Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis 2010 — M. Franke
in der Petruskirche und in der Christuskirche Freiburg am 17.Oktober 2010
Zum Kunstprojket: "mitten unter euch" (Lk 17, 20-21)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde!

"Es gibt nichts Gutes im Schlechten!"
Ich denke, Sie alle kennen diesen sprichwörtlich gewordenen Satz.
Vereinfacht gibt er ein Zitat des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno wieder.
Bei ihm heißt es: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen Leben".
Adorno hat dabei vor allem den deutschen Faschismus im Blick, vor dem er in die USA fliehen musste.
Diese Erfahrung, dass alles, jeder Lebensbereich korrumpiert werden kann von totalitärer Herrschaft, von Angst und Gewalt, hat ihn die Wurzeln für dieses Entgleiten der Zivilisation in Terror untersuchen lassen. Seine, von Karl Marx inspirierte Gesellschaftskritik, geht davon aus, dass Korrekturen innerhalb eines Systems unmöglich sind und nur die grundlegende, revolutionäre Kritik Freiheit und Gerechtigkeit für alle mit sich bringt, denn:
"Es gibt nichts Gutes im Schlechten".

Aber nicht umsonst ist dieser Satz ja so populär geworden.
Wir kennen sie ja auch, diese Erfahrung.
Da ist eine kleine Lüge, vielleicht sogar nur eine Notlüge. Und aus ihr kommt die nächste und eine weitere, und alles steigert sich zu einem Labyrinth aus Lügen, bis hin zu einer Lebenslüge, aus der wir kaum noch herausfinden.

Oder da ist eine Enttäuschung in unserem Leben und wir zahlen sie heim, wem auch immer, wir geben die Verletzung zurück und verletzen.

Oder da ist die Angst. Die Angst vergessen zu werden, nicht anerkannt zu sein, nicht geliebt zu werden. Und diese Angst kann sich wie ein Flächenbrand ausbreiten.

"Es gibt nichts Gutes im Schlechten."
Wie kann sich da etwas ändern?
Wo ist die heilsame Unterbrechung dieses endlosen Kreislaufes?

Und dieser Satz hat ja zunächst eine ganze Gesellschaft im Blick: "Es gibt keine richtiges Leben im falschen Leben?"

- wenn wir zusehen müssen, wie wir auf den ökologischen Kollaps zutreiben, Klimaschutzgipfel sich auf Minimalkompromisse einigen.
- wenn die finanziellen Grundlagen einer ganzen Gesellschaft verzockt werden und gleichzeitig die Resourcen für Bildung und Soziales immer mehr schrumpfen.
-wenn sich eine politische Klasse gebildet hat, die in der Gefahr steht den Kontakt zum Alltag ihrer Bürger zu verlieren.

"Es gibt nichts Gutes im Schlechten"
Wann kommt Hilfe? Woher? Auf wen oder was können wir hoffen?

Diese Frage scheint mindestens so alt zu sein wir unser Predigttext aus dem Lukasevangelium, auf den wir heute hören wollen. Wo wir heute nach mehr sozialer Gerechtigkeit und politischer Weitsicht rufen, rief man damals nach dem Reich Gottes. In diesem Ausdruck bündeln sich alle Hoffnungen der damaligen Juden auf die große Zeitenwende, auf den Anbruch der Endzeit, auf die Herbeiführung eines pradiesischen Zustandes der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit.
Zur Zeit Jesu hatte die römische Besatzung in Palästina ihre Spuren hinterlassen. Die politischen und ökonomischen Verhältnisse waren desaströs. Erdrückende Steuern, Schuldsklaverei, Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten und Missachtung der eigen Kultur und Religion waren an der Tagesordnung. Man sehnte sich nach der Zeit, in der alle Unzulänglichkeiten und Leiden des bisherigen Lebens überwunden sind.

Die Pharisäer, eine Gruppe frommer, toratreuer Juden, die ihren Lebensunterhalt mit ganz weltlichen Berufen verdiente, sprechen Jesus an:

"Wann kommt das Reich Gottes?
Jesus antwortete ihnen und sprach:

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann;

man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es!
Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch." (Lk 17,20-21)

So heißt es im 17. Kapitel des Lukasevangeliums.

