Hinsehen: damit wir wissen, was Er für uns tat - Predigt über Lukas 23, 33-35
Karfreitag - 22.04.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen…

Sehet: Wen? Den Bräutigam,

Seht ihn: Wie? Als wie ein Lamm.

Sehet: Was? Seht die Geduld.

Seht: Wohin? Seht uns're Schuld!

Kommen und sehen. Wer wir sind, vor allem aber wer Gott ist: dazu lädt nicht nur J.S. Bach, dazu lädt auch der Evangelist Lukas uns ein. "Und alles Volk, das dabei stand und zuschaute..." - notiert er am Ende seines Berichts über Jesu Hinrichtung lakonisch. Dabei stehen und zusehen: eigentlich ist das zwiespältig. Ich will es dennoch positiv nehmen und sage: wir wollen es heute dem Volk, das damals dabei stand und zusah, gleich tun und auf unsere Weise dabei sein und ganz einfach hinsehen, was da geschah, als unser Herr Jesus Christus am Kreuz getötet wurde.

I.

Nach Lukas hebt sich das Volk, das dabei stand damals und zusah, sogar vorteilhaft ab von all den anderen, die zur Schande der öffentlichen Hinrichtung auch noch den Spott hinzufügten: jenen grausamen, unmenschlichen Spott, der die Hilflosen im Leben so oft trifft und den nun auch der sterbende Mann am Kreuz in seiner Hilflosigkeit ertragen mußte. Als er, der anderen so oft geholfen hatte, sich selber nicht mehr zu helfen wußte, als er hilflos am Galgen hing, da forderten ihn fast alle an dem schrecklichen Schauspiel Beteiligten auf, sich nun doch auch selber zu helfen. Nur das Volk, das stand einfach dabei und sah zu. Ahnte es vielleicht, daß da seine, unsere eigene letzte Hilflosigkeit erlitten wurde? Oder war es einfach nur Neugierde, Sensationslust? Immerhin: als Jesus gefoltert und getötet wurde, da wirkte das Volk nicht mit. Es stimmte auch in die infamen Spottgesänge nicht mit ein. Es stand nur dabei und sah zu.

Man kann sich darüber empören. So wie wir empört sind, wenn es über einen brutalen Überfall in der U-Bahn heißt: und das Volk stand dabei im Abteil und sah zu. Oder wenn es im Bericht des Wehrbeauftragten über entwürdigende Mißhandlungen junger Kadetten auf der Gorch Fock heißt: die meisten standen dabei und sahen zu. Oder wenn wir uns angesichts des Leidens ganzer Völker - Darfur, Libyen, Elfenbeinküste - sagen müssen: du siehst einfach nur zu.

Diese knappe Notiz des Evangelisten verrät mehr über die dunkle Seite der menschlichen Natur als manch dickes Buch. So sind wir: das Abstoßende zieht uns an. "Only bad news are good news" - lautet die zeitlos gültige Journalistenregel. Dieser dunkle Drang, dabei zu sein und zuzusehen, wenn Schreckliches geschieht, zeichnet unter allen Lebewesen allein den Menschen aus.

Aber es ist merkwürdig: Lukas berichtet das ohne jede Empörung. Im Gegenteil. Der Evangelist macht aus unserem Drang, dabei zu sein und zuzusehen, noch etwas Gutes. Er tut einfach so, als seien auch wir dabei und sähen zu. Indem er die Passionsgeschichte Jesu erzählt, reiht er uns stillschweigend ein in jene zuschauende Menge. Und nun kommt es darauf an, daß uns die Augen geöffnet werden - in anderer Weise noch, als das offensichtlich damals dem Volk widerfahren ist: "Da sie sahen, was geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um". Sie schlugen sich an ihre Brust. Will sagen: sie brachten Betroffenheit zum Ausdruck. Das Volk war mitgenommen von dem Leiden, dem es da zusah.

