Predigt zum Gottesdienst am 1.Advent, 28.11. 2010
mit Kantate BWV 61 - Nun komm, der Heiden Heiland


Besuch von Gott
Jeremia 23, 5-8

Jeremia, Kapitel 23

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Bachkantate BWV 61

Kantate Nr. 1 (Ouvertüre): Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, des sich wundert alle Welt: Gott solch Geburt ihm bestellt.

Kantate Nr. 2 (Rezitativ): Der Heiland ist gekommen, hat unser armes Fleisch und Blut an sich genommen und nimmet uns zu Blutsverwandten an. O allerhöchstes Gut, was hast du nicht an uns getan? Was tust du nicht noch täglich an den Deinen? Du kömmst und lässt dein Licht mit vollem Segen scheinen.

Kantate Nr. 3 (Arie): Komm, Jesu, komm zu deiner Kirche und gib ein selig neues Jahr! Befördre deines Namens Ehre, erhalte die gesunde Lehre und segne Kanzel und Altar!

Kantate Nr. 4 (Rezitativ): Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

Kantate Nr. 5 (Arie): Öffne dich, mein ganzes Herze, Jesus kömmt und ziehet ein. Bin ich gleich nur Staub und Erde, will er mich doch nicht verschmähn, seine Lust an mir zu sehn, dass ich seine Wohnung werde. O wie selig werd ich sein!

Kantate Nr. 6 (Choral): Amen, amen! Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange! Deiner wart ich mit Verlangen.

Gnade sei mit euch und Friede von dem der ist, der war und der kommt.

Liebe Gemeinde,

der Adventskranz ist gebunden, das Reisig ist aufgekehrt, das Haus geputzt, die erste Kerze brennt, alles ist bereit, der Tisch ist vorweihnachtlich geschmückt, der Advent kann beginnen. So geht es den Glücklichen in unserer Stadt. Wenn wir an ihren Häusern vorbeifahren, scheint das Licht so einladend, dass es beinahe weh tut. Es weckt bei so manchem das schlechte Gewissen wie einen schlafenden Hund. "Wann hast Du das letzte Mal so richtig Zeit gehabt", bellt er. "Du weißt genau, dass Du nicht so gehetzt von einem Termin zum andern laufen solltest. Wolltest Du nicht schon lange Deine Freunde einladen? Immer verschiebst Du es, sagst, dass es gerade nicht passt. Gründe gibt es viele. Gute Gründe. Deine Wohnung muss dringend renoviert werden. Oder die Kinder sind gerade krank oder brauchen Deine Hilfe, das G8 hat Euer ganzes Familienleben auf den Kopf gestellt oder Du musst viel zu den Eltern fahren, die immer mehr auf Deine Hilfe angewiesen sind. Tatsache ist: Wieder ist ein Jahr vorüber, die Freunde warten immer noch."

Dann legt das Gewissen sich resigniert wieder hin und schläft ein. Nächstes Jahr ist auch noch genug Zeit. Jetzt geht alles andere vor. Man muss realistisch bleiben. Besuch und die Pflege des Freundeskreises ist schließlich ein Luxus, den sich nicht jeder von uns leisten kann.

Liebe Gemeinde, sie haben es längst gemerkt, bei der Beschreibung beider Zustände handelt es sich um eine Karikatur. Die meisten von uns bewegen sich im Mittelfeld zwischen dem viel beschworenen Rückzug in die adventliche Innerlichkeit - von der nicht wenig Geschäfte profitieren - und einer übermäßigen weltzugewandten Betriebsamkeit, die Gefahr läuft in die Oberflächlichkeit abzugleiten. Im Mittelfeld stehen heißt aber nicht, unbeteiligt zu sein. Im Gegenteil, hier spüren wir die Spannung am meisten, die unser Leben bestimmt, die sich für mich auch durch die Kantate zieht: Ich spreche von der Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Eine der großen Versuchungen unserer Zeit liegt darin, sich weder das eine noch das andere zu erlauben. Wir stehen in keiner nahen Erwartung mehr wie es der Fall für die ersten Christen war. Unser Leben läuft dahin. Zufrieden sein, das ist genug. Gott ist für uns unsichtbar. Er ist einmal erschienen. Aber das ist schon lange her. Er wird einmal kommen. Aber wir gehen davon aus, dass dies nicht mehr in unserer, in meiner Zeit geschehen wird.

