"...denn dein Volk, Herr, ist viel größer" - Predigt über Epheser 4, 3-6.11-15
Ökumenischer Gottesdienst an Pfingstmontag - 24.05.2010, St. Johannes Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Der Epheserbrief gehört zu den Schriften des Neuen Testaments, die evangelische Theologen mit etwas spitzen Fingern anfassen. Das kommt nicht von ungefähr. Er ist eine Art Hymne an die Kirche, in einer ganz gehobenen, geradezu liturgischen Sprache. Ein solch hoher Ton ist uns nüchternen Protestanten fremd. Wir reden nicht so feierlich von der Kirche. Die ist nach unserem evangelischen Verständnis zwar unerläßlich, aber gewissermaßen nur als "Mittel zum Zweck", um es salopp zu sagen. -

Oder aber man ist so fasziniert von der Geschlossenheit und Schönheit des Bilds, in dem im Epheserbrief die Gemeinde Jesu gezeichnet wird, daß einem darüber das protestantische Bild von der Kirche irgendwann kümmerlich und unzureichend wird und man sich in ihr nicht mehr beheimatet fühlt. So ist es dem Theologen Heinrich Schlier gegangen, einem großen Neutestamentler. Dem wurde über der Arbeit an einem Kommentar zum Epheserbrief die eigene evangelische Kirche immer fremder - bis er schließlich in den 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts zum Entsetzen seines berühmten Lehrers Rudolf Bultmann den Bruch vollzog und katholisch wurde.

I.

Als Theologe bin ich in der Wolle gefärbter Protestant. Und doch kann ich gefühlsmäßig eine solche Entwicklung irgendwie nachempfinden. Wenn es im Kapitel 2 etwa heißt: "Ihr seid erbaut auf dem Grund der Apostel und der Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt ist zu einem heiligen Tempel in dem Herrn", dann ist das zwar meinem Reden von der Kirche schon etwas fremd, zugleich aber merke ich, daß ich angesichts der Kleinkariertheit und Diesseitigkeit unseres kirchlichen Betriebs manchmal Sehnsucht habe nach einem leuchtenden Gegenbild, in dem die Heiligkeit und Schönheit der Kirche festgehalten ist, die auch durch noch so viel menschliche Fehler und Kleinkariertheiten in ihr nicht angetastet werden kann. Als Menschen brauchen wir ja Projektionen, Gegenbilder gegen die glanzlose Wirklichkeit, das geht gar nicht anders. Und schließlich haben wir ja eben im Credo die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen bekannt, obwohl wir nicht erst seit diesem annus horribilis 2010 wissen, wie unheilig es in ihr zugehen kann. Dennoch wird das Bekenntnis dadurch nicht falsch oder unaufrichtig, sondern es hilft uns, nicht in den eigenen Defiziterfahrungen steckenzubleiben, sondern diese gewissermaßen zu transzendieren.

Ein Beispiel, auch wenn es zur Zeit nicht ohne Brisanz ist. Als vor einigen Jahren die katholische Kirche durch die vielen Mißbrauchsfälle durch Priester in den USA erschüttert wurde, sagte der damalige Papst Johannes Paul II. einen steilen, durch und durch katholischen Satz, der auf mich als Protestant aber dennoch Faszination ausübt: "Die Verfehlungen unserer Priester sind eine schlimme Sünde, für die wir um Vergebung bitten. Aber keine noch so große Sünde kann die wunderbare Schönheit des Kunstwerkes beschädigen, das die Kirche ist." Wie gesagt, das ist sehr katholisch. Einem evangelischen Bischof ginge so ein Satz nie über die Lippen. Aber manchmal beneide ich die katholischen Geschwister um diese selbstbewußte Freude am Mysterium der Kirche, die sie sich nicht so schnell nehmen lassen und in jeder Messe neu inszenieren. Eine Prise davon täte uns selbstzweiflerischen, ins Jammern verliebten Protestanten ganz gut!

II.

