Predigt zum 7.Sonntag nach Trinitatis am 18.07.2010
Apg 2, 41a.42-47: Kirche in Gottes Gegenwart


Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi,

die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen. Amen.

Die Gegenwart Gottes, das ist das Thema dieses 7.Sonntags nach dem Fest Trinitatis. Wie Gott Beziehung nährt, haben wir in den beiden vorausgegangenen Lesungen gehört. Wovon Gemeinschaft lebt, erzählt der Evangelist Lukas in seiner zweiten Schrift, der Apostelgeschichte. Sie ist unsere einzige Quelle über die jungen Jahren der Kirche. In ihr zeichnet Lukas kein bis ins kleinste Detail getreues Bild. Es geht ihm um das, was typisch für Gemeinde ist, in seinem Entwurf des Prototyps, dem also, was unaufgebbare Charaktermerkmale christlicher Gemeinschaft sprich Gemeinde sind. Alles beginnt mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag, die der Predigt des Apostels Petrus Wirkung verleiht.

Ich lese aus dem 2.Kapitel der Apostelgeschichte, die Vers 41 - 47:

(41)Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tag wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

(42) Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

(43) Es kam aber Fucht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.

(44) Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beeinander und hatten alle Dinge gemeinsam. (45) Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. (46) Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.

(47) Und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Liebe Gemeinde,

Der Künstler Lukas hat es wieder einmal geschafft: Mit seinem brillanten Bild der Ur-Gemeinde erweckt er den Eindruck, als sei frühmorgens in der Geschichte der Kirche die Welt tatsächlich noch in Ordnung gewesen. Das Bild bezirzt, es weckt in uns die Sehnsucht nach der idealen Gemeinschaft, an der gemessen unsere Gemeinden immer wie das kränkelnde Geschwisterchen erscheinen. Liest man diese Stelle als handele es sich um einen historisch objektiven Bericht, was er ja gerade nicht ist, dann wirkt er wie eine Droge. Umso mehr wir davon einnehmen, umso schlechter geht es uns nach dem Rausch. Wenn wir aufwachen von diesem Traum der Urgemeinde, dann erwartet uns ein Schock.

Dort wurden Güter und Habe verkauft, hier kämpfen wir um den Erhalt von Immobilien, dort war man einmütig beieinander auf engem Raum, hier lähmt uns Eifersucht und natürliches Konkurrenzverhalten, machen uns aggressiv und besitzerisch, dort brach man täglich Brot miteinander, hier fällt es uns sogar schwer, einmal in der Woche nach unseren Gottesdiensten Zeit für eine Tasse Kaffee zu finden. Ein guter Grund sich zu streiten.

Eine solche Lektüre dieses wertvollen Texts verdient in meinen Augen das Label "gesundheitsschädlich". Sie ist verführerisch, weil sie uns ein Ideal anstreben lässt und darüber die Realität vernachlässigen lässt, in der Gott an uns handeln will. Wir murren wie das Volk Israel nach den alten Fleischtöpfen als es noch gefangen war in der Sklaverei in Ägypten. Und vergessen, dass Gott nicht ein Gott der Rückschritte ist.

Früher war immer alles besser oder nicht? Aus einer solchen Haltung heraus kann nichts wirklich Neues entstehen. Sie lebt ständig aus der Angst vor Verlust. Jedes Loslassen alter Gewohnheiten schmerzt. Das ist eine bittere Tatsache. Doch erst, wenn ich altes aufgebe, kann neues wachsen. Ein Schlager aus meiner Kindheit fällt mir dabei ein. In ihm trauerte die Sängerin Alexandra:"Mein Freund, der Baum, ist tot, er fiel im frühen Morgenrot - Mein bester Freund ist mir verloren, der mit der Kindheit mich verband. Niemand konnte ihn je ersetzen." Diese Worte waren natürlich Kitsch pur, doch sie prägten mich unbewusst so sehr, dass ich einmal einen Förster ganz entgeistert anblickte, als der mir erklärte, wie er sich darüber freue, wenn ein Baum in seinem Wald gefällt werden müsse. Dabei ging es ihm nicht um das Geld, das sicher auch, sondern um die Lücke, die so entstand. Jetzt musste er sich Gedanken machen, wie er sie bepflanzen solle. Sie bot ihm neue Möglichkeiten.

