Media morte in vita sumus - Predigt über Römer 14, 7-9
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres - 7. 11. 2010, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

"Der Tod ist groß / Wir sind die Seinen / Lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen / Wagt er zu weinen / Mitten in uns." Mit diesen in ihrer elementaren Knappheit großartigen sechs Zeilen bringt Rainer Maria Rilke die zeitlos gültige Menschenerfahrung auf den poetischen Punkt, die ein alter Hymnus so ausgedrückt hat: Media vita in morte sumus - Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Wir haben heute den Drittletzten Sonntag des Kirchenjahrs. Ein sicheres Indiz, daß wir im November angelangt sind - mit all der Tristesse, die diesem Monat anhaftet. Die biblischen Texte, die in dieser Zielgeraden des Kirchenjahrs in den Gottesdiensten dran sind, mit ihrem Bedenken von Sterben, Tod, Weltende und Weltgericht passen dazu. So auch die drei kurzen, markanten Verse unseres Predigttextes - auf den ersten Blick jedenfalls. Sie werden oft auf dem Friedhof gesprochen: in dem schweren Moment, wo man am Grab angelangt ist und nun der Sarg oder die Urne in die Erde muß. Deshalb verbinden zumindest wir PfarrerInnen diese Paulusworte mit Sterben und Tod. Und deshalb scheinen sie als Predigttext zu diesem Sonntag zu passen.

I.

Scheinen! Denn eigentlich spricht ihr Inhalt eine andere Sprache. "Darum wir leben oder wir sterben, sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei". Wenn das schon in dieser Kirchenjahrszeit als Predigttext vorgesehen ist, dann müßte es mit noch viel mehr Recht an Ostern gepredigt werden! Denn man kann das staunend zwar, aber wirklich nur ungeniert aussprechen: Jesus Christus, Gottes von menschlicher Un- und Selbstgerechtigkeit furchtbar entstellter Mensch, ist auferstanden von den Toten. Einer von Ungezählten, die tödlich verletzt und nach menschlichem Ermessen umsonst gestorben sind. Aber als einer von Unzähligen ist er nun Grund zur Hoffnung für Unzählige. Denn Auferstehung, das heißt: Gott hat sein Leben, sein ewiges Leben mit diesem toten Menschen geteilt. Und das heißt wiederum: Der unsterbliche Gott und die sterbliche Menschheit haben eine gemeinsame Zukunft. Das ist das Geheimnis nicht nur des Ostertages, sondern überhaupt des christlichen Glaubens, den es ohne Ostern nicht gäbe.

"Unser keiner lebt sich selber... Leben wir, so leben wir dem Herrn". Von "sollen" steht hier spannenderweise nichts. Keine Ermahnung "Lebt dem Herrn!" Paulus behauptet hier sehr lapidar, daß wir, wenn wir überhaupt leben, dann für Christus leben. Vermutlich hat er dabei an die Taufe gedacht, die für ihn, wie er den Römern einige Kapitel vorher schreibt, eine richtiggehende Übereignung an Christus darstellt. Für ihn war das selbstverständlich, daß die auf den Namen Jesu Getauften sich nicht mehr selbst gehören, nicht mehr ihre eigenen Herren sind. Für uns ist das ganz und gar nicht selbstverständlich. Redet der Apostel hier nicht an der Realität des Lebens vorbei? Ist nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied? Wem es gut geht, der hat sich das durch harte Arbeit auch verdient. Wer von Hartz IV leben muß, hat eben nicht genug in die Hände gespuckt. Dieses Denken steckt unbewußt in vielen drin. Sei dein eigener, unabhängiger Herr, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott - so schlicht ist heute weithin das Gottesbild.

