Predigt Septuagesimae 31.1.2010 zu
1.Kor 9, 24-27: Vom rechten Laufen


"Das christliche Leben besteht nicht im Sein, sondern im Werden, nicht im Sieg, sondern im Kampf, nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Rechtfertigung" - so spricht Martin Luther über das Wesentliche christlicher Nachfolge.

Hören wir in unserem Predigttext, was Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth zu diesem Thema schreibt nach der Übersetzung Luthers:

(24) Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.

(25) Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.

(26) Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,

(27) sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Laufen

Morgens um fünf scheint die Welt noch in Ordnung auf den Freiburger Bahnhöfen. Die Menschen laufen zügigen Schrittes, zielstrebig aneinander vorbei. Hier und da rempelt man sich aus Versehen an. "Pardon!" Und weiter geht es zu den Gleisen. Selbst auf der Rolltreppe überholt man sich gegenseitig. Mit der Arbeit im Sinn, gilt es jetzt keine Zeit zu verlieren, keinen Zug zu verpassen. Sonst Gnade ihnen der Chef und mitunter auch der eine oder andere Kollege, der immer pünktlich hinter dem Schreibtisch sitzt.

ohne jedoch immer das Ziel zu erreichen

Des Abends am Bahnhof bietet sich den Wartenden, die Angehörige und Freunde von den Zügen abholen, ein ganz anderes Bild. Die Gesichter sind teils entspannter, müde, manchmal enttäuscht von dem, was schon wieder unerledigt liegen blieb. Die Schritte sind langsamer, nicht mehr ganz so schwungvoll. War es ein guter Tag, an dem das selbstgesetzte Ziel erreicht wurde, war es ein schlechter, über dem "Ziel verfehlt" steht? Der Unterschied lässt sich nicht immer so eindeutig bestimmen. Selbst wenn es gut lief, bleibt oft das Bedauern über der ständigen Hetzerei, dem Hinterherjagen von Aufträgen. Kaum ist die eine Arbeit erledigt, liegt ein neuer Stapel an Papier auf dem Tisch.

Die allgemeine Lauferei in unseren Tagen erinnert mich an das Märchen vom süßen Brei aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Es erzählt von einem armen, frommen Mädchen, das mit seiner Mutter allein lebte ohne aber genug zum Essen zu haben. Glücklicherweise begegnete das Kind eines Tages im Wald einer alten Frau. Die schenkte ihm ein Töpfchen. Auf das Wort: "Töpfchen, koch!", begann das Töpfchen ganz von allein guten Hirsebrei zu kochen. Sobald das Mädchen "Töpfchen steh!" sagte, hörte es damit auf. Das Mädchen brachte den Topf nachhause und damit hatte das Elend der beiden ein Ende. Wenn, ja wenn nicht eines Tages die Mutter in Abwesenheit der Tochter den Topf zum Kochen gebracht hätte. Zuerst lief alles gut, doch als die Frau satt war, hatte sie vergessen wie man den Topf zum Stillstehen bringen konnte. Und so kochte er munter weiter und weiter bis Küche und Haus und die ganze Straße gefüllt waren…

So sind wir heutzutage selten ohne Beschäftigung, kennen keinen Ruhestand mehr, können uns kaum vor Aufgaben retten.

Christentum als Raserei

Hatte Paulus das im Sinn, wenn er das Bild des Wettlaufs auf das christliche Sein anwendet? Ist es unsere Aufgabe als Christen, dem Siegespreis hinterherzulaufen, stets auf der Jagd nach guten Werken zu sein und uns so den Platz auf dem Siegerpodest zu erringen? Freizeitsportler, so scheint es mir an manchen Tagen, gibt es inzwischen genug. Zumindest solche, die nur ihre persönliche Fitness im Auge haben, die sich trainieren, um anderen überlegen zu sein.