Der Epheserbrief besteht aus zwei gleich großen, klar unterscheidbaren Teilen. Der zweite beginnt genau mit unserem Predigttext. Er ist zwar, wie Sie vorhin beim Verlesen sicher gespürt haben, in der Sprache auch sehr feierlich-liturgisch. Aber worauf er zielt, das ist konkret. Man könnte auch sagen: Nach der hohen Dogmatik kommt jetzt die praktische Ethik dran. Oder anders gesagt: Der zweite Teil des Epheserbriefs handelt davon, daß das wunderbare Mysterium, das nach Ansicht des Verfassers die Kirche ist, auch nach außen erkennbar werden muß, und zwar in der Art und Weise, wie die Christen miteinander umgehen. Das Ganze gipfelt in einem großen Ziel, das der Verfasser so formuliert: "...damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen".

Hier erweist sich der uns unbekannte Verfasser deutlicher als im ersten Teil als der, der er nach Ansicht der Ausleger wohl gewesen ist, einer aus dem Schülerkreis des Apostels Paulus. Mündig werden, kompetent sein in den Fragen des Glaubens und diese nicht nur den Spezialisten überlassen - das war ja ein großes Anliegen in den Briefen des Paulus an seine Gemeinden. Es hat sie offenbar schon in der Urchristenheit gegeben, diese bedrückende Unmündigkeit, die auch uns in der volkskirchlichen Realität so zusetzt. Keine Ahnung mehr von den elementarsten Dingen unseres Glaubens, kein Gespür mehr dafür - um gerade nur ein Beispiel zu nennen -, daß das Amt des Taufpaten ein christliches Amt ist und nicht bloß allgemeine Fürsorge, und daß deshalb ein inneres Verhältnis zum Glauben und zur Kirche da sein muß, wenn man Pate werden will. Immer weniger Familien, in denen der Glaube noch irgendeine gelebte Gestalt im Alltäglichen hat, durch gemeinsames Beten, Singen, Erzählen biblischer Geschichten und dergleichen.

Die Folge ist ein enorm abgesunkener Grundwasserspiegel an Glaubenswissen, das zu früheren Zeiten bereits die Volksschüler hatten. Stattdessen hilflose Verwirrung in den Gemeinden, wenn Theologen miteinander streiten. Ein Theologieprofessor erzählte mir einmal, wie ihn Mitte der 90ger Jahre beim Streit um den sog. "Fall Lüdemann" Pfarrer baten, er müsse zu ihnen in die Gemeinden kommen und ein klares Wort sprechen, denn sie seien überfordert und wüßten nicht mehr, was sie zur Auferstehung Jesu predigen sollten. Da wird für mich die Rede von dem "Wind der Lehre" sehr anschaulich. Allein die jüngere Geschichte meiner Kirche bietet reichlich Anschauungsmaterial, wie heftig dieser Wind oft geweht hat. Da kann man verstehen, warum dem Epheser-Apostel die Einheit der Gemeinde so wichtig war. "...damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen". Dazu aber müssen Christen in der Lage sein, das dürfen sie nicht nur den theologisch Ausgebildeten überlassen. Es gibt ja nicht nur den oft kritisierten Theologenhochmut. Es gibt auch - und das scheint mir ein Problem v.a. in der katholischen Kirche - einen bequemen Laienhochmut, der die Bemühung um geistliche Urteilskraft allein den dafür Ausgebildeten überläßt.

III.

Worum geht es nun dem Verfasser in unserem Abschnitt? Die Antwort ist klar: Er mahnt die Gemeinde, die Einheit zu bewahren. Dieser Brief ist nämlich an eine Gemeinde geschrieben, in der vieles im Argen liegt. Viele der Christen in Ephesus stehen unter dem Eindruck der Eigengesetzlichkeit der Verhältnisse, und trauen Gott nicht mehr die Macht zu, Menschen und Welt noch zu verändern. Und es toben Grabenkämpfe zwischen Gruppen jüdischer und heidnischer Herkunft über den richtigen Weg, Kirche Jesu Christi zu sein. Dagegen hier wie ein Fanfarenstoß: "Ihr seid ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe." Anders gesagt: Wenn Gott einer ist, dann kann es auch nicht mehrere, zueinander in Spannung stehende Inhalte des Glaubens an ihn geben. Das kann aber gegenüber der Welt nur glaubwürdig rübergebracht werden, wenn auch ihr, als die Glieder des einen Leibes Christi, eins seid in der Hoffnung auf das, was der einzige Trost ist im Leben und im Sterben.

