Christus hoch ansiedeln - Ansprache über Johannes 3, 14b.15
Einführung von Pfrn. Ute Jäger-Fleming - 28.03.2010 (Palmarum), Christuskirche Freiburg


Du wirst zu Beginn der "Heiligen Woche", am Palmsonntag in Deinen Dienst als Pfarrerin an der Christuskirche eingeführt. Das läßt mich sofort 12 Jahre zurückdenken, als ich in Konstanz auf meine erste Pfarrstelle eingeführt wurde. Das Segenswort, das mir ein befreundeter Kollege damals zusprach, hatte nämlich einen unerwarteten Anklang an Palmsonntag. Er wünschte mir "die Kraft, die Spannung zwischen 'Hosianna' und 'Kreuziget ihn' auszuhalten.

Das habe ich bis heute nicht vergessen. Zunächst kam mir das für einen solchen Anlaß ziemlich dramatisierend vor. Der Pfarrberuf zwischen den Extremen von "Hosianna" und "Kreuziget ihn"? Geht's nicht auch ein paar Nummern kleiner? Das Ansehen unseres Berufsstandes ist ja vergleichsweise immer noch sehr hoch. Und überhaupt: wir sind als evangelische PfarrerInnen ja nicht herausgehoben gegenüber den anderen Getauften, also keine Priester, von denen der Papst im gerade laufenden "Jahr des Priesters" immer wieder fordert, nach dem Vorbild des Hl. Pfarrers von Ars sich in ihrer ganzen Existenz "Christus gleichzugestalten". Damit Sie dies nicht als billige Kritik an der katholischen Kirche verstehen: ich finde diese Vorstellung auf eine Art ungeheuer faszinierend. Immerhin sagt ja auch der Apostel Paulus, daß die im Dienst der Verkündigung Stehenden "Botschafter an Christi Stelle" (2. Kor 5,19) sind. Aber eben, Botschafter, also Platzhalter für einen irdisch Abwesenden. Nicht solche, in denen Christus gleichsam immer neu Fleisch wird, zur Welt kommt. Das wäre, so sehe ich es jedenfalls, eine heillose Überforderung. "Wir sind Menschen und nicht Gott, das ist die Summa", hat Martin Luther gern gesagt. Das gilt gerade auch für uns Pfarrerinnen und Pfarrer.

Freilich: manchmal erschrecke ich, wie weit wir in unserem kirchlichen Alltag von dieser Einsicht entfernt sind. Werden wir in unserem Dienst auch nicht als Christusse angesehen, so ist unser Dienst doch heute einem Ausmaß an Erwartungen ausgesetzt, das kaum weniger überfordernd ist. Es ist ja eine seltsame Paradoxie: einerseits stöhnen die Menschen in unseren Gemeinden darüber, wie gehetzt und kurzatmig wir oft daher kommen, von einer Sitzung über den nächsten Ausschuß zur übernächsten Lenkungsgruppe hastend, und so ungewollt ausstrahlen, daß wir eigentlich nie wirklich im Hier und Jetzt "da" sind. Zugleich aber haben dieselben Menschen manchmal schier erdrückende Erwartungen an uns. Die Formulierungen der Ausschreibungstexte unserer Pfarrstellen sind da sehr vielsagend. Was soll der Pfarrer, die Pfarrerin heute nicht alles sein: guter Theologe und Schriftgelehrter; tiefschürfender und zugleich lebensnaher Prediger; einfühlsamer Seelsorger; gewandter Repräsentant auf kirchlichen und weltlichen Parketten; vertrauenswürdiger Pädagoge für Heranwachsende; Sozialarbeiter mit weitem Herz für die, die unterm Strich existieren; großer Kommunikator und Networker; entschlossener Reformer und zugleich umsichtiger Moderator, der alle "mitnimmt" - ja, und jetzt im Zeitalter der kargen Finanzen doch bitte auch ein halber Betriebswirt, der komplexe Zahlenwerke lesen kann.

