"Im Sieb des Satans gerüttelt" - Liedpredigt über EG 361
Kantate - 2.05.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Verzeiht, daß ich Euch Sorgen mache, aber ich glaube, daran bin diesmal weniger ich, als ein widriges Schicksal schuld. Dagegen ist es gut, Paul Gerhardts Lieder zu lesen und auswendig zu lernen, wie ich es jetzt tue." So heißt es in dem ersten Lebenszeichen Dietrich Bonhoeffers an seine Eltern aus dem Gefängnis Berlin-Tegel nach seiner Verhaftung im April 1943. Seine vielen erhalten gebliebenen Briefe aus den zwei Jahren seiner Haft, zumeist an seinen Schüler und späteren Biographen Eberhard Bethge gerichtet, sind unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" bekannt - längst ein Klassiker der geistlichen Literatur. Der Bezug auf Paul Gerhardt zieht sich durch diese Gefängnisbriefe hindurch wie ein Basso continuo durch eine barocke Sonate.

Noch einmal ein Zitat aus jenem ersten Brief: "In den ersten 12 Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde, hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt, dazu die Psalmen. Ich bin in diesen Tagen vor allen schweren Anfechtungen bewahrt worden." Auch anderen wollte Bonhoeffer an dieser Erfahrung mit den Versen Paul Gerhardts Anteil geben; deshalb fügte er seinen Gebeten für Mitgefangene am liebsten solche Verse bei: "Unverzagt und ohne Grauen / soll ein Christ, wo er ist, / stets sich lassen schauen. Wollt ihn auch der Tod aufreiben, / soll der Mut dennoch gut / und fein stille bleiben." Und unmittelbar nach der für ihn niederschmetternden Nachricht vom Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 heißt es in einem der Verzweiflung abgerungenen Brief: "Es kommen Stunden, in denen man sich mit den unreflektierten Lebens- und Glaubensvorgängen genügen läßt. Dann freut man sich ganz einfach an den Losungen des Tages (...) und man kehrt zu den schönen Paul-Gerhardt-Liedern zurück und ist froh über diesen Besitz."

I.

Dietrich Bonhoeffer steht mit dieser Erfahrung nicht allein. Viele andere können sie bestätigen. Über die Generationen und Jahrhunderte hinweg ist Paul Gerhardt für Ungezählte zum sprachmächtigen Deuter der elementaren Lebens- und Glaubenserfahrungen geworden. Und er hat sich zugleich einen unverlierbaren Platz im Kanon der deutschen Literatur erworben. Der große Literaturwissenschaftler Albrecht Schöne urteilt, Paul Gerhardts Lieder gehörten "neben Grimms Märchen und noch vor Luthers Bibelübersetzung und Dichtung zu den bekanntesten poetischen Texten überhaupt". 26 Lieder aus der Feder Paul Gerhardts enthält unser aktuelles Gesangbuch. Nur Martin Luther läuft ihm mit 31 Liedern den Rang ab. Wahrlich kein geringer Konkurrent - aber bei genauem Hinsehen stellt man fest, daß es sich bei Luther zu erheblichen Teilen um Übertragungen und Bearbeitungen älterer Texte und Hymnen handelt. So kann Paul Gerhardt bis zum heutigen Tag als der schöpferischste Dichter geistlicher Lieder in deutscher Sprache gelten.

Es mag ein edler Wettstreit entbrennen, welches von Paul Gerhardts Liedern einem das liebste und kostbarste ist. Viele werden "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" nennen - aber es bleibt eben an die jetzt endlich wieder anbrechende "liebe Sommerzeit" gebunden. "Ich steh an deiner Krippen hier" wird anderen in den Sinn kommen - aber es muß eben auch an der Krippe unterm Christbaum gesungen werden. Wieder andere werden den wunderbaren Choral "Wie soll ich dich empfangen" auf den Spitzenplatz setzen - aber der ist eben ganz auf die von stiller Konzentration auf das Kommen Gottes in die Welt geprägte Adventszeit bezogen. Sie sehen: Den Weg durch das Kirchenjahr kann man von Anfang bis Ende mit Liedern Paul Gerhardts gehen. Das Gleiche übrigens gilt vom Weg durch den Tag. Den ganzen Tageslauf kann man mit ihm besingen - von "Die güldne Sonne, voll Freud und Wonne" bis zu dem Abendlied "Nun ruhen alle Wälder", das von allen Paul-Gerhardt-Liedern insofern wohl das populärste ist, als es über Kirche und Christenheit hinaus zu einem echten Volkslied wurde. Und last not least nicht zu vergessen die Lieder, die das Singen selbst besingen: "Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust", oder: "Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön".

