was das Evangelium zu "bieten" hat, nicht im Versprechen von Glück und Erfolg liegt. Sondern ganz woanders. Aber gerade dies sagt Paulus hier so, daß er sich eines erstaunlichen Bildes bedient: von einem einzigartigen Schatz nämlich, den die besitzen, die an Christus glauben. Pray - it pays etwa auch hier??

Nun hat es aber mit dem Schatz, von dem Paulus hier spricht, eine ganz besondere, unvergleichliche Bewandtnis. Es verhält sich da anders als mit dem, was für uns die großen, faszinierenden Schätze sind. "Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen", sagt Paulus. Anders etwas als der alte böhmische Königsschatz im Prager Veits-Dom, der in einer siebenfach verschlossenen Kronkammer verwahrt liegt, deren sieben Schlüssel jeweils bei einem anderen Würdenträger des Staates deponiert sind und den Schatz für Normalsterbliche dauerunsichtbar machen, ruht dieser Schatz nicht an unerreichbarem Ort, sondern er wird herumgetragen. Und dies in höchst porösen, zerbrechlichen Gefäßen, die nicht platinveredelt und durch Schlüssel abzusichern sind. Dieser Schatz leuchtet nicht einsam und verlassen für sich selbst. Nein, er leuchtet der ganzen Welt entgegen. Es ist Gottes Schatz - also unvergleichlich wertvoller als alle Kronjuwelen dieser Erde.

Liebe Schwestern und Brüder, diesen Schatz gibt es seit Jesu Tod und Auferstehung. Es ist zunächst einmal ein denkbar fremder Schatz. Denn er kommt von ganz weit her - und hat doch unentwegt mit uns zu tun. Es ist ein Schatz, der alles, was auf Erden wertvoll ist, in Frage stellt - und gerade so nach uns fragt. Das ist der wunderbare Schatz des Evangeliums vom Tod Jesu Christi und von seinem Leben. Und wir, liebe Freunde, niemand anderer als wir sind die "irdenen Gefäße" für diesen Schatz. Man muß sich unter diesen irdenen Gefäßen, die Paulus hier als Bild für uns gebraucht, ganz normale Tonkrüge vorstellen. Sie haben geringen Wert, sind unverschlossene Gebrauchsgegenstände und eignen sich doch zur Lagerung von kostbarem Wein, wichtigen Dokumenten wie z.B. die berühmten Textrollen von Qumran am Toten Meer. Paulus läßt keinen Zweifel daran: Wir, die Gemeinde Jesu, sind diese schlichten, zerbrechlichen Behältnisse, in denen Gott seinen Schatz auf Erden verwahrt.

Verwahrt? Nein, das eben nicht! Gott versteckt und verbirgt seinen Schatz ja nicht. Gegen alle Regeln menschlicher Klugheit vertraut er seinen Schatz, vertraut er Tod und Leben Jesu uns sterblichen Wesen an. Göttlicher, ewiger Schatz in menschlichen, vergänglichen Gefäßen! Menschlich gesehen ist das ganz schön unklug. Aber diesem Schatz gegenüber ist jede menschliche Vorsicht fehl am Platz, denn dieser Schatz soll den Normalsterblichen nicht verborgen bleiben wie die Kleinodien zu Prag. Das Evangelium will unter die sterblichen Leute, denn es will allen Sterblichen zum Leben, zu einem Leben mit Gott verhelfen.

II.

Deshalb muß dieser Schatz mit "leichtem Handgepäck" durch die Welt transportiert werden, müssen seine Gefäße offen sein. Deshalb braucht Gott Menschen, denen der Glaube den Mund aufmacht, damit in dieser geschwätzig stummen Zeit der Schatz des Evangeliums nicht totgeschwiegen wird. "Wir können uns den Luxus nicht mehr leisten, Gott zu verschweigen", hat der Theologe Fulbert Steffensky gesagt. Recht hat er! Paulus sagt es ganz schlicht: "Wir glauben, darum reden wir auch". So werden wir Gottes öffentliche und offene Schatztruhen: nicht umwerfend toll anzuschauen, kommt auch nicht drauf an - auf den Schatz kommt es an. Und der ist keine Reliquie zum Bewundern wie die Kronjuwelen der Queen in London hinter der Glasvitrine, sondern er ist zum Zugreifen da. Er soll ausgeteilt werden. Deshalb sind die Boten des Evangeliums keine großen und tollen Menschen, die Abstand um sich verbreiten, wenn sie erscheinen, und zu denen wir in Ehrfurcht und Bewunderung aufschauen müßten.

