Werdet nicht überraschungsfest! - Predigt über Matthäus 28, 1-10
Ostersonntag - 24.04.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Das ganze Neue Testament ist von Ostern bestimmt. Es ist letztlich eine einzige große Jubelkantate mit Thema und unzähligen Variationen über das, was da geschah am Sonntagmorgen vor Jerusalem. Die Evangelien sind letztlich Ostergeschichten. Genauer gesagt, von Ostern her erzählen sie rückschauend die Geschichte Jesu, und immer wieder spürt man, daß über all den Berichten über Jesu Worte und Taten von diesem unvergleichlichen Morgen her Licht aufstrahlt. Ohne diesen Morgen hätten sich die Anhänger Jesu ins Namenlose verloren und kein Mensch wüßte etwas von Jesus. Die Geschichte des Abendlandes wäre ganz anders verlaufen.

Wir nennen uns miteinander nach dem, von dem der Papst in seinem lesens- und bemerkenswerten Jesusbuch, dessen zweiter Band jetzt erschienen ist, in immer neuen Anläufen sagt: als Mensch Jesus von Nazareth war er in jedem Moment seines irdischen Lebens auch der Christus Gottes. Dies aber können wir nur durch Ostern und den Jubel der ersten Zeugen darüber erkennen. Müßte dann aber nicht auch unsere Lebensgeschichte als Christen eine Ostergeschichte sein? Und wenn es uns so erscheint, als sei sie alles Mögliche, bloß das nicht - wie könnte sie zu einer werden? Vielleicht gibt uns der Osterbericht des Evangelisten Matthäus Hinweise, die uns weiterhelfen.

I.

Zunächst einmal spürt man diesem Bericht ab, daß er im Grunde Unsagbares zu sagen versucht. Die meisten Spuren der Osternachricht sind letztlich wie ein Stammeln, das das gesamte NT durchzieht. Es ist auch unserem Text abzuspüren. Blitz und Erdbeben und der Bote im schneeweißen Kleid: das alles ist noch unsere Sprache. Eine Grabeshöhle, die plötzlich leer ist, das können wir uns auch noch vorstellen. Die Wächter, die wie im Tod erstarrt neben dem riesigen Stein liegen über ihren Schwertern und Schildern, das sind noch Bilder, die wir malen können. Und auch den zentnerschweren Weg der Frauen zum Grab können wir gut nachfühlen.

Das Eigentliche des Osterwunders aber ist unsagbar. Man kann eigentlich nur von rückwärts her davon stammeln, und man kann ringsum versuchen, in den Spuren zu lesen. Es ist ja nicht so, daß wir in das Wunder einfach so eintauchen, über der Erde schweben könnten wie die Heiligen in den Legenden. Unsere Wege werden unsere Wege bleiben, unsere Ängste unsere Ängste, unsere Tage werden nicht zu Träumen werden, sondern sie werden zu bestehen und manchmal nur auszuhalten sein wie vorher auch. Und doch können wir den Spuren des Unsagbaren nachgehen in der verwegenen Zuversicht, daß das Ostergeheimnis gilt, nicht nur als überpersönliche Glaubenswahrheit, sondern eben auch für dich und mich. Ich möchte mich dazu heute auf ein Wort konzentrieren, das zunächst gar nicht zu Ostern, dem wichtigsten und fröhlichsten Fest der Christenheit, zu passen scheint. Das Wort "Furcht" nämlich.

Man kann gar nicht lesen, was im Osterbericht bei Matthäus steht, ohne auf die Furcht zu stoßen. "Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot". Und die Frauen? "Sie gingen eilends weg vom Grab aus Furcht und großer Freude". Offenbar gehört die Furcht, der nackte Schrecken zu den Spuren des unsagbaren Ostergeheimnisses. Zunächst kann man sich ja über den Mut der Frauen wundern, die da Sonntagfrüh zum Grab gegangen sind. Von Frauen wurde normalerweise nicht viel berichtet in der Antike, und daß ausgerechnet sie als erste Zeugen des Unsagbaren in der Tradition festgehalten werden: das ist schon eine kleine Sensation für jene Zeit. Die Frauen jedenfalls gehen, als der Sabbat vorbei ist und man wieder auf die Straße kann, zum Grab. Einen letzten Liebesdienst wollen sie Jesus erweisen. Daß sein Tod endgültig ist, steht für sie nicht in Frage. Es gehört schon erstaunlicher Mut dazu, die Leiche eines mit Schimpf und Schande am Kreuz Aufgehängten aufzusuchen. Aber seltsamerweise ist da noch gar nicht von der Furcht die Rede. Die entsteht erst in der Begegnung mit dem Unbegreiflichen. Warum? Doch wohl, weil hier eine eherne Ordnung, die allen in Fleisch und Blut übergegangen ist, durchbrochen wird: die Ordnung des Abschieds. So wird Ostern in unerwarteter Weise zur "Stunde der Frauen". Unvorbereitet stehen sie vor der ungeheuerlichen Botschaft: Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Das erschüttert sie zutiefst - und das zu Recht. Wer verträgt schon im Schatten des Todes das gleißende Licht der Auferstehung? Das ist wie bei den monatelang verschütteten Bergleuten in Chile letzten Sommer, die nur mit einer dicken Schutzbrille nach oben gebracht werden konnten, weil das Tageslicht sonst ihre Sehkraft zerstört hätte.