Auf evangelischer Seite sprechen wir seit einigen Jahren viel von Profilschärfung und meinen dabei doch immer das Positive, das unserem Erbe anhaftet. Aber jedes Profil hat auch seine Schattenseite. Wir bilden uns viel ein auf das Erbe der Reformation. Dabei frage ich mich, ob wir uns nicht inzwischen so an ihn klammern, dass wir uns auf Verbesserung des Status Quo beschränken wo es an der Zeit wäre, uns an neue Visionen zu wagen.

3000 Menschen wurden getauft, schreibt Lukas. Unvorstellbar. Die Taufliturgie möchte ich gerne sehen. Wir tun uns schon schwer, wenn wir vier oder mehr Täuflinge in einem Gottesdienst in unsere Mitte aufnehmen. Mehr als 3000 Menschen sind in unserer Gemeinde, den Predigtbezirken Petrus/Paulus und Christus, getauft. Können wir wirklich erwarten, dass sie so eng aneinanderrücken, wie Lukas es in seiner typischen Gemeinde beschreibt?

Wen zählen wir zur Gemeinde - den typischen Kirchensteuerzahler, der und die zu den 90% zählen, die nur bei Gelegenheit, Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung oder nie den Weg zur Kirche finden? Wenn wir so mit Menschen rechnen, als schuldeten sie der Kirche etwas, enden wir immer in einem Minus, das uns wesentlich stärker belastet als jegliches finanzielle Defizit es jemals vermag.

Dann geben wir zu verstehen: Es gibt eine innere Gemeinde, an der es sich zu messen gilt. Sie setzt den Maßstab dessen, was Kirche bedeutet. Sie bestimmt, was zur Tradition gehört. Das kann zwar leicht verbessert werden, aber im Prinzip darf man daran nicht rütteln, ungeachtet dessen, was die Menschen im Wandel der Zeiten bewegt. Ohne es zu merken, verfolgen wir einen elitären Begriff von Kirche. Zu ihr gehören immer einige wenige, auserwählte, die sich an die Regeln halten und näher an Gott rücken als die Menge es vermag.

Unsere zweite Lesung, die Speisung der 5000, erzählt es anders. Die Jünger, die wir versucht sein könnten, die Kerngemeinde zu nennen, hätten die Menge gerne nachhause gesandt. Es lag nicht in ihrem Horizont, sich weiter verantwortlich für so viele zu fühlen. Die Jünger dachten nicht daran, dass es noch andere Ressourcen außerhalb ihres Kreises geben könne. Dabei hätten sie selbst aufmerksam werden können auf das Kind mit den Broten und den Fischen. Kindergottesdienst anderer Art - jeder ist eingeladen, das wenige, das er oder sie hat, zu teilen. Gott macht etwas daraus, wenn wir es uns nicht gegenseitig vorenthalten.

Jeder und jede von ihnen hier heute morgen und in unseren Gemeinden hat etwas Unverzichtbares zu unserer Gemeinschaft beizutragen. Wir können es uns nicht leisten, diese Gaben zu verachten oder nicht zuzulassen. So dienen die verschiedenen Ämter in unserer Kirche dazu, wie Katalysatoren zu wirken. Die Pfarrerin ist nicht das Mädchen für alles, der Älteste ist nicht der Hans Dampf in allen Gassen, die stellvertretend der Gemeinde alle Aufgaben abnehmen oder immer neue Aufgaben finden. Sie wären wie ein Eimer, dessen Loch nicht zu stopfen ist. Eine solche Kirche trüge die Kennzeichen immerwährender Verausgabung, verkrampft, überfordert, wenig attraktiv.

