Loben ist Leben - Liedpredigt über EG 317
5. Sonntag n.Tr. - 4.07.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Eigentlich wissen wir es aus Psychologie und Pädagogik alle, es ist längst zu einer Binsenwahrheit geworden: wir Menschen leben vom Lob. Und Kinder ganz besonders. So wie wir nicht liebes- und beziehungsfähig werden, wenn wir in unserer Kindheit nicht selber zuerst viel Liebe erfahren haben, so werden wir auch kein gesundes Gefühl für unseren Selbstwert entwickeln können, wenn wir nicht immer wieder gelobt worden sind. Und doch fällt es so vielen Menschen unendlich schwer, diese Binsenwahrheit für sich selber gelten zu lassen und auch zu leben: sowohl was das Lob anderer angeht, wie vor allem auch den Umgang mit dem Lob, das einem selbst zuteil wird. Manchmal begegne ich Menschen, die so zerrissen mit sich selber sind, ein so ungeklärtes Gespür für ihren eigenen Wert haben, daß sie, wenn andere ihnen Lobendes spiegeln, gar nicht anders können als darauf nur mit Mißtrauen und Unglauben zu reagieren. Gelobt zu werden macht sie erst recht traurig.

Besonders schlimm finde ich, wenn solches auch noch religiös, insbesondere "protestantisch" überhöht wird. Nach dem in unserer Kirche viel zu lange hochgehaltenen Grundgesetz: Lob macht eingebildet, es läßt einen den Kopf zu hoch tragen und ist deshalb eine Sünde! Vor allem in seiner trostlosesten Variante, dem auch heute dort noch in Ehren gehaltenen schwäbisch-pietistischen Motto: "Edd bruddelt isch globt gnug!" Fromme Vertreter dieser sauertöpfischen Haltung sagen: Lob gebührt Gott allein, etwa so wie es in der Schlußstrophe des gerade gesungenen Paul Gerhardt-Chorals heißt: "Ach, ich bin viel zu wenig, / zu rühmen deinen Ruhm. / Der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum". Wenn man diesen Vers so versteht - ich behaupte indes: mißversteht! -, als sei der Mensch quasi ein Nichts, dann wird man wohl so, wie Luther anschaulich den Menschen unter der Macht der Sünde beschrieben hat: man wird zu einem homo incurvatus in se ipsum, zu einem in sich selbst eingekrümmten, verdrucksten Menschen, ohne aufrechten Gang. Das kann es also nicht sein mit dem (Nicht-)Loben.

Wir sind nun einmal Menschen, und als solche leben wir auch von Anerkennung und Würdigung. Es stimmt eben nicht, daß dies eine Form von Eitelkeit sei, die ein rechter Christ abgelegt haben müßte. Nein, es ist schon so, wie es der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel ausgedrückt hat: "Es gehört zur Freiheit eines Christenmenschen, sich auch einmal Gutes, und nur Gutes nachsagen zu lassen." - Was hätte denn unser Gott sonst für einen Grund gehabt, seine Herrlichkeit "über den Wolken" zu verlassen (denn Gott ist als Vater, Sohn und Geist in sich selber reich an Beziehung und Gemeinschaft) und uns so unüberbietbar zu loben, daß er sich ganz klein gemacht hat, an unsere Seite stellte und selber Mensch, einer von uns wurde? Was also Gott recht ist, sollte uns Menschen erst Recht billig sein - übrigens auch in der Kirche.

I.

Menschenlob aber ist so gesehen immer auch ein Stück Gotteslob - ob einem das bewußt ist oder nicht. Wie gut muß es uns gehen, bis wir Gott loben? In der Apostelgeschichte gibt es dazu einen faszinierenden Hinweis. Über die elend im Kerker schmachtenden Paulus und Silas heißt es dort: "Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Er warf sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott."

Wie gesund müssen wir sein, bis wir Gott loben? Vor Jahren begleitete ich eine sterbenskranke Frau. Nach Monaten des Ringens zwischen Hoffen und Bangen kam sie aus der Klinik wieder heim - im Wissen, nie mehr gesund zu werden und nur mit heftigen Medikamenten noch einige Monate zum Leben zu haben. Und doch war ihre Verbitterung wie weggeblasen. Jeder einzelne Tag, den sie noch zum Leben hatte, wurde ihr, wie sie mir damals sagte, zu einem Freudentag und aus ihren Augen sprach eine tiefe Dankbarkeit.

