Der verheißene König der Gerechtigkeit - Predigt über Jeremia 23, 5-8
1. Advent - 28.11.2010, Matthias-Claudius-Kapelle Freiburg


Liebe Gemeinde!

Die Worte dieses Textes kommen von weit her, aus dem Abstand von mehr als zweieinhalb Jahrtausenden. Sie sind wohl etwa 600 Jahre vor Christi Geburt gesprochen worden. Die sie damals gehört haben, haben sie sehr anders gehört als wir heute. Das Wort, das Gott durch seine Propheten sagen läßt, ist immer ein Wort, das in die Geschichte hinein geht und dann Geschichte macht. Und zwischen den Hörern damals und uns heute liegt die Geschichte Jesu Christi, von der dieses Prophetenwort aufgenommen und durch die es ausgelegt worden ist. Und so spricht es jetzt uns an. Es ist nicht mehr ablösbar von dieser Geschichte, die ja für uns Christen unsere Geschichte geworden ist. Und zwar nicht die Geschichte nach Christus, sondern mit Christus und auf ihn zu. Denn das heißt ja Advent: Wir leben auf Jesus Christus hin.

I.

Der Prophet Jeremia hat diese kühne Verheißung eines kommenden Davidssproß ausgesprochen, als sich beim Gottesvolk eine lähmende, depressive Zukunftslosigkeit breitgemacht hatte. Die Nachfolger auf dem von David begründeten Jerusalemer Königsthron hatten abgewirtschaftet, waren politisch und moralisch korrumpiert. Der letzte von ihnen, Zedekia mit Namen, in dessen Regierungszeit Jeremia diese Worte gesprochen hat, war eine schwache Figur, willfährige Marionette der grauen Eminenzen bei Hofe. Sein Name - Zedekia heißt: der Gerechte - war eine bittere Karikatur. Und Israel war nur noch ein unbedeutender Kleinstaat, im bedrohlichen Schatten der Supermacht Babylon unter dem eroberungsfreudigen Potentaten Nebukadnezar. Alles sah grau in grau aus, die realen Erfahrungen fraßen alle Hoffnungen auf bessere Zeiten auf.

Jeremia sah seine Aufgabe nicht darin, durch Schwarzmalerei diese Stimmung noch zu verstärken - aber erst recht auch nicht darin, schönzufärben. Sondern er kündigte an: Es bleibt nicht so! Nicht weil er irgendwo am politischen Horizont doch noch einen Silberstreifen entdeckt hätte, sondern weil Gott es so gesagt hatte: "Siehe, es kommt die Zeit, in der ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will, der als ein wirklicher König herrschen wird". Also nicht wie die, die sie bisher erlebt hatten. Und das Kennzeichen seiner Herrschaft sollte Recht und Gerechtigkeit sein. Nie mehr sollten sie der Laune, Willkür und Grausamkeit eines Einzelnen ausgeliefert sein, sondern der kommende König würde dafür sorgen, daß ihnen allen ihr Recht zuteil wird, als Menschen in Frieden miteinander zu leben. Bezeichnenderweise fehlt in dieser Verheißung jeder Hinweis auf militärische Stärke, was die Leute in Israel ja gerade mit der guten alten Zeit unter König David, dem Machtmenschen, verbunden hatten. Nein, der Friede, den der kommende König bringen wird, soll kein kalter Friede, sondern ein endgültiger Friede sein. Mehr und anderes als bloß die Abwesenheit von Krieg.

Die Verheißungen, die Gott durch Propheten wie Jeremia aussprechen ließ, haben Israel inmitten der Völker in einzigartiger Weise zu einem Volk der Wartenden gemacht, in dem die Hoffnung auf die Zukunft immer wieder über die lähmenden Erfahrungen der Gegenwart siegte und den Blick nach vorn offen hielt. Das hat sich durch die ganze unglaubliche Geschichte des jüdischen Volkes durchgehalten. "Nächstes Jahr in Jerusalem!": Mit diesem Ruf haben sich Juden durch die vielen Jahrhunderte der Zerstreuung in die ganze Welt voneinander verabschiedet. Die Hoffnung auf bessere Zeiten, auf die Heimkehr zum Zion, konnte durch keine noch so grausige Erfahrung zum Sterben gebracht werden. Sie ist sogar mit in die Gaskammern gegangen und nicht verbrannt. Daß diese Hoffnung nur drei Jahre nach dem Grauen mit der Gründung des Staates Israel Realität wurde: bei aller wahrlich berechtigten Kritik an der Politik Israels ist dieses Faktum doch ein Wunder der Weltgeschichte, das fast eine Art Gottesbeweis darstellt.

II.

