Predigt Trinitatis 2010 - Christuskirche 30.05.2010
Röm 11, 33-36: Gottes-Erkenntnis


Der Predigttext für diesen Sonntag Trinitatis, dem Festtag, an dem Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammenfließen, steht im 11.Kapitel des Römerbriefs, Verse 33-36. Paulus legte zuvor Kapitel für Kapitel ausführlich und gut durchdacht dar wie Gott in aller Widersprüchlichkeit sein Volk aus Juden und Heiden beruft. Am Ende bleibt ihm angesichts der allumfassenden Barmherzigkeit Gottes nur noch auszurufen:

11 (33) O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

(34) Denn "wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?" (Jesaja 40,13)

(35) Oder "wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?" (Hiob 41,3)

(36) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde,

Wir meditieren um uns selbst

es ist überall möglich, im Liegen, im Stehen, im Gehen, auf dem Weg zur Arbeit, nach der Arbeit, vorm Aufstehen, beim Schlafengehen. Des Rätsels Lösung liegt im Meditieren. Wie auch immer, in welcher Lage des Lebens, Meditieren ist heutzutage "in". Positives Denken setzt ungeahnte Kräfte in uns frei - das ist unbestreitbar. "Gute Gefühle machen nicht nur glücklich, sondern auch gesund" - das lernte ich vor kurzem aus einer Radiosendung als ich gerade im Landstraßentempo über die Autobahn fuhr, leicht beengt von allen Seiten und wenig entspannt, weil es zur Zeit nicht nur auf kirchlichen Ebenen alle möglichen Baustellen gibt.

Mit sanfter Stimme versprach die Moderatorin der Sendung die Antwort auf eine ansehnliche Reihe von Fragen: "Was macht uns widerstandsfähig gegen Belastungen, wie kann man gute Gefühle stärken, wie lassen sich negative Gedanken vertreiben, und wie behalten wir unsere Fähigkeit zum Glücklichsein, auch in schwierigen Lebenssituationen?" Nur kurz darauf erfuhr ich es - inzwischen war ich mitten im Stau zum Stillstand gekommen. "Küssen statt streiten" ist angesagt. Nicht immer eine praktikable Lösung, behaupte ich gleich an dieser Stelle. Die Realität lässt sich vom Menschen nur begrenzt manipulieren. Und auch wenn unsere Wahrnehmung der Dinge eine große Auswirkung auf unser Verhalten hat, so kann sie uns doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht alles im Leben in unserer menschlichen Macht steht. Eine Krankheit kann mir entweder zum Feind werden, dann bekämpfe ich sie oder ich sehe in ihr ein Angebot, mein Leben neu einzurichten. Das ändert aber nichts daran, dass ich tatsächlich krank bin. Ich kann auch durch positives Denken die Krankheit nicht hinweg zaubern. Sonst liefe ich Gefahr, ihr quasi magische Kräfte zuzuschreiben. Das würde einen ganz eigenen Druck auf den Patienten ausüben.

"Hilf dir selbst, so hilft dir Gott" - eine solche Rede bewahrt vor Trägheit und ermutigt zur christlichen Verantwortung. Doch sie nährt auch eine Haltung, als hinge Gott von unserem Denken und Handeln ab, als könnten wir die Welt so durch unseren Einsatz steuern. Erst wenn ich A sage, fügt Gott sein B hinzu.

Der Verdacht des religiösen Leistungswahns legt sich hier nahe. Versagen und Misserfolg, alltägliche Erfahrungen, die zu unserem Leben dazugehören, werden personalisiert. Ungerechte Strukturen in Wirtschaft oder Gesellschaft oder Institution werden von Schuld freigesprochen. Wenn ich scheitere, so lautet dann die Schlussfolgerung, bin ich eben selbst schuld, sei es, weil ich nichts genug oder richtig versucht habe oder weil ich die falsche Einstellung hege.

