Auch der Andersartige hat Christuslicht - Predigt über Römer 14, 10-13
4. Sonntag n.Tr. - 27.06.2010, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

In der Grundordnung einer norddeutschen Landeskirche werden die Aufgaben einer Pfarrerin, eines Pfarrers u.a. mit diesem Satz beschrieben: "Der Pastor sucht das Gespräch mit den unterschiedlichen Gruppen und Strömungen in der Gemeinde, bemüht sich um Verstehen und Verständigung untereinander und macht zur Zusammenarbeit willig, indem er der einigenden Stimme Christi Gehör zu schaffen sucht."

Nun, wie das kirchliche Ordnungstexte so an sich haben, ist das nicht gerade prickelnde Prosa. Aber was dieser Satz sagt, finde ich ernorm wichtig. Denn hier ist geradezu selbstverständlich vorausgesetzt, daß es unterschiedliche Gruppierungen, Richtungen in der Kirche gibt, und es wird ebenso selbstverständlich damit gerechnet, daß sie einander nicht ohne weiteres verstehen. Es wird hier zum Ausdruck gebracht, daß es nicht mit ein paar freundliche Ermunterungen getan ist, oder mit gut gemeinten Aktionen, um die Gemeinschaft zwischen den verschiedenen Gruppen aufrecht zu erhalten oder wiederherzustellen. Mit Appellen wie "Ein bißchen mehr Toleranz, Leute!" oder "Seid nett zueinander!" (das berühmte Motto der Bild-Zeitung aus den 50er Jahren), oder mit irgendwelchen bemüht fröhlichen Events ist es nicht getan. Sondern es geht darum, daß wir Christen, und besonders die zum Verkündigungsdienst Berufenen, dazu da sind, wie es hier formuliert ist, "die einigende Stimme Christi zu Gehör zu bringen."

I.

Damit wird uns Pfarrerinnen und Pfarrern zugemutet, was hier der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom unternimmt. Dort gab es zwei Gruppen. Die einen nannten sich die "Starken", und sie hatten natürlich gleich ein hübsches Etikett für die anderen parat. Die nannten sie die "Schwachen". Oder denken Sie an das noch bekanntere Beispiel der Christen in Korinth. Dort hatte sich sehr schnell, nachdem Paulus die Gemeinde gegründet hatte, ein richtiger religiöser Starkult ausgebildet. Um mehrere charismatische Führungspersonen bildeten sich eingeschworene Anhängerschaften, die sich sozusagen selbstgefertigte Firmenschilder umhängten: Pauluskreis, Petrusfamilie, Apollosfreunde, Christusbruderschaft. Überhaupt gewinnt man, liest man die Briefe des Neuen Testaments, den (tröstlichen!) Eindruck, daß es die Gemeinde Jesu eigentlich nie ohne solche eigengeprägten Gruppierungen gegeben hat und daß es zwischen ihnen nie ohne Konflikte abgegangen ist. Das hat damit zu tun, daß Jesus eben nicht wie ein Mathe- oder Physiklehrer seinen Leuten ein paar allgemeingültige Formeln beigebracht hat, sondern daß er uns in seiner Person das Geschenk des Lebens macht - und zwar eines Lebens in Freiheit. Das Leben in Freiheit aber, das wissen v.a. die Ostdeutschen, ist zwar spannender, aber eben auch komplizierter und gefährdeter als da, wo einfach von oben festgelegt wird, wo's lang geht.

So erfahren die einen die Freiheit, die ihnen Jesus Christus geschenkt hat, stärker als Befreiung von Zwängen, Konventionen und Vorschriften - hin zu einem Leben, das sich in schöpferischer Liebe entfalten und dabei die Grenzen des Gewohnten, der Sitte und mancher Moral frei überschreiten kann. Die nannte Paulus im Brief an die Christen in Rom die "Starken". Die anderen erfahren die Freiheit des Glaubens stärker als Befreiung aus einem ungeordneten, verworrenen Dasein hin zu einem Leben in der Verbindlichkeit gehorsamer Nachfolge Jesu. Freiheit ist für sie gerade Freiheit in einer entschiedenen Bindung. Und das heißt auch: Verzicht auf so manche Freiheiten, die die anderen sich nehmen. Die nannte Paulus die "Schwachen".