"Das Reich Gottes ist mitten unter euch!"
M. Luther übersetzt sogar: "das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden … seht, das Reich Gottes ist innwendig in euch."

Die Pharisäer sind empört. Sie hatten bis dahin gemeint, dass sie mit Jesus eine gemeinsame Hoffnung auf das Reich Gottes teilen. Und jetzt das: "Das Reich Gottes ist mitten unter euch." Entweder verkennt dieser Wanderprediger aus Galiläa alle bestehenden Realitäten, oder, noch schlimmer: Er spricht von sich selbst. Er bezeichnet sich selbst als das Reich Gottes unter den Menschen, also als den lang erwarteten Messias, den gesalbten Gottes. Was die Pharisäer für die Zukunft erwarteten, soll nun mitten unter ihnen sein? Das können sie nicht verstehen. Den Heilsbringer stellen sie sich anders vor. Ein politisch-religiöser Führer soll es sein, der die Römer mit Macht aus dem Land wirft, damit das Friedensreich beginnen kann. Durchaus hat man dabei auch an das Ende aller Zeiten gedacht, an eine Welt nach der Geschichte.

Mitten unter euch!
Erlösung mitten unter euch. Der Plan der Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus zu töten steht hier schon fest.

Auf was hoffen wir?
Was erwartet ihr?
Worauf wartest du?

Vielleicht auf einen netten Besuch, auf eine liebevolle Umarmung.
Vielleicht wartest du auf die nächste Diagnose, oder auf eine erlösende Antwort.
Vielleicht wartest du auf die Geburt eines Kindes oder einfach nur auf die Konfifreizeit nächste Woche.
Vielleicht wartest du auf einen Arbeitsplatz oder endlich eine eigene Wohnung.
Vielleicht wartest du auf ein klärendes Gespräch, oder einfach nur auf die Erklärung zu diesem Kunstwerk, um das es heute gehen soll.
Auf was wartest du?

Es gibt immer etwas zu erwarten, und solange wir auf etwas warten, so lange sind wir lebendig. Erwartung und Hoffnung sind andere Namen für die Lebenskraft, für das, was uns am Leben hält.
Auf etwas warten ist Treibstoff für unsere Seele.

Auch Jesus und die Pharisäer hatten eine Erwartung. Eine Erwartung die über das persönliche Leben hinausging. Sie warteten auf das Reich Gottes für ihre Welt. Sie konnten glauben, dass eine bessere Welt im Kommen war, eine Gesellschaft, wo die Blinden sehen und die Armen vor Freude tanzen.

Die Hoffnung für eine neue, bessere Welt ist notwendig.
Auch wenn uns das oft schwer fällt.
Wir müssen daran glauben, dass wir einmal den Hunger besiegen werden.
Wir müssen daran glauben, dass die Menschen aufhören, mit ihren Motoren das Klima aufzuheizen.
Wir müssen daran glauben, dass Energiepolitik nicht mehr auf Kosten zukünftiger Generationen stattfindet.
Wir müssen daran glauben, das nicht immer nur Dummheit und Selbstsucht regieren, sondern auch einmal Vernunft und Liebe.
Wir müssen an das Reich Gottes glauben, das kommt!

Kann man das müssen?
Man kann das nur bitten, aber dringlich: Wir müssen bitten und beten dafür!

"Dein Reich komme, so bittet auch Jesu in seinem Gebet, das wir nachher wieder sprechen werden.
Die Bitte: "Dein Reich komme" kann es dann auch mit der Feststellung:
"Es gibt nichts Gutes im Schlechten" aufnehmen.

"Dein Reich komme" und "das Reich Gottes ist mitten unter euch" gehen bei Jeus zusammen. Das Reich Gottes ist gleichzeitig zukünftig und jetzt. Es beginnt hier und vollendet sich in der Zukunft. Das Zukünftige ist im jetzt.
"Gottes sein ist im Werden."
Immer wieder versucht Jesu Bilder zu finden für dieses Andere, Neue. Er versucht Bilder zu finden für diese positiven, bisher unverwirklichten Möglichkeiten des Lebens, für das, was er Reich Gottes nennt.
Das Reich Gottes bzw. das Reich der Himmel wie es im Mt-Evangelium heißt, ist der zentrale Begriff in der Verkündigung Jesu.

