Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.


Liebe Gemeinde,

Jetzt ist mir nach Singen zumute. Nicht nach dem Hosianna - das schon weit hinter uns liegt. Noch weniger denke ich an ein Jubeln über meine Einführung - auch wenn ich innerlich jauchzen mag. Ja, es ist eine besondere Ehre, an einem so großen Fest wie Palmsonntag in den Dienst an der ehrwürdigen Gemeinde Christi eingeführt zu werden. Wenn ich der Wahl dieses Tags zu Beginn recht skeptisch gegenüberstand, dann liegt das daran, weil ich mich mit einer Mischung aus Ernst und Humor fragte: Welcher Pfarrer, welche Pfarrerin möchte ausgerechnet an diesem Fest eingeführt werden, denn wer mit Jesus einzieht, muss ja wohl auch den ganzen Weg mitgehen. Und wo Jesu Weg hinführte, das wissen wir.

Alles schien gut, damals in Jerusalem, als Jesus in die Stadt zum Passahfest, dem großen Fest der Befreiung einzog. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, das Volk hielt sich einmal dran, Tor und Tür waren ihm in der Tat weit geöffnet. Es kam der Herr, der Herrlichkeit. Große Hoffnung wurde zu Recht auf seinen Kopf gesetzt. Die Sehnsucht aller schlug ihm entgegen, die sich die neue Führungskraft dringend herbeiwünschten und auch nötig hatten. Einen, der sie aus ihrem Elend herausführte, der Schande der Okkupation, die auch immer die Schande der Kollaborateure ist, ob sie freiwillig aus Profitdenken zu Mitläufern werden oder ob sie sich arrangieren, weil die Angst es ihnen gebietet. Die Angst vor dem eigenen Untergang. Jesus war dieser Mann, der ihnen allen den Weg aus der Niederlage, der persönlichen und politischen weisen sollte. Die Zeit war reif. Doch die Euphorie wandelte sich so schnell in Ablehnung wie das schöne Wetter in der vergangenen Woche dem Regen.

Bei ehrlicher Betrachtung ist die Wende der damaligen Ereignisse auch für uns heute noch eine Zumutung. Palmsonntag, das ist der Anfang vom Ende, jeder Schritt führte näher an den Rand des Erträglichen. Und Schlag auf Schlag folgte eine Ohrfeige nach der anderen ins Gesicht der Hoffnungsvollen ebenso wie in das Gesicht des Hoffnungsträgers. Das Yes, he can wurde zum No, he couldn't.

Es ist die Erfahrung, die niemand gerne macht: Der zum Star Gekrönte stellt sich als ein Flopp heraus. Jesus war nicht der, für den man ihn hielt. Der König wurde zur Persona non grata erklärt. Bald jagte man ihn zu den Toren hinaus. Man wollte absolut nichts mehr von ihm wissen. Seine göttliche Antwort auf die Frage nach dem rechten Umgang mit der Macht entsprach so gar nicht der gängigen Auffassung. In vornehmen römischen Kreisen galt das Wort vom Tod durch das Kreuz als Obszönität. In jüdischen Kreisen galt der Kreuzestod als Zeichen des Verflucht seins von Gott. Hierin waren sich Besatzungsmacht und Besetzte Macht einmal einig. Dabei fing es doch so gut an: Alles war gut in Jerusalem an jenem Palmsonntag als Jesus den dritten Weg wählte zwischen Favorit und Verlierer. Er ging nicht zu Fuß, er ritt nicht auf einem stolzen Pferd ein, sondern wählte das Lasttier, den Esel.

Diesen dritten Weg Jesu zwischen Machtmissbrauch und totaler Niederlage beschreibt auch das Lied, das Paulus durch den Kopf ging als er unter schweren Vorwürfen aufgrund seiner Verbindung mit Christus im Gefängnis lag. Ob sein Weg aus der Zelle in die Freiheit oder zur Todesstrafe führen sollte, war noch nicht endgültig geklärt. Die Gemeinde war äußerst besorgt über sein Schicksal.

Paulus mahnt: 2 (5) Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.