Diese tiefgreifend verschiedenen Erfahrungen führen zu sehr andersartigen Lebenseinstellungen und Lebensentwürfen. Da liegt es geradezu in der Luft, daß hart übereinander geredet und geurteilt wird. Dazu müssen wir gar nicht die neutestamentlichen Briefe aufschlagen, da genügt der Blick auf uns selbst. Die zuerst genannten Leute urteilen über die "Strengeren": engherzig, hochmütig, gesetzlich, frömmelnd. Die Strengeren wiederum über die "Liberalen": unernst, ohne echte Glaubwürdigkeit, nicht zu einer wirklichen Nachfolge bereit, keine Glaubensentscheidung.

Ich nenne eine solche Frontstellung, die mir einmal begegnet ist und die sicherlich in manchen Gemeinden in ähnlicher Weise auftaucht. In einer Gemeinde, weit weg von hier, hatte ein sehr engagierter, im Pietismus beheimateter Pastor irgendwann einen Kreis von Menschen um sich gesammelt, denen es sehr ernst ist mit ihrem Christsein. Sie kamen neben dem sonntäglichen Gottesdienst zu regelmäßigen Gebetsstunden zusammen, sie nahmen persönliche Seelsorge in Anspruch - wozu auch die Einzelbeichte gehört -, sie lasen täglich in der Bibel, sie segneten einander. Sie waren ganz bestimmte verbindliche Ordnungen für ihr geistliches Leben eingegangen. "Ohne das geht es nicht", sagten sie. So weit so gut - aber nach einiger Zeit traten in dieser Gemeinde starke Spannungen auf. Die anderen, die nicht zu diesem Kreis gehören, fühlen sich als Christen zweiter Klasse abqualifiziert. Über sie schrieb ein Mitglied des Gebetskreises in einem offenen Brief: "Unsere Gegner wollen eben nicht Ernst machen mit Jesus. Sie wollen ihr altes Leben weiterleben." Ich kenne aber einige dieser anderen angeblich halbherzigen Christen und kann es ihnen nicht absprechen, daß es ihnen auch Ernst ist mit dem Glauben. Ihre Verbindlichkeit hat nur sehr andere Ausdrucksweisen.

Eine andere Erfahrung, die vielen unter uns sehr vertraut ist. Das im Vergleich zu früher viel schwieriger gewordene Verhältnis zwischen PfarrerInnen und ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Gemeinde. Die "Laien" sagen zu den Profis: "Ihr seht viel zu wenig, daß wir alles, was wir für die Kirche tun, in unserer Freizeit machen müssen. So viel Freiheit wie ihr möchten wir auch mal haben! Wie großzügig und eigenmächtig ihr mit eurer Zeit umgehen könnt!" Die Hauptamtlichen wiederum sagen: "Was wißt ihr schon, wie es bei uns aussieht! Wie wir das innerlich wegstecken sollen: Da haben wir uns die Woche über so viele Stunden auf den Gottesdienst, die Predigt vorbereitet, und dann kommen doch wieder nur so wenig Leute, und immer dieselben Gesichter. Und bei den Konfis: immer geht alles andere vor, keine Unterstützung mehr von den Eltern. Ihr habt ja keine Ahnung, wie einem das zusetzen kann. Und das mit der Zeit: wir würden auch gern Freitags um 16 Uhr Schluß machen und ein freies Wochenende genießen". - Es ist wie so oft in der Kirche: beide Seiten haben irgendwie Recht. Und das macht es so schwierig.

II.

Und nun fragt uns Gott durch seinen Apostel: "Du aber, warum richtest du deinen Bruder? Oder du, warum verachtest du deinen Bruder?" Hier ist also jeder von uns ganz persönlich gefragt: Wo habe ich ein Urteil über einen von der anderen Seite abgegeben, das ihn hoffnungslos festlegt, das keine Korrektur mehr zulässt, das gar nicht ernsthaft nach den tieferen Motiven für seine Haltung fragt, das ihn vor den anderen disqualifiziert? Wo war und bin ich mit meinem Urteil zu schnell fertig, wo habe ich verächtlich über den Bruder, die Schwester von der anderen Seite geredet oder mindestens bei mir selber gedacht?

