Gründonnerstag - 21.4.2011, Petrussaal

Einführung in Mk 14,17-21

Liebe Schwestern und Brüder, wir werden heute die Erzählung vom letzten Abendmahl hören und bedenken, wie sie uns das MkEv überliefert. Jesus und die Seinen feiern demnach das Passamahl. Es ist schon alles organisiert. Die Jüngerinnen und Jünger sind bereits vor Ort, haben den Saal gerichtet, das Passalamm zubereitet. Am Abend dann, so beginnt unser Text, kommt Jesus mit den Zwölfen dazu zu diesen Männern und Frauen, die mit Jesus unterwegs waren. Jesus feiert also nicht nur im Zwölferkreis, wie es viele bildliche Darstellungen nahe legen.

Das gemeinsame Mahl beginnt nun alles andere als heiter. Denn Jesus kündigt, bevor sie miteinander essen und trinken, seinen Verrat an. Und, weil er ahnt, wie schrecklich dieser Verrat für den Verräter sein wird, endet seine Vorankündigung bitter: Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

Wenn ich das höre, schaudert mich. So hart sind die Worte!

Vielleicht können wir nachvollziehen, wie Judas sich gefühlt haben muss, nachdem er Jesus verraten hatte. Bei Mt wird überliefert, dass er sich das Leben genommen hat, als er erfuhr, dass Jesus zum Tode verurteilt worden war. Auch wenn das vermutlich eine Legende ist: unrealistisch ist das wohl nicht. Judas wäre seines Lebens nicht mehr froh geworden. Vermutlich hat er sich verflucht: Wenn ich doch nie geboren worden wäre!

Eine interessante Pointe unseres Textes: Wir erfahren gar nicht, wer der Verräter ist. Alle Zwölf fragen nach Jesu Ankündigung: Bin ich's? Das spricht für die Zwölf. Sie könnten ja auch sagen: Der ist's! Und mit den Fingern auf Judas zeigen. Doch offenbar wissen alle um ihren eigenen Schatten. Wissen sie alle, wozu sie in der Lage sind. Es gibt in jedem und jeder von uns Anteile, deren Abgründigkeit uns schaudern lässt. In uns allen steckt etwas von diesem Verräter, in welcher Form auch immer. Das will uns der Text wohl sagen. Bin ich's? Es ist möglich. Immer wieder falle ich aus Beziehungen heraus. Kappe die Verbindung. Verrate die Liebe. Weil ich Erwartungen und Bedürfnisse habe, die nicht erfüllt werden. Weil ich bei mir selbst etwas nicht wahr haben will und es deshalb bei dem oder der Anderen bekämpfe. Weil ich finde, dass die andere Person sich ändern sollte. Bin ich's? Es gibt Teile in mir, zu denen ich keinen Zugang haben. An die ich nicht herankomme. So sehr erschrecken sie mich. Integration ist ein lebenslanger Prozess. Damit ich mit mir selbst in Kontakt kommen kann, auch mit diesen verdrängten, abgespaltenen Teilen, brauche ich Hilfe, Zuspruch, Ermutigung von Anderen. Bin ich's? Es scheint mir lebensdienlich, sich immer mal wieder diese Frage zu stellen. Nicht skrupulös. Nicht ängstlich. Vielmehr im Wissen darum, dass ich so, wie ich bin, hier in dieser Runde sitzen darf. Dass ich, so wie ich bin, von Gott angenommen bin. Dass Jesus alle an seinem Tisch versammelt hat, die Sünder und Zöllner und Randständigen. Die Seinen, die ihn verraten und verleugnet haben. Welche Kraft der Liebe wirkt hier! Alle dürfen dabei sein. Wie weit bin ich in meinem Leben davon entfernt, alle um einen Tisch zu versammeln. Ich wähle aus. Das ist realistisch. Zugleich markiert es den gewaltigen Unterschied zwischen Jesus und mir. Im Schauen auf ihn kann ich nur ratlos und ehrlich fragen: Bin ich's? Ich hoffe es nicht. Doch so genau weiß ich es nicht.

Mk 14,17-21 lesen

17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen.

18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.

19 Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's?

20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.

21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

[Stille und Glaubensbekenntnis und Lied]

