Er geht (für uns) zur Hölle - Predigt über Hebräer 5, 7-9
Judika - 21.3.2010, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Im berühmten Proust-Fragebogen der "Frankfurter Allgemeinen" gab es die Frage: "Wie möchten Sie sterben?" Die Antwort lautete meist: "Schnell und schmerzlos!" Das genaue Gegenteil also zu jener Bitte in einem alten Gesangbuchlied: "Bewahre uns vor bösem, schnellem Tod". Das hat wohl damit zu tun, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der eine Art anonymes Leidensverbot herrscht. In der eine Wellness-Ideologie den Ton angibt, die von Leid nichts wissen will, den Schmerz übertönt und den Tod totschweigt. Wo das Gebrechliche, Behinderte, Hässliche, Verarmte nicht ins Bild passt.

Nun, ich hoffe, daß wir dieser Scheinwelt nicht verfallen sind. Das heißt keineswegs, daß wir - wie das manche protestantische Christen früherer Zeiten gedacht haben - uns Leiden herbeiwünschen sollen, als Ausweis besonderer Nähe eines Gottes, von dem es in der Bibel heißt, daß er die besonders prüft, die er besonders liebt, und überhaupt den Leidenden am nächsten ist. Wir sind hoffentlich dankbar für jeden Tag, an dem wir von Leiden verschont bleiben. Aber das ist uns hoffentlich doch bewußt, daß das Leiden irgendwann in unser Leben kommen wird und daß wir's nicht in der Hand haben, wie schwer es vielleicht sein kann. Und dann wird sich zeigen, wie "gelungen" unser Leben ist: nämlich ob wir innerlich so reif geworden sind, unser Leben auch im Leid anzunehmen und durchzustehen: nicht mit zusammengebissenen Zähnen und Faust in der Tasche, nicht mit versteinertem Gesicht und eiserner äußerer "Haltung", so daß keine Tränen mehr laufen (wie das im Adel als Tugend gilt). Sondern so, daß wir, ich sage es mal sehr steil, im Leiden gewissermaßen zu unserem Menschsein kommen.

I.

Unser kurzer Text aus dem Hebräerbrief sagt uns, daß genau dazu - also zu unserem Erlöstwerden zum wirklichen Menschsein, mit all seinen Dimensionen - Gott in seinem Sohn unser Menschenleben angenommen hat. Deshalb ist er uns, wie es wenige Verse vorher von ihm heißt, "in allem gleich" geworden, ist er versucht worden wie wir und hat gelitten wie wir. Und alle seine Versuchungen, von ganz außen (dem Verführer in der Wüste) bis zu ganz innen (dem Oberjünger Petrus) bestanden ja immer wieder darin, dem Leiden auszuweichen, den Weg der Siegreichen, der Schönen und Starken zu gehen. Als Petrus Jesus davon überzeugen wollte, hat der das als eine satanische Versuchung empfunden: "Weg mit dir, Satan, denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist". Daß Jesus sich nicht hat verführen lassen, den leichteren Weg zu gehen, das meint das im Hebräerbrief vorkommende seltsame Wort von seiner "Sündlosigkeit". Und eben darum kann er uns helfen.

Manchmal geht es uns ja so, daß wir uns am Sonntagmorgen zum Gottesdienst nur so aufraffen, ohne innere Gestimmtheit dazu. Und doch kommen wir, ohne genau zu wissen, warum. An solche Leute ist gegen Ende des 1. Jahrhunderts der Hebräerbrief gerichtet. Einmal ist plastisch von ihren schlaffen Händen und müden Knien die Rede. Der Verfasser hält dagegen, indem er die Christen beschwört, gegen alle depressiven Stimmungen am Bekenntnis festzuhalten. Der Hebräerbrief unterstreicht das mit der großen Bitte: "Laßt uns aufsehen zu Jesus, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens" (Hebr 12,2). Zu Jesus aufschauen und damit das Herz aus dem Kreisen um sich selbst nach oben erheben - das soll die Glaubensmüdigkeit vertreiben. Lichtenberg hat einmal gesagt: "Mehr als alles andere wünschte ich, ein Portrait von Christus zu haben. Hätte man doch eine Münze von ihm!" Solche Stoßseufzer kennen wir. Zu Jesus aufschauen, ein anschaulicheres Bild von ihm, ein lebendigere Beziehung zu ihm gewinnen als das, was der Tiefsinn einer Predigt uns vermittelt - das ist eine Sehnsucht, die in vielen von uns steckt.