Die durch Jeremias Verheißung erweckte Hoffnung auf einen gerechten König hat dazu geführt, daß Israel hinfort alle seine Führergestalten an diesem Bild gemessen hat, mit der Frage: Bist du der, der da kommen soll? Und es entsprach ihm keiner. Und als dann die Zeit kam, in der die Verheißung sich erfüllte, da erkannte man ihn nicht. Denn Gott machte seine Verheißung sehr anders wahr, als sie es erwartet hatten. Anders wohl auch, als Jeremia selbst sie verstand, als er sie von Gott vernahm. Sie hatten einen charismatischen politischen Führer erwartet, der Revolution machen und die Verhältnisse wieder ins Lot bringen würde. Und dann kam einer: ein Nachkomme Davids, das schon - aber ein König?

Einer, der nicht im Palast zu Jerusalem zur Welt kam, sondern in einem Stall in der palästinischen Wüste. Einer, der so eigenwillige Wege ging, daß sogar die eigene Familie an seinem Verstand zweifelte. Der auf staubigen Landstraßen unterwegs war, zu Fuß. Der nichts hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Die einzigen, die wirklich zu ihm standen, waren eine kleine Gruppe einfacher Leute ohne gesellschaftliches Prestige. Und daß er auf breiter Front Recht und Gerechtigkeit hergestellt hätte, kann man auch nicht sagen. Im Gegenteil, er litt wehrlos unter der Ungerechtigkeit seiner Zeit, als er in einem Schauprozeß mit gedungenen Belastungszeugen zur Strecke gebracht wurde. Schon sehr verständlich da die zweifelnde Anfrage Johannes des Täufers: "Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" - "Selig, wer sich nicht an mir ärgert", läßt der Mann aus Nazareth ihm ausrichten. Wohl dem also, der daran nicht irre wird, daß Gott die Sehnsucht seines Volkes so anders wahr macht, als unsereiner sich das vorstellt. Ja, der in der armseligen Hütte zu Bethlehem zur Welt gekommene Davidssohn ist es, in dem dieser Ruf aus der Tiefe erhört und zugleich korrigiert wird. Er ist der, der da kommen soll. Liebe Gemeinde, wer sich von dieser Geschichte anrühren läßt, der spürt: Wir kommen von ihm her und gehen auf ihn zu. Und Er kommt - auf seine Weise, leise, behutsam, aber unaufhaltsam. Dabei ist es vor allem zweierlei, was uns im Licht der Jeremia-Verheißung aufgeht:

1. Wir leben im Advent Jesu Christi und sehen, wie er die neue Gerechtigkeit aufrichtet. - "Der Herr unsere Gerechtigkeit": so soll der programmatische Titel des angesagten Königs lauten. Wenn das stimmt, dann ist es auf jeden Fall aus mit unserer Selbstgerechtigkeit, in der wir so oft gefangen sind und mit der wir uns um das erste und schönste Menschenrecht bringen: unser Leben in ungehinderter Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Der Selbstgerechte braucht Gott nicht - allenfalls mißbraucht er ihn zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit. Und dazu braucht er ja immer einen, an dem er sich messen und sich dann beruhigt sagen kann: Wie gut, daß ich nicht so bin! Es ist schon in Ordnung, wie ich lebe. Sage keiner, er sei frei davon! Jeder von uns hat da seine Vergleichspersonen in der Hinterhand. Wie sehr das Vergleichen und die daraus erwachsende Selbstgerechtigkeit Gemeinschaft kaputt machen kann, nicht nur im privaten Bereich, sondern auch zwischen gesellschaftlichen Gruppen, ja ganzen Völkern (und leider auch in christlichen Gemeinden) - das wissen wir alle.

Deshalb hat der, dessen Name "Gott unsere Gerechtigkeit" lautet, die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner erzählt und uns damit die neue Gerechtigkeit vor Augen geführt: Gerecht ist, wer sich selber nicht unbedingt groß machen muß, sondern wer Gott gegen sich Recht geben kann, indem er an das Recht der Gnade appelliert: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" Wo einer einsehen kann, daß er vor Gott kein Recht mehr hat und das Recht der Gnade in Anspruch nimmt, da empfängt er von neuem das Menschenrecht, in Gemeinschaft mit Gott leben zu dürfen. Als Gemeinde Jesu nehmen wir dieses Gnadenrecht in jedem Gottesdienst in Anspruch, wenn wir gleich zu Beginn im Bußgebet offen eingestehen, daß bei uns nicht alles in Ordnung ist, daß wir Schatten, auch Schuld unbewältigt mit uns schleppen. Ich wundere mich immer, wenn heute viele Menschen sagen, daß sie diesen Bußteil zu Beginn "düster" empfinden. Kann es etwas Helleres, Aufbauenderes geben, als wenn mir durch den Mund des Liturgen von Gott selber her auf den Kopf zugesagt wird: Du bist noch mehr als deine Schatten und Defizite, ich lege dich nicht darauf fest, sondern ich sehe dich als ganze Person mit einem unantastbaren Wert?!