Mitgenommen werden vom Kreuz Jesu Christi: Liebe Gemeinde, das ist der Sinn des Karfreitags. Mitgenommen werden, nun aber noch in einem ganz anderen Sinn - das soll auch jeder von uns, der sich vom Evangelium die Augen öffnen läßt für sie unergründliche Tiefe dieser Geschichte. "Ich sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen", hat Augustinus einmal gesagt, das Meer vor Augen. Auch wir werden das Geheimnis des Karfreitags nicht ergründen. Aber die Tiefe dieses abgründigsten Tages der Weltgeschichte, seine heilsame Tiefe: die können wir sehen, wenn wir uns vom Evangelisten die Augen dafür öffnen lassen.

Dem Tod selbst sieht man ja nicht an, was er bedeutet. Der Tod ist das Nichts schlechthin, er ist stumm und macht stumm. Und deshalb steht über der schwarzen Stunde von Golgatha für alle Beteiligen das Wort, mit dem der Gekreuzigte seine eigenen Henker entschuldigt: "Sie wissen nicht, was sie tun". Sie wußten wirklich nicht, was sie taten. Und sie konnten es auch nicht wissen. Daß sie etwas Schreckliches taten, als sie im Namen des Gesetzes einen Unschuldigen zum Tode verurteilten und zwischen zwei Verbrechern liquidierten, das konnten sie wissen. Daß sie unmenschlich handelten, als sie den qualvoll Leidenden auch noch verhöhnten, das konnten sie wissen. Aber daß dieses so grausam entstellte Menschengesicht das Ebenbild Gottes ist, daß uns aus diesem Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn Gottes eigenes Gesicht anblickt - das wußten sie nicht. Und das konnten sie auch nicht wissen. Und eben darum wird diese Geschichte von Lukas zwar in ihrer ganzen Schrecklichkeit, aber ohne jeden Vorwurf erzählt. Mehr noch: da wird nicht nur kein Vorwurf laut, sondern da werden Menschen, die Fürchterliches tun, in einer unvergleichbaren Weise ent-schuldigt.

II.

Das unterscheidet nach Lukas das Ende Jesu von den vielen anderen unschuldig zu Tode gebrachten Märtyrern seiner Zeit. Aus antiken Quellen weiß man, daß der zu Unrecht verurteilte jüdische Märtyrer noch vom Galgen herab seine Richter und Henker beschimpfte. Man kann das verstehen. Aber vom Kreuz Jesu herab wird kein Vorwurf laut. An die Stelle des Vorwurfs tritt vielmehr die Bitte: "Vater, vergib ihnen!" Nicht: Vater, gib's ihnen! - wie das nur zu verständlich wäre -, sondern die unvergleichliche Bitte: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun". - Nein, sie wissen es nicht. Nicht die Richter, die doch Recht sprechen sollen und nun, da sie diesem Menschen Unrecht tun, Gott selber schuldig sprechen. Suum cuique, jedem das Seine soll ein Richter geben. Sie aber haben Gott das Seine, sie haben dem himmlischen Vater den Sohn genommen. Nein, sie wissen nicht, was sie tun. Und die Kriegsknechte, also die heidnische römische Militärpolizei, die für Ruhe und Ordnung im Lande sorgen soll, die wissen es schon gar nicht. Und nun stellen sie, indem sie in der Person Jesu Gott, den Allerhöchsten erniedrigen, die ganze Weltordnung auf den Kopf. Gott und Spott - das reimt sich im Deutschen, und an diesem Tag nicht nur sprachlich. Es war einer der härtesten Kritiker des Christentums, der diese Wahrheit aussprach: "Gott am Kreuze!" schreibt Friedrich Nietzsche: "Es hat bisher noch niemals eine gleiche Kühnheit im Umkehren gegeben". Gott am Kreuze - eine "Umwertung aller Werte". Und die hat gewiß keiner von denen gewollt, die Jesus verurteilt und ans Kreuz geschlagen haben. Nein, sie wußten alle nicht, was sie taten.

