Die ewige Gottesstadt - Dialogpredigt über Offenbarung 21, 1-7
Ewigkeitssonntag - 21. 11. 2010, Christuskirche Freiburg (UJF-ME)


Liebe Schwestern und Brüder!

"Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt. Dieses wahnwitzige, dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott selbst - das kann doch kein Mensch mehr aushalten" - notiert der junge, hochbegabte Theologe Dietrich Bonhoeffer. Die Schwierigkeit, über Gott im ganz alltäglichen Leben nicht nur nachzudenken, sondern ihn wirklich zu erfahren, setzte ihm so zu, daß er sich mit dem Gedanken trug, nach Indien zu reisen, um die dortigen Religionen zu kennenzulernen und endlich Erfahrungen mit Gott zu machen. Wenn das schon ein junger Mensch sagt, der sich gar nicht in einer existentiellen Krise befindet - um wieviel mehr müssen das die empfinden, über deren Leben die Finsternis hereingebrochen ist, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben, also aus ihrem Leben ein unverzichtbarer Teil herausgebrochen ist, wodurch ihr Leben kein Ganzes mehr ist?? Media vita in morte sumus, mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen - sagt ein alter Hymnus. Das ist die Erfahrung vieler, die heute hier unter uns sind, weil der Tod übermächtig erscheint, weil über der Trauer, über diesem gnadenlosen "nicht mehr" des Todes sich Gott ihnen verfinstert hat.

Der heutige letzte Sonntag im Kirchenjahr ist im Bewußtsein vieler Kirchgänger immer noch mehr der "Totensonntag" als der Ewigkeitssonntag, wie sein eigentlicher Name lautet. Natürlich ist es richtig, daß unsere Blickrichtung nach vorne anstatt zurück gelenkt werden soll. Nicht die quälende Frage: was habe ich verloren? soll an diesem Tag im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage: was ist mir geblieben?, und mehr noch: was darf ich trotzdem hoffen? Aber wir sind nun einmal Menschen, mit unseren Gefühlen, mit unserem Herz, das beides zugleich ist, ein trotzig und verzagt Ding, und das sich so schwer tut, das loszulassen, woran es in Liebe gehangen hat. Darum kann es gar nicht anders sein, als daß uns an diesem Tag besonders intensiv die vor Augen sind, die wir in diesem Jahr verloren haben und um die manche unter uns noch heftig trauern, weil ihr Leben jetzt anders, ärmer ist ohne sie.

Wir sind nun einmal Menschen mit unseren Gefühlen, mit unseren Herzen. Und zu unserer Qual oder Freude, je nachdem wie man es sieht, schlagen selbst in den unglücklichsten Zeiten zwei Seelen in unserer Brust, es geht uns fast wie Faust. Hin- und hergerissen zwischen der Grenze dessen, was wir mit dem Verstand fassen können und der Sehnsucht unseres Herzen, die zuweilen gegen allen Verstand auf das Unmögliche hofft, fühlen wir uns zerissen bis hin zu lebensmüde. Dabei bedeutet Faust doch "glücklich". Und nach Glück streben wir alle. Auch wenn wir es uns zu Zeiten nicht eingestehen können. Wie kann ich glücklich sein, wenn mir der Mensch fehlt, mit dem ich vieles im Leben geteilt habe, auch oder gerade weil man nicht immer ein Herz und eine Seele war.

Von widersprüchlichen Gefühlen werden wir zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten von unserer Trauer überwältigt. Dabei erschrecken wir nicht so sehr vor den Tränen, der Wut, der Unruhe, dem Nicht-Schlafen-Können vor Sehnsucht, weil das Bett neben uns leer ist und bleibt, weil das Telefon nicht mehr klingeln wird, weil der gewohnte Anruf am Abend oder Wochenende nicht mehr kommt. Das alles gehört zur Trauer um unsere Verstorbenen hinzu und wird in gewisser Weise von uns erwartet.

