Sonntag Okuli, 7.3.2010, 10 Uhr Matthias Claudius, Freiburg-Günterstal

Predigt: Eph 5,1-8a

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.

Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung.

Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger - das sind Götzendiener - ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.

Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in Christus.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ephesus war eine der bedeutendsten griechischen Metropolen der Antike. Es liegt in der heutigen Türkei. Da gibt es den großen weltbekannten Artemistempel, eines der sieben antiken Weltwunder. In diesem Tempel wird ein Fruchtbarkeitskult gepflegt. Der Göttin werden Opfer gebracht, die für Fruchtbarkeit bei Menschen, Tieren und Pflanzen sorgen sollen. Und zum gleichen Zweck werden Tempelprostituierte in Anspruch genommen. Da fließt viel Geld in die Kassen an so einem bedeutenden Tempel. Es gibt in Ephesus darüber hinaus Tempel für die Verehrung der Kaiser Domitian und Hadrian. Daneben ein großes Theater, das die Gebildeten anzieht.

Die christliche Gemeinde von Ephesus müssen wir uns gegenüber diesen religiösen und kulturellen Zentren als klein und bescheiden vorstellen. Als Paulus in Ephesus war, hatte er offenbar viel Erfolg. Vor allem Menschen heidnischer Herkunft hatten sich der Gemeinde angeschlossen. Doch inzwischen geht es dieser Gemeinde nicht mehr so gut. Sie ist angefochten. Deshalb meint der unbekannte Verfasser des Briefes, der evtl. ein Schüler des Paulus war, die Gemeinde ermahnen zu müssen. Und wie eine Mahnrede klingt der Briefabschnitt ja, den wir eben gehört haben. Mühsam ist ein solcher Text für uns. Zumal eine ganz bestimmte Strategie verfolgt wird, die mich jedenfalls zunächst einmal abschreckt. Die Strategie der Abgrenzung. "Seid nicht ihre Mitgenossen", heißt es. Macht euch nicht gemein mit diesen Götzendienern, deren Leben durch Unzucht, Unreinheit und Habsucht geprägt ist. Mit diesen Leuten, über deren Lippen nichts als dummes Geschwätz kommt. Ihr wart selbst mal Kinder dieser Finsternis. Doch jetzt seid ihr Kinder des Lichts.

Wie geht es Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, mit einer solchen Rede? Das klingt doch ziemlich überheblich, oder nicht? Und wie ist das mit unseren Gemeinden hier in Freiburg und andernorts? Ziehen wir nicht die Anpassung der Abgrenzung vor? Als Christinnen und Christen sind wir zugleich Bürgerinnen und Bürger dieses Staates. In der Regel unterscheiden wir uns kaum von den Menschen, die nicht zur Gemeinde zählen. Wir wählen dieselben Parteien, kaufen dieselben Waren, besuchen dieselben Fitnessstudios. Bzw. wir unterscheiden uns in unseren Vorlieben und Abneigungen untereinander ebenso wie die anderen Menschen in unserer Gesellschaft. Was uns hier in Freiburg mit dem alten Ephesus verbindet: Es gibt bei uns einen ähnlich großen Markt der religiösen und weltanschaulichen Möglichkeiten wie ehedem. Und wir geraten als christliche Gemeinden mehr und mehr in die Minderheit.

In unserer Kirche gibt es große Bemühungen, dagegen anzugehen. Ein Wachsen gegen den Trend wird in dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" gefordert. Es wird nach Strategien gesucht, die dazu führen sollen, dass wir wieder attraktiver werden. Eher der Weg der Anpassung wird verfolgt als der Weg der Abgrenzung.

Andere Strömungen wiederum begrüßen es, dass wir schrumpfen. Einem Gesundschrumpfen wird das Wort geredet. Übrig bleibt ein kleiner heiliger Rest. Die Menschen, die dazu gehören, unterscheiden sich merklich von der übrigen Bevölkerung. Die Gefahr, zur Sekte zu werden, geht damit einher.

Nach dieser holzschnittartigen Darstellung frage ich nun nach einem gangbaren Weg zwischen der Skylla der Anpassung und der Charybdis der Abgrenzung. Ich frage das mit unserem Text. Denn außer den befremdlichen oder gar abschreckenden Ermahnungen enthält der Briefabschnitt Zusagen an die Menschen der Gemeinde, die beim ersten Hören oder Lesen gar nicht auffallen, weil sie so überdeckt werden von den Ermahnungen.