Aber bei all dem Reichtum dieser unvergänglichen Lieder ist es am Ende wohl doch so, daß die allermeisten in ihrem persönlichen Glauben, und im gemeinsamen Innehalten an den großen Wegmarken des Lebens zwischen Geburt und Tod immer wieder auf einen Paul-Gerhardt-Choral zurückkommen: sein großes Vertrauenslied "Befiehl du deine Wege". Dieses Lied ist in mancherlei Hinsicht ein besonderes Juwel. Wir singen die ersten beiden Strophen. -

II.

"So ein 'Befiehl du deine Wege' zum Exempel, das man in der Jugend in Fällen, wo es nicht so war, wie's sein sollte, oft und andächtig mit der Mutter gesungen hat, ist wie ein alter Freund im Hause, dem man vertraut und bei dem man in ähnlichen Fällen Rat und Trost sucht." Matthias Claudius hat das gesagt. Dieses Lied gibt einer ganz elementaren Glaubenserfahrung Gestalt: "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird's wohl machen": so heißt es im 37. Psalm. Auch unter uns sind sicher solche, die mit diesem Wort als Denkspruch zur Konfirmation eingesegnet worden sind. Diesen Psalmvers von dreizehn Wörtern hat Paul Gerhardt nun zu einer umfangreichen Dichtung umgeformt. Er benutzt dabei die Kunstform des sog. Akrostichon und läßt die zwölf Strophen des Lieds der Reihe nach mit den einzelnen Worten des Psalmverses beginnen - nur die beiden Worte "dem Herren" läßt er als Beginn der zweiten Strophe zusammen stehen. Diese kunstvolle Form ist besonders einprägsam. Die meisten Älteren unter uns haben deshalb das ganze Lied in ihrem Konfirmandenunterricht gelernt; wenn man den Anfang jeder Strophe leicht erinnern kann, merkt sich auch das Ganze leichter. Auch wenn das heute vielen wohl schrecklich "konservativ" klingt - ich fände es toll, wenn das Lernen eines solchen Liedes auch heute wieder erlaubt und nicht als mechanisches Auswendiglernen verpönt würde.

Aber auch denen, die das Lied nicht im Ganzen behalten, prägen sich die dichten Sprachbilder aus ihm wie von selber ein: "Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn, / der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann": welche sprachliche Meisterschaft zeigt sich in den beiden Gruppen von jeweils drei Substantiven. Wolken, Luft und Winde - Wege, Lauf und Bahn. Aber auch seelsorglich ist das von hoher Kunst. Seit Jahren rezitiere ich diese erste Strophe bei jeder Bestattung, und zwar immer dann, wenn ich von der Trauerfeier zum letzten Weg mit dem Verstorbenen hin zum Grab überleite. Öfters sagen mit die Angehörigen hinterher, wie gut es ihnen in jenem schweren Moment getan hat, das zu hören: "…der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann". - Die hohe Kunst dieser Dichtung zeigt sich aber auch an etwas anderem. Paul Gerhardt hat diesem Choral ein Versmaß, eine Metrik gegeben, die es möglich macht, ihn auch auf etliche weitere Melodien seiner Lieder zu singen. Das wollen wir heute am Kantate-Sonntag einmal unternehmen. Zumal die Melodie, unter der es in unserem Gesangbuch steht, in ihrer herben Sprödigkeit eigentlich gar nicht zu diesem von der beschwingten Fröhlichkeit des anbrechenden Sommers geprägten Sonntag paßt. Wir singen jetzt die Strophen drei und vier, und zwar auf die Melodie seines Liedes "Du meine Seele, singe". -