Liebe Freunde, das ist deshalb ein so ernstes Problem, weil ich mich damit als Richter aufgespielt, und das heißt im biblischen Sinn: an Gottes Stelle gesetzt habe. Daß der Mensch sich das Richteramt angemaßt hat, das ist ja nach der uralten biblischen Geschichte vom Sündenfall der harte Kern seiner Begierde, wie Gott sein zu wollen - also seiner Sünde (Gen 3,5). Das heißt ja Sünde: nicht dieser oder jener Verstoß gegen dies oder jene Vorschrift, sondern daß ich vergessen habe, daß ich nicht über dem anderen stehe, sondern wie er und mit ihm unter und vor Gott. Und vor Gott habe ich nicht über den anderen, sondern ausschließlich über mich selbst Rechenschaft abzulegen. Paulus sagt das hier eindeutig und unmißverständlich: "Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. (…) So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben." Nicht wie der andere von der ihm geschenkten Freiheit Gebrauch gemacht hat, werde ich also gefragt werden, sondern was ich selbst damit gemacht habe.

"Darum laßt uns nicht mehr einer den anderen richten", fährt Paulus fort. Wohlgemerkt, es heißt keineswegs: Es wird überhaupt nicht mehr gerichtet! Sondern: Einer wird richten! Das letzte Wort sprechen nicht wir, sondern Er. Wir werden durchaus nicht aufgefordert, alle Katzen grau sein zu lassen, neutral zu bleiben, alles als erlaubt anzusehen. Die Freiheit des Evangeliums als Befreiung vom Zwang, endgültig richten und urteilen zu müssen, bedeutet keineswegs die Aufforderung zur Unverbindlichkeit, die Einladung zu einer Haltung nach dem postmodernen Motto "Anything goes". Solange wir in dieser noch nicht endgültig erlösten Welt leben müssen, in der Schuld, Ungerechtigkeit, Sünde Realitäten sind, kommen wir gar nicht darum herum, zu urteilen, um uns einen gangbaren Weg durch das Dickicht der vielen Gefahren und Verlockungen zu bahnen. Die Justiz ist in der unerlösten Welt eine Notwendigkeit und Wohltat.

Also: Urteilen, entscheiden - ja. Aber aburteilen, verurteilen - nein. Das ist und ein für alle Mal verboten. Unsere Urteile sind niemals abschließend und endgültig, sondern prinzipiell nur vorläufig - immer offen für Korrekturen. Wir sind nie fertig mit dem anderen, und können ihn darum nicht fertig machen. Wer vor Gott als seinem endgültigen Richter einmal auf die Knie gehen wird, darf den anderen nicht in die Knie zwingen mit seinen Urteilen. Manchmal, wenn wir PfarrerInnen anläßlich eines Geburtstages oder eines Sterbefalls in ein Haus kommen, kann man erschrecken über die Härte und Endgültigkeit, mit der bis in engste familiäre Bande hinein übereinander geredet und geurteilt wird. "Mit dem bin ich fertig" - diesen Satz habe ich mehr als einmal zu hören bekommen bei meinen Besuchen. Wenn das aus dem Mund von Menschen kommt, die sich als Christen verstehen, macht das sehr ratlos.

"Darum laßt uns nun nicht mehr einer den anderen richten", das heißt dann positiv gewendet: wir haben alles erst noch zu erwarten, es ist noch nichts ausgemacht. Ich lasse es mir also verboten sein, mich selber zum Maßstab zu erheben, an dem ich den anderen messe. Er muß nicht so sein wie ich. Ich respektiere, daß er eine eigene Christusbeziehung hat. Den Bruder, die Schwester von der anderen Seite nicht zu richten, das schließt eine Herausforderung an uns ein, die schwierig, aber auch schön ist: nämlich, ihn von seiner Lebensgeschichte, seinen Erfahrungen her verstehen zu suchen. In einem alten indianischen Gebet heißt es: "Hilf mir, daß ich niemanden richte, ehe ich nicht einen halben Monat in seinen Mokassins gegangen bin." Erst wenn ich eine Ahnung bekomme, welche einsamen Wege der andere vielleicht hat gehen müssen, was ihn dabei möglicherweise verletzt und bitter gemacht hat, erst dann kann ich wagen, so etwas wie ein Urteil über ihn zu finden. Das geht nicht, ohne daß wir aufeinander zugehen und uns auch öffnen, in unser Leben hineinschauen lassen.

