Predigt 18.Trinitatis - PB Friedenskirche 3.Oktober 2010
Röm 14, 17-19: Frieden ohne Ende


"Guter Gott, wir bitten dich, dass bei dem Bauprojekt Stuttgart 21 bald richtige Entscheidungen getroffen werden. Auch die Anwohner sollen in die Verhandlungen mit einbezogen werden, so dass niemand ausgeschlossen und benachteiligt wird."

Liebe Gemeinde,

Diese Worte wurden von KonfirmandInnen der Predigtbezirke Christus und Petrus/Paulus

am vergangenen Sonntag in ihrem Vorstellungsgottesdienst formuliert und in die Fürbitten aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, welche erschreckenden Bilder uns im Laufe der Woche auf den Titelblättern der deutschen Zeitungen erwarten sollte.

Ob das Projekt Stuttgart 21 tatsächlich ein Milliardengrab ist, von dem wenige profitieren, aber kräftig oder ob es sich dabei um ein visionäres Unterfangen handelt, das Ost-und Westeuropa immer näher zusammenrücken lässt, wirtschaftlich und kulturell, soll dahingestellt bleiben. Was zur Zeit ganz gewiss auf der Strecke bleibt, ist der Frieden zwischen Gegnern und Befürwortern.

Die Jugendlichen brachten es auf den Punkt. Sie waren sich im Vorfeld einig, die Komplexität des Konflikts nicht im Einzelnen zu verstehen. Doch eines war Ihnen klar: Hier läuft etwas schief. Dieser Streit muss ein Ende finden. Wir wünschen uns eine friedliche Einigung, zu ihr gehört Gerechtigkeit, ein offenes Ohr und Rücksicht auf beide Seiten.

"Wie soll der Staat also mit den Protesten umgehen?...Mit drakonischen Mitteln kann ein Staat zwar innere Sicherheit herstellen; inneren Frieden erreicht er auf diese Weise nicht." lautet ein Kommentar in der Presse.

Um Frieden nach innen und nach außen geht es auch in einem kleinen Auszug aus dem Römerbrief im 14.Kapitel, Verse 17-19, der Lesung für diesen 18.Sonntag nach Trinitatis.

Paulus schreibt an die Gemeinden der Stadt Rom, die im Streit liegen. Dieser hat sich an einem konkreten Alltagsproblem entzündet, das uns im Rückblick als Kleinigkeit vorkommen mag. Es geht um die Einhaltung von Speisevorschriften, über die man sich nicht einigen kann. Christen mit jüdischem Hintergrund wollten an ihren liebgewordenen Traditionen festhalten, die für sie auch im neuen Glauben noch gültig waren, ja tragend. Christen mit andersreligiösem Hintergrund fühlten sich frei, sie sahen keinen Grund sich an solche Regeln zu halten.

Paulus erinnert beide Parteien daran, was aus seiner Sicht das Wesentliche ist:

14 (17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.

(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.

(19) Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander."

Liebe Gemeinde,

mitten unter ihnen über Friedensarbeit zur reden, das ist so gut wie Eulen nach Athen tragen, habe ich mir kürzlich sagen lassen. Doch liegt es ja gerade im Sinn des Friedfertig- Seins, dass wir nie so richtig fertig mit dem Frieden sind. Viel eher müssen wir uns immer wieder danach ausstrecken oder gemäß der Übersetzung des ältesten und am besten erhaltenen griechischen Text, sollten unsere Gemeinden sagen können: Wir jagen dem Frieden nach!

Auch Ihre Friedensgemeinde muss also in Bewegung bleiben, wenn sie ihrem Namen treu bleiben will. Schließlich hat Frieden mit mehr als friedlich sein zu tun. So sanftmütig ein Mensch auch sein mag, so kann er nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Was jedoch kaum bedeuten kann, dass Streit immer die Schuld des anderen ist. Nein, zum Streiten gehören immer zwei, so antwortet schon das nächste Sprichwort. Gerade das erklärt Paulus denen in Rom, die ganz stolz auf sich sind, weil sie über allen Regelungen und Gesetzesvorschriften stehen. Sie spüren kein schlechtes Gewissen, wenn es um den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel geht, die als unrein im jüdischen Glauben gelten. Und theologisch betrachtet, haben sie an diesem Punkt sicher Recht. Alles ist rein. Aber damit ist der Frieden längst noch nicht wieder hergestellt.