Freilich: Wir alle würden erschrecken, wenn wir auf tatsächliche Spuren Jesu stießen. Wir müßten dann nämlich zur Kenntnis nehmen: Jesus ist noch einmal ganz anders, als wir ihn uns mit unserer Frömmigkeit vorgestellt haben. Genau dies läßt uns auch unser Text erahnen. Er macht gleichsam die Probe aufs Exempel für seine Bitte, zu Jesus als Anfänger und Vollender des Glaubens aufzuschauen. Und was sehen wir hier? Sehen wir einen Jesus, an dem wir hochschauen könnten? "Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dargebracht". Was wir hier sehen, ist ein Jesus, der als weinender, seine Angst hinausschreiender Mensch vor uns liegt. Das heulende Elend, ein heulender Heiland.

Die Fremdheit steigert sich noch. Es wird hier nämlich etwas Einmaliges von Jesus gesagt, was wir nirgendwo sonst im NT lesen: "Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt". Jesus hat gelernt. Das paßt schon gar nicht in unser gängiges Jesusbild. Nach unserer Vorstellung ist Jesus doch einer, der souverän über alles zwischen Himmel und Erde Bescheid weiß. Schon als Zwölfjähriger taucht er im Tempel auf und begibt sich dort mit den gelehrten Theologen in den neunmalklugen Diskurs. Warum irritiert uns das Bild von einem Jesus, der lernen mußte? Einer, der lernt, begibt sich unweigerlich in Abhängigkeit von einem anderen, der ihm an Wissen überlegen ist. Darf man sich den Gottessohn so abhängig vorstellen? Warum ist das dem Verfasser des Hebräerbriefs so wichtig - ausgerechnet ihm, der auch darin ein Solitär im Neuen Testament ist, daß er in einer unvergleichbar feierlichen und erhabenen Sprache von Jesus spricht?

Es fällt uns ja sehr schwer, lernende Menschen oder gar noch eine lernende Kirche zu sein. Viel lieber belehren und mißtrauen wir einander, gerade auch in der Kirche. Hinter der Lust zu belehren steckt das Unvermögen, sich auf neue, unerwartete Situationen und auf andere Menschen einzulassen, sich in ihre Lage hineinzudenken. Vor etwa 40 Jahren hat die Evangelische Kirche in der damaligen DDR eine schöne Selbstbezeichnung gefunden. Sie hat erklärt: Wir wollen als Kirche eine Lerngemeinschaft sein. Da strahlt manches auf von dem, was den Menschen die Kirche wieder interessant machen könnte. Denn die Kirche, ich merke das oft bei meinen Gesprächen, wird für die Distanzierten wieder anziehend, wenn sie nicht als große moralische Lehrmeisterin auftritt, sondern in ihren Gottesdiensten die Offenheit erfahren läßt, aus den verschiedensten Lebensbezügen zusammenzukommen, miteinander zu beten, auf das Evangelium zu hören, um gemeinsam zu lernen, welche neuen Wege Gott uns führen will. Wo diese Bereitschaft aufgegeben wird, wo man auch in der Kirche nur noch das hören will, was die eigene vorgefaßte Meinung bestätigt, da verdunstet der Glaube und die Kirchlichkeit.

II.