"Mens sana in corpore sano", ein gesunder Verstand in einem gesunden Körper ist sicher wünschenswert. Wenn nicht das Wort des Dichters Juvenal (er lebte vom 1. ins 2. Jahrhundert nach Christus) im Lauf der Zeit ebenso häufig missbraucht worden wäre wie das Lob der preußischen Tugenden: Fleiß und Gehorsam, Bescheidenheit, Pflichtbewusstsein und Ordnungssinn machen sich gut aus neben der Gottesfurcht. Wenn nicht diese Grundhaltungen immer wieder auf ihr zerstörerisches Potential hin ausgereizt worden wären. "Die deutsche Jugend muss rank und schlank sein, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde…", soll Adolf Hitler gesagt haben. Als könne ein gesunder Geist, eine gesunde Seele nur in einem gesunden Körper leben. Die Konsequenzen einer solchen Haltung sind uns allen aus der jüngsten Geschichte noch in Erinnerung mit ihrer Verachtung all dessen, was als unvollkommen abgewertet und missachtet wurde. Doch dass nicht in jedem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnt, das wissen wir inzwischen ebenso.

oder als Hoch-Leistungssport

Es ist leicht, im Nachhinein so zu tun, als ob wir heute die Gefahren einer solchen Überhöhung des Sportsgeists sicher und lässig umsteuerten. Doch frage ich mich, ob wir es nicht gerade in der geistlichen Arena munter weitertreiben im Ausreizen unserer Grenzen. Wir halten es mitunter als Pflicht der Gemeinden, ein möglichst buntes Programm zusammenzustellen, um jeden Appetit zu stillen. Aus dem "gesunden Geist im gesunden Körper" wird "Gottes Geist in der aktiven Gemeinde". "Aktiv" setzen wir gleich mit "attraktiv" und vergessen, dass Christus Menschen zu sich zieht, und nicht wir die Menschen an uns binden sollen oder an unsere Ideen.

Wir haben Paulus falsch verstanden, wenn wir schon längst das Wort vergessen haben, das den Brei zum Anhalten bringen kann. Manchmal ist es Zeit, innezuhalten, anzuhalten und Kräfte zu sammeln.

Wir verausgaben die Gaben-Schätze unserer Kirchen, wenn wir immer alles und auf einmal in Angriff nehmen wollen. Im geistlichen Leben des Einzelnen wie in der Gemeinde hilft es, sich erreichbare Ziele zu setzen.

Vor kurzem hörte ich im Radio eine Sendung und dachte zuerst, es handle sich um das Wort zum Tag. Da war die Rede von der Notwendigkeit, die eigenen Grenzen kennenzulernen, wie wichtig es ist, ein Gespür dafür zu bekommen, wann der rechte Zeitpunkt zur Umkehr gekommen ist. Erst beim nächsten Satz wurde mir klar, wie fehl ich lag. Hier erzählte eine Bergsteigerin davon wie sie den Himalaya erklommen hatte ohne ihr Leben dabei zu verlieren. Einige ihrer Mitwanderer waren nicht so glücklich davon gekommen - weil sie einfach nicht Stopp zu sich selbst sagen konnten. Weil sie den Moment verpasst hatten, an dem ihre Umkehr sie gerettet hätte. Sicher, sie hätten ihr Ziel nicht erreicht, den Gipfel zu erklimmen. Ihre Fahne dort aufzustellen als sichtbares Zeichen ihrer Sportlichkeit. Doch wer weiß, was sie an Aufgaben und wen sie an Menschen so ihrem falschen Ehrgeiz geopfert haben.

Eine andere Einstellung legte Ignatius von Loyola den Brüdern seiner neu entstandenen Gemeinschaft ans Herz als er ihnen riet: "Dies sei die erste Regel für alles, was zu tun ist: Vertraue so auf Gott, als hinge der gesamte Erfolg der Dinge von dir, nichts von Gott ab; wende ihnen jedoch so alle Mühe zu, als werdest du nichts, Gott allein alles tun." Ein gutes Rezept gegen das geistliche Wetteifern, auch das Wetteifern mit Gott.

Nochmal eine Runde mit Paulus drehen…

So gesehen lohnt es sich für mich, noch einmal Paulus in die Arena zu folgen. Dabei möchte ich gemeinsam mit Luther auf der Zuschauertribüne sitzen, um zu sehen, worum es da unten letztendlich geht.