Wenn das Evangelium unter die Leute soll, dann müssen auch seine Boten unter die Leute, ungeschützt, so wie Paulus unter die Leute ging. Nicht wie ein Kardinal-Erzbischof, den man mit "Eure Eminenz" anreden und den Ring küssen muß, sondern so kläglich und dürftig, daß die Gemeinde in Korinth Anstoß nahm an diesem geplagten, schwachen Mann. "Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", bekommt Paulus, als er unter seinem von ihm selbst empfundenen Ungenügen als Apostel verzweifeln will, von Gott zu hören. "Die Sache Jesu braucht Begeisterte..." - wirklich? Ja, schon in einem ganz bestimmten Sinn, aber nicht in dem Sinn der geistlichen Powertypen und immer optimistischen Überflieger, wie wir sie z.T. aus dem amerikanischen Pray - it pays-Christentum kennen und wie auch die enthusiastischen geistlichen Wunderknaben in Korinth gestrickt waren, denen Paulus eben deshalb kein glaubwürdiger Apostel war. In der Tat, Paulus ist das Musterbeispiel einer angeschlagenen Führungspersönlichkeit der Kirche - kein smarter Evangeliumsmanager.

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir immer wieder der frühere Papst vor Augen. Der war in der Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit seiner späteren Jahre ein höchst glaubwürdiger Zeuge des Gekreuzigten. "Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe": Johannes Paul II. wußte so gut wie Paulus aus ureigenem Erleiden, was es heißt, daß Gottes Schatztruhen tönerne Gefäße und dem Zugriff der Menschen ausgesetzte Frauen und Männer sind. Paulus hat ja nichts vorzuweisen, was sich zu hüten und zu horten lohnt. Er ist ja nichts als ein Apostel, der Gesandte eines elend am Kreuz Hingerichteten. Er hat der Welt nichts zu sagen - als allein das Wort von diesem Gekreuzigten. Aber das hat er zu sagen. Mit diesem Wort zieht er los, zieht er durch die Welt.

Und das ist auch kein Zufall. Denn es ist nun einmal Gottes Art, sich im Schwachen, Unansehnlichen, Menschlich-Allzumenschlichen zu verbergen, und sich eben nur so, in dieser Verborgenheit, zu erkennen zu geben. Jesus selbst: sein Gottsein ins Menschliche hineinverborgen wie die Goldmünzen in den Tonkrug. Jesu Wort: ganz menschlich, durch kein äußeres Merkmal als Gottes Wort selbst zu erkennen. Die Sakramente: Wasser, Brot und Wein sieht man nicht an, was Gott dadurch bewirkt. Die Bibel: auf ganz menschliche Weise zustande gekommen, mit einer komplizierten Entstehungsgeschichte, jeder Kritik ausgesetzt - und doch den Schatz enthaltend. Die Kirche: ausstrahlungsarm, ohne Kraft, manchmal zwielichtig und wie eine politische Partei, auf Menschen mehr hörend als auf Gott - und doch Gemeinschaft der Heiligen. Wir Pfarrer: immer wieder enttäuschend, ängstlich, gehetzt, leisetreterisch und in all dem genauso faustdicke Sünder wie alle anderen - und doch von Gott mit einer Sendung versehen, die nicht ungültig wird. Die Korinther irren sich in ihrer Einschätzung des Apostels, weil sie sich über Gott und die Art, wie er sich zeigt, überhaupt irren. In der Schwachheit zeigt er sich uns.

III.

So setzt das Evangelium denen zu, die ihm glauben. Aber gerade in dieser Zumutung des Glaubens gegen den Augenschein ist es Gottes gutes Wort, das Schluß macht mit der Übermacht des Todes. Die Bedrückten werden nicht erdrückt - sie werden von sich selber erleichtert. Die Ausweglosen bleiben nicht ohne Aussicht - sie dürfen über sich selber hinausschauen. Die Verfolgten sind nicht verlassen - sie laufen Jesus Christus in die Arme. Und die am Boden sind nicht am Boden zerstört - zu ihnen beugt sich Gott selber herab. Deshalb sagt Paulus von den Sterbenden "siehe, sie werden leben". Denn während wir und alles Geschaffene unterwegs sind vom Anfang zum Ende, vom Werden zum Vergehen und somit vom Leben zum Tod, ist das Evangelium, das seinen Ausgang am Kreuz genommen hat, unterwegs vom Tod zum Leben.