Philip Melanchthon, am Ende seines Lebens zermürbt vom Widerstreit der Theologen um die rechte Lehre des Evangeliums, hielt es für sich selbst so: "Ehrfurcht und Behutsamkeit im Blick auf die göttlichen Dinge sind für mich wichtiger als jede theologische Rechthaberei." Und um was man sich nicht alles streiten kann und streiten konnte unter Christen, denn theologische Rechthaberei ist nicht das Privileg der Studierten allein. Sie geschieht auf vielen Ebenen, dort wo ein Christ dem anderen sagt, was er zu glauben hat.

Es ging und geht in unseren Kirchen und Gemeinden im Streit auch heute noch um Leitungsfragen, wer hat das Sagen, wer trifft Entscheidungen, wer trägt Verantwortung, wenn etwas schief läuft? Wer bestimmt, ob getroffene Entscheidungen im Licht der Erfahrung revidiert werden können oder ob die Zeit reif ist, einmal getroffene Entscheidungen streng nach Plan durchzusetzen? Uns beschäftigen auch heute noch Fragen des Abendmahls. Wie feiern wir, im Gemeinschaftskelch, mit Einzelkelch, mit beiden, mit Wein oder Saft der Trauben? Auch hieran können sich die Geister scheiden.

Wir sind uns längst noch nicht einig, welche Rolle das Geld oder die Politik in unserem Gemeinde-und Kirchenwesen spielen sollen. Eine Reaktion am auf die Fürbitte der Jugendlichen zu Stuttgart 21 lautete: So etwas gehört nicht in die Kirche. Das ist die Aufgabe der Politiker, die machen es schon recht. Von Luther bis zur Barmer Erklärung und dem Widerstand gegen Atomwaffen bleibt die Frage der Rolle von der Kirche im Staat aktuell.

Eine Frage, die für mich in der kommenden Zeit am dringlichsten wird und wegen Ihrer Bedeutung gewiss auch viel Streit unter uns auslösen wird, ist die Frage nach der Umsetzung der Strukturreform in Freiburg oder mit Paulus gesprochen, frage ich mich: "Wie zeigt sich in unseren kirchlichen Strukturen und wie wir sie umsetzen und damit umgehen, dass das Reich Gottes Gerechtigkeit, Frieden und Freude in dem Heiligen Geist ist?"

Spätestens jetzt, liebe Friedensgemeinde, wird es spannend im Miteinander unserer Predigtbezirke in der einen Pfarrgemeinde Ost. Auch unter uns gibt es solche, die sich unabhängig fühlen, die in sich zufrieden sind und sich gut versorgt fühlen. Da gibt es andere, die sich nur zu retten wissen, indem sie sich getreu an die Vorlagen halten, denn gute Strukturen schaffen Transparenz und Vertrauen, dass niemand benachteiligt wird. Denken wir daran, wie wir mit unserem Geld, dem Gesparten umgehen. Oder mit unseren Gebäuden. Da gibt es Gemeinden, die einen Schritt voraus sind und eine gute Lösung gefunden haben, um die Vorgabe an Quadratmetern einzuhalten, da gibt es andere, die ständig das Gefühl haben, etwas abgeben zu müssen ohne dem Ziel jemals nahe zu kommen. Na, und die Kirchenmusik, die Zielgruppengottesdienste, die Kinder-und Jugendarbeit, wer darf sie zu seinem Schwerpunkt machen. Das alles, liebe Gemeinde, sind wichtige und ernste Fragen. Sie lassen uns nicht los, auch nicht nach drei Jahren des Näheraneinanderrückens.

Dennoch kann das noch nicht alles sein, was uns im Glauben bewegt. Wir leben als Gemeinden nicht zu allererst uns selbst und unseren eigenen Interessen. Das Überleben kann nicht unser höchstes Ziel sein, koste es, was es wolle. Das Überleben hat Christus, unser Herr, seiner Gemeinde schon längst erwirkt. Er ist unsere Garantie. An ihn müssen wir uns halten und seine Richtwerte sagen uns, wo es lang geht.