Viel erschreckender als diese Achterbahn der Gefühle, ist der Zeitpunkt, wenn die Erinnerung ihr Spiel mit uns treibt. Wenn wir uns nicht mehr genau erinnern können an die Stimme, die kleinen Eigenarten des Menschen, den wir so gut zu kennen glaubten. Mit jedem Tag scheint er weniger Spuren zu hinterlassen und droht aus unserem Alltag bald ganz zu verschwinden. Ja es gibt Augenblicke, da flüstert eine innere Stimme uns zu: es ist gar nicht mehr so schlimm, ohne den anderen auszukommen, es ist nicht mehr ganz so furchtbar wie am Anfang, fast könnte man sich daran gewöhnen. Schließlich geht das Leben weiter, will weitergehen. Der nächste Frühling kommt bestimmt und mit ihm ein neuer Appetit aufs Leben. Da sind die Freunde und Verwandten, die sich rührend um uns sorgen. Da ist der goldene Herbst, der gerade hinter uns liegt. Mit den Blättern, die von den Bäumen fallen, wird auf einmal ein Stück des Himmels über uns sichtbar. Die Aussicht macht uns neugierig, auf das, was das Leben an Schönem zu bieten hat. Die Geburt eines Kindes. Der Besuch einer Freundin.

Doch urplötzlich schämt man sich darüber, wie man nur so denken konnte: der andere ist tot. Ich lebe. Und noch mehr: Ich möchte leben. Dieses Zurückfinden ins Leben, es schmerzt genauso wie der Abschied von unseren Verstorbenen. Pablo Neruda bringt es in seinem Gedicht Die Tote deutlich zur Sprache:

Wenn du plötzlich nicht mehr da bist, / wenn du plötzlich nicht mehr lebst,/ werde ich weiterleben. / Ich wage es nicht, / wage es nicht zu schreiben: / wenn du stirbst. / Ich werde weiterleben…
Nein, verzeih mir. / Wenn du nicht lebst, /wenn du, Geliebte, meine Liebe, / wenn du / gestorben bist, / ...durch Frost und Feuer, Tod und Schnee werde ich gehen,/ meine Füße werden dorthin wollen, wo du schläfst,/ aber / ich werde weiterleben, / weil du vor allem von mir wolltest, daß ich unbeugsam sei…
Es ist, als säße man in einer Falle zwischen Trauer und Lebenslust. Letzteres mutet an wie ein Verrat an der Liebe. Und doch ist es gerade die Liebe, die uns verpflichtet, das Leben in die Hände zu nehmen, das uns geschenkt ist. Eines ist sicher, es lässt sich nicht nahtlos anschließen an das, was zuvor an Glück oder an Missglücktem unser Leben füllte.

"Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde": so beginnt unser Abschnitt aus dem letzten Bibelbuch. Die Sehnsucht nach dem Neuen, sie ist etwas Wunderbares, wir können als Menschen gar nicht existieren ohne sie. Aber an einem Tag wie diesem holt sie uns auf eine tief schmerzhafte Weise ein: noch einmal neu anfangen können, mit denen zu leben, deren Verlust wir jetzt betrauern, damit wir dieses Mal vermeiden, was wir im Umgang mit ihnen falsch gemacht haben! Das ist ja oft das Schlimmste am Tod eines geliebten Menschen, daß uns dann, wenn die Beziehung endgültig abgebrochen ist, mit einem Mal wie eine Anklageschrift vor Augen kommt, was wir ihnen schuldig geblieben sind, was wir mit ihnen hätten anders und besser machen können. "Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur; / doch mit dem Tod der andern muß man leben" - sagt die Dichterin, und das ist wahr. Ist das Sterben geliebter Menschen nicht deshalb so schrecklich, weil uns damit unerbittlich vor Augen gestellt wird, was wir sonst allenfalls ahnen: daß alles in einer letzten Vergeblichkeit endet, Bruchstück und Fragment bleibt, und daß immer wieder die alte, unerlöste Welt Triumphe feiert?

