Vom Glück, "Gott sei Dank!" zu sagen - Predigt über 2. Korinther 9, 6-15
Erntedankfest - 3.10.2010, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Alle fünf, sechs Jahre, gibt es eine eigenartige Doppelung: der Erntedanktag und der "3. Oktober", unser Nationalfeiertag, fallen aufeinander. Ich habe mich schon manchmal gefragt, ob diese Zufälligkeit wirklich nur Zufall ist oder ob sich dahinter nicht doch eine Art höhere Regie verbirgt. Heute ist es wieder einmal so: während wir Erntedank feiern, feiern sie in Bremen und Berlin den "Tag der deutschen Einheit", heute zum 20. Mal. Früher trug ja der 17. Juni diesen Namen. Da gab es zwar auch schulfrei, aber gefeiert hat jenseits der offiziellen Feierstunden in den Parlamenten eigentlich keiner. Weil kein Mensch ehrlich an die Vereinigung Deutschlands geglaubt hat. Man freut sich über den freien Tag im Sommer, hat Ausflüge gemacht oder die Oma besucht und sich nicht um die Festreden der Politiker gekümmert.

Als Deutsche, und das wird vermutlich noch eine lange Zeit so bleiben, haben wir immer noch kein geklärtes Verhältnis zu unserem Nationalfeiertag. Aber etwas ist doch anders geworden gegenüber den Zeiten des "17. Juni". Die aus ganz Deutschland zusammengekommenen Politiker und Repräsentanten des öffentlichen Lebens feiern die "Wiedervereinigung" wie ein Erntedankfest. Nun ja, sie versuchen es jedenfalls. Obwohl sie und wir alle wissen: trotz mancher "blühender Landschaften", die inzwischen (mit reichlich Verspätung) tatsächlich entstanden sind in der früheren DDR - so üppig ist die Ernte der bisherigen Vereinigungsbemühungen bisher nicht. Wir kennen die Stichworte, die so verdrossen stimmen: leere öffentliche Kassen, wo man hinschaut; großspurig angekündigte Reformen, bei denen meistens der Berg kreist und eine Maus gebiert; eine immer weiter auseinanderklaffende Wahrnehmung der Realität zwischen Regierenden und Regierten, wofür die Geschehnisse in Stuttgart ein beunruhigendes Menetekel sind; und überall Fässer ohne Boden statt voller Scheuern. - Und doch feiern sie jetzt in Bremen, und das hoffentlich ehrlichen Herzens. Ich sage bewusst: gut, daß sie das tun! Nicht obwohl, sondern durchaus weil die Probleme so groß sind. Das klingt paradox. Aber eben mit diesem Paradox sind wir mitten drin in dem, was das Geheimnis des Erntedankfestes ist.

I.

Unser Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief hilft uns, auf die richtige Spur zu kommen. Dieser Brief - er ist der farbigste, lebendingste aller Paulusbriefe - ist nicht an Menschen im ländlichen Bauernidyll, sondern an Großstädter gerichtet. Und zwar an solche, die viel mehr zu kämpfen hatten als wir. Die Menschen der jungen, von Paulus gegründeten Christengemeinde in der pulsierenden Hafenmetropole Korinth gehören dort nicht zur Elite. Sie sind keine Honoratioren, die im Gemeinderat oder in den Vereinen mitmischen. Es sind "kleine Leute": Sklaven, Hafenarbeiter vor allem. Heute würden viele von ihnen unter Hartz IV fallen. Denen wird das Danken wahrlich nicht leichter gefallen sein als uns. Und doch traut Paulus ihnen offenbar zu, daß sie sehen: materiell sind wir zwar dürftig dran, aber wir haben dennoch einen Reichtum, der sich gar nicht in Geld aufwiegen läßt - nämlich einen reichen Gott!

Mit diesem Predigttext werden wir vor einer falschen Erntedank-Romantik bewahrt. Denn dieses Fest wird hier sehr durchsichtig für sein eigentliches Geheimnis. Dafür nämlich, was wir eben in Matthias Claudius' herrlichem Choral gesungen haben: "Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein, / er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein; / und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: / es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott". Das Erntedankfest fragt uns als christliche Gemeinde, ob wir bereit sind, aus dem Glauben an diesen reichen Gott zu leben - und zwar so, daß andere, für die die Rede von diesem reichen Gott Schnee von gestern ist, ins Nachdenken kommen.