Ein Toter erwacht zum Leben. Da kommt zunächst eben gar keine Freude auf, sondern da ist Furcht und Zittern. Da wird ein tot geglaubter Bergmann aus dem Stollen eines Bergwerks gerettet - seine Frau bricht zusammen. Da verschwindet ein Kind, man glaubt, es sei von Gewalttätern entführt. Plötzlich steht es vor der Tür, verstört, aber heil. Die Reaktion der Eltern sind Tränen, nicht Jubelschreie. Da erwacht jemand völlig unerwartet aus einem monatelangen Koma. Wie soll es jetzt weitergehen?, fragen die Angehörigen. Erschütterung ist die erste Reaktion.

Mit Furcht und Zittern antworten wir auf die Erfahrung von Sterben und Tod. Aber wenn Gottes Macht so überwältigend zu spüren ist, dann erschüttert das mindestens ebenso tief. "Jesus ist kommen, nun springen die Bande, / Stricke des Todes, die reißen entzwei": Wenn Gottes Macht die vertrauten Abläufe durchbricht, dann bringt das die Verhältnisse zum Tanzen, dann wanken die Grundfesten. "Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?" Wenn so gefragt werden muß, gerät die Welt aus den Fugen. Nichts ist mehr, wie es war. Denn der Tod herrscht nicht mehr über das Leben. "Es ist nichts umsonst, außer dem Tod - und der kostet das Leben": das scheinbar Unumstößliche dieses melancholischen Kalauers wird auf den Kopf gestellt. Das Leben ist nicht billig, es ist teuer, es kostet den Tod: und doch steht es am Ende, und nicht der Tod. Das ist Ostern, eine erschütternde Überraschung.

Das Unvertraute, im Wortsinn Überwältigende an Gott begegnet uns nirgendwo stärker als in diesem Drama von Tod und Auferstehung. Ist Ihnen schon mal die seltsame Verkehrung der Dinge beim Evangelisten Johannes aufgefallen? Der läßt seinen Passionsbericht mit dem fast triumphalen Wort Jesu am Kreuz enden: "Es ist vollbracht". Sein Osterbericht indes kulminiert in den verstörenden Worten: "Sie fürchteten sich". Verkehrte Welt! Aber eben, das ist Ostern: nsere Maßstäbe, die ehernen Gesetze der Welt werden verkehrt, umgekehrt.

II.

Liebe Gemeinde, die Bibel läßt in vielen Geschichten keinen Zweifel, daß dort, wo der große, unvergängliche Gott einem kleinen, vergänglichen Menschen unmittelbar und persönlich begegnet, Furcht und Zittern ins Spiel kommen. "Gottesfurcht" ist heute ein Wort aus dem sprachlichen Museum, mit dickem Staub über der Vitrine. Unsere Vorfahren haben noch davon gesprochen. Heute trauen uns nicht mal mehr wir Pfarrer, es noch in den Mund zu nehmen. Die Bibel weiß es besser: vor den Gottesbegegnungen im Neuen Testament steht immer wieder das Wort: "Fürchtet euch nicht!" So ist es in der Nacht über dem Hirtenfeld: "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch eine große Freude". Und so ist es am Ostermorgen auf dem Friedhof: "Fürchtet euch nicht!", sagt der Engel zu ihnen, und später auch der Auferstandene. In zwei entscheidenden Ursprungsgeschichten des Glaubens also spielt Furcht und ihre Überwindung eine Schlüsselrolle. Beide Male erschrecken Menschen vor dem Leuchten, dem strahlenden Licht, das sie mit einem grundstürzenden Signal von Gott konfrontiert. Beide Male können sie ihr Erschrecken nicht aus sich heraus, aus eigener Kraft bannen - dazu braucht es schon einen Engel.

"Sie gingen eilends weg vom Grab aus Furcht und großer Freude". Genau so ist es, bis heute: Wir können uns der Osterbotschaft nicht verstehend bemächtigen und sie so in den Griff kriegen. Wir können nur immer neu darüber erschrecken - und sie zugleich feiern. Ja, feiert Ostern! Richtet euch nicht im Gewohnten ein! Bleibt offen für das Außergewöhnliche! Werdet nicht überraschungsfest! Das ist die österliche Einladung zu einer Freude, die nicht lärmend an der Oberfläche bleibt wie im Bierzelt, sondern die auch die Spuren von Furcht und Zittern an sich trägt.

"Werdet nicht überraschungsfest" - diese schöne Aufforderung stammt leider nicht von mir, sondern von einem Altmeister der katholischen Theologie, dem Münsteraner Dogmatiker Johann Baptist Metz. Metz hat Recht - es gibt kaum eine österlichere Aufforderung als diese. Denn Ostern als die Umwertung aller bis dahin geltenden Werte ist die Überraschung der Welt schlechthin. Wer an den Auferstanden glaubt, lebt aus der großen Überraschung des Himmels. Deshalb läßt er auch auf Erden der Überraschung Raum. Bis ins ganz Schlichte hinein - etwa das Verstecken und Suchen der Eier - spiegeln das sogar die Osterbräuche. Denkt daran später beim Eiersuchen: dieser Tag hält Überraschendes bereit!