Wenn Jesus die bösen Geister austreibt so ist das Reich Gottes herbeigekommen.(Lk 11)

Wenn der Zöllner Zachäus sein Leben neu findet, wird er ein Teil des Reiches Gottes (Lk 19)

Selig sind die, die Leid tragen, die Sanftmütigen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen und die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich (Seligpreisungen der Bergpredigt Mt5).

Jesus erzählt Gelichnisse, malt Bilder mit Worten, um eine Ahnung vom Reich Gottes zu vermitteln, es für uns schmackhaft zu machen: Das verlorene Schaf, das gefunden wird; Der Groschen, der nicht verloren geht, der verlorene und wiedergefunden Sohn. Der tot war, und ist wieder lebendig geworden, heißt es. (LK 15)

Kindern, gehört das Reich Gottes. Sie sind die wahren Experten für das Himmelreich, sagt Jesus, deshalb haben wir eben (Laurent, Marith, Rosa) getauft. (Mk 10)

Das Reich Gottes ist wie die aufwachsende Saat, wie ein Senfkorn, das kleinste aller Samenkörner, das zu einem großen Baum wird, so dass die Vögel unter dem Himmel in seinem Schatten wohnen können (Mk 4)

PP: Oder es ist wie eine Decke aus Plastiktüten.
Wohlstandsmüll wird für elementare Bedürfnisse wie Schutz oder Wärme umgenutzt. In unserem Gespräch Frau Pustan erzählten sie von einer Obdachlosen Frau, hier in Freiburg, die aus und in solchen Tüten lebte.
Auch sie Ebenbild Gottes: in Plastiktüten. Viele unter uns müssen so leben.
Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan, sagt Jesus. (MT 25)

Die Texte und Bilder auf den Tüten geben einen Einblick in unseren Alltag, in unser glattes, sauberes Leben. Kaufen und gekauft werden ist hier die Devise. Jetzt wird daraus etwas Neues. Mittendrin. Mitten unter euch. Eine Decke, ein Bild für das fundamentale Bedürfnis nach Schutz. Unter dieser Decke dürfen Erinnerungen wach werden und hier darf von der Zukunft geträumt werden, von dem, auf das wir warten. Alltägliche Einkaufstüten werden zum Zeichen, zum Symbol dafür, dass sich mitten unter uns die Zukunft eröffnen kann.

C: Dass Reich Gottes zeigt sich mitten unter uns, in dieser Welt.
Symbolisch ausgedrückt mit der Zahl vier im Altarbild von Chris Popovic.
Vier, wie die vier Jahreszeiten, die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente: Feuer, Wasser Luft, Erde. Unsere Welt, ganz.

Auf grauem Grund sehen wir vier Felder zu je drei Streifen.
Die Zahl drei steht für das Göttliche: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dreieinigkeit, wir sprechen von Trinität, wenn wir sagen wollen, dass wir Gott nicht nur als den transzendenten, jenseitigen Gott glauben, sondern ihn auch als Mensch, mitten unter uns kennen. Er lebte an einem konkreten Ort, zu einer bestimmten Zeit. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen", sagt dieser Jesus aus Nazareth, der Christus.
Mitten uns war er aber nicht nur damals, sondern auch heute feiern wir ihn, erfahren ihn unter uns in der Form des Heiligen Geistes, Gemeinschaft der Heiligen, in seiner sichtbaren und unsichtbaren Kirche.

Dieses Altarbild erklärt uns auf seine, reduzierte, ja fast formalisierte Weise, wie es ist, das Reich Gottes, wie es ist, wenn Gott den Menschen begegnet.