Die künstlerische Leichtigkeit dieser Dichtung ist freilich kein Selbstzweck. Ein Vertrauen in Gottes Güte wird vermittelt, das den Kränkungen, die unser Herz erfährt, standhält. Keinem Leben bleiben bittere Enttäuschungen erspart. Uns allen widerfährt, was mit unseren Vorstellungen von uns selbst, den Sehnsüchten vom gelingenden Leben nicht zusammengeht. Die größte Enttäuschung, der tiefste Schmerz ist der Tod zur Unzeit. Paul Gerhardt hat ihn an vier seiner fünf Kinder und an der eigenen Frau schrecklich erlebt. Ein wahres Hiobsschicksal! Sein Gottvertrauen ist aus der Tiefe eigener Leiderfahrung geboren. Das spürt man dem Lied ab. "Und ob gleich alle Teufel / hier wollten widerstehn, / so wird doch ohne Zweifel / Gott nicht zurücke gehen": wir singen die Strophen fünf und sechs, auf die Melodie, die Bach in der Matthäuspassion unserem Choral gegeben hat, nämlich "O Haupt voll Blut und Wunden". -

Keine Frage, daß solches Gottvertrauen in unserer Zeit, die Gott nicht mehr akzeptiert, es sei denn er ist erkennbar der Garant für ein "gelingendes Leben", Widerspruch provoziert. Kein Geringerer als Bertolt Brecht hat versucht, in einer Imitation von Paul Gerhardts Sprachform dessen Gottvertrauen durch das Vertrauen des Menschen auf sich selbst zu überbieten und damit zugleich ad absurdum zu führen. Eine der drei Strophen seines "Lobgesangs" geht so: "Es kann dir nichts geschehen / Solang du nicht entfliehst / Im Guten wie im Wehen / Den gleichen Himmel siehst / Und Wolken, Luft und Winden / Hast du ja nichts getan / Es wird sich niemand finden / Der dich verstoßen kann." Der seltsam optimistische Glaube an die Unangreifbarkeit des Menschen, der auf Gott nicht angewiesen ist, wird trotzig dem Vertrauen entgegengestellt, daß allein Gottes Güte unser Leben in Segen verwandelt. Aber noch einmal: ein oberflächliches Vertrauen ist das nicht. Es ist widrigen Erfahrungen abgerungen. "Ihn, ihn laß tun uns walten, / er ist ein weiser Fürst / und wird sich so verhalten, / daß du dich wundern wirst." Wir singen die Strophen sieben und acht, nach der Melodie von "Lob Gott getrost mit Singen". -

III.

Im Jahr 1643 kam Paul Gerhardt von seinem Studienort Wittenberg nach Berlin. Dort entstanden seine ersten geistlichen Gedichte, die er noch als "Student der Theologie" zeichnete. Er war da zwar schon 36 Jahre alt, sein Brot verdiente er, wie das früher für examinierte Jungtheologen so üblich war, indes keineswegs schon als Pfarrer, sondern als Hauslehrer, beim Kammergerichtsadvokaten Berthold, dessen Tochter er später heiratete. Schon auf diese Zeit geht die Verbindung zu dem Kantor der Berliner Innenstadtkirche St. Nicolai, Johann Crüger, zurück. Crüger, ein genialer Musiker und Komponist, gilt als der eigentliche 'Entdecker' Paul Gerhardts. Er brachte ein eigenes Gesangbuch heraus, das damals weit verbreitet war. In ihm wurden viele Texte Gerhardts veröffentlicht, oft mit Melodien Crügers, in dem Gerhardt sein kongeniales musikalisches Alter ego gefunden hatte.

1653, in dem Jahr, in dem "Befiehl du deine Wege" entstand, verließ Paul Gerhardt Berlin wieder, um in Mittenwalde seine erste Pfarrstelle anzutreten. Die Zeit dort war fruchtbar, aber auch von Konflikten durchzogen. Gerhardt war kein einfacher Zeitgenosse. Vor allem mit der Verwaltungsarbeit tat er sich schwer. Er war nebenher auch noch Propst und hatte die umliegenden Pfarreien zu beaufsichtigen, für ihn eine lästige Pflicht. Schon nach vier Jahren kehrt er erleichtert nach Berlin und zu Crüger zurück, weil er zum Pfarrer an St. Nicolai gewählt worden war.