Paulus indessen sagt: Als Getaufte gehören wir nicht uns selbst, sondern Gott. "Gehören", das steckt als Wurzel in dem Wort "Gehorsam" drin. Für uns ist es - außerhalb der Erziehung kleiner Kinder - ganz negativ besetzt. Gelingendes Leben soll doch eher vom Gehorsam weg zum verantwortlichen, selbstbestimmten Dasein führen. Unendlich viel Blut ist im vergangenen Jahrhundert im Namen des "Gehorsam" sinnlos geflossen. Und davon abgesehen, Gehorsam - das klingt doch so katholisch! Nichts für uns freiheitsverliebte Protestanten, die wir doch irgendwie jeder unser eigener Papst sein wollen! Aber auch in unserem Verhältnis zu Gott tun wir uns mit dem Gehorsam schwer. Gott soll segnen, begleiten, helfen, heilen - aber gebieten, nein, bloß nicht! Wir wollen es gern modern-partnerschaftlich haben, auch in unserem Verhältnis zu Gott.

Paulus aber, lebte er heute, würde ungeniert für das mit dem Gehorsam werben. Im allerersten Satz des Römerbriefs bezeichnet er sich selbst als "Knecht", als Sklave Jesu Christi - und das nicht etwa verdruckst, sondern mit aufrechtem Gang und richtig stolz. Diesem Herrn gehört er nur zu gern - denn aus solcher Sklaverei erwächst für ihn erst wirkliche Freiheit. Er spricht das explizit aus in dem eben schon erwähnten großen Taufkapitel des Römerbriefs, wo er feststellt: "Gott sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam geworden dem Bild, dem ihr ergeben seid. Denn nun seid ihr frei geworden von der Sünde, seid ihr Sklaven geworden der Gerechtigkeit" (Röm 6,17f). Wer sich an dieser Art von Knechtschaft stoßen würde, der hätte nichts vom Evangelium kapiert. "Unser keiner lebt sich selber" - denn sich selber leben hieße, Sklave der Sünde zu sein, die, wie Bonhoeffer sagte, immer mit mir allein sein will.

II.

In Heidelberg, wo ich aufgewachsen bin, wurden wir als Kinder, wenn man unseren Nachnamen wissen wollte, auf gut kurpfälzisch gefragt: "Wem g'hersch'n du?" Wem gehörst Du? Damit war also die Familienzugehörigkeit gemeint. Solch ein "Gehören" kann aber niemals etwas Besitzanzeigendes sein. Zu einem Menschen gehören, und erst recht zu Gott gehören: da wird man nicht zum Objekt, dem Gutdünken des Besitzenden ausgeliefert - sondern da drückt sich aus, daß einer mit einem anderen sein Leben teilt. Wo solches geschieht, ist das etwas Geheimnisvolles und allemal Großes. Die Betroffenen selber staunen am meisten darüber. Junge Leute, wenn sie das Glück der Liebe erfahren, wissen das am unmittelbarsten. Und ein älterer, selbst ein alter Mensch wird dann noch einmal den Jungen ähnlich, wenn plötzlich ein anderer Mensch bereit ist, sein Leben mit ihm zu teilen. Daß ein Mensch sein Leben mit einem anderen teilen kann, das ist unser Geheimnis, unser großes Geheimnis. Aber als Menschen können wir unser Leben nur mit Lebenden teilen.

Sein Leben mit einem Toten teilen zu können: das ist Gottes Geheimnis. Und es gehört zur Kraft dieses Geheimnisses, daß es sich in einer vom Tod gezeichneten Welt durchsetzen will. Seit Ostern teilt Gott sein Leben mit einem Menschen. Und dieser eine, Jesus Christus, will nicht der einzige sein. Er lebt, und wir sollen auch leben. Und dazu kann man sich nur beglückwünschen. Jesus Christus lebt. Die Welt könnte aufleben. Man könnte mit ihm leben. Denn über ihn, so sagt es Paulus im Römerbrief an anderer Stelle, "herrscht der Tod nicht mehr" (Röm 6,9).