Gelingt es, unsere müde und in so viel Selbstbeschäftigung eingesponnene Kirche als Lerngemeinschaft zu entdecken? Noch einmal die merkwürdige Aussage unseres Textes über den Jesus, der an seinem Leiden "Gehorsam gelernt" hat. Eigenartig daran ist ja nicht nur der lernende Heiland, sondern auch, daß er ausgerechnet Gehorsam gelernt hat. Sinnvolles Lernen soll doch eher vom Gehorsam weg zum verantwortlichen, selbstbestimmten Leben führen. Das ist ein bleibend wichtiger Impuls der jetzt so ins Zwielicht geratenen Reformpädagogik von Hartmut von Hentig u.a. "Gehorsam" ist bei uns - auch in der Kindererziehung - längst zum Unwort geworden. Zu viel Blut ist im letzten Jahrhundert im Namen des Gehorsams geflossen. Und davon abgesehen, Gehorsam - das klingt doch so katholisch! Nichts für uns freiheitsverliebte Protestanten, die wir doch irgendwie jeder unser eigener Papst sein wollen. Aber auch in unserem Verhältnis zu Gott tun wir uns mit dem Gehorsam schwer. Gott soll schützen, begleiten, helfen, heilen; aber gebieten - um Himmels willen! Was die Alten mit dem Wort "Glaubensgehorsam" gemeint haben: also daß einer, wo Gott ihn an seinen Platz gestellt hat, seine Sache tut und auch unter schwierigsten Bedingungen durchhält, so wie wir das etwa von den großen Propheten kennen - das ist uns heute denkbar fremd geworden, bzw. wir haben es den Pietisten überlassen.

Die ganze Macht des ohnmächtigen Jesus aber liegt gerade darin, daß er auf alle Versuche der Eigenmächtigkeit, der Selbstverwirklichung verzichtet. "Nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Die dritte Vaterunserbitte, die er uns gelehrt hat, betrifft ihn nun selbst. Man sieht, was es ihn kostet. Denn jetzt besteht der Gehorsam nicht mehr darin, daß er schöne und gute Dinge tut. Jesus beugt sich unter einen fremden, eben Gottes Willen - aber nicht so, daß er - wie Galilei - leise seinen bleibenden Widerspruch in sich reinflüsterte, sondern so, daß sein Wille mit dem des Vaters eins wird. Jesus ist eben nicht bloß Objekt des Himmels zum Vorantreiben der Heilsgeschichte. Er ringt sich mit allen Kräften, die er hat, durch zu einem freien Ja zu diesem Weg. "Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt": Jesus war, was ihn erwartete, nicht einfach in die Krippe gelegt. Das mußte er wirklich erst lernen. Sein Gehorsam war kein Kadavergehorsam.

Und dann heißt es von ihm, er habe "Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dargebracht". Wer Jesus begegnet, begegnet nicht dem schönen, abgeklärten Menschentum, sondern einem leidenden, mißverstandenen, in seinem Schmerz aufschreienden Menschen. Mir ist dieser Jesus viel näher als der Heiler, der Wundertäter und Sturmstiller. Der Verfasser, der diese Aussage über den heulenden Heiland gemacht hat, hat dabei sicherlich an die Nacht von Gethsemane gedacht. Aber warum ist Gethsemane für Jesus ein solcher Tiefpunkt? Er wußte doch, was ihn erwartete und hat es seinen Leuten mehr als einmal angekündigt!?

III.

Liebe Gemeinde, was die Gethsemane-Szene so abgründig macht, ist dies: Noch einmal, und diesmal in extrem zugespitzter Form erlebt Jesus, daß seine Sendung auf Messers Schneide steht. Er ist deshalb so grenzenlos außer Fassung gebracht, weil er in diesem Augenblick die Welt in den Händen seines Gegenspielers, des Satan, sieht. Er spürt die Last der erdrückenden Rätsel des Bösen, und daß dieses Böse eine abgründig reale Kraft ist, die durch noch so kluge Erklärungen nicht wegrationalisiert werden kann. Das gehört zu der schlimmsten Verzweiflung, wenn sich das Leben so verdüstert und der Himmel so finster wird, daß einem jede Hoffnung verloren gegangen ist. Es gibt ja solche Augenblicke - in unserem persönlichen Leben und in den Epochen der Geschichte der Völker -, wo uns solche Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit überfällt, wo wir das Gefühl nicht loswerden, daß andere, unsichtbare Mächte das Gesetz des Handelns an sich gerissen haben. Im Blick auf das, was in dem seit zwei Jahrhunderten immer wieder gepeinigten Karibikstaat Haiti geschehen ist, kann man eigentlich nur noch so abgründig empfinden.