Dort erfährt er schnell eine große öffentliche Resonanz auf sein Wirken. Zugleich wird er einer der härtesten Kämpfer im sog. Berliner Kirchenstreit. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, selbst reformierten Bekenntnisses, wollte den andauernden Querelen zwischen der lutherischen Mehrheit und der reformierten Minderheit im Preußen ein Ende machen - vor allem im Blick auf die Pfarrerschaft. Die rabies theologorum, wie Melanchthon das 100 Jahre vorher genannt hatte, das Gekeife und Gezeter der protestantischen Theologen war dem Kurfürst, dem auch aus politischen Gründen an einer geschlossenen Geistlichkeit gelegen war, ein Dorn im Auge. Paul Gerhardt gehörte zu denen, die sich der von oben verordneten Toleranz nicht fügen wollten. Er berief er sich auf seine Ordinationsverpflichtung, die ihn ans lutherische Bekenntnis band, ebenso wie auf seine Gewissensfreiheit. Er nahm dafür die Amtsenthebung in Kauf, trotz großer Proteste in der Berliner Öffentlichkeit. Zuflucht fand er in Lübben im Spreewald - weil das nicht zu Preußen, sondern zu Sachsen gehörte. Nach zehn eher mühsamen Jahren als Pfarrer dort starb er, "im Sieb des Satans gerüttelt und geprüft", wie unter seinem Bildnis in der Lübbener Kirche steht - eine Anspielung auf das Jesuswort an Petrus, das beunruhigend und tröstlich zugleich ist: "Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre" (Lk 22, 31f). Dieses tiefe Angefochtensein durch den Teufel in seinen vielen Gestalten, aber auch die Kraft, gegen den unheimlich verborgenen Gott an den im gekreuzigten Christus uns zugewandten Gott glauben, sich an ihm festhalten zu können: beides hat Paul Gerhardt in seinem bewegten Leben intensivst erfahren. Wir singen die Strophen neun und zehn, auf die Melodie seines Chorals "Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich".

IV.

Von den siebzig Lebensjahren Paul Gerhardts waren dreißig von Kriegsgeschrei erfüllt. Todeserfahrungen bestimmten seinen Lebensweg; dem Konflikt um seines Bekenntnisses willen wich er nicht aus; den Verlust des Pfarramts an St. Nicolai in Berlin mit dem kongenialen Kantor Johann Crüger nahm er dafür in Kauf. Kein Leben, das wir nach unseren landläufigen Maßstäben so ohne weiteres "erfüllt" und "gesegnet" nennen würden. Aber in seinem Testament dankt Paul Gerhard Gott "zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat." Aus dieser Dankbarkeit heraus bittet er Gott, "er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen und meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen." Mit dieser Zuversicht gibt er seinem einzig überlebenden Sohn mit auf dessen Weg: "Bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich."

Eine solche Sprache ist uns heute fremd geworden. Aber was sie meint, die Sehnsucht nach einer so klaren Gestalt des eigenen Lebens, das gibt es auch heute. Und es bleibt möglich, dem eigenen Leben eine so klare Gestalt zu geben. Paul Gerhardts Ermutigung dazu trifft auch noch 334 Jahre nach seinem Tod: "Wohl dir, du Kind der Treue, / du hast und trägst davon / mit Ruhm und Dankgeschreie den Sieg und Ehrenkron; / Gott gibt dir selbst die Palmen / in deine rechte Hand, / und du singst Freudenpsalmen / dem, der dein Leid gewandt."

Amen.

Wir singen die beiden letzten Strophen 11 und 12, die - wie immer bei Paul Gerhardt - den Blick auf die Ewigkeit hin öffnen, und zwar auf die Melodie seines Adventschorals "Wie soll ich dich empfangen".

Lieder: 287,1-4 / 179,1+2 / 298,1-4 / 361,1-12 / 321,1-3