Menschen, die aus dem gnadenlosen Zwang heraus sind, sich immer rechtfertigen, immer das letzte Wort haben zu müssen, können unbefangener miteinander leben. Solche Menschen sind eine Wohltat für das Leben in einer Gesellschaft und auch in einer Gemeinde. Unsere sich in Selbstrechtfertigungen aufreibende Welt braucht dieses Recht der Gnade. Allein schon dazu ist unverzichtbar, daß es die Kirche gibt.

2. Wir leben im Advent Jesu Christi und sehen, wie er den Schwachen zu ihrem Recht verhilft. Jeremia hat von dem Kommenden gesagt: "Der König wird Recht und Gerechtigkeit im Lande üben". Das heißt, er wird für das elementarste Menschenrecht eintreten: ungeschmälert Mensch sein zu dürfen. Dieses Recht wird ja immer wieder und in allen Gesellschaften den ganz Schwachen verweigert. Ihr Recht, als volle Menschen genommen zu werden, lag Jesus am Herzen. Deshalb hat er sich unter dem Kopfschütteln des Establishments mit denen an einen Tisch gesetzt, die die anderen zu Parias gestempelt hatten. Darum hat er die schuldig gewordene Frau vor der Stigmatisierung ihrer hochmoralischen Ankläger in Schutz genommen. Darum hat er die Aussätzigen, von der Gesellschaft in Quarantäne gesteckt, an sich herangelassen und dafür gesorgt, daß sie in die soziale Gemeinschaft zurückkehren konnten. Und darum hat er die Geschichte vom Barmherzigen Samariter erzählt.

III.

Liebe Freunde, wir nähern uns dem Geheimnis dieses unvergleichlichen Königs der Gerechtigkeit am besten, indem wir uns das Gegenbild vor Augen führen. Nämlich uns. Wir möchten nach oben - Er geht nach unten. Wir halten, was wir einmal durch harte Arbeit erworben haben, beharrlich fest: Geld, berufliche Positionen, Heimat, Familie, unsere Standpunkte. - Er liefert sich total aus. Wir halten uns gern im Umfeld derer auf, von deren Image auch ein Strahl auf uns abfällt - Er sucht die, die unter dem Strich existieren: Zöllner, Dirnen, Leprakranke. Wir möchten leben, etwas gelten und Einfluß wahrnehmen - Er nimmt Sklavengestalt an und endet jämmerlich zwischen zwei Verbrechern. Die Geschichte dieses verheißenen Königs, liebe Gemeinde, hat einen unübersehbaren Zug nach unten, zu den Schwachen hin. Deshalb mußte es so sein, daß er unbehaust in einem Futtertrog zur Welt kam - nicht in einem Vier-Sterne-Hotel. Und deshalb konnte es nicht anders sein, als daß sein Weg durch diese Welt an einem Folterwerkzeug endete, wehrlos denen ausgeliefert, die ihn aus dieser Welt wieder weghaben wollen - nicht mit einem Staatsbegräbnis im Tempel. "Er, der in göttlicher Gestalt war, behielt seine göttliche Macht nicht für sich wie einen Raub, sondern entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und war gehorsam bis zum Tod" dichtet der Apostel Paulus in seinem Christushymnus.

Sicher, gerade das Kreuz führt uns immer wieder vor Augen: Wir werden es mit unserem Einsatz für eine Welt, in der der Mensch nicht des Menschen Wolf, sondern sein Bruder ist, nicht schaffen. Das gehört zur Nüchternheit unseres Glaubens. Aber wenn wir die Augen aufmachen, sehen wir, daß es unübersehbare Signale gibt, daß der am Werk ist, von dem Jeremia angekündigt hat, er werde Recht und Gerechtigkeit bringen. Wir werden die friedliche, solidarische Welt allein nicht errichten. Aber Er wird es schaffen - mit seinem zweiten, dem endgültigen Advent. Und eben darum legen wir die Hände nicht in den Schoß, sondern machen weiter.

Eine Gemeinde, die von dieser Hoffnung lebt, die auf das Reich wartet, "da Fried und Freude lacht" (Paul Gerhardt), und die betet "Dein Reich komme", die träumt sich nicht von der trostlosen Erde in einen problemfreien Himmel weg, sondern die tut einfach das Selbstverständliche: sie zündet Lichter ihrer Hoffnung an, die in der Nacht dieser Welt aufleuchten und hinweisen auf den Tag, den dem Er kommt und der ohne Abend ist. Die unübersehbarsten Lichter in der Adventszeit aber sind nicht die Adventskerzen, so sehr wir sie lieben und brauchen. Uns nämlich können sie nicht ersetzen. Die wahren Adventskerzen in dieser Welt - das sind wir. Gott selbst hat uns in unserer Taufe angezündet. Und nun wollen wir unser Licht leuchten lassen.

Amen.

Lieder: 1,1-3 / 18,1+2 / 11,1-4 / 14,1+2+5+6 / 5,1-4 / 13,1-3