Predigt am 17.Sonntag nach Trinitatis - Proprium Sieghafter Glaube - 26.September 2010
Römer 10, 9-17: Die Sprache des Glaubens


"Was leichthin über dich geschrieben steht" so schreibt Huub Oosterhuis in einem Lied an Gott und meint damit die Heilige Schrift, "dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz, treu bei uns, wie hat es uns befreit, beschämt, berauscht, getröstet und gereizt."

Wie unendlich viel von dieser Erfahrung des Berührtseins verdanken wir der Wortgewalt der Reformatoren, die unermüdlich Tag um Tag, Jahr um Jahr darum gerungen haben, uns das eine Wort unmittelbar nahe zu bringen. Damit wir es verstehen können, dass es auf uns wirken kann und uns einleuchtet. Dabei denken wir ganz schnell an Martin Luther, und die Frucht seiner Zeit in der auf der Wartburg und darüber hinaus. Wie sehr hat er um jedes Wort gerungen, die Bücher der Bibel ins Deutsche zu übersetzen gemeinsam mit dem Freund Melanchthon. Unter den prominentesten Theologen, die der Kunst der Übertragung des Gottes Wortes in unser Leben mächtig waren, ist der Schweitzer Reformator Huldrych Zwingli, wohl noch ein großer Unbekannter für viele. Das ist bedauerlich.

Verstand sich doch gerade die Zürcher Reformationsbewegung, die er mit in Gange setzte, zuvorderst als Übersetzungsbewegung. Es war ihr großes Anliegen, das Wort Gottes in das Leben der Menschen auf verständliche Weise hineinzusprechen und es so mitgehen zu lassen mit dem Wandel der Sprache. Klarheit und Treue zu den ursprünglichen Texten, Schönheit und Eleganz schließen nicht aus, nach der Sprache zu suchen, die uns im 21.Jahrhundert angemessen ist. Gottes Wort will sich Gehör verschaffen, dazu muss es verstanden sein.

Der Predigttext für den 17.Sonntag nach Trinitatis beschäftigt uns heute mit diesem Thema, dem Wort, das zum Glauben führt. Der Autor heißt Paulus, die Adressaten befanden sich in Rom, ich lese einen ersten Abschnitt aus dem 10.Kapitel, Verse 9-13 aus der Zürcher Bibel.

"9 Denn wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden. 10 Mit dem Herzen nämlich glaubt man, auf Gerechtigkeit hin; mit dem Mund bekennt man, auf Rettung hin. 11 Denn die Schrift sagt: Keiner, der auf ihn vertraut, wird blossgestellt werden. 12 Es ist ja kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, denn sie haben alle ein und denselben Herrn, der alle reich macht, die ihn anrufen. 13 Denn: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden."

Liebe Gemeinde,

trotz aller Sprachkunst der Übersetzung: wie befremdlich klingen doch diese Worte in unserer Zeit. Wer kann sich heute noch erlauben, mit solcher Leichtigkeit vom Sieg des Glaubens zu sprechen. Ja, wenn es so einfach wäre mit dem Herzen zu bekennen, was sich dem Verstand nicht ohne Weiteres erschließt, zweifellos, unser Leben wäre sorgenfrei. Mischt sich hier nicht ein leichter Beigeschmack von Besserwisserei und Überlegenheit ein?

Anstatt es uns leichter zu machen mit seiner Ausführung, hinterlässt Paulus bei mir eher das Gefühl: Ziemlich exklusiv, oder, diese Glaubensaffaire. Das geht uns ja durchaus auch im Alltag so mit der Bibel oder den bibelfesten Leuten, die auf jede Lebenslage ein gutes Zitat parat haben. Die Antwort auf Trauer, Anfechtung und sogar Leidenserfahrung fällt dann nach dem Motto aus: Ich sehe was, was Du nicht siehst. Oder: dreimal darfst Du raten.