Und dann zitiert er ein Lied, das Lied vom Weg Christi, das nicht einmal aus seiner Feder stammt. Andere Christen vor ihm hatten es formuliert, was auch sein Herz, seinen Sinn und Verstand bewegte. An die Gemeinde gibt er es weiter in seinem Brief an die Philipper (Phil 2, 6-11) in unserem Predigtext (in einer neueren Übersetzung von Otfried Hofius):

(6) Er, der in Gottesgestalt war,
hielt nicht fest wie einen Raub das Gottgleichsein,
(7) sondern Er machte sich selbst arm,
Knechtsgestalt annehmend.
Den Menschen gleich werdend
und der Erscheinung nach erfunden als ein Mensch
(8) erniedrigte Er sich selbst
sich gehorsam erzeigend bis zum Tod,
ja zum Tod am Kreuz.
(9) Darum auch hat Gott Ihn zur höchsten Höhe erhoben
und Ihm geschenkt den Namen über alle Namen,
(10) damit unter Anrufung des Namens Jesu
jedes Knie sich beuge
der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen
(11) und jede Zunge lobpreisend bekenne:
'Herr ist Jesus Christus!'
- zur Ehre Gottes des Vaters.

Liebe Gemeinde,

Das sind schon steile Thesen, die hier auf uns zukommen. Gänzlich unverständlich wenn wir sie als Gebrauchsanleitung für das Leben des einzelnen Christen lesen, eindimensional individualistisch entrückt als sei das Los eines jeden Christen der Weg in die Demütigung und Erniedrigung. Erst die Peitsche, dann der Zucker. Ein Hauch von Selbstkasteiung und falscher Askese, die den Weg zur Selbsterhöhung ebnen sollen. Als erfahre Gott Genugtuung durch menschliche Unterwürfigkeit in der Nachfolge eines unterwürfigen Christus. Aber so geht das Lied nicht. Das klärt Paulus durch seine Gebrauchsanleitung im Vorsatz, der den Philippern das Lied Christi ans Herz legt:

(5) Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.

Knapp und präzise räumt Paulus hier mit der falschen Vorstellung auf, dass ein Christ Christ ohne andere sein kann, dass jede und jeder für uns sich allein den Weg zum Heil in der Imitation Christi freischaufel könne. Zu Recht war die Reaktion am Montagabend im Predigtgespräch auf einen solch übereilten christlichen Lebensentwurf, der das Martyrium des Kreuzestodes aufsucht, eher abweisend. Als Christen sind wir Zeugen des Lebens und nicht des Tods. Auch das Kreuz ist uns Zeichen davon, dass das Leben und die Liebe über den Tod siegt.

Dennoch stellt sich die Frage, was denn dann der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht, so wie sie im Lied Christi dargestellt wird.

Das ist nicht die Einladung: unseren Blick auf das zu richten, was uns Erfolg erntet, eine steile Karriere, der erhoffte Gewinn in der Sendung "Wer wird Millionär" oder Ruhm und Status, den uns unser Beruf oder unsere soziale und nationale Herkunft garantiert.

"Er, der in Gottesgestalt war, hielt nicht fest wie einen Raub das Gottgleichsein". Christus ließ los, was Gott von den Menschen trennte. Er wurde arm, zum Absteiger, und richtet so in unseren Blick nach unten.

Kaum ein anderes Lied bringt dies für mich so gut zum Ausdruck wie das Lied der Beatles von Eleanor Rigby-

Ah, look at all the lonely people - Schau hin, wie viele einsame Menschen es gibt: So aufmerksam zu werden auf die Tiefen menschlichen Abgeschiedenseins und es so einzuholen, das entspricht der Gesinnung Jesu.

"Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht".

Lassen wir diese Einladung auf uns wirken im Hören auf das Lied: Eleanor Rigby (Stephanie Dauer spielt die Cellostimme)

Ah, look at all the lonely people - Sieh nur, wie viele einsame Menschen es gibt, wo kommen sie nur alle her, zu wem gehören sie denn - kümmert sich niemand?

Das Lied erzählt von Frau Eleanor Rigby. Alles was wir über sie erfahren ist, dass sie den Reis vom Boden der Kirche aufhebt, nachdem die Hochzeitsgesellschaft schon längst ausgezogen ist und mit viel Gelächter feiert. Nicht so Eleanor Rigby, sie ist und bleibt ihr Leben lang allein. Und sie ist nicht die einzige. Wo kommen sie nur alle her, die einsamen Menschen?