Sie merken, ich spitze hier natürlich zu. Aber manchmal ist das nötig, um auf eine Not aufmerksam zu machen, die im Grunde eine zutiefst geistliche ist. Im letzten Bibelbuch, der Johannesoffenbarung, gibt es eine hintergründige Stelle: "Der Teufel kommt zu euch hinab und weiß, daß er wenig Zeit hat" (Off 12,12). Keine Zeit zu haben, eben weil ich für alles und alle Zeit haben soll: - eine teuflische Erfahrung. Im Erfüllenwollen all der genannten Erwartungen geraten wir unweigerlich in diesen teuflischen Sog.

Nun sagt uns die Bibel in vielen Geschichten, daß die Einflüsterungen des Bösen, der nicht umsonst "Versucher" genannt wird, deshalb so gefährlich sind, weil sie oft so menschlich-allzumenschlich, so plausibel daherkommen. Denn wer wollte zunächst einmal bestreiten, daß ein Pfarrer, eine Pfarrerin dazu da ist, grundsätzlich für alle und alles Zeit zu haben?! Aber gerade darin, daß dies so unmittelbar einleuchtend ist, steckt das Verführerische und Gefährliche. Deshalb, liebe Ute, gehört es zum Wichtigsten, was von Dir zu erwarten ist, daß Du der Versuchung widerstehst, in Deinem Dienst allzuständig sein zu müssen, die berühmte "Eierlegende Wollmilchsau" zu geben. Es gibt ja immer wieder das seltsame Phänomen, wenn ein neuer Pfarrer seine Stelle antritt. Die Leute signalisieren ihm: "Wir freuen und wünschen uns, wenn Sie vieles anders und neu machen. Aber bitte so, daß alles so bleibt, wie es ist!" Da hilft nur freundliches Stehvermögen gegenüber Erwartungen, die unerfüllbar sind und sich teilweise auch widersprechen. Nicht die Frage: 'Was denken die Leute über mich und meinen Dienst?' soll leitend für Deinen Dienst sein, sondern die Frage: 'Was denkt Gott über mich, was will er, das jetzt für mich in meinem Dienst gerade dran ist?' Das gibt Dir eine letzte Unantastbarkeit gegenüber all den Erwartungen von außen. Und die brauchen wir, sonst wird die Fallhöhe von 'Hosianna' zu 'Kreuziget ihn' und zurück in unserem Beruf schwindelerregend, und das gilt nicht nur für eine Bischöfin und Ratsvorsitzende.

Aber da bin ich bei Dir, liebe Ute, eigentlich ganz zuversichtlich, daß Du mit der Dir eigenen Wachheit und Geistesgegenwart die Standfestigkeit gegen unsere Berufsversuchungen aufbringst. Du bringst ja eine beeindruckende Mischung aus dem mit, was der Gründer von Taizé, Frère Roger (mit dem Du natürlich auch sehr verbunden warst) auf die berühmte Formel gebracht hat: "Kampf und Kontemplation". Beide Dimensionen sind in Dir eingewurzelt, das ist für jeden, der mit Dir zu tun bekommt, mit Händen zu greifen. Wahrscheinlich, ich weiß es nicht, ist das auch eine Frucht Deines bisherigen Wegs, dem gegenüber ich, der ich nie über die badische Landeskirche hinausgekommen bin, mir arg provinziell und kleinteilig vorkomme. Theologiestudentin in England - Pfarrerin in der lutherischen Kirche in Thailand - Dozentin in der reformierten Church of Scotland - verheiratet mit einem Theologen der Anglikanischen Kirche - Mitglied der ökumenischen Iona Community - enge Kontakte in die katholische Kirche hinein - und nun Pfarrerin in einer unierten Landeskirche: was für ein geistlicher Horizont! Du bist gleichsam das personifizierte ökumenische Konvergenzmodell der "versöhnten Verschiedenheit"! Daß wir als Christen Global Player sind, oder wir sind nicht Christen, dafür stehst Du und Dein Lebensweg faszinierend ein. Und weil bei Dir die Klarheit und Stringenz des theologischen Gedankens immer ausbalanciert ist durch die Großzügigkeit der gelebten Spiritualität, kannst Du diese so denkbar unterschiedlichen Traditionen nicht als einander ausschließend, sondern als sich gegenseitig erhellend und ergänzend in Dir aufnehmen, gut paulinisch nach den Motto: "Prüfet alles und das Gute behaltet!" Diese Weite, die Du mit- und hier einbringst, das sehe ich als ein großes Glück und Geschenk an. Weil es uns in unserer oft ängstlichen und in endlose Selbstbeschäftigung eingesponnenen Kirche nur gut tun kann.