Ja, wenn Paulus so spricht, wer soll ihn dann heute noch verstehen? Da scheitert selbst Zwingli. Ist es denn immer die Schuld des Empfängers, wenn er die Botschaft nicht versteht? Auch der Glaube wird uns nicht einfach so in den Schoß gelegt, sondern wir müssen ihn uns im Laufe des Lebens erschließen, ihn in mühsamer Arbeit für uns selbst durchbuchstabieren.

Das genau hebt Paulus nun im zweiten Teil des Predigttexts hervor, von Vers 14 an:

"14 Doch wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand da ist, der verkündigt? 15 Und wie soll man verkündigen, wenn man nicht gesandt wurde? Denn es steht geschrieben:Wie sind doch willkommen die Füsse der Boten, die Gutes verkünden!

Doch nicht alle haben auf das Evangelium gehört. Jesaja sagt: Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? 17 Also kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber geschieht durch das Wort von Christus."

Liebe Gemeinde,

die Hälfte der Lesung hinter uns, ruft dieser Text geradezu nach einer Zäsur aus. Schon wieder hört er sich wie ein Rätsel an - das Wort von Jesus Christus als Ausgang des Glaubens. Was ist nun damit gemeint?

Jeder von uns kennt bestimmte Situationen, in denen ein Wort uns auf eigentümliche Weise getroffen hat. Es muss ja nicht immer ein biblisches Wort sein. Manchmal ist es ein kurzer Satz in den Nachrichten, die uns bis ins Mark trifft. So erging es mir in dieser Woche, als ich die letzten Worte der Amerikanerin Teresa Lewis im Fernsehen hörte, die wenige Stunden zuvor mit 41 Jahren im Staat Virginia hingerichtet wurde. Sie war nicht unschuldig, hatte selbst den Doppelmord des Mannes und Stiefsohns auf dem Gewissen. Doch bevor sie dem Tod ausgeliefert wurde, entschuldige sie sich bei einer der Menschen, die sie durch ihre Tat grausam verletzt hatte. "Ich möchte, dass sie weiß, dass ich sie liebe und es tut mir so leid." Ihr wurde das Wort der Begnadigung nicht gewährt. Sie durfte es nicht hören. Wartete bis zum letzten Augenblick vergeblich. Das harte Urteil hatte aber nicht das letzte Wort. Das nahm sie ihm. "…ich sie liebe und es tut mir so leid."

Ein verletzendes Wort, ob es bewusst oder unbewusst ausgesprochen wurde, ist wie ein Schlag ins Gesicht, mit der Wucht, die ins Schwanken bringt. Jedes Wort hinterlässt Spuren. Jedes unausgesprochene Wort kann zur Qual werden. Das anklagende Schweigen des Vaters oder der Mutter, der Tochter oder des Sohns, das noch mehr als tausend Worte sagen kann, es geht uns noch lange nach, nagelt uns fest.

Doch auch von einem guten Wort getroffen zu werden, ist gar nicht so leicht. Dem Lob zu glauben, das man uns im Öffentlichen oder im Privaten ausspricht, die Freundschaft und Liebe zwischen den Zeilen herauszuhören, das Wohlwollen, gelingt nicht immer gleich auf Anhieb. Wir brauchen Zeit, es anzunehmen. Kann das denn sein, dass uns etwas so Schönes geschenkt wird?

Hören braucht Zeit. Es muss nicht viel Zeit sein, aber die rechte. Hören braucht Aufmerksamkeit. Es gehen viele Worte am Tag an uns vorüber. Nie gab es so viele Daten zu verarbeiten, so viele Texte durchzuforsten in Zeitung oder Internet. Immer schneller liest das Auge darüber hinweg. Kommt kaum noch nach. Bis uns das eine Wort trifft, das alles andere, was wir bisher gehört hatten, radikal in Frage stellt. Manchmal wird uns diese Erfahrung, dieses Wort weitergereicht. So in diesem Fall von dem Japaner Hiroshi Murakami. Er erzählt:

"Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich ein Wort aus der Bibel, als ich 15 Jahre alt war - ja, das war kurz nach dem Kriegsende. Ein ganz kurzes Wort aus dem Matthäusevangelium war das: "Liebet eure Feinde!"