Nicht mehr - das klingt nach Unwiderruflichkeit. Es hat in der Regel einen bitteren Beigeschmack. Nicht mehr - das heißt oft genug: es ist aus. Menschen kennen sich nicht mehr. Generationen verstehen sich nicht mehr. Staaten verkehren nicht mehr miteinander. Solche Sätze signalisieren den Abbruch von Beziehungen. Briefe werden verbrannt, Erinnerungen gelöscht, ein Verhältnis ist zu Ende. Nicht mehr - das sind in der Regel Worte, die den Tod anzeigen. Sie gehören zu den Begriffen, deren Wörterbuch der Tod erstellt hat. In unserem Mund sind sie oft genug das Instrument seiner Herrschaft schon mitten im Leben. "...Wenn wir uns mitten im Leben meinen / Wagt er zu weinen / Mitten in uns."

Denn nicht wahr, liebe Gemeinde, der Tod herrscht ja nicht erst, wenn kein Mensch mehr helfen kann. Sondern schon dort beginnt seine vernichtende Herrschaft, wo man nicht mehr helfen will. Alten zum Beispiel, die nur noch nehmen und nicht mehr geben können. Nicht mehr helfen zu wollen ist tödlich. Und auch da herrscht der Tod bereits, wo man sich nicht mehr helfen lassen will, weil man der Hilfe mißtraut, oder weil man einfach zu stolz ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sich nicht helfen lassen ist tödlich.

Nein, es ist wirklich nicht wahr, daß der Tod erst dann da ist, wenn das biologische Leben endet. Der Tod in seinen vielen Erscheinungsformen schleicht sich ja immer wieder ein bei uns und treibt sich überall herum, wo er nichts verloren hat. Überall, wo Beziehungen zerbrechen, wo man kein Wort mehr füreinander hat, wo man am selben Tisch - vielleicht sogar im selben Bett - beziehungslos nebeneinander lebt, da hat sich der Tod herangeschlichen. Wo Menschen sich nichts mehr zu sagen haben, da ist er schon dabei. Das kann ganz klein anfangen. Ein Streit eskaliert, man brüllt sich an, die Türen knallen - und dann ist Schweigen. Der Lärm ist verstummt, alles ist wieder ruhig. Unheimlich ruhig. Friedhofsruhe. Wir alle sind von dieser schleichenden Herrschaft des Todes gezeichnet. Media vita in morte sumus - Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. - Der Lebenslauf eines jeden Menschen zeichnet das nach. Am Anfang ist man jung und voll von Hoffnung und Zukunft. Man sucht Miteinander, knüpft Beziehungen und pflegt sie - bis es dann zum ersten Mal nicht mehr geht. Und am Ende geht es überhaupt nicht mehr; dann sagen nicht wir, sondern der Tod selber als letztes Wort sein "nicht mehr". Das ist unsere Geschichte. Eine alte Geschichte - Todesgeschichte.

III.

Seit jenem Morgen, den wir den österlichen nennen, hat aber eine neue, eine lebendigmachende Geschichte begonnen. Keine Todesgeschichte mehr, sondern eine Siegesgeschichte. Die Geschichte des Sieges über den Tod, der uns noch so sichtbar beherrscht und irgendwann irgendwo auf jeden von uns wartet. Soll er doch! Denn der Sieger über den Tod, Jesus Christus, wartet auch. Er wird dabei sein, wenn der Tod kommt. Er behält das letzte Wort. Er kann helfen. Vor allem da, wo kein Mensch mehr helfen kann: Er hilft uns beim Sterben. Er ganz allein. "Darum wir leben oder wir sterben, sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebende Herr sei."

Aber der Auferstandene ist nicht nur für das letzte Stündlein, sondern für alle Stunden unseres Lebens da. Wer im Tod hilft, der hilft erst recht im Leben. Er will auch in unseren Gedanken, Worten und Werken Spuren seiner Auferstehung hinterlassen, Spuren, die nach vorn, in die Zukunft weisen: ihm hinterher. Ihm, Jesus nach, kann man nur nach vorne gehen. Sonst würde man hoffnungslos hinter der eigenen Zukunft zurückbleiben.