Das zu glauben, wäre sogar vermessen. Anmaßend, ja auf gewisse Weise erschreckend. Bin ich denn genug vorbereitet auf die Ankunft des Heilands, der mit Recht und Gerechtigkeit in mein Leben einziehen will? Johann Sebastian Bach denkt hier und komponiert ganz anders. Ohne jegliche Scheu hat er Jesus vom ersten Wort der Kantate an zu uns eingeladen. Der Heiland ist gekommen, hat uns der Tenor in der Arie bestätigt. Er steht in seinen eigenen Worten, wie wir sie aus dem Mund des Baritons hörten, vor der Tür. Wir, die Gemeinde, sitzen hier in der Kirche wie in einem Empfangsraum. Bach gönnt uns zumindest musikalisch die Vorstellung, dass Gott heute noch zu Besuch kommen will. Zu uns. Zu jedem und jeder von uns.

Halt, halt, nicht so schnell. So einfach geht das nicht. Sagt der Verstand. Schon gar nicht so unangemeldet, sagt uns das Gefühl. Denn jeder hohe Besuch sagt sich gewöhnlich Wochen und Monate vorher an. Und so wie der Besuch von Angela Merkel und Nicolas Sarkosy zum deutsch-französischen Gipfel oder auch der Besuch Papst Benedikts im kommenden Jahr ganz widersprüchliche Gefühle und Reaktionen hervorruft, so geht es mir auch mit der Vorstellung, dass Gott zu Besuch kommen könnte. Der Gedanke versetzt mich in Unruhe. In der Regel muss jeder Besuch gut vorbereitet sein. Zumindest, wenn ich meinen Besucher achte und mir etwas von ihm oder ihr erwarte. Ich zeige nicht nur mich, sondern auch meine Wohnung, deren Zustand immer etwas über mich aussagt, von einer bestimmten Seite. Hoffentlich von der Besten. Deshalb putze ich mich heraus - das stimmt auch, wenn ich die lässigen Jeans anziehen - und räume erst mal gründlich auf. Und während ich mir ausmale, wie schön der Besuch wird, worüber wir alles erzählen werden, merke ich erst, wie viel Staub an allen möglichen und unmöglichen Stellen liegt. Wie gut, dass ich noch etwas Zeit habe, um in dieser oder jener Ecke rein zu kehren. Was sich alles unter und zwischen den Sofakissen angesammelt hat an Krümeln und Müll. Es ist schon fast peinlich. Was wird mein Gast bloß von mir denken, wenn er das sieht. Schnell noch ein Blick in den Spiegel, die Haare glatt kämmen, Make-up anlegen oder mich in frischen Duft hüllen. Jetzt kann es klingeln. Ich bin bereit.