Ich war davon erschrocken. So ein schönes Wort hatte ich noch nie gehört. Nein, niemals in der Kriegszeit haben wir in der Schule gelernt, dass wir unsere Feinde lieben müssen…

Nun kam ein neues Wort. … Eine ganz neue Welt weitete sich ganz plötzlich vor mir aus. Ich habe angefangen, die Bibel zu lesen. Ich wollte nun zur Kirche. Das war der Anfang meines Glaubens."

So geht es also mit dem Glauben. Er entspringt der Macht des Wortes Christi.

Liebe Gemeinde,

Gibt es ein Wort, das uns je so betroffen gemacht hat? Das Wort, das zugleich erschreckt und tröstet, das uns aufs tiefste berührt und nicht loslässt? Nehmen wir uns eine kurze Zeit der Stille, um dem nachzuspüren…(Zeit der Stille)

Woher weiß ich, dass solch ein Wort, das so mächtig auf mich wirkt, von Gott an mich gerichtet ist? Wir haben es eben gehört. Dieses Wort Gottes an uns Menschen ist ein schönes Wort. Es richtet uns auf, denn es trägt die Spuren des Auferstandenen an sich. Es ist das Wort der Freude, die sich ausbreiten will, über unser Inneres hinaus. Es trägt das Sigel der Gottesgüte.

Wir erkennen Menschen, die so von Gottes Wort geprägt sind, man sieht es ihnen an, wenn sie mit Gott ins Gespräch getreten sind. "Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz" - heißt es unter dem Bild Philipp Melanchthons, gleich nebenan auf der Fassade des Gebäudes in der Maienstraße können sie ihn erkennen, dem treuen Freund Luthers, dem Mitübersetzer der Heiligen Schrift in das Leben der Menschen seiner Zeit. Er war der stillere von beiden.

"Etwas weglassen können gehört zur hohen Kunst der religiösen Sprache, der Predigt, des Gottesdienstes und der Räume, in denen er stattfindet." Schreibt Fulbert Steffensky. "Frage dich, was du nicht tun oder sagen musst! Stil braucht Muße, Stil braucht Kargheit. Was würden unsere Räume, unsere Gottesdienste und die Predigten gewinnen, wenn diese Regel gälte!"


Dem entspricht, dass niemand zum Glauben kommt, weil ein anderer auf ihn eingeredet hat. Glaube will erfahren werden. Sprachfähig werden im Glauben erfordert Übung im Hören auf das Wort. Es wirkt die beste Predigt nicht, wenn sie auf taube Ohren stößt. Es nutzt der beste Prediger nichts, wenn ich nicht auch bereit bin, das Wort in mir wirken zu lassen.

"Was leichthin über dich geschrieben steht" so beschreibt Huub Oosterhuis Gott die Wirkung, die die Bibel auf ihn hat: "Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz, treu bei uns, wie hat es uns befreit, beschämt, berauscht, getröstet und gereizt."

So schön ist Gottes Wort für uns, wir können ihm nicht widerstehen. Was daraus folgt, halten wir nicht in unserer Hand. Aus Horchen wird gehorchen und aus zuhören wird zugehören in die Gemeinschaft der Glaubenden. Deshalb trage ich die Worte vor, die unsere neuen KonfirmandInnen in ihrem Vorstellungsgottesdienst heute morgen gesungen haben: Leute Gottes lauscht, öffnet Herz und Sinn, denn das alte Wort drängt auf Neubeginn. Amen.

Lieder: EG 155 / EG 12, 1+4 / EG 346, 1-4 / EG 586, 1-7 / EG789.5 / EG: 583, 1, 4-6