Predigt am Sonntag Exaudi - 16.05.2010
Epheser 3, 14-21: Vierdimensional


Lieder: EG 262, 1+2, 5-7 / 305, 1+4 / EG 130, 1-3+5 / EG 427,1-5 / 172 / EG 501, 1-4

Kanzelgruß:

Liebe Gemeinde,

die letzten Besucher des 2.ökumen.Kirchentags schnüren inzwischen ihre Rucksäcke zu, hier und da hängt ein Zipfel ökumenischer Gesonnenheit sichtbar an den Seiten heraus. Aus der einen Gemeinde vieler verschiedener Konfessionen in München kehren sie in ihre einzelnen Heimatkirchen zurück, die im Geist Gerüstigten jungen und alten, Männer und Frauen, damit auch wir Hoffnung haben. Denn selbst in unserem doch verhältnismäßig unbestreitbar reichem deutschen Land zeigt sich die Kirche immer mehr mit Binnenproblemen beschäftigt (Missbrauchsskandale, Hauseigene Finanzkrise aufgrund von Kirchensteuerverringerung, erschöpfte Ehrenamtliche, überarbeitete Pfarrer, die an Zeitknappheit leiden, renovierungs-und sanierungsbedürftige Gemeinderäume und Kirchen, Ihnen fällt sicher noch mehr dazu ein). So ruft die Kirche durch das Beschränktsein auf ihr Innenleben Langweile hervor oder erweckt den Eindruck, am Leben der anderen vorbeizulaufen.

Wieviel Kirche braucht Deutschland noch? lautete die Frage in einer der Podiums-Diskussionen auf dem Kirchentag. Wir können sie als Provokation oder als Herausforderung verstehen. Die Aussage eines dort anwesenden Atheisten und Kirchenkritikers (KO-Organisator des Buskampagne die uns erzählen will, man kann auch ohne Gott glücklich sein, muss uns jedoch zu denken geben. Er sagt: "Ob man an Gott glaubt oder nicht, ändert nichts daran wie man sein Leben lebt."

Wo Kirche in aller Öffentlichkeit zur Irrelevanz erklärt wird, ist es höchste Zeit, dass Christen aller Konfessionen beginnen, die Köpfe wieder zusammenzustecken und das zu unternehmen, was unserem gemeinsamen christlichen Auftrag entspricht. Das ist nicht vorrangig die perfekte Lösung zu finden auf unsere zum Teil selbst gemachten innerkirchlichen Krisen, sondern es wird Zeit, dass wir von Kirchens uns den dringenden gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart stellen. "Ich wünsche mir, dass von diesem Kirchentag ein ehrlicher Umgang mit den Fragen der Zeit ausgeht. Sagt Lukas, ein junger Mann, 28 Jahre alt, aus Berlin - junge Männer seines Alters kommen eher selten in unsere Kirchen.

Keine weltfremde Kirche geht auf Jesus zurück, sondern eine, die sich mit den Themen auseinandersetzt, die Menschen unserer Zeit bewegen. Das war schon immer eines der Hauptanliegen des Kirchentags, einer Laienbewegung vom Besten, Kirche in der Welt zu sein. Sich vornehm zurückzuziehen aus allen Krisen, ist keine christliche Option, sich bekleckern zu lassen vom Alltagsgeschäft, gehört mit zu unserem Handwerk. Weil es sehr wohl einen Unterschied für unser Leben und das Leben der anderen macht, ob wir an Gott glauben.

Darauf weist uns der Predigttext für diesen Sonntag zwischen Himmelfahrt, dem Fest, an dem wir wie die Kirchentagsbesucher ruhig einmal den Kopf in die Wolken stecken dürfen, und dem unmittelbar bevorstehenden Pfingstfest, das uns wie die Rückkehrenden von der Reise in den bayrischen Himmel mit Begeisterung auf den Boden der Tatsachen zurückkehren lässt. Der Epheserbrief, aus dem ich im 3.Kapitel, Verse 14-21 lese, nimmt uns auf eine Reise in eine ganz andere Richtung und erinnert uns daran, dass die Einheit der Kirche nicht nur ein Anliegen der versammelten Ökumene Münchens im ersten Viertel des 21.Jahrhunderts ist:

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,

16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,

17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,

19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.

