"Ja ohne jedes Nein" - Predigt über 2. Korinther 1, 18-20
4. Advent - 18.12.2011, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

"Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja". Was für eine Aussage, die Paulus da macht! Uneingeschränkt 'Ja' zu sagen: das ist die Sehnsucht des Advents und das innerste Geheimnis der Weihnacht, von der wir noch sechs Nächte entfernt sind. Nach Ja-Worten steckt in uns allen eine tiefe Sehnsucht. Nicht nur, wenn wir auf dem Weg zum Traualtar sind. Meist sind wir ja schwankende Gestalten zwischen Ja, Nein und Jein. Bei Gott ist das anders: In eine Welt voller 'Wenn' und 'Aber', in eine Kirche voller 'Vielleicht' und 'Sowohl-als-auch' läßt er ohne 'Wenn' und 'Aber', ohne 'Vielleicht' und 'Sowohl-als-auch' ein klares, uneingeschränktes Ja verlauten. Gott hat es gesagt, als er so großes Heimweh bekam nach dieser verlorenen Welt, daß er es nicht mehr aushielt, in seiner göttlichen Majestät zu bleiben, sondern in dem Kind in der Krippe selber ein Teil der Welt wurde. Mit allen Konsequenzen. So hat er zu uns Ja gesagt. Denn ein uneingeschränktes Ja kann es nur geben, wo einer bereit ist, alles mit dem anderen zu teilen.

I.

Daß Gott Ja zu uns sagt: das hört sich nicht aufregend an. Es klingt nach frommer kirchlicher Formelsprache. Aber ich glaube, je mehr wir über dieses Ja Gottes zu unserer von so vielen Verneinungen gezeichneten Welt nachdenken, desto mehr ahnen wir, wir unglaublich das in Wahrheit ist, Wir spüren es, wenn wir ehrlich uns selber anschauen und dann auf so viel Bruchstückhaftes, auch Versagen stoßen, auf so vieles, was wir einander schuldig bleiben. Eltern den Kindern an Verständnis, Partner einander an Neugier und Aufmerksamkeit, Gemeindeglieder einander an Barmherzigkeit, Bürger dem Gemeinwesen an Solidarität, reiche Völker den armen. Ist es da nicht ein richtiges Wunder, daß Gott zu dieser alten, immer noch älter werdenden Welt kein zorniges Wort gesprochen hat, sondern ein uneingeschränkt freundliches Ja?! Ein Ja, das selber nicht veraltet, sondern alle Morgen wieder frisch und neu ist. Was sich kein Mensch leisten kann, ja was sich nicht einmal selig Verliebte miteinander leisten können: Gott leistet sich das.

Denn wo ist Gottes Ja laut geworden? Paulus, der wie kein zweiter biblischer Zeuge Gottes Allmacht nirgendwo anders als in der Ohnmacht gegenüber dem entdeckt hat, was in dieser Welt Macht hat, Paulus könnte es so gesagt haben: im Geschrei eines Säuglings klingt es auf, dieses 'Ja', um sich im Schrei des verlassenen Mannes am Kreuz zu vollenden. Säuglinge sind hilflose, total angewiesene Wesen, die selber nichts für sich tun können. Einzig das Schreien ist ihr Mittel, auf sich aufmerksam zu machen, etwas einzufordern. Ältere Geschwister müssen deshalb besonders liebevoll mit ihnen sein und auf sie achtgeben, damit sie nicht verletzt werden. Und das Kreuz, das ist eines von den vielen Methoden, womit grausam getötet wird. Nun also unter den hilflosen, verletzlichen Säuglingen Gott! Unter den grausam Getöteten Gott! So sagt er Ja zu uns, daß er zur Welt kommt wie wir auch, wehrlos, allen An- und Zugriffen ausgesetzt. Und man tut in der Tat alles Mögliche, um ihn gewaltsam aus dieser Welt wieder zu entfernen. Aber, liebe Gemeinde, auch dazu muß man ihm erst einmal nahe kommen. Ja, er selbst kommt denen nahe, die ihn weghaben wollen. So bleibt er der Welt, die ihn entsorgen will, der Allernächste.

"Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld" (EG 16,4). So wandert dieses ewige Ja-Wort seit der Heiligen Nacht durch die Zeiten und bittet um Gehör. Deshalb ist Advent, auch wenn wir mit unserem "adventlichen" Treiben dem oft Hohn sprechen, die stille Zeit: damit wir überhaupt die Chance haben, diese Bitte zu vernehmen. Was wirklich wichtig ist, kommt nicht grell und laut daher, und kann auch nur aus einer inneren Konzentration heraus entdeckt werden. Gott bietet sein Jawort an, so wie zwei Menschen einander Freundschaft anbieten. Freundschaft kann man nicht fordern und schon gar nicht aktiv machen. Auch Gott tut das nicht. Er wirbt. Ganz anders, als wir das aus der Weihnachtswerbung kennen. Man kann seine Stimme leicht übertönen. Denn Gott brüllt nicht. Er redet ja freundlich mit seinem Volk und menschlich mit den Menschen. Man kann ihn niederschreien wie jede freundliche und wirklich menschliche Stimme. Aber man kann eben auch auf ihn hören und einstimmen in sein vorbehaltloses Ja. Man kann zu Gottes Ja "Amen" sagen.