So hätten wir es gerne. Erst möchten wir unser Leben ins Reine bringen, bevor wir Gott einlassen können. Mit konstantinischer Berechnung lassen wir uns damit gern ein Leben lang Zeit. Erst will das eine oder andere Projekt erledigt sein, erst müssen die Kinder aus dem Haus sein oder der Ruhestand muss erreicht sein bevor wir Zeit für Gott finden. Wie oft verwechseln wir guten Gewissens die Prioritäten in unserem Leben. Wir erklären Gottes Willen für schwer erkennbar, damit wir munter unserem eigenen folgen können. Wir treffen Entscheidungen über unsere Berufswahl, unseren Lebensstand, wie wir mit anderen Menschen umgehen und erwarten dann, dass Gott dem nachträglich zustimmen möge. Nicht wir ändern uns im Einklang mit dem Evangelium, sondern wir passen Gott unseren sinnvollen Plänen an ohne sie seiner Prüfung auszusetzen. Wir sind ungeübt in geistlicher Unterscheidung. "Prüft die Geister, ob sie von Gott sind", - lautet der Ratschlag des 1.Johannesbriefs. Das überlassen wir gerne einer frommen Minderheit. Umso geschäftiger wir sind, umso mehr haben wir es uns abgewöhnt. Wir tun so, als verlange jemand von uns, die Hände in den Schoß zu legen, um zu beten. Eine alte geistliche Regel rät jedoch gerade: Wer viel arbeitet, der soll viel beten. "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe", mit dieser Bitte des Vaterunsers setzen wir neue Maßstäbe für unser Handeln in Kirche und Gesellschaft.

Das Reich Gottes gründet sich mit den Worten des Propheten Jeremia, die wir in der Lesung gehört haben, eindeutig auf Recht und Gerechtigkeit. Wir dagegen laufen häufig Gefahr, von unserem Recht, von unserem Anspruch her zu denken. Haben wir Macht und geht es uns gut, dann beharren wir verständlicherweise auf dem Status Quo und setzen alles daran, diesen zu erhalten. Es kommt uns kaum in den Sinn, dass es mehr als unsere Perspektive gültig ist. Für das Volk Juda zur Zeit des Propheten Jeremia hatte dieses Beharren der eigennützigen Könige auf ihrem Standpunkt verheerende Konsequenzen. Es war eine schlimme Zeit, in der ein Weltreich zu Ende ging und ein neues, noch mächtigeres im Kommen war. Der Blick zurück und die Verteidigung der herrschenden Verhältnisse des Königs bedeutete den Untergang für das Volk, den Gang in die Fremde, ins Exil. Ähnlich verhält es sich, wenn wir uns in unserm Tun und Denken auf uns selbst beschränken und nicht nach Gott fragen. Wenn wir so beschäftigt mit uns selbst und unseren Projekten sind, dass wir uns Gottes Blick nicht mehr aussetzen, dann werden wir uns selbst mit der Zeit fremd. Wir gleiten ab ohne es zu merken. Während andere es schon längst gemerkt haben, dass wir auf einem falschen Standpunkt beharren, ist die Eigenwahrnehmung stark von unserem Eigeninteresse getrübt. Wir gehen im übertragenen Sinn in die Gottes-Fremde.

"Gott geht nimmer in die Ferne", sagt Meister Eckhart, "er bleibt beständig in der Nähe, und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür."

Gott wartet auf mich, auch wenn ich noch nicht fertig bin. Er bereitet seinen Advent. Ich muss mich nicht qualifizieren durch gute Taten, die ich vorweisen kann, durch meinen festen Glauben, mein korrektes Handeln, meine rechten Worte, sondern Gott findet sich einen Weg zu mir. Er nimmt mich so, wie er mich findet, wenn es sein muss auch noch im Schlafanzug. Ich muss nicht erst meine Affären in Ordnung bringen, bevor er bereit ist, über die Schwelle zu treten. Gott hält mein Chaos aus und bringt es ins Reine. Ich muss ihn nur lassen. Dann hat mein Warten ein Ende. Je mehr ich Gottes Gegenwart in meinem Leben zulasse, umso mehr kann ich mich auf das, was zu meinem Alltag gehört, einlassen. Meine Freunde, meine Familie, meine Arbeit mit ihren Ansprüchen werden zum Gegenstand meiner Besinnung. Mein Gebet schließt nichts aus. Es rechnet in allem mit Gott.

Amen.

Lieder: Kantate 1 / EG 13, 1-3 / EG 179, 2,3,4 / Kantate 2-5 / EG 11, 1,2,4,8 / EG 21 / Kantate 6 / EG 1, 1-4