20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,

21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Von Anfang an gehörte es zur Berufung der Kirche die Einheit der Gemeinde in der Vielfalt ihrer Gaben zu suchen, damit sie Wirkung zeigt, in der Welt, in der wir leben. Auch und gerade in den geistigen und wirtschaftlichen Zentren der Macht, wie der Stadt Ephesus. Damals lag sie im Osten des Römischen Reichs, heute noch wird sie von unzähligen Besuchern auf ihren Urlaubsreisen in den Westen der Türkei bestaunt. Selbst ihren Trümmern sieht man ihr den Glanz der Vergangenheit noch an. Bis zu 300000 Menschen sollen dort zeitweise gelebt haben. Mehr als die Einwohner Freiburgs. Die Stadt imponierte durch ihre kulturellen Leistungen, ihre Gebäude, den Tempel der Fruchtbarkeits-Göttin Artemis, eines der sieben Weltwunder. Und sie hinterlässt mehr als nur einen flüchtigen Eindruck auf ihre Besucher. Kein Wunder, dass der Apostel Paulus sie zu einer wichtigen Station auf seiner Reise im Glauben machte. Hier vibrierte das Leben. Zusage und Anspruch des Evangeliums gehörten mitten darunter, sollten den Menschen eine neue Dimension eröffnen.

Es gibt eine Straße in Ephesus, die man die Marmorstraße nennt. Der Länge nach betrug sie vier Kilometer. Auf großen, ebenmäßigen Marmorsteinen trägt sie heute wie damals ihre Besucher an die unterschiedlichsten Orte der Erkundung. Von der großartigen Bibliothek des Celsus, Stätte par excellence geistiger Herausforderung, bis hin zum Theater der Stadt öffnen sich die Tore dem, was Sinn und Herz der Menschen bewegt und anlockt. Wer sich auskennt, erkennt an dem Frauenkopf neben dem linken Fußabdruck und dem Herzen einprägt in den Marmorstein, das hier einst der Eingang zum Freudenhaus lag. Was haben die Menschen, die hier entlanggingen, mit sich getragen, was haben sie abgelegt, erfahren, was hat sie getrieben und weiterbewegt? Welche Facetten menschlicher Lust, menschlichen Leidens hat sich auf dieser Straße sonst noch eingeprägt?

Der Brief an die Epheser, aus dem unser Predigttext kommt, war nicht nur an die Bewohner der Stadt, wenn überhaupt, gerichtet. Der Name Ephesus taucht in den ältesten Handschriften ja nicht einmal auf. Das lässt ahnen, es handelt sich hier wohl ein Rundschreiben an die Kirche schlechthin und somit auch an uns, die wir hier im Namen Jesu Versammelte sind, an diesem Morgen.

Der Brief als Ganzes liest sich wie ein einziger Lobgesang, der uns aufruft, uns in die Gnade Gottes hineinzuknien. Womöglich wurde er in der Alten Kirche gerade in der Pfingstzeit in Auszügen gelesen. Er will uns aufrütteln mit dem ältesten der Tauflieder, die uns daraus erhalten sind: "Wach auf du Schläfer, steh auf von den Toten, Christus wird dein Licht sein!" Dahin also geht die Richtung. Es geht ums neue Leben in Christus, zu dem Gott uns von vornherein bestimmt hat. Wir, das ist die Kirche in ihrer Gesamtheit. Stärken sollen wir uns lassen, tief verwurzeln und fest gegründet sein.

Liebe Gemeinde,

nicht, was schon ist, sondern was noch werden kann aus der Gemeinde, die im Glauben an Christus geeint ist und auf den Straßen dieser Welt ihren Weg zieht, darauf öffnen uns dieser Predigttext den Blick. Er enthält keine konkreten Anweisungen, wie wir uns in dieser oder jener Lebenslage verhalten sollen. Er liefert uns keine ethische Gebrauchsanweisung, die für uns klärt ob die Pille ein Geschenk Gottes ist, wie es unsere ehemalige EKD-Bischöfin Margot Käßmann gerade auf dem Kirchentag sagte, oder reine Menschensache wie es Erzbischof Zollitsch sieht. Und doch stellt der Predigttext etwas Entscheidendes klar. Am Anfang jedes christlichen Engagements steht die Vertiefung und das bedeutet auch die bewusste Auseinandersetzung mit unserem christlichen Glauben. Sie bringt uns weiter.

