Justizrätin Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden

10. Oktober 2010 - 19. Sonntag nach Trinitatis
Predigt in der Christuskirche in Freiburg anlässlich der Bezirksvisitation (Epheser 4, 22-32)


Stellen Sie sich einmal vor: Ein Stehempfang. Drei Männer, zwei Frauen. Mittleres Alter, gut gekleidet, Sektglas in der Hand. Ein bisschen Smalltalk über dies und das: Beruf, Kinder, Interessen, Hobbys - was sich eben so eignet als Gesprächsstoff zwischen Menschen, die sich vermutlich eher zufällig begegnen. Einer sagt: Unter Christen sollte man das doch nicht erwarten. Und eine andere entgegnet: "Christ?! Ach! Interessant ... Und was macht man da so?"

Da schwingt ein bisschen Unsicherheit und Verlegenheit mit: Da ist also einer Christ - was soll man denn dazu sagen? Das sprengt den Smalltalkrahmen über das Wetter, den Job, den letzten Theaterbesuch.

"Interessant." Befremdliches ist für tolerante und liberale Zeitgenossen zuerst einmal interessant, auch wenn es irritierend oder abwegig ist: Da züchtet einer Orchideen, eine andere schwört auf Bachblüten, der Nachbar fühlt sich neuerdings zum Buddhismus hingezogen und die beste Freundin kocht leidenschaftlich mit beim Promi-Dinner. Alles interessant - genauso wie das irritierende Christen-Coming-out beim Stehempfang.

Ja, liebe Gemeinde, was macht man da so als Christ? Um welche Inhalte geht es? Gibt es Erkennungsmerkmale, moralische Standards, Traditionen und Rituale? Was tun Christen, was andere nicht tun? Müssen Christen bessere Menschen sein?

Da bleiben mehr Fragen als Antworten. Was bedeutet es, dass Christen in unserer Gesellschaft häufig nicht erkennbar sind und auch nicht immer sein wollen? Ist es ein Kompliment oder eine kritische Anfrage, wenn mir jemand sagt: "Sie sind ja trotzdem ein ganz normaler Mensch ..."?

Wie gehen andere und ich selbst mit dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust und dem tendenziellen Exotenstatus von Kirche um? Ziehen wir uns vorschnell und in vorauseilendem Gehorsam in das Schneckenhaus kerngemeindlicher Sicherheiten und in den Elfenbeinturm frommer Beschwörungsformeln zurück oder passen wir uns an bis zur Unkenntlichkeit?

Der uns heute vorgegebene Predigttext aus dem Epheserbrief kann uns zu Antworten auf diese Fragen verhelfen. Ich lese im 4. Kapitel:

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen

und gebt nicht Raum dem Teufel.

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel ... Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Was macht den neuen Menschen aus? Als moderner Internetuser googelt man doch einmal dieses Stichwort.

Die Suche nennt als erste Fundstelle das Info-Portal für Schönheitsoperationen, Brustvergrößerungen, Fettabsaugungen etc. Dies spricht einerseits für eine wohl vorhandene Nachfrage nach dem "Neuen Menschen", andererseits für die Erwartung, dass die Stillung dieses Bedürfnisses am ehestens der prosperierenden Branche der plastischen Chirurgie mit ihren weiten Angeboten zugetraut wird.

Eine zweite Fundstelle bewirbt ein "kleines, aber feines Werk" unter dem Titel "So wirst du ein NEUER Mensch!" Es wird "deine Persönlichkeitsentwicklung und damit auch deinen Lebenserfolg verbessern helfen". Aus dem Inhalt: "So wird Dein guter Name in der Tagesschau genannt. So bekommst Du Designer-Mode 91 Prozent günstiger. Neuer Trick für eine neue Identität. Blick in die Zukunft: So deutest Du Deine Träume richtig."

Tricks, Schnäppchen und Kommerz machen also aus dem alten einen neuen Menschen - das hätte sich die frühe Christenheit nicht träumen lassen.