Am Sonntag Okuli geht es um Nachfolge. Wir richten unsere Augen auf Jesus Christus. In ihm wurden uns die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes gezeigt. Dem Evangelium vorhin haben wir entnommen, dass diese Nachfolge Jesu keinen Aufschub duldet. Und dass wir dabei unseren Blick von uns weg nicht zurück, sondern auf Jesus richten, der uns vorausgeht. Unser Text nun setzt beim Thema Nachfolge eigene Akzente. Gleich zu Beginn heißt es: "So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe". Wir sollen uns also an Gott selbst orientieren, an seiner Liebe. Wörtlich heißt es, wir sollen Gott nachahmen, nicht nur nachfolgen. Ein hoher Anspruch. Doch diesem Anspruch geht ein Zuspruch voraus. Wir sind nämlich die geliebten Kinder Gottes. Uns wurde Christus geschenkt, der sich für uns hingibt, der uns vergibt und uns heilt, der Brot und Wein mit uns teilt. Wo erfahren wir diese Liebe Gottes in Christus? Im Gottesdienst? In der Predigt? In der Feier des Abendmahls? Wenn wir diese Liebe nicht erfahren, wird der christliche Glaube zum Krampf. Dann hören wir als Ermahnung, was eigentlich als Ermutigung gedacht ist. Dann wird Religion zur Moral, die uns gängelt und fremd bestimmt. Deshalb nochmals: Wo erfahren wir diese Liebe? Ich rede bewusst von Erfahrung. Es geht mir nicht um Erlebnisse und Events. Erfahrungen sind von Dauer, geschehen auf der Fahrt, auf dem Weg, lassen sich einordnen in einen größeren Zusammenhang. An Erfahrungen kann ich anknüpfen. Aus einzelnen Erfahrungen setzt sich meine Lebenserfahrung zusammen. Noch einmal: Wo erfahren wir diese Liebe Gottes in Christus? Gottesdienst, Predigt und Abendmahl sollten solcher Erfahrung einen Raum öffnen. Das ist ihre Verheißung und ihr Anspruch. Wir sind hier, weil wir uns zumindest danach sehnen. Andere Menschen schenken mir oft Erfahrungen der göttlichen Liebe - durch ihre Zugewandtheit und Ehrlichkeit mir gegenüber. Oder Musik und bildende Kunst erfahre ich als Ausdruck dieser geheimnisvollen Liebe.

Wir sind geliebt. Das ist der Zuspruch, der Trost, das Geschenk an uns. Nur so ist es möglich, dass wir die Liebe Gottes nachahmen, in der Liebe leben. Wir sind geliebt. Aus dieser Zusage leitet unser Text drei weitere Zusagen ab, die unsere Würde ausmachen. 1. Wir sind Heilige und können deshalb so leben, wie es sich für Heilige gehört. 2. Weil wir so reich beschenkt sind, ist unsere selbstverständliche Antwort Danksagung, wörtlich Eucharistie. 3. Wir sind Licht. Gottes Liebe erleuchtet uns und lässt uns strahlen.

Liebe Gemeinde, wenn wir von Passionszeit reden, dann hat das oft einen negativen Touch. Dann birgt das die Gefahr, dass wir das Leiden und den Verzicht suchen und uns subtil Gewalt antun. Mir ist es sympathischer, von der vorösterlichen Zeit zu sprechen. Das birgt weniger Missverständnisse. Diese Zeit ist in besonderer Weise dafür geschaffen, dass wir die Zusagen, die unser Text enthält, existentiell einzuholen versuchen. Wir sind geliebt. Wir sind geheiligt. Wir sind Licht. Und wir danken Gott dafür. Denn wir sind das nicht aus eigenem Vermögen heraus, wir können nichts dafür, wir haben das nicht verdient. Es ist Geschenk. Geben wir diesem Geschenk in uns Raum, dann wird manch anderes, an dem wir festhalten, sich lösen und abfließen. Gott will nicht, dass wir in unseren Verletzungen und Ängsten erstarren. Gott selbst will in uns wohnen. Deshalb dürfen wir uns nicht in unseren je eigenen Gewohnheiten wohnlich einrichten. So bleiben uns unsere Verletzungen und Ängste nämlich erhalten und für Gottes Liebe bleibt kein Wohnraum mehr. Oft ist es gut, wenn wir fürs Ausmisten und Wegräumen Hilfe in Anspruch nehmen. Denn je nachdem, wie viel wir angesammelt haben, schaffen wir es nicht allein, das Überflüssige zu entfernen. Und wir müssen auch nicht meinen, dass das sehr schnell geht. Unsere Ausdauer ist gefordert. Das Wichtigste, das wir brauchen: Vertrauen. Gottes Geistkraft ist uns zugesagt. Sie steht uns bei und hilft uns. Sie leistet die entscheidende Arbeit. Oft begegnet sie uns in der Gestalt von Menschen, die uns dann wie Engel erscheinen, Geschenke des Himmels, uns geschickt.

Geliebte Schwestern und Brüder, lichtvolle Heilige, nun zum Schluss ein Wort gegen unseren Text. Leben wir in der Liebe, werden wir selbstverständlich andere Menschen nicht zum Objekt unserer Begierde machen, wir werden uns die Liebe Anderer nicht erkaufen wollen und wir verwirklichen, dass Sein wichtiger ist als Haben. Wir werden uns auch nicht beteiligen an Witzen, die auf Kosten Anderer gemacht werden. Und wir stören uns zunehmend an dummem Geschwätz. Und doch leben wir nicht im Modus der Abgrenzung. Und wir wähnen uns auch nicht als die besseren Menschen, die mit den Anderen nichts gemein haben. Vielmehr gehören wir ganz und gar dieser Welt zu, verbunden mit allem, was atmet. Und sind zugleich gewiss, dass wir nicht von dieser Welt sind, dass wir vielmehr Gottes Kinder sind, aus Gott geboren. Diese Balance, dieses je neu zu findende Gleichgewicht, in dieser Welt nicht von dieser Welt zu sein, ist der Weg, der zwischen der Skylla der Anpassung und der Charybdis der Abgrenzung hindurchführt.

Dabei bleiben wir auf diesem weiten Weg in unserem heutigen kleinen Ephesus angewiesen auf Gottes Beistand. Er schenkt sich uns, auch in Brot und Wein. Er schützt, stärkt und segnet uns. So ist es! Amen.

Lied nach der Predigt / vor dem Abendmahl: EG 228,1-3: Er ist das Brot