III.

Liebe Gemeinde, gerade auch Glocken sind Boten dieses österlichen Geistes. Deshalb kann es keinen passenderen Tag geben als den heutigen, an dem die Glocken unserer Kirche nach schier unglaublichen sieben Jahren des Verstummens endlich wieder durch die Wiehre tönen! Nicht nur Narzissen, auch das Läutwerk einer Kirche verdient mit Fug und recht Osterglocken genannt zu werden! Denn die Aufgabe von Kirchenglocken ist eine durch und durch österliche: sie rufen uns sonntags zum Gottesdienst. Und jeder sonntägliche Gottesdienst ist nach christlichem Verständnis seit alters her ein kleines Osterfest. Wenn uns Furcht überwältigt, wenn uns Resignation und Ohnmachtsgefühle überkommen, dann können Glocken mit ihrer unbescheidenen Klarheit eine richtig gute Therapie sein. Glocken kann man nicht in ihrer Lautstärke regulieren, sie können nicht leisetreten. Sie lassen einfach nur den in Schwingung versetzten Ruf des Evangeliums laut werden. Die Herkunft des deutschen Wortes Glocke ist umstritten. Die lateinische Bezeichnung für Glocke ist interessanterweise das Wort signum. Zu Deutsch "Zeichen". Ernst Lange, ein visionärer Berliner Pfarrer und Theologe aus dem vergangenen Jahrhundert, nach dem wir gerade unser neues Haus in der Habsburger Straße benannt haben, sagte einmal: "Ein Christ resigniert nicht, er prosigniert." Wortwörtlich: Er nimmt das eigene Zeichen, das signum, nicht zurück, er setzt es nach vorn. Er läßt sich nicht von der Furcht überwältigen. Er lässt sich auf den Geist ein, den Gott uns geben will.

Prosignieren: das eigene Zeichen nach vorn setzen, dem Ruf der Glocke folgen - das bestimmt unseren Blick nach vorn. Es ist ein Blick, der nicht von Ängstlichkeit bestimmt ist, sondern von einer Kraft, auf die wir vertrauen, weil sie nicht aus uns selber kommt. Werde nicht überraschungsfest: Laß die Möglichkeit zu, daß Gott die Versteinerungen in dir, die anderen zu schaffen machen, und die Versteinerungen anderer, die dich leiden lassen, ebenso wegwälzen, aufbrechen kann wie den Stein vor Jesu Grab! Laß dich nicht länger von den Gesetzen dieser veraltenden Welt beeindrucken, nach denen doch immer alles beim Alten bleibt, wir - und v.a. die anderen - die Alten bleiben. Lege dich und andere nicht ein für alle Mal fest, so wie sie meinten, den todesstarren Jesus im Grab ein für alle Mal festgelegt zu haben. Traue Gott die österliche Kraft zu, daß er da verändern kann, wo du von anderen nichts Neues mehr erwarten kannst.

IV.

Eine kleine Szene zum Schluß. Eine Frau sitzt auf den Stufen der Empore. Sie gehört zu den Chorsängerinnen. Im Moment musizieren andere und sie sitzt zwischen ihnen. Tiefe Traurigkeit liegt wie ein Panzer auf ihrer Seele. Ihr Mann hat sie vor kurzem verlassen. Plötzlich horcht sie auf, so als ob sie jemand unvermittelt anspricht: "Denk nicht in deiner Drangsalshitze, daß Du von Gott verlassen seist..." wird da gesungen. Es öffnet sich ein weiter lichter Raum. Die Trompete mit der Oberstimme aus Bachs Kantatensatz führt sie vollends ins Aufatmen: "Was Gott tut, das ist wohlgetan." Sie richtet sich auf und atmet tief durch. Die Asche ist weg. Christus ist hier. Was sie lähmte, beginnt sich zu lockern. Das ist kein flüchtiges Ergriffensein, sondern eine Begegnung mit dem lebendigen Gott. Der Lobgesang schwingt in ihr nach, als sie bereits wieder auf ihrem Weg nach Hause ist. Tagtäglich erinnern sie die Glocken ihrer Kirche an dies Erlebnis.

Dorothee Sölle hat einmal gesagt: "Christsein ist Leben aus dem Recht, ein Anderer zu werden". Das ist ein tief österliches Bild vom Menschen und vom Leben. Breche dieses Recht nicht, weder für dich selbst noch für den anderen! Mach dein Leben nicht gnadenlos, indem du das Wort von der Auferstehung vielleicht als abstrakten Glaubensinhalt, nicht aber persönlich für dich und andere gelten läßt. Ohne Hoffnung und Liebe verkümmert unser Leben. Werde nicht überraschungsfest! Denn der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.

Lieder: 99 / 102,1-3 / 103,1+4+6 / 112,1+5+6 / 117,1-3 / "Christ der Herr ist heut erstanden"