Unser Text ist der Abschluß einer Kollektenabkündigung - so wie wir das in unseren Gottesdiensten auch haben. Paulus bittet die Gemeinde in Korinth um einen Obolus für die "Heiligen" - damit meint er die Mitglieder der Urgemeinde in Jerusalem. Die waren, trotz ihrer "historischen Vorrangstellung", materiell keineswegs besser dran. Er will das Geld selber dorthin bringen. Das "Säen", von dem er hier spricht, bedeutet zunächst ganz einfach diese Sammlung für Jerusalem. Er hofft, daß sie nicht kärglich ausfallen wird, sondern "im Segen", und das heißt: reichlich, aus einer inneren Großzügigkeit heraus. Das mutet der Apostel den Korinthern zu, daß sie trotz ihrem Wenigen anderen abgeben können. Da liegt uns vermutlich Widerspruch auf der Zunge: ist das nicht dreist, zumindest ganz schön unsozial? Werden die Leute in Korinth da nicht ähnlich verärgert sein wie bei uns viele im Blick auf unser Steuer- und Gesundheitssystem oder die Hartz-Gesetze? Trotz populistischer Vereinfacher links wie rechts ist das weithin bestehende Gefühl ja nicht daneben: Bei denen, die wenig haben, wird kräftig zugelangt, weil die sich nicht so wehren können, während die Starken, Betuchten über Gebühr geschont werden. Hat Paulus etwa auch so gedacht? Worum geht es ihm bei seiner nachdrücklichen Bitte um Spenden?

II.

Liebe Gemeinde, die Antwort finden wir ganz am Ende unseres Abschnitts. Dort bricht Paulus in den Jubelruf aus: "Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!" "Gott sei Dank!" - normalerweise geht das auch uns Christen eher gedankenlos über die Lippen. Und doch hat das Wort "Gott" als Adressat unserer Dankbarkeit in diesem Ausruf seinen tiefen Sinn. "Gott sei Dank": so rufen wir, wenn wir an einem kritischen Punkt endlich weitergekommen sind, wenn wir aus einer zugespitzten Lage unverhofft rausgekommen sind und wieder eine Perspektive sehen.

Zum Beispiel: Wir gehen zum Arzt. Völlig unerwartet stellt der etwas Verdächtiges fest. Dann nach Tagen des Bangens das erlösende Ergebnis: Die Gewebeprobe war ohne Befund. "Gott sei Dank!", die Gefahr ist vorbei. - Oder: Eltern haben lange nichts mehr von ihrer Tochter gehört. Es hatte immer wieder Streit gegeben, und irgendwann war sie von Zuhause weggereist. "Irgendwohin nach Südamerika", stand auf dem Zettel, den sie hinterlassen hatte. Dann, nach Monaten der Ungewißheit, kommt ein Brief. "Gott sei Dank!", ein Lebenszeichen. Die Zeit des Verstummens, der Angst ist vorbei. - "Gott sei Dank!": Immer zeigt dieser Ausruf, daß wir aus der Sackgasse, in die wir geraten waren, wieder herausgefunden haben. Wir sind - Gott sei Dank - nicht festgefahren, das Leben bewegt sich wieder.

So auch Paulus: "Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!" Gott sei Dank, daß dieser Gott so sehr interessiert an uns ist, daß er alles riskiert, um uns aus der Sackgasse unserer Selbstbezogenheit, unserer Schuld herauszuführen. "Unaussprechlich" - er will damit sagen, daß Gottes Gabe von einer Art und Größe ist, daß unsere Sprache viel zu klein ist, das zu fassen. Paulus will damit etwas von dem tiefsten Geheimnis Gottes andeuten, in dem auch sein Reichtum beschlossen liegt: daß dieser Gott einer ist, der nicht nur etwas - oder auch sehr viel -, sondern nicht weniger als alles uns zum Geschenk gibt: nämlich sich selbst. Daß er also etwas tut, was kein Mensch tut, weil es keiner kann, auch in der glücklichsten Liebe nicht. An einem Gipfelpunkt seines Römerbriefs nähert sich Paulus diesem Geheimnis noch mehr an: "Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?" (Röm 8,32). Diese Gabe ist es, die er als "unaussprechlich" preist.

Und das tut er zum Schluß eines ausführlichen Abschnitts, in dem keine steilen theologischen Gedanken ausgebreitet werden über Menschwerdung, Kreuz und Erlösung, sondern in dem ganz handfest und konkret zum Geldsammeln aufgefordert wird. Der sog. "schnöde Mammon" gehört also nicht in den glaubensfreien Raum, er ist nichts Unheiliges, sondern hat unmittelbar etwas mit zu tun mit Gottes großen Taten an uns. Wer an Gott glaubt, der selber die unaussprechliche Gabe ist, meint Paulus, der kann gar nicht anders als Herz und Hände weit zu öffnen. Deshalb hat übrigens das Sammeln der Kollekte, einem weit verbreiteten Vorurteil zum Trotz, mitten in unseren Gottesdienst seinen Platz und nicht erst beim Rausgehen aus der Kirche. Wenn gerade von regelmäßigen Kirchgängern gerne dagegen vorgebracht wird, das Zücken des Geldbeutels in der Kirchenbank störe ihre Andacht, dann muß gesagt werden, daß eben dies selber ein Stück Andacht ist.

III.