Nun ja! Das Bild vom alten und neuen Menschen ist einleuchtend und wird für uns Christen durch den Bezug zur Taufe verständlich. In der altkirchlichen Taufpraxis war es noch konkreter:

Bei den frühen Christen legten diese Worte die Erinnerung an eine eigene tief greifende Erfahrung frei: "Ausziehen, anziehen" - ja, genauso war es doch gewesen!" Wer in den frühen Gemeinden mit der Taufe als Erwachsener in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen wurde, legte vor dem Wasserbad tatsächlich die alten Kleider ab, um danach ein neues, helles Kleid anzuziehen. Ein Symbolakt, der deutlich macht: Mit der Taufe beginnt ein Leben, das anders ausgerichtet ist und in anderen Bezügen steht. Ausziehen: Hinter sich lassen, was dem Bösen Macht einräumt. Anziehen: Ein neuer Mensch sein, der sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln von Jesus Christus leiten lässt und in seinen Spuren zu gehen versucht.

Der Kleiderwechsel der frühen Christen ist ein eindrückliches Zeichen für diese neue Lebensausrichtung. In der Taufe wird uns von Gott zugetraut, zu werden, was wir sein können. Auf dem Hintergrund dieser Zusage haben die Ermahnungen des Textes als lebenstaugliche Hinweise für den Umgang miteinander erstaunliche Aktualität. Und doch ist es ungleich komplizierter, den in der Taufe symbolisch vollzogenen Bruch zwischen altem und neuem Sein im Alltag ganz praktisch konsequent zu leben. Wie gehen wir mit den offensichtlichen Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit christlicher Lebensführung um?

Da geht es um unsere ganze Lebenseinstellung, um Verhaltensweisen, Haltungen und Beziehungen zu anderen. Ausziehen - anziehen. Das bedeutet: Verwerfen - anders werden. Trennen - neu beginnen. Früher - jetzt. Es geht um Brüche, Gegensätze und Veränderungen, die über eine Optimierung nach dem Motto "Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ" weit hinausgehen: "Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel!"

So einfach ist das nicht. Nicht nur, weil es viele Nichtchristen gibt, von deren Lebensführung und sozialer Gesinnung ich mir manche Scheibe abschneiden kann. Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart belegt, dass Christen nicht automatisch bessere Menschen als andere sind. Anspruch und Wirklichkeit liegen weit auseinander. Aber auch der kritische Blick in den Spiegel meines Lebens zeigt mir: Mein Taufkleid hat viele Flecken, Risse, Schmutzspuren und Knitterfalten, und manchmal scheint es mir auch ein paar Nummern zu groß.

Nur allzu vertraut ist mir vieles, was aus Sicht unseres Textes einer christlichen Lebensweise eben nicht entspricht: Zorn und Lüge, Bitterkeit und Grimm, lästerliches Gerede über andere, manchmal auch Bosheit und die ungezügelte Gier nach Leben, die den anderen aus dem Blick verliert und den eigenen Vorteil sucht. Man muss nicht stehlen, um anderen etwas wegzunehmen. Es reicht schon, berechtigte Ansprüche anderer auszuklammern, um für sich selbst zu profitieren. Vielleicht erleben Sie das anders, aber ich schlüpfe in die Verhaltensweisen, Gefühle und Einstellungen des "alten" Menschen immer wieder hinein wie in die alte Lieblingsjeans und den bequemen Pulli.

Sind Christen bessere Menschen? Das Fragezeichen bleibt nicht nur bei Einzelnen, sondern auch in Hinsicht auf den Umgang miteinander in der christlichen Gemeinde, in der Kirche: "Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus". Manchmal ist das wirklich so; und das tut gut und baut auf und hilft. Manche erleben aber auch das andere: Dass der Anspruch gerade in der Kirche so viel größer ist als die Praxis des Evangeliums, dass es mehr Worte als Taten gibt und viele Erwartungen schmerzlich enttäuscht werden.