Damit wir endlich begreifen, welches die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe unserer Berufung ist, wie sie in jeden Bereich, jede Dimension des Menschlichen hineinreicht. Ich finde es faszinierend, wie hier die Rede von einer vierten Dimension ist. Es lässt mich aufmerken wie oberflächlich und eindimensional wir in diesem Land die Freiheit der Kirche für selbstverständlich nehmen: Die einen, die von außen auf uns schauen, können sich eine Gesellschaft ohne unser Mitwirken zwar nicht vorstellen, aber die Botschaft von Jesus Christus erklären sie für irrelevant, es gibt für sie keinen Gott; die anderen, die Kirche von der Innenseite her sehen, also wir, tun so, als ob wir tatsächlich der Mehrheit der Menschen in diesem Land noch etwas mehr bedeuten als kulturelle Nettigkeit.

Die Fürbitte für die Gemeinde, und hier ist die Gemeinde im weitesten Sinn gemeint, nicht einzelne Predigtbezirke, bezaubert mich in ihrer Eindeutigkeit und Aussagekraft. Es geht um die ganze Fülle Gottes, zu der wir uns aufmachen sollen.

Wir dagegen verlieren uns so oft im kirchlichen Kleinkram, dem Wust unserer ungeordneten Sehnsüchte. Während wir dieses oder jenes Revier verteidigen, hauptsächlich von Predigtbezirk zu Predigtbezirk denken, sprechen andere von brennenden Themen in unserem Land wie dem Recht der freien Religionsausübung, das nicht nur für uns Christen gilt. Wo stehen wir im Miteinander der Religionen in unserem Land? Ist es ein bloßes Dulden oder sind wir in unserem christlichen Glauben kompetent genug, um Barrieren zu durchbrechen, um Miteinander für den sozialen Frieden zu sorgen.

Können wir ohne Privilegien Kirche sein wie zum Beispiel die Kirchensteuer oder lernen wir, das Beste aus diesen Privilegien zu machen? Dass wir in Freiheit jeden Sonntag uns zum Gottesdienst versammeln können, dass wir in den Schulen durch Religionsunterricht präsent sind, dass wir Glocken läuten lassen können, und so auf uns alle aufmerksam machen, die auf der Straße vorüber gehen. Selbst der Schaukasten sollte keine Selbstverständlichkeit sein.

Die Fürbitte macht mich allerdings auch betroffen, denn ich frage mich, worum wir Gott heute noch bitten. Öffentlich und im stillen Kämmerlein, wenn überhaupt. Trauen wir Gott inzwischen so wenig zu, dass wir es aufgegeben haben, um die Fülle zu bitten, die er uns verspricht? Geben wir uns mit wenig in der Kirche zufrieden auch wenn wir viel haben könnten?

Als Pfarrerin denke ich hier insgeheim an die ungeahnten Möglichkeiten, die uns die Zusammenarbeit in der Pfarrgemeinde Ost zu bieten hat. Unsere Gemeinden im Predigtbezirk Christus und Petrus/Paulus bekommen jetzt nicht mehr nur einen Pfarrer am Sonntag, sondern im Wechsel drei. Nicht jeder von uns ist gezwungen alle Arbeitsbereiche in seinem Predigtbezirk gnadenlos abzudecken, ungeachtet der Gaben des Kollegen in der Nachbarschaft. Wir lernen unsere Gaben als Ehrenamtliche und Hauptamtliche besser zu teilen und einzusetzen. Unsere Gemeinden nehmen ihre gegenseitigen Stärken und Schwächen deutlicher wahr, so dass auch für sie neue Arbeitsbereiche, neue Ko-operationen in den Blick geraten können. Gewiss, es ist ein Schritt weg von der Kirche, die vorrangig sich selbst versorgen will und vor allem darauf bedacht ist, ihre eigenen Vorräte zu erhalten, ihr Revier zu verteidigen. Und es ist ein Schritt in Richtung der Kirche, die sich daran erinnert, dass sie von Anfang an dazu berufen ist, sich ins Weltgeschehen zu begeben, um dort Gott zu finden, der ihr ohnehin immer eine Schritt voraus ist. "Groß ist die Welt und lang währt die Zeit" schreibt der katholische Kollege Huub Osterhuis, dessen Lied wir gleich singen - Größer ist das, was Gott mit uns, den Menschen, die er zu seiner Kirche beruft, vorhat. Bitten wir um die Gnade, uns ein wenig mehr selbst zu vergessen und auf diese Dimension Gottes hin zu leben als seine eine Kirche, die jeden Bereich des Menschlichen ausschreitet. Amen.