Da brauchen wir Gegenbilder, um an der "Gottesfinsternis" um uns und in uns eben nicht "kaputt" zu gehen, um nicht zu ertrinken in der Traurigkeit und der manchmal gefährlich nahen Versuchung zum Selbstmitleid. Unser Text aus einem der rätselhaftesten, aber auch hoffnungsstärksten Bücher der ganzen Bibel entwirft uns solch ein großartiges Gegenbild gegen die vermeintliche Übermacht des Todes. Die Johannesoffenbarung ist eine Trost- und Durchhalteschrift aus dem Untergrund, ein Hoffnungskassiber, an junge Christengemeinden gerichtet in der Zeit der ersten großen Verfolgung durch den römischen Kaiser Domitian. Wo ist Gott? Wo spüren wir etwas von seiner Macht, wo ist in uns der Glaube, der tiefen Anfechtungen standhalten kann? So haben die Christen damals gefragt, und die Versuchung zur Resignation, zum Weggehen vom Christusglauben, zum Sich-Eingraben in der eigenen Traurigkeit war groß. Da kam es auf langen Atem an, auf Standhaftigkeit und die Bereitschaft, an Gott dem Herrn und seinen Verheißungen festzuhalten, gegen allen Augenschein in einer Welt, in der ganz andere Herren die Macht haben und in der der Tod das letzte Wort zu behalten scheint. Was der Verfasser in diesen sieben Versen den bedrängten, von Angst gelähmten Adressaten sagt, ist Trost pur, der sich auf einen doppelten Nenner bringen läßt: Diese Welt mit ihren Todesspuren ist nicht alles und nicht das letzte - sie ist umschlossen von Gottes Ewigkeit. Und Ewigkeit heißt: Gott ist ganz nah - Die Welt ist ganz heil.

Kein Gegenbild, sondern eine Gegen-Landkarte oder genauer eine Stadtkarte zeichnet uns der Seher Johannes in seiner Vision des himmlischen Jerusalem. Trauer ist wie ein langes, gewundenes Tal. An jeder Windung kann sich unserem Blick eine vollkommen neue Landschaft eröffnen, schreibt C.S.Lewis in seinen Tagebüchern nach dem Tod seiner Frau, die qualvoll an Krebs starb.

Der Blick, der sich dem Schreiber der Offenbarung eröffnet, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Endlich ist Schluss mit dem ganzen Leid und Geschrei, das nur Zerstörung mit sich bringt. Der Vorhang fällt über dem Grauen des zwischenmenschlichen Theaters, das sich im Kleinen wie im Großen abspielt. An seine Stelle tritt ganz unerwartet diese Stadt, die bei näherer Betrachtung und erstaunlicherweise keinen Tempel braucht. Dafür aber hat sie Tore, gleich zwölf, später werden wir davon singen.

Gott in der Stadt, so heißt die Vision des Johannes. Gott ganz nahe bei den Menschen, ohne trennende Mauern, ohne die Einsamkeit, die die Anonymität jeder Stadt mit sich bringt. Das hört sich an wie eine schöne Utopie. Ein Gott, der sich nicht hinter den Mauern seiner Kirche verstecken muss, vor dem Elend, der Trauer der Welt, es fällt schwer daran zu glauben. Wer kann heute überhaupt noch an Visionen glauben, geschweige denn sein Leben nach ihnen richten. Und doch, es ist beeindruckend für mich wie sich jedes Jahr gegen Ende des Sommers an der letzten Nacht der Promenadenkonzerte in London dasselbe Schauspiel wiederholt. Da singen Briten aller Couleur, aller Religionen, aus aller Herren Länder, Hand in Hand mit verklärtem Blick davon, wie einst Jesu selbst Fuß gesetzt haben soll im grünen Britannien: Sind wohl in alter Zeit diese Füße / Über Englands grüne Berge gewandelt?/ Und wurde wohl das heilige Lamm Gottes / Auf Englands lieblichem Weideland gesehen?/ Und strahlte wohl das göttliche Antlitz / Hervor auf unsere umwolkten Hügel?/ Und wurde wohl Jerusalem erbaut / Inmitten dieser finsteren satanischen Mühlen?/ Bringt mir meinen Bogen aus glühendem Gold / Bringt mir meine Pfeile des Verlangens … Ich werde vom geistigen Kampf nicht lassen… Bis wir Jerusalem in Englands lieblichem grünem Land errichtet haben.

Inmitten einer Gesellschaft, die den Aufbruch der Industrialisierung mit all ihrem Elend erfuhr, ließ William Blake mit wenigen Worten ein neues Jerusalem entstehen. Wie sollte das geschehen? Durch den Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht. Die Suffragetenbewegung zögerte nicht, dieses Lied zur ihrer Hymne zu machen im Einsatz für das Wahlrecht der Frauen.

Den anderen aus den Augen zu verlieren, obwohl mich nur eine Zwischenwand von ihm trennt, das ist tragisch. Und noch tragischer ist es, wenn wir uns hinter den Mauern der Bildung, des Einkommens, der Herkunft, der beruflichen Möglichkeiten, des gesellschaftlichen Einflusses, verschanzen, damit wir unser Leben so leben können, wie es uns vorschwebt. Was sich hinter diesen Mauern auf der anderen Seite verbirgt an Not, an Hoffnungslosigkeit, das geht mich nichts an. Ich trage genug an meinen eigenen Lasten. Wenn es mir zu viel wird, kann ich mich immer noch zurückziehen, unter anderem auch in die Kirche. Hierhin kommt nicht jeder. Die meisten von uns unterschätzen wie hoch die Schwelle ist.