Die Psalmen und alttestamentlichen Propheten lehren uns das Gegenteil: Warum sollte ich glücklich sein auch in schwierigen Lebenssituationen, wenn die angemessene Reaktion in der Klage über Missstände besteht? Erst wenn ich eine schlechte Situation beim Namen nenne, kann sich etwas daran ändern. Erst wenn ich merke, dass ich krank bin, weiß ich, dass ich dringend einen Arzt brauche. Diese Einsicht kann mich davor bewahren, mich zum Selbstheiler zu ernennen. Nicht Gott muss auf meine Ratschläge reagieren, er allein weiß mir Rat zu geben.

Wer dagegen Meditation als Mittel zur Selbsthilfe versteht, hat weit gefehlt. Entgegen aller Versprechungen oder Hoffnungen, die uns auf dem spirituellen Markt angeboten werden: Der ernsthaft Meditierende findet sehr schnell heraus, dass sich durch Meditation längst nicht alle Probleme lösen lassen. Wenn ich nur deshalb meditiere, weil ich mir davon verspreche, dass es mir Gewinn bringt, ernte ich mehr Frust als Lust auf mehr.

Im amerikanischen Kulturraum spricht man in diesem Zusammenhang von dem Versuch der spirituellen Abkürzung oder dem spiritual bypassing - womit wir wieder auf der Autobahn gelandet sind. Und im Stau.

Einmal mittendrin gibt es keinen schnellen Reißaus, dafür aber genügend Zeit zur Betrachtung. Hier kann ich so viel Meditieren wie ich möchte ohne der Illusion zu erliegen, dass ich deshalb schneller vorankäme im Leben als der Nachbar im Auto neben mir. Hier bin ich einmal so richtig mir und meiner Begrenztheit ausgesetzt inmitten anderer, die ebenso festsitzen. Das ist das Gegenteil dessen, wonach der spätmoderne Mensch strebt: Autonomie. Das Leben in der eigenen Hand halten. Selbstbestimmt sein.

Wir meditieren und kommen auf das Problem

Manchmal werden wir dank christlichem Meditieren überhaupt erst aufmerksam darauf, dass wir ein Problem haben. Es macht uns bewusst, was an ungeahnten Möglichkeiten in uns liegt, zum Guten und zum Schlechten. Was unsere Wahrnehmung schärft, macht unser Leben nicht leichter, denn ich erkenne, dass ich in einer Vielfalt von Bezügen lebe. Das ist nicht immer einfach auszuhalten.

Je näher wir an das Licht Gottes kommen, umso deutlicher erkennen wir unsere eigenen Schattenseiten, umso mehr mutet Gott uns an Einsicht in unsere Unzulänglichkeiten zu. All das, was ich an mir nicht aushalten kann, was ich so gerne meinem Nachbarn zuschreibe, erkenne ich als mein Übel. Das Jonglieren um Macht, die Rücksichtslosigkeit, damit meine Interessen gewahrt werden, das Streben nach Ruhm und Bewunderung. Sie gehören mir.

Es zeugt von geistlicher Naivität, wenn wir glauben, uns guten Gewissens selbst freisprechen zu können von allem Übel und Laster. Von geistlicher Reife erzählt die Geschichte der Chassidim, wie Martin Buber sie überliefert:

Ein Rabbi sprach zu Gott: "Herr der Welt, mir ist bewußt, daß ich keinerlei Tugend und Verdienst habe, um derentwillen du mich nach meinem Tode ins Paradies unter die Gerechten versetzen könntest. Aber willst du mich etwa in die Hölle in die Mitte der Bösewichter setzen, so weißt du doch, daß ich mich mit ihnen nicht vertragen kann. Darum bitte ich dich, führe alle Bösen aus der Hölle, dann kannst du mich hineinbringen."

Die Selbsterkenntnis, die hier in der selbstbewussten Bitte des Rabbis zu Tage Tritt findet sich schon in dem "Weh mir, ich vergehe", das Jesaja spricht bevor Gott ihn zum Propheten beruft. Und wie beruft Gott? Indem er den Menschen berührt.