Einführung in Mk 14,22-24

Alle sind eingeladen. Wie zu allen Mählern Jesu, so auch zu diesem letzten Mahl. Jesus hat mit den Seinen Mahl gehalten, wie es in damaliger Zeit üblich war. Das Mahl beginnt mit dem jüdischen Brotsegen. In unserer Übersetzung heißt es: Er dankte. Doch es müsste genauer heißen: Er segnete das Brot. In diesen Brotsegen sind alle anderen Speisen eingeschlossen. Jesus gibt den Teilnehmenden das Brot und spricht ein Deutewort dazu: Das ist mein Leib. Das bedeutet: Die Teilnehmenden werden in den Leib Jesu Christi einverleibt. Durch den Segen wird das Brot zu Gottes Eigentum. An Gott selbst hat die Gemeinde, die das Brot teilt, Anteil. Sie selbst bildet durch dieses Leben in Verbundenheit mit Jesus Christus den Leib Christi. Nach dem Essen nimmt Jesus den Kelch. Dafür nun dankt er. Vermutlich spricht er ein ausführliches jüdisches Dankgebet. Auch an den Kelch schließt sich ein Deutewort an. "Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird." Hier ist wohlgemerkt nicht davon die Rede, dass dieses Blut zur Vergebung der Sünden vergossen wird. Ein Sühnegedanken findet sich hier also nicht. Markus denkt bei der Formulierung "Blut des Bundes, das für viele vergossen wird" an den Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Sinai. Nach der Offenbarung der zehn Weisungen zum Leben und anderer Gebote wird der Bund am Sinai geschlossen, indem Mose unten am Berg einen Altar baut mit zwölf Steinmalen, die die zwölf Stämme Israels repräsentieren. Hier sehen wir die Entsprechung zu Jesu engstem Jüngerkreis, die also symbolisch zu verstehen ist. Dann werden am Sinai Dankopfer von jungen Stieren gebracht. Und mit dem Blut dieser Tiere werden der Altar und das Volk besprengt. Wörtlich heißt es in Ex 24,8: "Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der EWIGE mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte." Selbst dieses Bundesblut ist also nicht verbunden mit der Vorstellung eines Sühnopfers. Vielmehr geht es um Dank.

Im LkEv (22,20) und im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth (1 Kor 11,25) heißt das Deutewort über dem Becher: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." Wir denken dabei immer daran, dass Jesus den neuen Bund gestiftet hat. Doch diesen neuen Bund gibt es bereits im Ersten Testament. Dort heißt es beim Propheten Jeremia im 31. Kapitel (V 31ff): "Siehe, es kommt die Zeit, spricht der EWIGE, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließen […] Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein […]; sie sollen mich alle erkennen, klein und groß […], denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken." Hier also, im ersten Testament, ist bereits beschrieben, wodurch der neue Bund sich auszeichnet: durch das Halten der Tora von innen heraus und die Geborgenheit im Schutz Gottes. Wenn wir Jesus beim letzten Abendmahl vom neuen Bund sprechen hören, sind wir also eingeladen, an diese Verheißung des Jeremia zu denken. Wir sind eingeladen, Gottes Volk zu sein. Wir teilen die Vision einer geheilten Menschheit. Das ist theologisch näher liegend, als an den Bundesschluss am Sinai zu denken, an den Markus erinnert.

Liebe Gemeinde, an diesem kleinen Beispiel mag bereits deutlich werden, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass Jesus selbst überhaupt so gesprochen hat. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind das Deutungen, und zwar verschiedene Deutungen, die rückblickend auf Jesus projiziert wurden. Der neue Bund besteht Jeremia zufolge darin, dass Gott alle Missetat vergibt und der Sünde nimmermehr gedenkt. Diese Form von Heilung war der Kern der Botschaft Jesu. In Jesus wurde anschaulich, dass Gott bedingungslos vergibt, dass die Menschen so angenommen sind, wie sie sind, dass sie neu beziehungsfähig werden durch das freundliche und heilsame Wirken Jesu. Genau dieses göttliche Handeln Jesu hat provoziert. Sein Zuspruch der bedingungslosen, von jedem Opfer und jeder kultischen Handlung unabhängigen Liebe und der damit verbundenen Sündenvergebung, das heißt der Aufhebung aller Trennung zwischen Gott und Mensch, wurde als Anmaßung, ja gar als Gotteslästerung empfunden. Dieser Vorwurf der Gotteslästerung und der damit verbundene Aufruhr hat ihn schließlich ans Kreuz gebracht.

Markus lässt Jesus sagen: "Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird." Das klingt missverständlich. Eine Falle ist, dass wir bei vergossenem Blut sofort an Jesu Tod denken. Doch das ist vom Hebräischen und Griechischen her nicht nahegelegt. Blut ist ein Synonym für Leben. Wir werden also in das Leben Jesu einverleibt. Es gibt keinen Grund, wenn wir Abendmahl feiern, in erster Linie an Jesu Tod zu denken. Es ist vielmehr angesagt, an Jesu hingebungsvolles Leben zu denken, an dem wir teilhaben. Und es ist bei der Feier des Abendmahls auch nicht angezeigt, an den Tod Jesu als Sühnopfer zu erinnern. Er gibt sein Leben zur Vergebung der Sünden höchstens insofern, als er diese Botschaft der bedingungslosen Liebe und Sündenvergebung so konsequent aufrecht erhält in seinem Leben, dass es ihn das Leben kostet. Bei Markus heißt es auch noch missverständlich, dass das Blut für viele vergossen wird. Mit den Vielen sind Alle gemeint. Das ist von der semitischen Sprache her eindeutig. Und das heißt: Jesus hat für alle gelebt, hat allen die Liebe Gottes nahegebracht; da ist kein Mensch ausgeschlossen.