12 Streifen: Das Göttliche, die drei, verbindet sich mit dem Irdischen, der Zahl vier. Drei mal vier ist zwölf.

Und da, mitten unter uns, gab es einen besonderen Menschen, der zugleich Gott war. Jesus, der Christus.
Ich hoffe nun nicht, das die Interpretation zu weit geht, aber auch sie Frau Popovic waren in unserem Gespräch einverstanden, wenn dieser rote Streifen als Hinweis gedeutet wird, auf die zweite Person der Trinität, den Sohn. Deshalb ist es der zweite Streifen im linken oberen Dreierblock, der rot ist.
Rot ist die Farbe, der Liebe und der Leidenschaft, rot steht aber auch für den Kampf und den Krieg, für das Leiden. Das griechische Wort für beides, für Leidenschaft und Leiden ist "Pascho". Das Wort Passion leitet sich davon ab.

Und jetzt sehen wir das Kreuz in der Mitte, das sich aus den Negativformen der beiden Symeterieachsen ergibt. Nicht umsonst hängt diese Bild an der Stelle, an dem wir in jeder Kirche das Altarkreuz finden.

Mitten in unsere materielle Welt, symbolisiert durch die horizontale Linie, bricht das Reich Gotte, die geistige Welt ein, bezeichnet durch die vertikale Linie. Schön ist, wie sich dies beinahe wie von selbst ergibt. Das Kreuz ist mehr als zwei aufeinander genagelte Balken, es ist mehr als das Folterinstrument der Römer, an dem Jesu gestorben ist. Das Kreuz wird zum Zeichen, durchlässig für die neue Wirklichkeit Gottes. Sie ist eine andere Art von Wirklichkeit, eine neue Qualität des Lebens. Im Gekreuzigten beginnt es, mitten unter uns ist es und wird sich vollenden. Mitten unter uns eröffnet diese Wirklichkeit Gottes, Zukunft, das hat sie mit jedem guten Kunstwerk gemeinsam.

"Das Reich Gottes ist eine Art Gewebe, das die gröbere Struktur aller Dinge durchzieht, eine geistige Feinstruktur, in der viel Nichtgeahntes geschehen kann. Da kann dir viel Unerwartetes begegnen (wie dieses Kunstwerk), da kann viel Undenkbares für dich Wirklichkeit werden. Das einfachste Ding, das du in die Hand nimmst oder siehst, jeder Mensch, der dir begegnet kann durchlässig werden für eine feinere, eine geistigere, jedenfalls andere Art von Wirklichkeit. Jetzt schon!

Wer sich in den Dienst dieser Hoffnung stellt, erlebt, dass sich an den sozialen und politischen Verhältnissen in dieser Welt durchaus einiges ändern kann. Dass das Reich Gottes durchaus sichtbar wird, wirksam und handgreiflich, jetzt schon. Da ändert sich dann das Bild das du von dir selbst und anderen Menschen hast. Da bekommst du einen anderen Blick für ausländische Mitbewohner, auf andere Völker. Jetzt schon. Da geht dann etwas hin und her an Güte und Zutrauen, da gehen Taschen auf, da geht das Brot vom einen zum anderen - wie wir es (bei jedem Abendmahl) gleich jetzt wieder einüben werden - für die leiblich und geistig Hungrigen.

Wir erwarten, wenn wir Reich Gottes sagen, dass das Ende der Menschheitsgeschichte nicht das Ende der von Gott geschaffenen Welt ist, sondern sich Gottes Zeit, Gottes Geschichte, und Gottes Welt fortsetzt.
Wir stehen dann in einer grundsätzlich offenen Welt. In einer Welt, die offen ist für das Geheimnis des Göttlichen in ihr. Und du selbst kannst das Geheimnis des Göttlichen auch in dir selbst entdecken. Reich Gottes meint eine Welt, die offen ist zu anderen Menschen hin und zu ihrem Schicksal. Eine Welt in der nichts so bleiben muss, wie es ist, in der wir uns mit Lüge und Gewalt, mit Terror und Ausbeutung nicht abzufinden brauchen. Die Zukunft der Welt ist offen, und deren Ende und unser Ende ist dann nicht eine Abgrund des Untergangs, sondern eine neue Schöpfung" (nach J. Zink, Eine Hand voll Hoffnung, 1979, 89-90), die unter uns beginnt, schon jetzt!

Amen