Die christlichen Parteien in Rom haben es, trotz aller Nähe zur Geburtsstunde des Christentums, schon vergessen. Oder zumindest laufen sie in der Gefahr zu vernachlässigen, was Paulus als das Gebot der Stunde für alle, die Christus dienen wollen, ist:

Die Suche nach Gerechtigkeit im Dienst der Einigkeit, zum Aufbau der Gemeinschaft. Das führt zum Frieden. Und wer diesen Weg geht, der merkt sehr schnell, dass Rückzug aus der Gemeinschaft in den privaten Bereich nicht mehr möglich ist. Frieden beginnt bei mir, aber er gehört uns. Es kann der frömmste Mensch nicht in Frieden leben, solange er ihn nicht teilt. Ein Zeichen des Friedens geben, so wie wir es nachher während des Abendmahls tun können, verlangt ein ganzes Stück Mut, von sich weg, zum anderen hinzugehen. Ich weiß nicht immer, was mich dort an Reaktion erwartet. Aber es liegt in der Natur des Christseins, nach Verbindungen und Gemeinsamkeiten zu suchen.

Kein schechtes Motto für 20 Jahre Wiedervereinigung Deutschlands, die wir heute besonders als Kirchen feiern sollten. Wir vergessen es viel zu schnell, welche entscheidende Rolle die Kirche vor und nach dem 3.Oktober spielte.

" Ob Leipzig, Ostberlin, Dresden oder Rostock - im Herbst 1989 ging man erst in die Kirche und dann auf die Straße", sagte der badische Altbischof Klaus Engelhardt kürzlich in einem Interview und erklärte, was er damit meinte so: "Dadurch kam in die aufgeregte Situation ein Stück Besonnenheit hinein. Die Menschen kamen aus der Kirche nicht mit Steinen auf die großen Demonstrationen, sondern mit Kerzen. Zugleich waren sich die Kirchen immer bewusst, dass ihr politisches Handeln kirchlich und theologisch verantwortet werden muss."

Dasselbe gilt für unsere Rolle als Gemeinden in einer Gesellschaft, die inzwischen längst nicht nur von unserer christlichen Kultur geprägt wird. Damit es nicht zu dem Zusammenprall der Kulturen und Religionen kommt, wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington ihn in seinem gleichnamigen und programmatischen Schrift heraufbeschwor, können wir uns als Christen nicht aus der Verantwortung in der Suche nach Frieden zwischen den Völkern zurückziehen.

Huntington stellte 1993 die folgende These auf: Die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts werde nicht von Auseinandersetzungen politischer, ideologischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern von Konflikten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturkreise bestimmt sein.

Die Verantwortung der Kirchen setzt da an, wo unsere Gemeinden sich für das Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft, Kultur und Religion einsetzt. Hier gibt es keine Starken und Schwachen. Die Idee eines christlichen Abendlandes, das glaubt, sich gegen nicht-christliche Kulturen und andere Religionen schützen zu müssen, entspricht nicht dem christlichen Auftrag wie Paulus ihn in seinem Brief an die Römer verfasst. Er hat zwar die Orts-Gemeinden im Blick, doch sein Augenmerk der Mission liegt nicht auf der Stärkung der einzelnen Gemeinde um ihrer Selbsterhaltung willen. Paulus' Horizont übersteigt das Binnenkirchliche - er umfasst die ganze Welt, den ganzen bewohnten Erdkreis. Die Ökumene erhält somit eine ganz neue Weite. Wo Gemeinden miteinander im Streit liegen und untereinander zerstritten sind, wo Christen nach außen ihre Konflikte tragen, da bleibt die Ausstrahlung des Evangeliums nicht unberührt. Wo Gemeinden danach trachten, Uneinigkeiten zu überwinden, und sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellen, dort kann das Evangelium Wirkung zeigen.

Was Paulus wohl dazu gesagt hätte, dass Christen in Birma in diesem Jahr Seminare mit dem Titel leiten "Frieden in Buddhistisch-Christlichen Familien". Das Reich Gottes ist nicht identisch oder exklusiv bestimmt für die Christenheit. Das Reich Gottes ist nicht identisch mit dieser oder jener Sprache oder Sitte, es findet sich dort, wo Menschen nach dem Frieden jagen, Gemeinschaft suchen und das in einem Geist der Freude. Amen.

Lieder: EG 454, 1-6 / EG 303, 1+5 / EG 494, 1-4 / EG 427, 1-5 / EG 421 / EG 667