Predigt am Sonntag Laetare - 14. März 2010
2. Korinther 1, 3-7: Vergesst ja das Beste nicht!


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Mit diesem Gruß, den ich Ihnen heute von der Kanzel zuspreche, liebe Gemeinde, eröffnet Paulus seinen zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. An ihn heftet sich der Predigttext für diesen Sonntag. (2.Kor. 1, 3-7)

1 (3) Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,

(4) der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

(5) Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.

(6) Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.

(7) Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

Eine einfache Rechnung…

Blaise Pascal war ein außergewöhnlich begabter, französischer Mathematiker. Er erfand eine Rechenmaschine, auf deren Entwicklung unsere modernen Computer aufbauen. Daher trägt eines der bekanntesten Computerprogramme seinen Namen - Pascal. Schließlich beschäftigte er sich ausführlich mit der Logik der Wahrscheinlichkeit. Mit erstaunlich anmutender Sicherheit stellte er folgende Behauptung auf: "Jesus wird in der Agonie sein bis zum Ende der Welt; man kann unmöglich in dieser Zeit schlafen. (Jésus sera en agonie jusque à la fin du monde; il ne faut pas dormir en ce temps-lá)."

Anstatt die häufig gestellte Frage nach dem Ursprung des Leidens "Warum geschieht ausgerechnet mir - ihm - ihr - ihnen das?" zu beantworten, anstatt nach der Rational des Verursachers "wie kann Gott das zulassen?" zu fragen, setzt Pascal das Leiden, die Agonie Jesu, in Beziehung mit dem Menschen. Hier lässt er keinen Zweifel aufkommen. Es geht nicht um Wahrscheinlichkeit. Pascal spricht von einer - wie er sich und uns ausgerechnet hat - bloßen Tatsache und konfrontiert uns doch mit einer Novelle: Jesu Leiden ist nicht vorüber mit dem Tod am Kreuz, der Auferstehung von den Toten. Jesus leidet noch und sein Leiden muss uns wachrütteln. Dieser Tatbestand kann uns nicht in Ruhe lassen.

Eine geheimnisvolle Beziehung

Ich weiß nicht, was schwieriger zu verstehen ist, Pascals Gleichung, dass Jesu Leiden in mir etwas in Gang setzen muss, dass ich darauf Reaktion zeigen muss oder die Relation, die Paulus herstellt zwischen den Leiden Christi und dem Effekt, den sie auf unser Leben haben - nämlich einen tröstlichen. Soll das die Freudenbotschaft an Laetare sein? Die folgenden Worte stehen immerhin im Zentrum, dem Mittelvers unserer Lesung.

"Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus."

Das hört sich eher ein wenig verquer an. Es erinnert mich an das leidvolle Gesicht des Stadtneurotikes Woody Allens, dieser tragisch-komischen Existenz, dessen Kindheit aus einer einzigen Reihe von Niederlagen zu bestehen scheint. Und der deshalb fast immer so aussieht, als habe er in eine saure Zitrone gebissen. Von außen sah sie ja gut aus, strahlend gelb versprach sie Erfrischung. Doch wehe dem, der in sie beißt. Sie ist doch keine Spur von süß.

Ich will hier nicht behaupten, dass das schon alles ist, was mir zur Natur des Leidens einfällt, aber der Zusammenhang zwischen Leiden und Trost, Leiden, aus dem Trost erwachsen soll, kommt mir befremdlich vor.

"Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus", sagt Paulus.

Ist es nicht Aufgabe eines Christen, von der Auferstehung und dem Leben zu sprechen, von allen Dingen, die uns Gott loben lassen? Denn Gott loben heißt dem Tod, seiner zerstörerischen Macht, trotzen. Lob ist Leben. Paulus dagegen reduziert die gute Botschaft allem Anschein nach auf Leiden und Trübsal, als könne uns nichts Besseres geschehen.

Aber woran leiden wir überhaupt in unseren Zeiten?

Zweifellos gibt es viel Leiden und das mitten unter uns, nicht nur auf Haiti und in den Städten Chiles.

Das Leiden in unserm doch noch reichen Land, hat das Gesicht des kleinen Jungen, der an Krebs erkrankt ist und unzählige Chemotherapien und andere Behandlungen über sich ergehen lassen muss.

Das Leiden wird sichtbar in den Tränen der Mutter über den erwachsenen Sohn. In seinem 26. Lebensjahr verschwand er, kam nicht mehr zurück von seinem Sonntagsspaziergang. Seitdem ist er als vermisst gemeldet. Zuerst wurden die Eltern von der Polizei verhört, 8 Stunden lang, ein paar Holzplanken im Fußboden wurden hochgelupft, man suchte den Sohn, verdächtigte Vater und Mutter. Zwar in aller Höflichkeit, aber das macht diese Aktion doch nicht weniger bestürzend. Wer den Schaden hat, hat den Spott noch dazu.

