Gottes Geist macht kleine Leute mutig - Predigt über Apostelgeschichte 2, 1-18
Pfingstsonntag - 23.5.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Ob es Ihnen mit dieser kuriosen Geschichte auch so geht wie mir? Ich finde sie ganz schön verwirrend. Irgendwie gewinnt man den Eindruck, als sei Lukas, eigentlich ein meisterhafter Erzähler, mit diesem Stoff nicht zu Rande gekommen. Fangen wir einmal mit dem Ende an. Da berichtet Lukas über die Reaktion der Öffentlichkeit auf das Sprachenwunder: "Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein". Im Klartext: Die haben viel zu tief ins Glas geguckt, die sind so voll, daß man sie nicht mehr für voll nehmen kann. In den meisten Auslegungen unseres Textes werden diese Spötter schnell ins Abseits gespielt, als Verächter des Glaubens und der Kirche gebrandmarkt. Und flott werden dann Parallelen gezogen zu den Skeptikern und Atheisten von heute. Aber wenn ich so über diese spottlustigen Leute nachdenke, dann frage ich mich, ob man es sich damit nicht zu leicht macht. Ich glaube nämlich: in Wahrheit gehören die mit ihrer derben, ironischen Reaktion auf das Pfingstgeschehen nicht an den Rand. Sie reagieren ja nicht anders als wir auch: sie stellen Ungereimtheiten fest. Darauf versuchen sie sich einen menschlich sehr naheliegenden Reim zu machen. Und wenn wir richtig hinsehen, müssen wir diese Ungereimtheiten auch feststellen.

I.

Zum Beispiel: wenn Pfingsten, wie wir gerne sagen, der Geburtstag der Kirche ist, dann wäre diese Erzählung ihre Geburtsurkunde. Aber was für eine! Von einer Geburtsurkunde erwartet man mit Fug und Recht präzise Angaben über Zeitpunkt, Ort und Identität der betroffenen Personen. Hier aber suchen wir solche eindeutigen Angaben vergebens. Wann findet das Ereignis statt? Der erste Vers spricht dafür, daß es an einem Abend war. Petrus hingegen behauptet dann in seiner Predigt, es sei am frühen Morgen. Und wo ist der Ort des Geschehens? Am Anfang ist von einem Haus die Rede. Wie aber soll die Masse von Menschen aus den verschiedensten Völkern, von denen dann berichtet wird, in einem Haus Platz finden? Hat sich das Ganze nicht eher, wie einige Ausleger vermuten, im Tempel zugetragen? Und schließlich: Wer sind eigentlich die Empfänger des Geistes? Der engere Jüngerkreis, oder aber jene 120 Personen, von denen es im Kapitel vorher heißt, daß sie nach der Himmelfahrt Jesu in Jerusalem beieinander blieben?

Die Wiege der Kirche steht also eher im Halbdunkel. Nirgendwo sonst im Neuen Testament wird übrigens auf das hier Berichtete Bezug genommen. Eine so unsichere Geburtsurkunde würde heute auf keinem Amt beglaubigt! Aber nun behaupte ich, daß diese Verworrenheit ihr Gutes hat. Denn sie bewahrt uns davor, mit dem Seltsamen dieses Pfingstgeschehens fertig zu werden und uns in allzu frommen, glatten Worten über Gottes Geist und seine Wirkungen auszulassen, darüber, wer ihn wohl hat und wer ihn auf keinen Fall hat. Vielleicht bekommen wir eine Ahnung von dem, was damals passiert sein könnte und was unser Kirchesein noch heute trägt, wenn wir uns dorthin stellen, wo wir ja ohnehin öfter stehen, als uns bewußt ist: eben zu jenen Spöttern am Rand. Das heißt: wenn wir uns nicht gleich abfinden mit plausiblen Erklärungen zum Pfingstwunder, sondern das Ungereimte, Unverständliche im Auge behalten.

Anders gesagt: Was Gemeinde Jesu ist, das geht nicht auf in glatten Formeln und Definitionen. Und so erreicht uns in dem Verwirrenden unseres Textes noch heute eine Wirkung dessen, was damals geschah. Worauf reagieren denn die Leute, die da sarkastisch das Geschehen kommentieren? Was war das eigentlich, dieses Pfingstwunder? "Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist es ihnen gab auszusprechen". Und nun berichtet Lukas, wie daraufhin viele der frommen Juden, die in Jerusalem zusammen sind, um 50 Tage nach Pessach das Erntedankfest zu begehen, zusammenströmen und fassungslos feststellen, daß jeder von ihnen die Jünger jeweils in seiner eigenen Sprache reden hört. Die Reaktion schwankt zwischen ungläubigem Entsetzen - "Sie wurden ratlos und sprachen: Was soll das bedeuten?" - und diesem derben Spott: "Sie sind voll von süßem Wein".