Liebe Gemeinde, das Erntedankfest will in diesem Sinn verstanden sein als ein Ruf zur Diakonie. Wenn es eine schöne liturgische Feier bleibt, wo wir den schönen Anblick der Gaben um den Altar genießen, dann mißbrauchen wir diesen Tag. Der Erntedankaltar steht ja nicht für sich selbst, sondern er ist ein Fingerzeig auf etwas anderes: Hinter der Welt, wie wir sie erleben, stehen nicht nur Mühe und Arbeit, Scheitern und Leid, sondern hinter der Welt steht ein großes Schenken. Jeder Apfel, jede Ähre am Altar will uns nahebringen: Wir sind Leute, an denen Gott sein Interesse nicht verloren hat. "Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her, / der Strohalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer". Wenn wir diesen Tag ernst nehmen, dann erwächst aus ihm die Erkenntnis, daß alles, was wir haben, materiell und innerlich, Geschenke aus Gottes Hand sind, die er uns zu treuen Händen anvertraut hat. Und wie jeder, der jemand anderem ein Geschenk aus Liebe macht, hofft auch Gott, daß wir mit dem großen Geschenk des Lebens in und mit seiner Schöpfung sorgsam und liebevoll umgehen.

Paulus Appell an die Korinther zur Diakonie zielt ja nicht auf eine moralische Kraftanstrengung. Keiner, so sagt er, soll "aus Unwillen oder Zwang" geben. Das ist das Entscheidende an dem diakonischen Wirtschaftsdenken des Glaubens, daß da nichts aus Zwang geschieht oder um das eigene Gewissen für eine Weile ruhig zu stellen. Sondern die Quelle dieses diakonischen Denkens ist ein gelassenes, von innen her großzügiges Lebensgefühl.

"Wer da kärglich sät, wird auch kärglich ernten", meint Paulus. Das ist natürlich nicht so gemeint, als würde erst auf einer drei- oder vierstelligen Spende Gottes Segen ruhen. Die Haltung, die innere Einstellung ist das Entscheidende. "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb", weiß die Bibel. Das heißt: Wer nur wenig geben kann für "Bot für die Welt", aber weiß, daß das, was für uns wenig ist, anderswo enorm viel sein kann, der verändert die Welt mehr als der, der von seinem Steuerberater der Tip bekommt, daß diese oder jene Spende auch noch etwas bringt.

IV.

Liebe Freunde, wie schaffen wir das, von der Angst, zu kurz zu kommen, dieser Ursünde, die in jedem von uns steckt, frei zu werden? Paulus antwortet: indem wir gelten lassen: was wir haben, kommt nicht nur von Gott, es gehört ihm auch weiterhin. So wie ein guter Landwirt von seiner Getreideernte nicht alles für sich behält, sondern etwas für die nächste Ernte beiseite legt und aussät, so werden wir mit allem, was wir haben, in den Kreislauf des Saat-Ernte-Geschehens hineingenommen. Gott, der große Sämann, will mit unserer Saat weiterwirken.

Was diese Saat wirken soll, daran erinnert Paulus seine Korinther mit der Kollektenbitte für Jerusalem. Über Meere und Erdteile hinweg - von Europa nach Asien - soll Verbundenheit entstehen. Die Kollekte, das Geldsammeln für die, die sich selber schwer helfen können, ist wie eine Nagelprobe, ob in einer Gemeinde Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig sind. So tauchen die Geschwister aus Jerusalem, die damals in die Geschichte der Korinther verwoben waren, heute wieder auf, aus allen Richtungen: in dem teppichknüpfenden Kind aus Indien, in der Frau aus den Favelas in Sao Paulo, in den bis aufs Skelett abgemagerten Leuten im Westsudan und an vielen anderen Stellen. Die Hautfarben sind anders als bei den Christen in Jerusalem - die hungernden Gesichter sind überall gleich. Sie sind deshalb unsere Geschwister, weil sie genauso das Recht haben, so dankbar wie wir singen zu können: "Er gibet Speise, reichlich und überall..." Solange es so viele gibt, die das nicht singen können, solange dürfen wir das nie ohne ein bißchen Erschrecken singen.

Als Kinder konnten wir gar nicht genug von unseren Eltern aus deren Kindheit erzählt bekommen - vor allem aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Älteren unter uns erinnern sich sicher noch an die berühmten Care-Pakete aus Amerika. Unser Vater erzählte uns oft, wie überwältigend das für ihn und seine Geschwister war. Sie hatten sehr entfernte Verwandte in den USA. Es hatte nie Kontakte gegeben, sie waren ihnen ganz unbekannt. Die Verwandten dort hatten für den Kauf eines Autos gespart. Aber dann lasen sie 1945 in den Zeitungen von der Not in Germany, erinnerten sich, daß es dort Verwandte gab, ließen den Autokauf sein und setzen ihre Ersparnisse über Jahre weg in prall gefüllte Care-Pakete um. Für unseren Vater waren Schokolade und Erdnüsse noch mehr als Kostbarkeiten, die auf der Zunge zergingen. Da waren unbekannte Verwandte, die ihm zeigten: du bist uns nicht gleichgültig, du bist uns etwas wert

Auch mit Care-Paketen kann man diesen Jubel des Paulus buchstabieren: "Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!" Unser Leben ist so viel wert, wie wir es Gott verdanken. Und darum ist es auch so viel wert, wie wir es für andere leben. Gott sei Dank, daß wir so viel Grund haben, "Gott sei Dank!" zu sagen.

Amen.