Jetzt suchen die Eltern selbst über Radio, Fernsehinterviews und Internet - bisher vergeblich. Nach 6 Monaten gab die Polizei routinemäßig die intensive Suche auf. Für sie gilt der Sohn als unauffindbar, so gut wie tot. Die Mutter, die an den Tod nicht glauben will, aber zerreißen die Fragen, was sie unterlassen hat, um ihn dazu zu bewegen, zurückzukehren.

Das Leiden trägt den Namen der Schulen in Winnenden und Ludwigshafen, in Erfurt und achja, ist ja schon lange her, der Columbine High School in Littleton, Amerika. Damals, 1999, waren die meisten von uns versucht zu denken, solche wohlüberlegte Gewalt von Schülern an Schülern und Lehrern könne bei uns nicht Schule machen. Dazu ginge es uns viel zu gut.

Aber es macht weder Halt vor der Tür der Armen noch verschont es diejenigen, die es ohnehin schon schwer genug haben in unserer Gesellschaft, in unserer Welt.

Selbst das Leiden des Einzelnen, des Opfers sexuellen Missbrauchs in Schulen und Familien, in Klöstern und sozialen Einrichtungen - über das noch nicht berichtet wurde, das vielleicht nie an die Öffentlichkeit geraten wird, aus Scham, aus Angst - hinterlässt seine Spuren an uns allen. Wir sind schockiert, betroffen, verunsichert durch die immer neuen Skandale, die durch die Medien rauschen bis wir es nicht mehr hören können. Der Alptraum der katholischen Kirche ist unser aller Alptraum geworden. Irgendwann haben wir genug davon, können es nicht mehr verarbeiten. Wie sollen wir jetzt mit der Wahrscheinlichkeit leben, dass auch mitten unter uns Opfer und Täter Fragen und Antworten einander schuldig bleiben?

Es ist als ob die Erschütterungen der vergangenen Woche uns einen neuen Abgrund menschlichen Leidens eröffnet haben. Ich möchte Blaise Pascals Worte neu schreiben. Sollten es nicht besser heißen: Der Mensch wird in der Agonie sein bis zum Ende der Welt, Jesus kann in dieser Zeit nicht schlafen!

Doch ist es naiv zu glauben, dass unser heutiges Leiden das der vergangenen Jahrhunderte übersteigt.

Worunter wohl Paulus leiden musste? Was bewegt ihn, anstelle des üblichen Danks zu Beginn eines Briefs, einen Lobvers auf Gott zu stellen?

Er geht nicht in Einzelheiten, die er wohl bei der von ihm gegründeten Gemeinde als bekannt voraussetzte. Doch so viel wissen wir, dass er im Lauf seiner Mission in Asien Grund hatte, vom Tod bedrängt, am Leben zu verzagen. Die Leiden des Apostels rühren dabei von seiner Gemeinschaft mit Christus. Er ist sozusagen zum Tod verurteilt aufgrund seiner Assoziation mit Christus, dem Gekreuzigten. An diesem tiefsten Punkt angelangt, ereignete sich etwas Lebensnotwendiges für den Apostel. Er lernte wie wenig er sich selbst retten kann, sondern im Gegenüber Gottes ganz zum Patienten wird. Sich als Patient in Gottes Fürsorge zu begeben, das heißt: sich halten lassen, um befreit zu werden.

Nur so macht die Betrachtung Jesu Leiden auch Sinn für unser Leben

Die Fastenzeit ist ja nicht dazu bestimmt, Köpfe und Hoffnung hängen zu lassen. Fastenzeit, das ist der Frühling der Kirche. Sie ist uns geschenkt zum Heilwerden, nicht zur Strafe. Die 40 Tage des Reinemachens, in denen wir die Besen herausholen und Kehrtag halten können, Einkehrtag und Umkehrtag, enden nicht in Schrecken am Kreuz, sondern in der Auferstehung, die zunächst kaum fassbar ist. Es braucht die Vergewisserung der Gemeinschaft von Jüngern und Jüngerinnen, um den Sinn dieser großen Ereignisse für ihr Leben zu deuten.

In den vergangenen Jahren haben wir die Fastenzeit wieder für uns entdeckt. Zu meinem Bedauern richten sich viele Arbeitshilfen, besinnliche Bücher und Gebetshilfen jedoch überwiegend an den Einzelnen, der möglichst großen Gewinn daraus ziehen mag. Die Fastenzeit ist etwas genuin gemeinschaftliches

Sie ruft nach gegenseitiger Unterstützung und Ermutigung. Sie gibt uns in den Gemeinden die Gelegenheit abzustauben, aufzuräumen mit falscher Selbstgenügsamkeit, mit den niedrigen oder zu hohen Erwartungen, die wir uns stellen, mit Vorurteilen Gott und der Welt gegenüber. Die Rose an diesem Sonntag Laetare erinnert uns daran: Wo wir Leiden begegnen, es selbst erfahren, da müssen wir Christen nicht allein in unserem Kämmerlein in falschem Mitleid noch in lähmendem Selbstmitleid zerfließen. Wo wir menschliches Leiden sehen, es aufspüren in unserm Alltag, da führt unser Weg ans Kreuz, den Ort, an dem die Liebe Gottes für den Menschen zum Tragen kommt.