Natürlich ist das, was damals in Jerusalem passiert ist, nicht mehr historisch zu klären. Aber darum geht es auch gar nicht. Entscheidend ist, daß das eben kein Märchen aus der guten alten Zeit der ersten Christen ist, sondern daß es das auch heute gibt, daß Gottes Geist Menschen tiefgreifend verändert, in Bewegung bringt, in Begeisterung versetzt. Wer einmal bei einer der jungen Kirchen in Afrika, oder in den USA in einem Farbigengottesdienst gewesen ist, der weiß, was das ist. Gottes Geist ist in den fast 2000 Jahren seit Pfingsten immer wieder über das dürre Kirchenfeld geweht, hat totgeglaubte Gemeinden aufgeweckt, müde Christen in Fahrt gebracht, abgebrühte Figuren Feuer fangen lassen am Evangelium. Vor allem aber: er hat Menschen im ganz normalen Gottesdienst froh gemacht, getröstet, wieder aufgerichtet. Wenn wir davon gar nichts wüßten, wenn er uns nie angerührt hätte - dann wären wir jetzt sicherlich nicht hier.

II.

Das Pfingstgeschehen in Jerusalem hat jedenfalls alle Beteiligten außer Fassung gebracht. Es besteht wenig Grund zu der Befürchtung, es könnte uns heute ähnlich gehen. Wir leben in der gemäßigten Zone - nicht nur, was das Wetter betrifft. Und wir bilden uns etwas darauf ein. Als moderne Vernunftmenschen sind uns Begeisterung, erst recht Ekstase in Glaubensdingen verdächtig. Zumal uns nüchternen Protestanten. Kein Wunder, daß wir die, die den Glauben in erster Linie emotional, mit ihren Sinnen leben, lieber auf Distanz halten und schnell als sektiererisch ansehen. Das ist ein Ballast von Jahrhunderten, leider. Und so gibt es auch bei uns Christen, die aus unserer temperierten, trägen Volkskirche enttäuscht auswandern und sich einer "Charismatischen Gemeinde" anschließen, weil sie beeindruckt sind von den sichtbaren Wirkungen des Heiligen Geistes, die sich dort - tatsächlich oder vorgeblich - ereignen. Ich finde die Ausbreitung solcher Gemeinden sicher nicht toll. Denn manchmal ist es schockierend, die Selbstsicherheit zu erleben, in der die Menschen dort - es gibt sie auch in Freiburg - von ihrem Geistbesitz überzeugt sind und ihn denen, die in der Volkskirche bleiben, einfach absprechen. Sie tun so, als hätten sie Gottes Geist sozusagen auf Flaschen gezogen, jederzeit verfügbar. Aber dieser geistliche Hochmut enthält doch eine schmerzhafte Anfrage an uns: Haben wir uns vielleicht so mit unserer lauen, oft geist-losen Kirchlichkeit abgefunden, daß wir nichts Überraschendes, Außergewöhnliches mehr vom Heiligen Geist erwarten?

Liebe Gemeinde, wenn es einen Sinn hat, das Pfingstfest zu feiern, dann den, daß wir uns dieser unbequemen Frage stellen. Es ist nun einmal so: Hätte die Geschichte Jesu mit den Menschen mit Ostern und Himmelfahrt aufgehört, dann wäre das zwar eine schöne, aber eben eine abgeschlossene Geschichte. Sie wäre denkwürdige Vergangenheit, wir könnten die Jünger als Zeitzeugen des Auferstandenen beneiden. Aber wir hätten nichts davon. Dazu mußte das Pfingstwunder passieren, daß uns die Augen aufgehen und wir entdecken: diese Geschichte ist eben nicht zu Ende, die Sache Jesu geht weiter. Gottes Geist macht den Glauben möglich! Er sorgt dafür, daß auch diejenigen, die den Auferstandenen nicht mehr erlebt haben, ihn als ihren Retter erkennen. Ganz einfach gesagt: Ohne den Heiligen Geist keine Kirche, kein Christentum!

Fragen wir noch einmal: Weshalb diese Aufregung damals in Jerusalem? "Sie entsetzten sich und sprachen: siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?" Das war das Aufregende, aus dem Rahmen Fallende jenes Geschehens: daß es die "Galiläer" waren, die Gottes große Taten rühmten! Also ausgerechnet der versprengte Haufen der Jünger, die seit der jener Himmelfahrt Jesu, die sie nicht verstehen, der sie nur ratlos hinterhergucken konnten, eingeschüchtert und zurückgezogen vor sich hinlebten. Und überhaupt: "Galiläer", das ist alles andere als ein schmeichelhaftes Etikett! Galiläer sind Leute aus der von Jerusalem verachteten, rückständigen nördlichen Provinz, aus dem Mezzogiorno Israels. Hinterwäldler! Ausgerechnet die preisen, was Gott an ihnen getan hat. Woher nehmen sie diesen Mut, nach der Berg- und Talfahrt der Ereignisse und Gefühle, die sie seit Karfreitag erlebt haben?