Was Jesus jetzt, in Gethsemane, im Begriff ist auf sich zu nehmen, ist ein letztes Verlassensein von Gott, die Situation also, in der Gott selbst - so muß es für Jesus aussehen - die helfende Hand abzieht und ihn unter der Macht des Bösen zugrunde gehen läßt. Daß Gottes zornige Enttäuschung über die Welt sich über ihm entlädt, indem Gott es seinem Gegenspieler überläßt, sein Gericht zu vollstrecken: dieser Kelch, bittet er, möge an ihm vorübergehen. Man hört hier in Gethsemane den Schrei am Kreuz schon durch: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das ist die Hölle. Die Hölle des heulenden, schreienden Elends. Das hat Jesus für uns auf sich genommen. Er hat sich aus freien Stücken an die Stelle begeben, an der der uns zukommende Blitz Gottes einschlug. Das ist der Christus, dem wir unsere Rettung verdanken. Warum? Weil - wie Paulus es sagt - da, wo einer um seiner Brüder und Schwestern willen in die Hölle zu gehen bereit ist (Röm 9,3), die Hölle selber zur Hölle fährt und keine Hölle mehr bleibt.

So bewährt Jesus in totaler Grenzsituation seinen Glauben an Gott. Alles spricht ja gegen diesen Glauben, aber er hält sich betend an ihm fest. Im Isenheimer Altar drüben in Colmar sehen wir den aus seinen Wunden furchtbar blutenden, hilflos am Kreuz hängenden Jesus. Auf ihn, nicht auf den strahlend sieghaften Christus ist der berühmte überlange Zeigefinger gerichtet, mit dem Grünewald den seitwärts stehenden Täufer gemalt hat. Der Gesunde, Unbehelligte weist weg von sich und heftet unsere Blicke auf den, von dem man am liebsten den Blick wenden will.

In einer Familie meiner früheren Gemeinde erkrankte der 14jährige Sohn, ein kerngesunder, fröhlicher Junge, plötzlich an Leukämie. Die Eltern, engagierte Gemeindeglieder, haben um das Leben ihres Kindes mit allem gekämpft, was der Glaube wie auch medizinische Hilfe anbieten. Als nur noch eine ganz heikle Operation als letzte Chance blieb, fragten sie ihn, ob er das auf sich nehme wolle. Er bejahte, denn er hing sehr am Leben. Aber er sagte auch: Wenn es schief geht, dann bin ich gespannt auf den Himmel! Nach anderthalb Jahren ging der Kampf um dieses junge Leben doch verloren. War alles umsonst? Hatte Gott diese Familie verlassen? So haben damals manche in unserer Gemeinde gefragt. Nun, in der Traueranzeige der Familie stand der unglaubliche Satz: "Unsere Gebete wurden nicht erhört. Aber wir erlebten das Sterben unseres Sohnes als Wunder". Das war wie Widerstand, Ergebung und Erhörung in einem. Ich weiß nicht, ob ich je zu so einer Sichtweise fähig wäre, träfe mich solches Leid. Ich weiß nur dies: fähig dazu wird man überhaupt nur, wenn man sich in die Schule des Gethsemane-Beters begibt.

Solchen Glauben, der dem Leid nicht ausweicht, bei anderen Menschen zu erleben: das hält in mir die Hoffnung auf Gottes neue Welt wach, in der er abwischen wird alle Tränen und in dem kein Leid, kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein werden. Laßt uns bei dem leidenden und schreienden Jesus bleiben, damit wir nicht aufhören, ihm zuzutrauen:

Du wirst sein herrlich Werk vollenden,

der du der Welten Heil und Richter bist.

Du wirst der Menschheit Jammer wenden,

so dunkel jetzt dein Weg, o Heil'ger, ist.

Amen.

Lieder: 76,1+2 / 96,3+6 / 93,1-3 / 95,1+4 / 223,1-4 / 378, 1+2+4