Wie alt müssen wir werden, bis wir Gott loben? Ein junger Mann mit Namen Joachim wächst in Bremen auf. Nach seiner Bekehrung zum Pietismus studiert er in Düsseldorf. Er wird dort sehr jung Rektor an der Lateinschule, wird aber so heftig angegriffen, daß er mehrfach aus Düsseldorf fliehen muß. In einer Höhle im nahen, damals noch wild zerklüfteten Neandertal hält er sich mehrere Wochen lang fast ohne Nahrung auf. Dort dichtet er mehrere Lieder. Mit knapp 30 Jahren stirbt er und bleibt dennoch seinem Lebensmotto treu: "Ich will mich lieber zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen." Dieser Joachim Neander - er nannte sich also nach seinem Fluchtort - lebte von 1650-1680. Von ihm stammt der so populär gewordene Choral, dessen Verarbeitung zu einer Kantate durch Bach heute im Zentrum unseres Gottesdienstes steht: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren".

Was muss geschehen, um Gott so zu loben: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, / meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. / Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, / lasset den Lobgesang hören!" - Eigentlich müßte gar nichts dazu geschehen - außer daß wir mindestens ahnen, was Luther gern als Summe seines Glaubens ausdrückte: "Wir sind Menschen und nicht Gott". Ehrfürchtig vor Gott müssen wir werden, nicht in dem eben genannten Sinn, daß wir uns unendlich klein machen, sondern daß wir uns von Gott auf unser menschliches Maß bringen lassen. Also unsere Arroganz und unseren Größenwahn ablegen, als sei, wie es der antike Philosoph Protagoras gesagt hat, der Mensch das Maß aller Dinge. Wo der Mensch sich so sieht - und das geschieht ja heute vielfach -, ist es geradezu folgerichtig, daß er daran arbeitet, daß er selbst Gott wird, statt sich daran zu freuen, daß Gott für ihn Mensch geworden ist. Wenn wir indes ein Gespür dafür entwickeln, daß wir Menschen sind und keine Götter, daß sich die Erde nicht um uns dreht, sondern daß uns Gott hineingestellt hat in ein viel größeres Ganzes, das wir gar nicht begreifen können, dann geraten wir in ein Staunen, das geradezu zwangsläufig ins Lob des Schöpfers mündet. Für den Kosmos, die Atmosphäre, das Zusammenspiel von Luft und Wind und Wasser. Für die Genialität unseres Körpers, wo winzige Veränderungen im Stoffwechsel oder Hormonhaushalt alles durcheinander bringen können. Für das Wunder der Liebe.

Wir sehen mit den Augen und sehen doch vieles nicht, weil wir so kurzsichtig sind. Und dafür gibt es auch keine Brille bei Fielmann oder auf Rezept. Joachim Neanders Choral wird wohl deshalb bis heute so gerne gesungen, weil er eine wunderbare Hilfe ist, unsere Selbstüberschätzungen einzutauschen gegen ein großes Staunen darüber, was der geniale Albert Einstein, der eigentlich kein religiöser Mensch war, am Ende seines wissenschaftlichen Lebens als Summe seiner Forschung formuliert hat: "Der Alte da oben würfelt nicht." Oder diese allgemeine Aussage über das Wunder der Schöpfung ins Persönliche gewendet mit dem bekannten Matthias-Claudius-Vers, den vor 49 Jahren meine Eltern auf meine Geburtsanzeige setzten: "Ich danke Gott und freue mich / wie's Kind zur Weihnachtsgabe, / daß ich bin!, bin, und daß ich dich, / schön menschlich Antlitz habe."

II.

"Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, / der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, / der dich erhält, wie es dir selber gefällt; / hast du nicht dieses verspüret? - Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, / der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. / In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott / über dir Flügel gebreitet!" -

So lauten die nächsten beiden Strophen. Was sie sagen, ist auf eine faszinierende Weise unzeitgemäß. Sie formulieren gleichsam ein Gegenprogramm zum Zeitgeist heute, der - auch wenn das Zeitalter der sog. "Spaßgesellschaft" angeblich vorbei ist - immer noch am Leitmotto sich orientiert "Wir amüsieren uns zu Tode" (N. Postman). Eine zugegeben wirklich sympathische und hübsche Abiturientin aus Hannover bringt es zur Top-Meldung in allen Nachrichtensendungen Minutenlang wird über ihren Erfolg beim Sängerwettstreit berichtet, bevor Euro-Krise, Afghanistan und der Mißbrauchsskandal drankommen. Nur ein banales Beispiel dafür, daß etwas aus den Fugen geraten ist in unserem Gemeinwesen. Der Zeitgeist des "Immer mehr", braucht die permanente Unzufriedenheit und produziert sie gleichzeitig. Die Sehnsucht nach dem ultimativen 'Kick', nach der dauernden emotionalen Höchinstintensität nach dem Motto 'Es muß doch mehr als alles geben!', macht uns zu solchen, für die das Schöne, das Tolle, das Gute nie da ist, wo wir sind. So müssen wir permanent unterwegs sein auf der Suche nach dem Anderen, dem Besseren, dem Schöneren. Und laufen Gefahr, undankbar zu werden bis unter die Haarwurzeln, und eben darum voller Ängste bis in die Zehen. Bei jedem Sonnenbrand steht uns der Hautkrebs vor den Augen. Die Beeren im Wald essen wir nicht vor lauter Angst vor dem Fuchsbandwurm: Die Kinder lassen wir nicht mehr im Freien spielen aus Angst vor den Killerzecken, die nur darauf warten, jeden mit der heimtückischen "Borelliose" zu infizieren.