Wissen wir es, liebe Gemeinde? Wissen wir, was wir tun, wenn wir heute die Passionsgeschichte bedenken? Erahnen wir das tiefe Geheimnis dieser traurigen Geschichte? Erkennen wir, daß im Dunkel dieser Leidensgeschichte eine Wahrheit aufleuchtet, die tiefer in unser Leben eingreift als irgendeine unserer eigenen Entscheidungen und Taten in unser Leben eingreifen kann? Oder bleibt sie nur eine der vielen traurigen, aber bewegenden Leidensgeschichten, von denen die Weltgeschichte voll ist? Man kann ja die Passion Jesu als das ergreifende Beispiel eines Gerechten ansehen, der selbst im schlimmsten Leiden sich und seiner Sache treu geblieben ist. Man kann sich an einem solchen Beispiel aufrichten. Vielleicht gelingt es uns dann, daß auch wir, vom Beispiel Jesu gestärkt, uns selber treu bleiben bis in den Tod. Wer so stirbt, der stirbt wohl. Aber stirbt er auch selig? Wissen wir, was wir tun, wenn wir uns von Jesus Christus diese Hilfe versprechen: die Hilfe eines großen, stärkenden Beispiels im Leben und im Sterben? Eines Beispiels, dem wir nur mit enormer moralischer Anstrengung folgen können? - Oder sollen wir umgekehrt die Leidensgeschichte Jesu als ein Beispiel dafür nehmen, wie es nicht sein soll auf Erden? Also als einen aufrüttelnden Appell zur Solidarität mit den unschuldig Leidenden? Jesu Passion als zündender Funke für unsere Aktionen gegen das Böse in der Welt? Das wäre sehr viel. Wohl denen, die die Kraft dazu aufbringen, dem Leiden Taten entgegenzusetzen! Es gibt viel zu wenig von ihnen.

Und dennoch: wissen wir, was wir tun, wenn wir die Passionsgeschichte Jesu in diesem Sinn als Beispiel nehmen? Ein Beispiel, sicher - aber eben, nur ein Beispiel! Liebe Gemeinde, in Wahrheit ist diese eine Leidensgeschichte ganz und gar beispiellos. Denn diese Passionsgeschichte hat Gott selbst, den ewigen, den unsterblichen Gott in unser menschliches Elend, in unseren Tod hineingezogen. Er teilt die Schande, die dem Unschuldigen zuteil wurde und die in Wahrheit unsere verdiente Schande ist. Und er teilt sie bis in die äußerlichsten, banalsten Umstände.

Wir wollen uns das an einem leicht übersehenen Sachverhalt vor Augen führen. Da reißen sie, bevor sie ihn ans Kreuz schlagen, Jesus die Kleider vom Leib. Vom Galgen herab muß er zusehen, wie sie das Los darum werfen. Dieser äußerliche Vorgang hat eine tiefe innere Wahrheit. Für den Menschen der antiken Welt bestand eine ganz enge Beziehung nicht nur zwischen Körper und Kleid, sondern zwischen der ganzen Person und ihrem Kleid. Im Kleid war nicht bloß der Körper, da war die ganze Person geborgen und geschützt: vor bösen Blicken, vor dämonischen Mächten. Kleider machen Leute: das galt damals noch mehr als heute. Wurde ein Mensch seines Kleides beraubt, dann empfand er sich zutiefst nackt und bloßgestellt, ausgezogen auch im übertragenen Sinn.

Und nun gehört es zum tiefen Geheimnis der Passion Jesu, daß da nicht nur ein ausgezogener Mensch am Kreuz hing, sondern dass da - Gott selbst bloßgestellt wurde. Statt von Engeln beschützt zu werden, blieb seinem geliebten Sohn nicht einmal das schützende Gewand, in das wir Menschen uns zu hüllen pflegen, ja in das wir mitunter regelrecht flüchten. Das gehört zur unergründlichen Tiefe der Passion Jesu Christi, daß seine Henker sich seine Kleider teilten. Er wird entblößt, und sie profitieren davon. Ungeschützt jedermann preisgegeben, profanisiert und bloßgestellt, distanzlos aller Welt ausgeliefert - so malen uns die Evangelisten den Sohn des allmächtigen Gottes vor Augen. Und gerade so und eben nicht anders soll er der Retter der Welt, soll er unser Heiland sein. Nietzsche hat Recht: das ist eine Umwertung aller Werte.