Nicht das Sein, sondern das Werden

Wer so in den Ring steigt, der fuchtelt nicht wie wild um sich, sondern setzt seine Kräfte gezielt ein. In der Arena kann man nicht in die Irre laufen, es geht viel eher darum, durchzuhalten. Einen guten Laufstil zu entwickeln, der uns davon abhält uns gleich nach einer Runde zu verausgaben. Dazu gehört Mut und Einsicht. Mut, Nein zu sagen, zu so mancher Aufgabe, die vor uns gelegt wird. Denn wir allein sind nicht für alles verantwortlich. Das gilt für Ehrenamtliche wie für Hauptamtliche. Einsicht, auszuwählen, was gerade wichtig ist, weil es für die Gemeinschaft zuträglich ist. Wir kennen solche Entscheidungen aus unserem Familienleben. Wenn es gelingen soll, müssen wir immer wieder anhalten, das Tempo wechseln, Regeln ändern, damit wir auf die veränderten Bedürfnisse auch der schwächsten Glieder eingehen. Wenn ein kleines Kind ankommt, wenn unsere heranwachsenden Kinder wichtige Prüfungen ablegen oder unsere Eltern dringend Unterstützung brauchen, müssen andere Arbeiten zurückstehen. Zumindest bis eine neue Lösung gefunden werden kann, die allen dient. Enthaltsamkeit bedeutet hier auf den anderen schauen, mit den eigenen Kräften haushalten. Es heißt gerade nicht glauben zu müssen, dass wir als gute Christen unendlich belastbar sind.

Nicht im Sieg, sondern im Kampf

flüstert Luther mir weiter ins Ohr. Christliche Existenz beweist sich nicht darin, andere zu überbieten, koste es, was es wolle. Meinen Ideen Vorrang zu geben, weil ich eine schnellere Auffassungsgabe habe und andere dann mitzuziehen, meine Redekunst einzusetzen, um andere damit zu schlagen. Hier kommen wir über kurz oder lang ins Hinken. Als christliche Gemeinschaft sind wir nicht Einzelkämpfer. Es passt viel besser auf uns das Bild vom Staffellauf. Wir kämpfen immer in der Gemeinschaft der Heiligen, nicht allein. Nur so können Christen standhaft sein, inmitten von Zweifeln und Isolation, die manche politische Situation mit sich bringt. Jeder übernimmt einen Teil der Strecke und zeigt sich verantwortlich für das ganze Team durch seinen Einsatz so gut er oder sie kann.

Dazu gehört auch, das Training ernst zu nehmen. Das besteht darin, unseren christlichen Glaubens in Gebet, im Studium und der Auseinandersetzung mit der Bibel zu vertiefen. Ohne Zweifel verlangt die regelmäßige Fürbitte für andere eine hohe Disziplin. Sie stellt Anforderungen an mich, auch dann mein Wort für den Nächsten oder den mir Fernen einzulegen, wenn ich mich selbst nicht unmittelbar betroffen fühle von seiner Not, wenn das Gemeinschaftsgefühl am Boden liegt oder ich meine Zeit mit angenehmeren Dingen verbringen könnte. Die Fürbitte öffnet uns der Solidarität den Menschen gegenüber, die Gott auf unsere Laufbahn stellt, auch wenn ich dazu meine Karriere unterbrechen muss.

Nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Rechtfertigung

Dieser letzte Punkt Luthers ist es, der uns Gelassenheit schenkt. Wir sind nicht dazu berufen, ewig zu laufen so wie der kleine VW Käfer in gut vierzig Jahren Werbung. Den Sieg können wir uns nicht selbst erringen, am Ende ist es Christus, der uns entgegenläuft. Verdienen können wir uns das Geschenk des Glaubens und der Gnade Gottes nicht. Darüber frei verfügen, auch das geht nicht. Auch am Ende unseres Lebens bleibt das, was wir getan haben, immer noch Stückwerk, Fragment, ein Mosaik aus vielen schillernden Augenblicken. Darunter auch so manche vertane Zeit, verpasste Chancen. Was das menschliche Leben zusammenhält, was all unsere Versuche ermöglicht, am Guten dran zu bleiben, was unsere Existenz von Anfang an rechtfertigt ist die Liebe, nicht unsere. Es ist die Liebe Gottes, der in seiner Schöpfung lustwandelte, nicht an ihr vorbeirannte, sondern auf uns achtet, weil er will, dass unser Leben gelingt. Mit seinem Zutun. Amen.

Lieder:

444, 1-4 / 293, 2+3 / 342, 1, 6-8 / 646, 1-4 / 419, 1 / 589, 1-4