Ein letztes. "Der Menschensohn muß erhöht werden, damit alle, die an ich glauben, das ewige Leben haben" - sagt Jesus im Wochenspruch des heutigen Palmsonntags von sich selbst. Das klingt schmerzhaft harmlos im Blick darauf, was damit gemeint ist. Denn was für eine Art von Erhöhung ist das?! Sie ist unvergleichbar, steht völlig quer zu allem, was nach unseren Maßstäben Erhöhung heißt, Ehre verspricht. Jesu Erhöhung heißt, daß ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Man erhöht ihn: auf einen Thron nicht aus Gold, sondern aus grob zusammengezimmerten Holzbalken. Man ehrt ihn: mit einer Krone nicht aus Edelsteinen, sondern aus Dornen. Jesus kennt für sich keine größere Ehre als den Tod eines Verbrechers am Kreuz.

Die Todeskämpfe der solcherart erhöhten Delinquenten dauerten oft länger als einen Tag. Am erhöhten Pfahl waren die Verurteilten, nackt natürlich, den Blicken der Gaffer ausgesetzt. So ja auch bei Jesus, die Passionsberichte beschreiben das drastisch. Die wenigsten Blicke auf den sterbenden Jesus waren Blicke des Glaubens. Auch Jesus, der Staatsverbrecher, sollte in seinem erbärmlichen Dahinsiechen von allen gesehen werden können. - Aber das gilt nun eben auch in einem noch sehr anderen, tieferen Sinn: das, was nach den Worten des Paulus für "die Welt" nur ein Skandal und eine Torheit sein kann, das sollte eben nicht nur nach der Römer, sondern auch nach Gottes Willen buchstäblich "hoch angesiedelt" sein. Damit der - weltlich gesehen - Justizirrtum auf Golgatha eben keine Fußnote der Weltgeschichte bleibt, sondern sich für alle, Juden und Heiden, als das erschließt, was es wirklich ist: die Erhöhung, die nur aus der totalen Erniedrigung, der Selbsthingabe der Liebe kommen kann.

Denn das ist Jesu unvergleichliche Ehre: daß er für uns stirbt, damit wir durch ihn leben. Das, liebe Ute, ist - vor allem anderen, was ich vorhin genannt habe, und viel wichtiger noch als all dieses - die "vornehmste" und schönste Aufgabe in deinem Dienst als Pfarrerin an einer Kirche die ja den Namen Christi trägt: ihn selbst, Jesus Christus, in deinen Gedanken, Worten und Werken immer wieder so zu "erhöhen", ihn hoch anzusiedeln, daß sich die Blicke aller weniger aufeinander, sondern vielmehr gemeinsam nach oben - "sursum corda!" - richten, damit wir ins dankbare Staunen kommen, wie sehr wir alle von dieser unerschöpflichen Liebe leben. Dazu wünschen wir Dir das, worum wir jetzt singend bitten:

Gib, daß ich rede stets, / womit ich kann bestehen.

Laß kein unnützlich Wort / aus meinem Munde gehen.

Und wenn in meinem Amt / ich reden soll und muß,

so gibt den Worten Kraft / und Nachdruck ohn' Verdruß.

Amen.