Pfarrer McKenzie ist ein anderer, mit seinen Predigten, die er einsam in seinem Büro schreibt. Dabei kommt ohnehin nie jemand zu ihm in die Kirche, um sie zu hören. Sieh nur, wie viele einsame Menschen es gibt, wo kommen sie nur alle her, zu wem gehören sie denn - kümmert sich niemand? Eleanor Rigby stirbt in der Kirche und wurde begraben, und mit ihr ihr Name. Niemand erinnert sich. Ausgerechnet Pfarrer McKenzie hielt die Beerdigung. Aber selbst da kam niemand, keine einzige Seele konnte er mit seiner Predigt retten.

Sieh nur, wie viele einsame Menschen es gibt

Eleanor Rigby ist eine unbekannte Frau, die niemals lebte. Ihr Lied findet dennoch heute viel Resonanz. Es führt uns an den Abgrund des Menschseins. Ruft laut nach Solidarisierung und Beziehung. Sie mag arm oder reich sein, gebürtig aus der Stadt oder neu zugezogen, jung oder alt, arbeitslos oder mit einem guten Job ausgestattet, fortschrittlich oder altmodisch. Eleanor Rigby führt uns unser menschliches Scheitern vor Augen, den Menschen als Mensch zu begegnen. Dass es anders sein kann, zeigt die Skulptur, die für sie geschaffen wurde in hommage an alle Menschen, die einsam sind.

Wer diese Skulptur sieht, lässt sich erinnern, dass wir uns alle letztendlich nach Beziehung sehnen. Die Hybris, die Überheblichkeit aller Zeiten besteht darin, dass der Mensch sich allein genug sein kann. Auf dem Weg nach oben, in die Selbstbehauptung, grenzen wir einander aus, nehmen keine Rücksicht aufeinander. Wir glauben an ein Überleben, in dem wir uns selbst der Nächste sind, streben immer weiter nach oben. In Bildung, Beruf, Anerkennung.

Jesu Weg ist führt in die entgegengesetzte Richtung. Und damit setzt er uns ein Zeichen.

Jesu Weg, dieser dritte Weg, die Alternative, die das Lied uns ausschreiten lässt, ist der endgültige Weg Gottes in die Solidarität mit dem Menschen bis in die tiefsten Exzesse menschlicher Existenz. Christus scheut sich nicht, aus den Toren der Stadt Jerusalem zu ziehen. Er stellt sich in seinem Exodus außerhalb seiner politischen und religiösen Gemeinde in die Gemeinschaft aller Menschen. Das ist sein Auftrag auch an uns. Dass wir uns nicht begrenzen lassen. Auch und gerade nicht in dem Verständnis dessen, wer zu unseren Gemeinden gehört und wer nicht.

Vielleicht liegt ja die Herausforderung unserer Zeit an die Kirche gerade darin, dass sie den Begriff der Gemeinde Christi, seiner Kirche, zu eng fasst

Vielleicht ist unsere Gemeinde viel größer als wir bisher vermutet oder zugelassen haben so wie ein Report der reformierten Church of Scotland im Jahr 2004 es hinterfragt. Was ist das überhaupt, eine Gemeinde? Die Strukturreformen innerhalb unserer Kirchengemeinde in Freiburg lassen uns neu danach fragen. Wie groß kann eine Gemeinde sein, bevor sie zum anonymen Überbau wird. Noch suchen wir nach Begriffen, sind unsicher ob die Bezeichnung Predigtbezirk die Wirklichkeit beschreibt, nach der wir uns sehnen. Vielleicht trifft es liebevolle Begriff der Christenbande doch besser - auch wenn ich dabei immer an die Sieben Strolche denken muss. Denn Gottes Wort kam zu uns als Mensch, nicht als Dogma. Gott will präsent unter uns sein. Auch bei Paulus zählt der Gedanke der Gemeinschaft, die so gesinnt ist wie Christus Jesus. Er aber schließt niemand aus. Nichts ist ihm fremd. Schließt sich uns an. Sein Weg will gelebt sein. Ah, look at all the lonely people. Lassen wir uns von dem Lied Christi so berühren.

"Wenns sie's nicht singen, glauben sie's nicht", so drückte Luther es aus.

2 (5) Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.