Jesu Aufforderung an die Gelehrten: Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein, ist genial. Sie zielt nicht auf Demütigung, fragt nicht nach diesem oder jenem Fehltritt oder falschem Schachzug im Spiel des Lebens, sondern erinnert den Menschen daran, Gott Gott sein zu lassen. Das ist das Ende und auch der Anfang allen Meditierens.

Sie ist Gottesbegegnung. Und zwar auf eine ganz andere Art als wir es vermuten. Wir behandeln Gott allzu oft wie ein Schoßhündchen und vergessen, dass Gott sich nicht von uns zähmen lässt.

Paulus meditiert anders

Das zeigt sein Zitat aus dem Jesajabuch: "Denn "wer hat des Herrn Sinn erkannt! oder wer ist sein Ratgeber gewesen?" (Jesaja 40,13) Das sind Fragen, das sich das Volk Gottes in der Exilzeit stellt, fern von der Heimat, noch taub von dem Schock der Niederlage.

Wie oft glauben wir, den Willen Gottes vorhersagen zu können, legen uns diese oder jene Antwort zurecht. Wir wählen uns ein Ziel aus und behaupten im Nachhinein, es sei so von Gott gewollt. Wenn alles anders läuft als wir es uns vorgestellt haben, verstehen wir Gott und die Welt nicht mehr.

Vieles im Glauben ist widersprüchlich. So ist es auch mit dem Gebet. Anstelle von Lösungen schafft es uns Probleme, anstatt Antworten, finden wir Fragen. Einer der prominentesten Wüstenväter, Evagrius Ponticus, erklärte im 4.Jahrhundert: "Willst Du Gott erkennen, lerne vorher dich selber kennen." Wie enttäuschend ist diese Botschaft, anstelle von Glücksgefühl schafft sie Aussicht auf schlechte Laune. Zumindest wäre das die Konsequenz, wenn christliche Meditation die Glorifizierung und Erhebung des Menschen zum Ziel hätte nach dem Motto: Hauptsache es geht mir besser (danach). Das hört sich gut an.

Aber darum geht es nicht in unserem Beten, unserem Hören, unserem Denken. Gottesdienst halten, das ist nicht die Einladung zu einer Wohlfühlveranstaltung, einem Wellness-Event. Das gilt für unsere Gottesdienste am Sonntag, für Taufe, Hochzeit und Beerdigung sowie für die Gottes-Dienste unseres Alltags, wenn wir an der Arbeit sind auf der Krankenhausstation, im Ortsältestenrat und allen Kreisen in unseren Gemeinden.

Alles, was wir tun, läuft auf Gott hinaus. Gott überall zu begegnen, dazu laden Paulus' Worte uns ein. Ihm setzen wir uns aus. Er nimmt uns Menschen an. Er hält uns aus. ER hält es mit uns aus. Ihm gehört die Welt und alles, was darin lebt. "Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge".

Peter Johann Hebel übersetzt auf die ihm eigene bodenständige Weise diese fast mystische Erkenntnis in seine nützlichen Lehren:

"Gott grüßt manchen, der ihm nicht dankt. Zum Beispiel, wenn dich früh die Sonne zu einem neuen, kräftigen Leben weckt, so bietet er dir: Guten Morgen. Wenn sich abends dein Auge zum erquicklichen Schlummer schließet: Gute Nacht. Wenn du mit gesundem Appetit dich zur Mahlzeit setzest, sagt er: Wohl bekomms. Wenn du eine Gefahr noch zu rechter Zeit entdeckst, so sagt er: Nimm dich in acht, junges Kind, oder altes Kind, und kehre lieber wieder um! Wenn du am schönen Maientag im Blütenduft und Lerchengesang spazierengehst, und es ist dir wohl, sagt er: Sei willkommen in meinem Schloßgarten. Oder du denkst an nichts, und es wird dir auf einmal wunderlich im Herzen und naß in den Augen, und denkst, ich will doch anders werden, als ich bin, so sagt er: Merkst Du, wer bei dir ist?"

Amen.