Das ist ein wunderbarer Weg, liebe Gemeinde. Ein Weg für Angeschlagene. Denn auf diesem Weg werden sie nicht erschlagen von den Lasten ihres Lebens. Deshalb, wenn da einer ist, der sich selbst nicht mehr ertragen kann - hier ist das Schatz des Evangeliums, das in aller irdischen Ausweglosigkeit neue Aussicht verschafft: Aussicht auf den, der Jesus Christus auferweckt hat von den Toten. "Denn wir wissen, daß der, der den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns auferwecken wird und wird uns vor sich stellen": Gott will uns bei sich haben - uns, die Taugenichtse. Und wen Gott an seiner Seite ertragen will, der kann und soll sich auch selber ertragen. Denn der, der die Schuld der Welt auf seine Schultern genommen hat, spricht uns frei, von allem, womit wir einander und insgeheim uns selbst anklagen.

Dann, liebe Gemeinde, sind aber auch wir, die tönernen Gefäße des Gottesschatzes, dazu da, unsererseits freizusprechen, wo die Welt verdammt und verurteilt. Wie schnell geschieht das - wie wir alle wissen, nicht nur außerhalb der Gemeinde Jesu. Und wie selten, wie mühsam wird freigesprochen! Keine Frage, es ist eine unheimlich mühsame Arbeit, dem Menschen, den man nur zu gut zu kennen meint, von dem man ein festes Bild hat, zu vergeben. Was hat Gott sich dafür mühen müssen! Aber seit Jesu Tod sind wir für diese mühsame Arbeit da.

Als in den 60ger Jahren, mitten in der Hochzeit des Kalten Krieges, die katholischen Bischöfe Polens überraschend den Christen in Deutschland die Hand reichten und die Tür zur Versöhnung aufstießen, hin zu dem Volk, das zahllose Polen vom Leben zum Tod befördert hatte, da geschah so etwas: Freispruch in Gottes Namen mitten in einer Welt, die verurteilt und verdammt. Und Nelson Mandela, der, als er schließlich die Möglichkeit dazu hatte, darauf verzichtete, die zur Verantwortung zu ziehen, die ihm die besten Jahrzehnte seines Lebens genommen hatten, sondern ihnen die Hand reichte, hat es auch demonstriert - obwohl es so elend mühsam ist.

Liebe Schwestern und Brüder, unsere Versuche, Gottes Schatz unter die Leute zu bringen, werden oft fehlschlagen. Wo man in Gottes Namen einander freispricht, wird man schnell als naiver Gutmensch verlacht. Wie damals vor 20 Jahren Pastor Uwe Holmer aus Lobetal bei Berlin, der in der unruhigen Zeit der Wende das plötzlich mittel- und wohnsitzlos gewordene Ehepaar Honecker in sein Haus aufnahm und damit den Volkszorn auf sich zog. Nun - "Ich bin ein Narr um Christi willen", sagt Paulus einmal von sich selber. Da eckt man an, da sind keine weltlichen Lorbeeren zu ernten. Aber in Gottes Namen anzuecken, Narr um Christi willen zu sein, ist keine Schande. Denn da können wir unser Bild ganz unmittelbar nehmen: Je mehr wir anecken, je lädierter die Gefäße sind, desto mehr sieht man ja von dem Schatz darin.

Deshalb ist uns das, was wir in der Kirche so schrecklich ausdauernd tun, schlichtweg verboten: darüber zu jammern, daß wir so tönerne Gefäße sind und dauernd angestrengt versuchen, die Gefäße aufzupolieren. Nein, wir haben viel Grund, darüber zu staunen, daß Gott seine Kirche nicht für insolvent erklärt, sondern unerschöpfliche Reserven für uns hat. Als tönerne, angeschlagene Gefäße sind wir für Gott so brauchbar, daß er mit uns alle Morgen neu etwas anfangen will. Seine Kraft wirkt in uns Schwachen mächtig. Und wir können den ironischen Spruch auf jener Postkarte ein wenig verändern: Pray - because he payed for us!

Amen.

Lieder: 66,1+4+5 / 53,1 / 41,1+3+4 / 56,1-5 / 70,1+5+8