Auch hier wird Petrus wieder zur Schlüsselfigur, diese schillernde, widersprüchliche Jüngerfigur. "Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte": Gut sieben Wochen erst her, da hatte er ängstlich, nur aufs eigene Überleben aus, seine Verbindung mit Jesus abgestritten. Jetzt auf einmal wird er zum mutigen Wortführer und stellt sich der aufgeheizten Menge. Was ist nur in ihn gefahren, daß er sich so mutwillig um Kopf und Kragen redet? So muß man wohl fragen. Denn dieser Mut, der den Petrus alle Angst vor den Aggressionen und dem Spott der Leute vergessen läßt, der kann nicht einfach aus ihm selber kommen! Sondern da ist im wörtlichen Sinn etwas in ihn gefahren, das von anderswoher kommt.

III.

Liebe Freunde, darin liegt etwas Grundsätzliches, und darin sind wir am Kern dessen, was Pfingsten ist: Kirche Jesu Christi lebt in einem letzten Sinn nicht von dem, was die Menschen an Kräften und Begabungen einbringen. Sondern sie lebt und erneuert sich aus dem, was gleichsam von außen auf sie, in sie kommt. Der christliche Glaube äußert sich wohl in den Erscheinungsformen von Religion - aber er ist in seinem Kern nicht Religion! Wir können unsere geist-lose Kirche nicht geistvoller, pfingstlicher machen. Das Pfingstwunder von Jerusalem, das können wir an unserem Text lernen, eignet sich nicht für charismatische Mätzchen oder ausgeklügelte Strukturprogramme. Die können schon sehr nötig sein, wie wir Freiburger ja mühsam und manchmal leidvoll gelernt haben. Aber das ist nur, um es mit Paulus zu sagen, die menschliche Arbeit an dem irdenen, tönernen Gefäß, das unsere Kirche in ihrer äußeren Gestalt ist. Den Schatz, der in zerbrechlichen Gefäßen durch die Welt getragen wird, den können wir nicht machen und zu uns holen. Ganz salopp ausgedrückt: in der Kirche leben wir davon, daß Gott uns - im wahrsten Sinn des Wortes - auf den Geist geht! Eine wirkliche, geistliche Erneuerung unserer Kirche, lebendigere Gemeinden, das kann nur Gott geben. Was wir dazu tun können, ist nur eins, und das ist allerdings sehr viel: darum beten. Deshalb sind unsere schönen Pfingstlieder fast durchweg gesungene Gebete um Gottes Geist und sein Kommen.

Pfingsten, das heißt also: Jesus Christus als Retter der Welt kann nicht mehr totgeschwiegen werden. Und eine Botschaft, die für viele fremd und gleichgültig geworden ist, wird plötzlich so verständlich, daß sie Herzen anrührt, Menschen aus ihrer Angst herausholt, nebeneinander Herlebende wieder zusammenbringt und sie so für die Welt zu interessanten Botschaftern macht. Das ist das wirkliche Wunder des heiligen Geistes! Die anderen Phänomene - Zungenreden, Heilungserfahrungen etc. - können immer nur Begleiterscheinungen sein. Sie können es, sie müssen es aber nicht. Ob sie passieren, ist allein Gottes Sache. Das läßt sich durch keine Frömmigkeit herbeizwingen. Es war also nicht das Sprachenwunder, das in Jerusalem diesen Aufruhr verursacht hat - sondern daß Jesus nicht länger in der Öffentlichkeit totgeschwiegen werden konnte, daß kleine Leute beim Weitersagen des Evangeliums plötzlich Kompetenz erhalten und andere zum Staunen und Nachdenken bringen.

Liebe Schwestern und Brüder: Wir wollen nicht aufhören, darum zu bitten, daß Gottes pfingstlicher Geist auch in unseren Gemeinden aufrichtet, was darnieder liegt, mit neuem Leben erfüllt, was müde und träge geworden ist. So wie ich es einmal in einem Gottesdienst in New York erlebt habe, wie sie beteten: "Spirit of living God, fall afresh on me" - Geist des lebendigen Gottes, komm auf mich herab: ganz neu, ganz frisch, ganz erfrischend! -

Das Selbe mit einem hintergründigen Bonmot gesagt: Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, daß die Kirche sterben wird? Antwort: Im Prinzip ja - aber dem heiligen Geist ist nicht zu trauen!

Amen.

Lieder: 136,1+2+4+7 / 130,1+2 / 124,1-4 / 127,1+2 / 331,2+3 / 135,1+2+4