Es ist im vergangenen Jahrhundert, in dem - endlich - die ökumenische Bewegung entstanden ist, bei denen, denen es ernst ist mit ihrem Christsein, zur stehenden Rede geworden, die Gespaltenheit der weltweiten Kirche Jesu Christi als "Skandal" zu bezeichnen. Auch wenn diese Wendung mit der Zeit etwas billig und abgenutzt geworden ist, bleibt sie doch wahr. Denn es kann niemanden, der halbwegs sein Neues Testament kennt, gleichgültig lassen, wieviel Fremdheit, Mißtrauen, Besserwisserei es immer noch zwischen den Kirchen gibt. Zwar fahren die protestantischen Bauern am Fronleichnamstag nicht mehr demonstrativ mit ihrem Traktor auf der Prozessionsstrecke entlang und hängen umgekehrt die Katholiken am Karfreitag nicht mehr provozierend ihre Wäsche auf dem Balkon auf. Ein Fortschritt, gewiß. Aber gerade da, wo wir einander und unserem Gott am Allernächsten kommen, sind immer noch Mauern zwischen den Christen: wir können nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn. Nicht einmal Eheleute, wenn sie nicht beide katholisch sind! Wer darunter nicht leidet, der hat vom christlichen Glauben wenig verstanden.

Was aber auch gesagt werden muß, und zwar auch in einem ökumenischen Gottesdienst, denn sonst würde ich mein Evangelischsein verleugnen: Wir würden das Anliegen des Epheserbriefs überdehnen, wenn wir seinen Aufruf zur Einheit am Leib Christi als Ruf zur Uniformität hören würden. Der weltumspannende Leib Christi muß keineswegs auch in seiner sichtbaren Gestalt eine Weltkirche sein. Ein aseptisches Einheitsesperanto ist die Sprache des Glaubens ja schon in der Bibel nicht. Wie langweilig wäre das auch! Wenn im 1. Petrusbrief nicht ohne Grund von der "bunte Gnade Gottes" die Rede ist (1. Petr 4,10), dann sollen die, die durch diese Gnade zu Gliedern an einem Leib geworden sind, nicht nur eine Farbe tragen.

Könnte es vielmehr nicht sein - ich frage mich das manchmal -, daß das ganze Chaos der christlichen Kirchengeschichte mit all den Zerfaserungen in unterschiedlichste Kirchentümer nicht nur ein Skandal ist, dessen wir uns schämen müssen, sondern daß da auch das hineinverwoben ist, was Augustinus so genannt hat: In confusione hominum providentia dei?! Zu deutsch: in aller menschlichen Verwirrung kommt nach und nach auch Gottes vorausschauendes Handeln zum Vorschein. Vielleicht - ich frage das nur - ist es ja auch so, daß Gott die verschiedenen Konfessionen gewollt hat, weil er wußte, daß wir durch das Schmoren nur im eigenen Frömmigkeitssaft nicht zur tieferen Erkenntnis der Wahrheit des Evangeliums kommen, sondern daß wir durch das gegenseitige Kennenlernen, Sich-Befragen nach der Wahrheit im eigenen Glauben bereichert werden? Diejenigen jedenfalls, die sich im Gespräch mit Christen anderer Kirchen engagieren, geben genau das als ihren großen Gewinn in all den Mühen an.

IV.