III.

Was daraus konkret folgt, sagt Paulus am Ende unseres Abschnitts. "Laßt uns nicht mehr einander richten, sondern richtet euren Sinn vielmehr darauf, daß keiner seinem Bruder Anstoß oder Ärgernis gibt". Das also möchte Gott von mir, daß ich mich immer mal wieder frage: bin ich dem anderen hinderlich, bringe ich ihn in Unsicherheiten ins einem Glauben durch meine Entscheidungen, meinen Gebrauch der Freiheit? Irritiere ich ihn? Meistens betrifft das nicht die wirklich entscheidenden "letzten" Dinge, sondern, wie Bonhoeffer das nannte, die "vorletzten". Aber es ist wichtig zu sehen, daß auch die nicht einfach belanglos sind.

Vor Jahren entstand Unruhe um den Pastor einer Gemeinde auf Rügen, weil er seinen Konfirmandenunterricht immer mal wieder am FKK-Strand abgehalten hat. Auch wenn damals noch keiner von Mißbrauch durch Kirchenleute sprach, aber die Frage, ob eine solche Unterrichtspraxis nicht Menschen irritiert, hätte sich jener Kollege schon stellen können. Genauso wie die Frage, ob es klug ist, wenn wir PfarrerInnen uns vor einer Wahl öffentlich zu einer Partei, einem Kandidaten bekennen. Oder wenn wir einen Lebensstil praktizieren, wie er jetzt vom zurückgetretenen Augsburger Bischof bekannt geworden ist. Das sind sicherlich alles Dinge, die im Letzten Gericht nicht an vorderer Stelle stehen. Aber hier sieht es eben anders aus. Hier muß ich als Pfarrer so sensibel sein, zu ermessen, ob ich einen anderen so beirre oder vor den Kopf stoße, daß er mir mein Wort nicht mehr abnimmt, wenn ich ihm das Evangelium nahe bringe.

Eins jedenfalls ist klar, und das hat schon Paulus genau gewußt: es wird in einer lebendigen Kirche immer Menschen und Gruppen unterschiedlicher Prägung geben. Solche, die zur Verbindlichkeit befreit, und solche, die zur Freiheit verbunden sind. Und das wird nie ohne Auseinandersetzungen, ohne Leiden und Fragen aneinander abgehen. Das war nie anders und wird, solange es die Kirche gibt, nie anders sein. Nur tote Christen fallen einander nicht mehr zur Last. Als Karl Barth gegen Ende seines Lebens einen Vortrag über die "Letzten Dinge" - also die Fragen von Tod, Auferstehung, Gericht, Ewigkeit und Verdammnis - gehalten hatte, wurde er bei der Diskussion hinterher von einer frommen Diakonisse gefragt: "Sagen Sie, Herr Professor, werden wir in der Ewigkeit unsere Lieben wiedersehen?" Barth antwortete: "Gewiß, gnädige Frau - aber die anderen auch!"

Liebe Schwestern und Brüder, ich denke, wir haben Paulus dann richtig verstanden, wenn uns aufgeht: Wir sind zu einer Art "kopernikanischen Wende" in unserem Denken aufgefordert. So wie weiland Kopernikus herausfand: nicht unsere Erde ist der Fixpunkt, um den alle anderen Gestirne kreisen, sondern die Erde bewegt sich gemeinsam mit den anderen Planeten um die Sonne, so sollen wir entdecken: nicht ich mit meiner Glaubensprägung, meinen Überzeugungen bin der Maßstab, an dem ich die anderen messe, sondern wir alle miteinander kreisen gemeinsam um Jesus Christus als die Sonne, von der wir das Licht unseres Lebens empfangen. Und dann merke ich, daß sein Licht auch den anderen bescheint, dessen Glaubenspraxis mir bisher fremd, vielleicht sogar verdächtig war.

Es wird für unsere Kirche, gerade auch hier in Freiburg, viel davon abhängen, ob es uns gelingt, so miteinander umzugehen. "Darum laßt uns nun nicht mehr einer den anderen richten", meint Paulus. Nun nicht mehr. Also: von heute, von diesem Gottesdienst an.

Amen.

Lieder: 617,1+3+6 / 325,1+3 / 495,1-4 / 133,7+8+11 / 579