Sicherlich erinnern manche von Ihnen das berühmte Büchlein des amerikanischen Psychiaters Paul Watzlawick aus den 80er Jahren: "Anleitung zum Unglücklichsein". Eigentlich müßte man es gar nicht lesen. Weil wir es durch unseren Way of life selber schreiben. Als ob wir nicht gesund sein dürften, verfallen wir in den Wettstreit der Krankheiten - Bluthochdruck contra Nierenschmerzen. Magenspiegelung contra Herzkatheder. Die Kur ist Trumpf. Die wirklich und ernsthaft Kranken gehen dagegen oft still und tapfer ihren Weg, dankbar für einen guten Tag oder für eine ruhige Nacht. Sie wissen durch ihr Geschick, was vielen Menschen so fern gerückt ist: Gesundheit, Schönheit kann man nicht kaufen. Und Glück und Staunen schon gar nicht. Bei Licht besehen kann man sie noch nicht einmal suchen, sondern eben nur - finden. Sozusagen wie von selbst. Das ist da genauso wie mit der Liebe. Aber dafür, zum Finden - nein ich muß so sagen: zum Gefundenwerden?! - brauchen wir Zeit und Zeiten. Wie gut, daß es Lieder wie "Lobe den Herren" gibt, die uns daran erinnern und dann auch eine wunderbare Hilfe sind, solche Zeiten so auszufüllen, daß es gut ist und uns gut tut.

III.

Und dann die beiden Schlußstrophen: "Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, / der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. / Denke daran, was der Allmächtige kann, / der dir mit Liebe begegnet. - Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen. / Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen. / Er ist dein Licht, Seele, vergiß es ja nicht. / Lobende, schließe mit Amen!" -

Wie kommen wir in einer Zeit, der dies so fern geworden ist, in diese Haltung einer Dankbarkeit hinein, die dann auch auf andere ausstrahlt? Dazu ein Hinweis aus der Bibel. Dort steht für 'Dankbarkeit' das Wort eucaristia. Dieses Wort gebrauchen die katholischen Mitchristen, wenn sie von der Feier des Hl. Abendmahls sprechen: sie feiern die Eucharistie. Ganz wörtlich übersetzt heißt dieses Wort: "Die Gnade gut werden lassen". Dankbarkeit hat also ihren eigentlichen Ursprung in Gottes Gnade. Sie will dadurch gut werden, daß sich in uns die Dankbarkeit gegen Gott und gegen unsere Mitmenschen Raum verschafft, weil wir spüren, daß wir vor allem Machen, Tun und Leisten-müssen zuerst und immer wieder Beschenkte sind.

Zu den schönsten Dingen im Beruf des Pfarrers gehört das Besuchemachen. Bei meinen Besuchen habe ich öfter von alten Menschen den Satz gehört: "Eigentlich ist so vieles Gnade in meinem Leben gewesen". Auch von Menschen, die Schweres erlebt hatten. Sie meinen damit wohl, daß sie nunmehr seit ihrer schweren Krankheit oder ihrem Schicksalsschlag jeden Tag wie ein Gottesgeschenk erfahren und sich doppelt und dreifach daran freuen, noch da zu sein auf dieser Erde. "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern ist alle Morgen neu" (Klg 3,22). Bei Menschen, die das so sagen können, wird Gottes Gnade gut. Da ist die Dankbarkeit keine pflichtgemäße Höflichkeit oder ein angestrengtes Frommseinwollen, sondern Ausdruck des Staunens über das viele, mit dem Gott uns täglich überschüttet. Mit solchem "eucharistischen Gespür" wird ein Leben intensiver gelebt.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will nicht in angestrengtem Optimismus machen. Aber wenn wir das Danken verlernen würden, dann hätten wir als Christen abgedankt! Joachim Neander und seine Verse helfen und erinnern uns, daß wir nicht abdanken müssen, wenn wir immer wieder ins Aufdanken, also: ins Loben kommen.

Amen.