Das himmlische Jerusalem hält diesen Fluchtweg nicht offen. Hier gibt es keine Trennung mehr in heilig und profan, in die Menschen draußen vor den Toren der Stadt und die wenigen Handverlesenen, die drinnen geschützt sind. Die Tore dieser Stadt sind immer geöffnet. So geht es denen, die in ihrer eigenen Trauer die Trauer der anderen bemerken. Ihre Tore sind offen. Anstatt sich in ihrem Leiden zu verbergen, wenden Sie sich anderen zu, die in einer ähnlichen Lage sind. So lässt sich Gott finden, ohne Schutzwall, mitten unter den Menschen, verwundbar und verletzt finden wir ihn am Kreuz wieder. Und wenig später in den Armen einer Frau, der Pieta, aus Stein gemeisselt von Michelangelo. Auch dieser Stein des Mitleidens gehört zur Vision des Johannes dazu. Auch unsere Tränen der Solidarität erfüllen schon jetzt etwas von dieser Verheißung des Lebens in der neuen Stadt.

"Und Gott wird abwischen alle Tränen...": Für mich ist dies eines der schönsten Bilder, das die Bibel für Gott bereit hat. Für ein weinendes Kind gibt es in dem Moment nichts Größeres als wenn seine Mutter es in den Arm nimmt und ihm die Tränen von der Backe wischt. "Gott wird abwischen alle Tränen…": Für die Bibel heißt das, daß in der zukünftigen neuen Welt Gottes nicht mehr sein wird, was unsere Welt, unser Leben jetzt leidvoll ausmacht. In der Ewigkeit Gottes, der wir entgegengehen, wird es Tränen, Stummheit, Vergeblichkeit, Krankheit, Leid und Tod nicht mehr geben. All das, was uns bis in unsere einsamsten und verborgensten Stunden hinein belastet, wird aufhören. Welche Lasten werden dann abfallen! Nicht nur bei uns, sondern viel mehr noch bei anderen! Unschuldige Frauen und Kinder werden nicht mehr in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten vor Hunger und unter Bombenhagel sterben. Depressive werden ihr Leben nicht mehr wegwerfen. Menschen werden sich selbst nicht mehr rücksichtslos ausbeuten, weil sie erfahren werden, daß sie unabhängig von ihrer Leistung wertvoll sind. Alkoholkranke werden nicht mehr mit zitternden Händen nach der Flasche greifen.

Die alten Dogmatiker haben die Lehre von den "letzten Dingen", die Eschatologie - also die Fragen von Tod, Gericht, Auferstehung, Ewigkeit und Wiederkunft - mit dem lateinischen Ausdruck "De novissimis" überschrieben. Wörtlich übersetzt: Vom Neuesten. Etwas freier übertragen: Über die allerletzten Neuigkeiten. Das ist faszinierend: Wo wir meinen, daß wir mit all unserem Latein am Ende sind, da verheißt uns die Bibel, daß wir für unsere Toten und für uns selbst von Gott her allerletzte Neuigkeiten erfahren werden. Am Ende sollen wir noch nie Gehörtes, nie Gesehenes erfahren. Wir werden bei Gott sein; unsere Toten werden bei Gott sein und den Freispruch hören: Es war nicht umsonst! Ganz im Gegenteil: Du hast unendlichen Wert, du hast nicht vergeblich gelebt!

Liebe Schwestern und Brüder, laßt uns das für unsere Toten glauben: daß es Ihnen gut geht, und daß sie uns nur ein Stück voraus sind auf dem Weg in ein neues, ewiges Licht, das keine Schatten mehr wirft. Unsere Erfahrung "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen" ist nicht der Schlußsatz im Buch unseres Lebens. Der lautet umgekehrt: Media morte in vita sumus - Mitten im Tod sind wir vom Leben umgriffen.

Gott gebe uns, und ganz besonders den Traurigen unter uns, daß wir das glauben können. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unser Denken und Vorstellen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, bis wir ihn schauen dürfen von Angesicht zu Angesicht.

Amen.