Liebe Gemeinde, ich selbst habe keine Schwierigkeiten, wenn mir beim Abendmahl das Brot gereicht wird mit den Worten: "Christi Leib, für Dich gegeben". Freilich verstehe ich das symbolisch. Es bedeutet für mich: Jesus schenkt sich Dir und Dir und mir, so dass wir sein Leib werden, durch ihn miteinander verbunden. Beim Spendewort "Christi Blut, für Dich vergossen" höre ich: Du bekommst immer neu Anteil an Christi Lebenskraft. Lass seine Hingabe an Dir geschehen, genieße, dass jemand so freundschaftlich Dir verbunden ist, Dich heilt, Dich aufrichtet, Dich in Schwung bringt.

Tiefenpsychologisch gesprochen ist Christus, die Christus-Weisheit unser wahres Selbst, das Selbst jedes und jeder Einzelnen, das uns zugleich miteinander verbindet. Das Abendmahl schenkt, dass dieses Selbst unter uns und in mir wachsen und immer mehr Gestalt annehmen kann.

Wie gesagt: Ich habe keine Schwierigkeiten mit den klassischen Spendeworten. Ich kann sie für mich so auslegen, dass es stimmig ist. Doch die Form, die deutlich macht, dass Brot und Kelch Symbole sind, die über sich hinausweisen, liegt mir näher. Im Brot steckt mein oft mühsamer Alltag, das harte Brot, das Schwarzbrot, das ich kauen und schlucken muss. Dass mir in der Abendmahlsfeier das Brot des Lebens gereicht wird, tröstet mich und schenkt mir die nötige Kraft für diesen Alltag. Und der Kelch des Heils bzw. der Kelch der Liebe schenkt mir einen Vorgeschmack auf die Freude und das Leben in Fülle, die in meinem Leben in Augenblicken aufscheinen und meine Sehnsucht und Hoffnung nähren, dass diese Freude und Lebensfülle einmal Wirklichkeit werden, die alleinige Wirklichkeit, für alle Menschen.

"Du hast zu deinem Abendmahl als Gäste uns geladen". Wie schön! Wir singen dieses Lied, EG 224, im Anschluss an die Lesung.

Mk 14,22-24 lesen

22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.

23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus.

24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

[Lied; Abendmahlsgebet; Vaterunser und Friedensgruß]

Einführung in Mk 14,25

"Tut dies zu meinem Gedächtnis". Weder das Markusevangelium noch Mt überliefern diese Worte. So wie hier das letzte Mahl Jesu mit den Seinen gefeiert wird, in dieser bedrohlichen Situation, ist keine Zeit für die Aufforderung zur Wiederholung, für die Stiftung eines Sakraments. Dass eines daraus geworden ist und dass wir deshalb auch heute Abendmahl feiern, ist gut. Mir ist der Aspekt des Abendmahls als Erinnerungsmahl wichtig. "Wir erinnern" bedeutet: Wir vergegenwärtigen. Christus ist in der Heiligen Geistkraft auch heute anwesend, hier und jetzt, und schenkt uns Gottes überfließende Liebe. Gleichwohl finde ich es auch stark, dass Markus einen anderen Akzent setzt. Nicht die Erinnerung, sondern der Ausblick ist ihm wichtig. Jesus spricht: "Ich werde nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes." Das ist die zentrale Botschaft Jesu: Das Reich Gottes ist nahe, es ist da. Und zugleich steht seine Verwirklichung noch aus. Wir leben in Absurditäten, die wenig oder nichts von dieser Präsenz des umfassenden Schalom spüren lassen. Wenn wir in Erinnerung an Jesus Abendmahl feiern, imaginieren wir immer zugleich, was mit diesem Mahl verheißen ist: Dass dereinst alle satt werden. Dass dereinst alle in geschwisterlicher Verbundenheit an einem Tisch versammelt sein werden. Dass dereinst alle mit göttlicher Freude erfüllt werden.

Mk 14,25 lesen

25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.

Es steht noch aus, das Reich Gottes. In der Feier des Abendmahls antizipieren wir es. Das tun wir, indem wir unsere Welt mit hineinnehmen in dieses Mahl.

[Fürbitten; Mahlfeier; Lied]

Einführung in Mk 14,26

Das abendliche Mahl vor Jesu Tod, das Markus zufolge ein Passamahl war, endete mit dem Lobpreisgebet, einem Psalmengesang. So haben auch wir gesungen, dankbar dafür, dass wir heute schon in jedem Tun der Nächstenliebe wahrnehmen können, dass Gott unter uns sein Haus gebaut hat in der Liebe, die alles umfängt, dankbar dafür, dass wir heute schon Gottes Angesicht schauen dürfen.

Nach diesem Mahl gingen Jesus und die Seinen zum Ölberg, und Jesus wird im Garten Gethsemane von Todesängsten erschüttert. Er bittet die, die mit ihm sind, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu wachen. Diese Bitte greifen wir auf, indem wir im Anschluss an den letzten Vers unseres Bibeltextes und dann später nochmals nach dem Segen singen: Bleibet hier und wachet mit mir.

Mk 14,26 lesen

26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.