Dennoch: Nicht nur wir heutzutage, sondern auch die früheren Christen teilen die Erfahrung, dass es eben so einfach nicht ist: Ausziehen - anziehen und ein neuer Mensch, ein wirklicher Christ, ein besserer Mensch sein und bleiben. Die Ermahnungen dieses Briefes und ähnliche Texte von Paulus selbst wären ja überflüssig, wenn man den alten Menschen in der Taufe oder durch reine Willenskraft und Anstrengung einfach ablegen könnte. Martin Luther hat das in seiner pointierten Sprache so auf den Punkt gebracht: "Der alte Adam muss täglich ersäuft werden" - und das ist harte Arbeit in den Niederungen des Lebens, immer wieder, Tag für Tag.

Müssen Christen bessere Menschen sein? Ich denke: Von alleine sind sie es nicht; oder ich zumindest bin es nicht. Christen sind Menschen mit Fehlern, Schwächen, Wünschen und Sehnsüchten, Menschen, die die Erinnerung und Ermahnung brauchen: "Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel!" Aber was Christen von anderen unterscheidet ist die Hoffnung und das Vertrauen: Ich bin in meinem Leben, meinem Denken, Fühlen und Handeln, sogar in meinem Scheitern nicht auf mich allein gestellt. Gott verbündet sich mit mir und traut mir etwas zu. Das bleibt Gottes Sache, seine Mitgift, seine Botschaft an uns, die sich in der Taufe ausdrückt: Ihr könnt anders sein und anders leben, weil ich für euch da bin. Ihr könnt den alten Menschen hinter euch lassen, weil Jesus Christus die Richtung zeigt, in die es gehen kann. Ihr könnt den neuen Menschen anziehen, weil Gottes guter Geist euch in der Gemeinschaft mit anderen die Kraft dazu schenkt.

Wir müssen den neuen Menschen nicht selbst neu erfinden, sondern er ist schon da. Wir müssen das Taufkleid nicht selbst entwerfen und nähen, sondern können hineinschlüpfen und uns darin einleben, auch wenn es manchmal nicht richtig sitzt, auch wenn Gebrauchsspuren da sind, Risse und Löcher.

Auf diesem Hintergrund finde ich Hinweise darauf, wie der neue Mensch im Gewande Gottes aussehen könnte: Ehrlich und offen im Umgang mit anderen und mit sich selbst, weil die Lüge und alle Varianten kultivierter Selbstbeschönigung Beziehungen vergiften und verdrehen. Der neue Mensch im hellen Kleid der Taufe kommt ohne Vorurteile, ohne destruktive Kritik, ohne herabsetzende Bemerkungen und lästerliche Kommentare über andere aus. Er lässt sich auf andere ein und versucht zu verstehen, nicht zu verurteilen. "Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören." Das verändert Beziehungen und schafft Vertrauen, Verständnis, Nähe. Zur Rache konservierter Zorn und zur Verbitterung gewandelte Kränkung beherrschen und deformieren das Leben, sodass nichts Neues wachsen kann. Trotzige Rechthaberei und die Angst, selbst zu kurz zu kommen, verhindern Heilung und Veränderung. Der neue Mensch im Taufkleid Gottes wird behutsam und achtsam aus dem Weg zu räumen versuchen, was Beziehungen erstickt und zerstört.

"Christ?! Was macht man denn da so?" Keine leichte Frage. Auch kein neues Thema: "Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist." (1. Petrus 3,15) Das bleibt unsere dringliche Aufgabe: Nach tragfähigen Antworten suchen und auskunftsfähig werden. Dazu helfe uns Gott. Er ist bei uns, egal, was passiert. Und er reicht uns immer wieder seine hilfreiche Hand, den neuen Menschen anzuziehen, uns in seine Liebe zu hüllen - täglich neu.

Er will mich früh umhüllen

mit seinem Wort und Licht,

verheißen und erfüllen,

damit mir nichts gebricht;

will vollen Lohn mir zahlen,

fragt nicht, ob ich versag.

Sein Wort will helle strahlen,

wie dunkel auch der Tag. (EG 452,5) Amen.