III.

Und diese Umwertung aller Werte, die die Bibel Vergebung der Sünden nennt, ist nicht nur das tiefe Geheimnis, sie ist die leuchtende Innenseite des dunklen Karfreitags. In dessen tiefster Finsternis hat Gott zum zweiten Mal, aufs Neue sein schöpferisches "Es werde Licht" gesprochen. Der Schöpfer selbst hat sich bloßstellen lassen, um uns elende Geschöpfe mit dem Wertvollsten, was er hat, zu bekleiden. Luther hat es sehr einfach formuliert: "Er wandt' zu mir das Vaterherz, / es war bei ihm fürwahr kein Scherz: / Er ließ's sein Bestes kosten". Und weil es sein Bestes, Wertvollstes ist, deshalb kann man sich in Gottes Liebe bergen wie in ein schützendes Kleid. In seiner Liebe gekleidet, sind wir geborgen: gerade auch dann, wenn wir uns bloßstellen oder von anderen bloßgestellt werden.

Mir kommt dabei an diesem Karfreitag unweigerlich Dompfarrer Claudius Stoffel in den Sinn, der vier Jahre lang hier in Freiburg mein katholischer Amtsbruder gewesen ist. Sein plötzlicher Rücktritt hat viele Menschen in unserer Stadt traurig und auch hilflos gemacht, und das gilt wahrlich nicht nur für die katholische Seite. Ob Dekan Stoffels Amtsverzicht unvermeidlich, notwendig, richtig war, und wie es dazu gekommen ist, dazu kann man sehr verschiedener Meinung sein. Wozu es aber keine zwei Meinungen geben sollte: es ist erschreckend und abstoßend, wie katholische Christen, die sich selber als besonders "romtreu" bezeichnen, v.a. im Schutz der Anonymität des Internets mit sprungbereiter Feindseligkeit über Claudius Stoffel hergefallen sind und mit kaum verhüllter Häme und Schadenfreude einem ihnen schon lange mißliebigen Dekan mit seinem Amt auch noch die Würde zu nehmen versuchten. Aber seine Würde liegt Gott sei Dank nicht in ihren, sondern eines anderen Händen. Dort ist sie unantastbar. Der Gekreuzigte ist ja nicht gegen Claudius Stoffel und dessen Schuld gestorben, sondern für uns alle. Also auch für die, die über seinen Abgang meinen sich freuen zu sollen. In Gottes Liebe gekleidet, sind wir im einem letzten Sinn unangreifbar. Noch dann, wenn man uns unser letztes Kleid auszieht und wenn der Tod nach uns greift, werden wir in der Liebe Gottes tief und sicher geborgen sein.

Und deshalb ist es keine Schande, wenn wir uns an dem Ort, der da heißt Schädelstätte, unter dem Volk wiederfinden, das dabei stand und zusah. Wer von der beispiellosen Leidensgeschichte, der er da zusieht, mitgenommen wird, der bleibt nicht zurück mit einem Leben voller Anklagen und Selbstvorwürfe. Nein, ein Leben, das in der Liebe Gottes geborgen ist, wird mitgenommen - mit all seinen Peinlichkeiten, durch alle Ängste hindurch. Nichts, was in einem so mitgenommenen Leben nicht wertvoll und sinnvoll ist - denn es wird mitgenommen in das neue, österliche Leben.

Das also, liebe Schwestern und Brüder, kann man erfahren, wenn man sich die Augen für das öffnen läßt, was an Karfreitag geschehen ist. Dabei sein und zusehen: das ist in diesem Fall wohl wirklich das Beste, was wir tun können. Und wir, die wir so oft nicht wissen, was wir tun, fangen wenigstens zu ahnen an, was Er für uns getan hat.

Amen.

Lieder: 81,1+4-6 / 85,8+9 / 93,1+2 / 80,1-5 / 84,1+2+4+8