Und hier endlich kommt Lukas Zeichnung uns zur Hilfe, mit seinem Bild dessen, was zu Gemeindeaufbau gehört. Unaufgebbar ist der Geist Gottes, der alles in Bewegung setzt. Er zieht Menschen an. Wenn Menschen nach der Taufe fragen, dann ist dies nicht unser Verdienst, sondern liegt an seinem Wirken. In diesem Sinn sind wir Getauften immer Partner in der Mission Gottes. Keiner kann damit angeben, wie viele Taufen auf ihn zurückgehen. Das wäre eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Unsere Verantwortung besteht darin, ihn nicht in seinem Wirken zu hindern. Dazu braucht es Aufmerksamkeit. Auf diese gründet sich Gemeinschaft. Jegliche Struktur in unseren Kirchen, dient dazu, solche Aufmerksamkeit zu fördern. Lukas bietet uns dazu ein Rezept. Vier Zutaten gehören hinein. Sie geben der Kirche ihren attraktiven Geschmack.

Dazu gehört das Bleiben in der Lehre der Apostel. Unser Glaube ist nicht beliebig, er gründet sich auf verbindliche Zeugnisse. Aus evangelischer Sicht ist dazu das Studium der Bibel unverzichtbar. Als Pfarrer ist es eine unserer genuinen und edelsten Aufgaben, uns diesem Studium hinzugeben. Wo wir zu wenig Zeit dafür finden oder uns nehmen, bezahlen wir und die Gemeinde einen hohen Preis. Es ist das Wort Gottes, das uns immer wieder neu auf ihn ausrichtet anstatt unseren Präferenzen verhaftet zu sein.

Keiner kann allein Gemeinde sein. Das versteht sich von selbst, auch wenn so mancher sich für wichtiger hält als den anderen. Kirche hängt nie und nimmer von einem einzigen ab, so gelehrt, so charismatisch er auch sein mag, so talentiert im Fundraising oder im Werbetrommelrühren sie auch ist. Kirche lebt aber sehr wohl von unserem Miteinander, wobei dies sich immer auf Freiheit gründet, nicht auf Zwang.

Im gemeinschaftlichen Leben steckt ein Potential, das keiner sich allein erfüllen kann: das Brotbrechen erwächst erst daraus. Brot teilt man nicht mit sich selbst, Brot teilt man mit anderen. Dann erst kann eine wunderbare Vermehrung stattfinden. Wo zwei Menschen oder drei so ihre Gaben miteinander teilen, ist das Ergebnis mehr als die Summe dessen, was jeder mit sich bringt. Die jüdische Mahlzeit beginnt mit dem Segen. Peter Jansens greift diese Wahrheit im Lied auf: "Wo jeder gibt, was er hat, da werden alle satt". Es sind gerade die materiell arm gestellten Mitglieder der weltweiten Kirche, die uns das vorleben.

Und schließlich darf eines nicht fehlen: das treue Bleiben im Gebet. Wir unterschätzen gern seine Anziehungskraft. Gemeinschaften wie die der Brüder von Taizé zeigen dagegen, dass besonders junge Menschen bereit sind, tausende von Kilometern in ein kleines Dorf in Frankreich zurückzulegen, um dreimal am Tag gemeinsam zu beten. (Und wir wundern uns über den Zulauf, den Religionen wie der Buddhismus, erfahren, die einen hohen Stellenwert auf Meditation legen.) Könnte dies auch daran liegen, dass wir das miteinander Beten schon fast verlernt haben? Erst langsam entdecken wir den Schatz wieder, den uns Evangelischen die monastischen Traditionen zu bieten haben.

Die Predigt endet heute entgegen aller guter Regeln der Kunst offen. Gemeinschaft lässt sich nicht herbeireden. Sie gründet sich auf Gottes Gegenwart, baut auf sein Wort, will erfahren sein. Will konkrete Gestalt annehmen. Lukas zeichnete ein Bild von Kirche, das sie uns von außen zeigt und nach innen lockt. Zu dieser Kirche möchte man gehören.

Wir nehmen Kirche oft nur von innen wahr und projizieren dann das, was wir sehen nach außen. So kommt Kirche beschränkt rüber.

Lukas Bild kann uns wieder neu zur Quelle der Inspiration werden, wenn es uns dazu anleitet, einige Schritte Abstand zu nehmen und mit ihm von außen zu betrachten, wie wir Kirche sind. Bleiben wir beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet?

Von hier aus erneuert der Herr seine Gemeinde. Ihr kann niemand widerstehen.

Amen.