Und unter dem Kreuz sind wir nicht allein

Wer den Weg Christi in seinem Leben aufspürt, der findet sich bald in der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen damals wie heute.

Am Kreuz zeigt die Liebe sich nicht wie am Anfang, in der intimen Enge des Stalls in Bethlehem. Dort ist nur bedingt Raum. An Golgatha wird diese Liebe öffentlich in ihrer Verletzlichkeit aufgehängt. Mit dem Leiden Christi schließt sich selbst die letzte Lücke an Distanz zwischen Gott und Mensch. Hier kommt er uns endgültig nahe. Jetzt kann keiner mehr sagen: Gott versteht nicht, was ich in meinem Leben durchmache. Die Gleichgültigkeit des Menschen Gott gegenüber findet am Kreuz ihr Ende. Keiner kann mehr sagen, Gott kümmert sich nicht.

Uns zum Heil

"Das Kreuz zu umarmen ist eine christliche Geste, die das Leben wählt", schreibt Dorothee Sölle. "Sie heißt, das Kreuz, die Schwierigkeiten, die Erfolglosigkeit, die Angst allein dazustehen, in Kauf zu nehmen. Die Tradition hat uns nie einen Rosengarten versprochen. Das Kreuz zu umarmen bedeutet heute, in den Widerstand hineinzuwachsen. Und das Kreuz wird grünen und blühen."

Doch vielleicht geht Ihnen das so wie mir noch ein wenig zu schnell. Jesus starb am Kreuz keinen Heldentod. Er starb unseren Tod. Er war sich nicht zu gut, die Schmerzen zu empfinden, die Menschen seit Jahrtausenden einander zufügen. Wenn sie sich gegenseitig verfolgen und ans Kreuz schlagen.

Das Kreuz lässt sich nicht verschönern, Jesu Leidensweg lässt sich nicht ausschmücken. Es wäre ein schlechter Scherz, dem Bösen, das noch immer in unserer Mitte geschieht, etwas Gutes abgewinnen zu wollen. Gott braucht nicht das menschliche Leiden, um sich uns anzunähern, er stellt es nicht absichtlich her. Jesus nimmt Leiden auf sich, um uns nahe zu sein und zeigt so, dass wir ihm nicht gleichgültig sind. Unser Gott ist nicht a-pathisch. Seine Antwort auf das menschliche Leiden liegt in der Solidarität des Kreuzes.

Wie aber steht es um unsere Solidarität mit dem Gekreuzigten?

Leiden begegnen wir westlichen Menschen nicht mehr, weil wir uns zu Christus zugehörig fühlen. Wir laufen keine Gefahr, wenn wir uns taufen lassen. Ganz im Gegensatz zu Christen in Nigeria, in Malaysia oder in den letzten Tagen in Marokko müssen wir keine Angst haben, aufgrund unseres Glaubens benachteiligt, aus dem Land geworfen zu werden, oder gar verfolgt und getötet zu werden.

Wir reichen, westlichen Christen - so sehen es Christen aus diesen anderen Ländern - leiden viel mehr an uns selbst. Reich sind wir im Vergleich mit der Mehrheit der Christen weltweit materiell. Arm sind wir auf andere Weise. Wir kennen kaum noch die Bedeutung gemeinschaftlichen Lebens. Wir haben zum großen Teil verlernt, Zeit füreinander zu haben, aufeinander zu hören, füreinander einzustehen. Der leidende Christus am Kreuz ruft jeden und jede von uns in die Gemeinschaft des Glaubens. Die Gott-losigkeit unserer Zeit ist die die Leere unseres eigenen Lebens, das nicht fähig ist, über sich selbst hinauszusehen. Hier gilt noch immer das Wort Bonhoeffers gesprochen in eine zunehmend säkulare Gesellschaft.

1

"Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, alle, Christen und Heiden."

Wo dann liegt der Unterschied, wenn es einen gibt?

Mit Bonhoeffer liegt er darin, was Jahrzehnte später in der ökumenischen Bewegung in der 4.Vollversammlung des ÖRK als Auftrag und Wesen der Kirche definiert wurde: Kirche für andere zu sein:

2

"Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod,

Christen stehen bei Gott in seinen Leiden."

Aber mehr noch, auch Gott kann nicht exklusiv sein, hält sich frei für uns alle:

3

"Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden."

Darin liegt unser Trost, dass Gott sich im Leiden solidarisch zeigt, sich nicht limitiert. Darin liegt der Trost aller Menschen, dass wir als Christen uns im Leiden solidarisch zeigen, uns nicht in der Liebe limitieren. Dazu, liebe Gemeinde, blüht uns die Rose am Sonntag Laetare. Nehmen wir sie mit auf unserem weiteren Weg. Amen.

Lieder: 410 / 642, 3+4 / 396, 1-3,6 / 209 / 325, 1.5.7.9.10