Der christliche Glaube, liebe Gemeinde, ist die deutlichste Spur des auferstandenen Jesus Christus. Und unsere Fragen, Zweifel, unsere tausend Bedenken - der Glaube weist sie nicht ab, er nimmt sie alle mit, um sich unterwegs mit ihnen auseinanderzusetzen. Keine Frage, und sei sie noch so bohrend und kritisch, wird dabei abgewiesen. Sie alle werden mit der Spur des Auferstandenen konfrontiert, der in seinem irdischen Leben all unseren Unglauben auf sich hat laden lassen und dafür gestorben ist.

Aber auch umgekehrt wird er, Jesus Christus, uns Fragen stellen und Zweifel äußern. Denn eine Frage zumindest und ein schwerer Zweifel ist seit Ostern auf jeden Fall in der Welt: nämlich ob wir aufhören, Handlanger, Helfershelfer des Todes in seinen vielen Gestalten zu sein. Dieser Zweifel will von uns widerlegt werden. Jesus Christus ist auferstanden, das Leben triumphiert - und wir töten weiter mit Gedanken, Worten und Schüssen. Nein - so nicht. Der Auferstehungsspur folgen bedeutet, überall in der Welt die Handlanger des Todes auszuspüren und aufzuscheuchen, damit der Tod sein trübes Handwerk nicht mehr mit menschlicher Hilfe besorgen kann. So den Tod widerlegen - das ist gar nicht so schwer. Man macht es nämlich vor allem dadurch, daß man das Leben nicht widerlegt. Die beste Widerlegung des Todes ist, das Leben zu loben. Das ewige und das irdische. Das ewige Leben loben, das heißt: sich die Nähe Jesu Christi, die Gemeinschaft mit ihm gefallen lassen. Ihm zu leben und nicht sich selbst. Und das irdische Leben loben heißt: Keine Schüsse mehr, keine Brandsätze, keine endgültigen Urteile, mit denen man andere festlegt, kein Gerede über abwesenden Dritte, die sich nicht wehren können.

Mit diesem anstrengenden, aber schönen Geschäft kommen wir unser ganzes Leben nicht ans Ende. Wir tun es überall da, wo unsere Taten nicht Untaten, sondern Wohltaten werden. Jeder von uns kann da kreativ werden - und wird es zum Glück auch immer wieder. Ein Besuch bei jemand aus der Gemeinde, der gerade im Krankenhaus liegt und mit seiner Krankheit, vielleicht auch mit Einsamkeit zu schaffen hat. Ein wahrnehmendes Wort, eine kleine persönliche Nachfrage bei dem Menschen, an dem ich zuletzt vorbeigegangen bin. Ein Obolus für die vielen wichtigen Projekte, die unsere Kirche unterstützt. Die Entschlossenheit, in unserer Kirche Krisen auch als Chancen anzusehen, nicht nur Abbruch, sondern darin auch Aufbruch wahrzunehmen - und den gibt es, auch bei uns! Unspektakulär mag sich all das anhören, aber es sind alles Wirkungstreffer gegen den Tod. Und wo sie gesetzt werden, sind wir Zeugen der Auferstehung wie damals die Frauen Ostermorgens am leeren Grab. Es lohnt alle Phantasie, die wir da rein investieren. Denn wo der Tod auf Erden widerlegt wird, da hat nicht nur Gott seine Freude an uns, da haben auch wir Grund zum Jubeln: "Wir wollen alle fröhlich sein" - nicht nur in österlicher Zeit, sondern auch im trüben November.

"Der Tod ist groß / Wir sind die Seinen, / Lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen / Wagt er zu weinen / Mitten in uns." Wohl wahr - wenn wir uns selber leben. Wenn wir aber werden, was wir als Getaufte sind, nämlich solche, die einem anderen leben, dann lauten die Verse anders:

Mein bist du!,

spricht der Tod

und will groß Meister sein.

Umsonst!

Mir hat mein Herr versprochen:

Du bist mein.

(Albrecht Goes)

Amen.

Lieder: 165,1+3+5+6 / 645,1+2 / 152,1-4 /115,1+2+5+6 / 473,1-3