Aber natürlich bleibt es dabei: Ihr seid "ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe": Das kann immer wieder nur ein schmerzhafter Stachel im Fleisch der weltweiten Christenheit sein, die in Kirchen, Konfessionen, Denominationen zerrissen ist. Wer einmal in den USA oder in Südafrika gesehen hat, wie dort mancherorts auf wenigen hundert Metern die Gotteshäuser von 10 verschiedenen Kirchen stehen, der empfindet das nicht mehr als Reichtum des Christentums, sondern als das Elend seiner Zersplitterung. Wir haben als die, die die una sancta ecclesia catholica et apostolica glauben, untereinander die Kirchengemeinschaft zu verwirklichen. Wie gesagt, das muß nicht heißen, daß wir nach dem Vorbild der römischen Kirche zu einer organisatorisch, rechtlich und rituell einheitlichen Weltkirche kommen. Dazu sind wir von unseren jeweiligen Traditionen her viel zu sehr in der Wolle gefärbt, und diese unterschiedlichen Farbtöne tun uns gegenseitig nur gut. "Um Gottes willen keine Vereinigung der Kirchen!" hat kurz vor seinem Tod der Grandseigneur der evangelischen Theologie Heinz Zahrnt ausgerufen. Um Gottes willen keine Vereinigung - das gäbe nur neue Konfessionen. Nicht Vereinigung, sondern Gemeinschaft.

"Ihr seid zu einer Hoffnung berufen; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe", das heißt also nicht: Ihr sollt alle in identischer Weise euren Glauben leben und davon reden. Es kann in verschiedenen Kirchen jeweils sehr anders gepredigt werden - es darf bloß nicht anderes gesagt werden! Die unsichtbare Einheit des Leibes Christi, die in geheimnisvoller Weise ja schon da ist und die wir nicht erst machen müssen, sondern die wir gleichsam nur anschaulich machen sollen, die ist ohnehin viel umfassender und unerschöpflicher, als daß sie in all unseren Theologien, unseren Predigten und Kirchenstrukturen jemals erfaßt und eingeholt werden könnte. Deshalb sollen wir durchaus verschieden bleiben - aber eben, nicht im feindseligen Nebeneinander, sondern, wie es in der letzten Jahren zu einem Leitmotto der ökumenischen Bewegung geworden ist, in "versöhnter Verschiedenheit". Denn es ist einfach wahr, was - man höre und staune - Benedikt XVI., als er noch Joseph Ratzinger war, gesagt hat: Die Ökumene ist der Ernstfall des Glaubens.

Keine Frage, die Begeisterung, der Schwung, der in der Epoche nach dem Konzil die Ökumene beseelt hat, der ist vorbei. Aus vielen Gründen, von denen etliche, aber nicht alle in Rom liegen. Mag auch das Wort von der ökumenischen "Eiszeit", das seit geraumer Zeit umhergeht, überzogen und unangemessen sein - einige Eisheilige sind schon aufgetaucht am Wegesrand. Manche, die vergangene Woche beim Ökumenischen Kirchentag waren, haben mir gesagt, daß sie die scheußliche Kälte und Nässe während dieser Tage wie einen stummen Kommentar des Himmels zu unserer müde und kühl gewordenen Ökumene empfunden haben.

Aber auch hier gilt Bangemachen nicht! Gott sei Dank, jedes Jahr kommt Pfingsten, ohne daß wir es machen müßten. Und da hilft mir gegen die Versuchungen zur Resignation Jahr für Jahr Radio Eriwan. Kennen Sie den? 'Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, daß die Ökumene ein Auslaufmodell ist? Antwort: Im Prinzip ja - aber dem Heiligen Geist ist nicht zu trauen.'

Das ist es, liebe Gemeinde! Gottes Geist ist wirklich nicht zu trauen. Und eben darum hat er unser Vertrauen verdient. Lassen sie uns das jetzt gemeinsam im Singen eines schönen Liedes ausdrücken, das ich Ihnen aus unserem Evangelischen Gesangbuch mitgebracht habe:

Herr, du hast darum gebetet, daß wir alle eines sein.

Hilf du selber uns zur Einheit, denn die Kirche ist ja dein.

Laß den Christen uns begegnen, die in andern Kirchen stehn

und sich dort - wie wir es hier tun - mühen, deinen Weg zu gehn,

die mit andern Stimmen loben deinen Namen, Jesus Christ,

der für sie - wie auch für uns, Herr - Name ohnegleichen ist.

Laß uns zueinander stehen, ganz so wie es dir gefällt,

laß dein Reich in Wahrheit kommen, Herr, in unsre müde Welt.

Dein Volk ist nicht unsre Kirche, unsre Konfession allein,

denn dein Volk, Herr, ist viel größer. Brich mit deinem Reich herein!

Amen.