II.

"Amen" sagen wir für gewöhnlich am Schluß. Wer jedoch zu Gottes adventlichem Ja sein 'Amen' sagt, der ist gar nicht am Ende, für den ist nicht Schluß. Sondern für den fängt es erst richtig an. Denn Advent bringt Bewegung in eine festgefahrene Welt, in der nur noch Kinder ahnungslos weinen und lachen können, während den Erwachsenen, die auch nur etwas Ahnung haben, das Lachen (und oft auch das Weinen) immer mehr vergeht. Dieser festgefahrenen Welt verheißt das Kommen des Gottessohnes ein gutes Ende. Er wird es wohlmachen.

Wer dazu "Amen" sagen möchte, liebe Gemeinde, der gleicht wohl zunächst so ein bißchen den Kindern. Das rührt einen (jedenfalls wenn man keine eigenen hat) immer wieder an, daß die eben noch wie am Spieß schreien und heulen können - binnen Sekunden aber mit einem noch von den Tränen verschmierten Gesichtchen lachen und strahlen, wenn ihnen etwas Erfreuliches gesagt oder versprochen wird. Nehmen wir diesen Vorgang einmal als Bild für Advent und Weihnachten: Aus dem noch gequälten, gezeichneten Gesicht der Welt will Gott mit seinem uneingeschränkten "Ja" einen Strahl der Hoffnung, ein Lächeln der Zuversicht hervorbringen. Denn er verspricht uns etwas, und nicht zu wenig. Er verspricht uns ein gutes Ende. Am Ende unseres Lebens und am Ende aller Dinge wird nicht das Dunkel, das Nichts stehen, sondern dann wird Er auf uns warten, Jesus Christus. "Das Schlimmste ist, daß abends daheim niemand auf mich wartet": so benennen es viele, die nicht freiwillig Singles sind, als das Schwierigste an ihrer Lebenssituation. Wie schrecklich, wenn diese zeitliche und zum Glück ja veränderliche Erfahrung zur ewigen, unveränderbaren Erfahrung auswachsen würde! Aber das wird nicht sein. Denn einer wartet am Abend unseres Lebens und am Abend der Welt auf uns. Und er wird dann nicht "Ja" und "Nein" sagen, sondern nur "Ja". Er, der damals vergeblich Heimat suchte in dieser unbehausten Welt, wird uns am Ende Heimat geben.

Wo aber ein gutes Ende wartet, da macht man es sich nicht im Sessel bequem, sondern setzt sich voller Vorfreude in Bewegung. Wer sich wirklich auf Weihnachten freut, der wird Gott auch schon auf dem Weg zum großen Ziel dabei sein und sein uneingeschränktes Ja unsere beschränkten Wege bestimmen lassen. Er wird mit Gott unterwegs sein auf dem Weg seines Lebens, aber auch auf dem Weg unserer Gesellschaft und unserer Kirche, wo man nun einmal nicht Ja sagen kann, ohne manchmal auch klar Nein sagen zu müssen. Das uneingeschränkte Ja kann nur der sagen, der eben nicht von dieser Welt ist. Bei uns, solange diese Welt noch keine erlöste ist, wird es immer wieder zwischen Ja und Nein hin- und hergehen. Wenn sie nur beide, Ja und Nein, auch wirklich klar und offen vernehmbar werden!

III.

So will Gottes uneingeschränktes Ja den Weg unseres eigenen Lebens nicht zuletzt auch in den nahenden weihnachtlichen Tagen bestimmen. Dazu eine Bemerkung aus aktuellem Anlaß. Seit einigen Wochen schwappt eine anschwellende Empörungswelle, ein lauter werdendes Nein durch kirchliche Kreise. Die Aufregung gilt dem Werbeslogan eines großen Elektronikmarktes: "Weihnachten wird unterm Christbaum entschieden". Ich kann diese Empörung je länger je weniger verstehen. Im Gegenteil, ich denke: weder die, die sich in Marketingabsicht diesen Slogan ausgedacht haben noch die, die darüber in Aufregung sind, haben gemerkt, was der eigentlich sagt. Ich jedenfalls sage: Danke, liebe "Media Markt"-Strategen, für diese tolle Steilvorlage für jeden Prediger, der sich müht, zum inneren Kern der Weihnacht vorzudringen. Dieser Spruch ist theologisch nämlich einfach nur wahr! Es kommt nur darauf an, was sich unterm Christbaum finden läßt. Und wohin die Blickrichtung geht. Zur Krippe - oder auf die Größe des neuen Flachbildschirmes oder die Prozessorgeschwindigkeit des neuen Notebooks. Daß die natürlich nicht Weihnachten entscheiden, ist so banal klar, daß ich die Aufregung darüber fast peinlich finde. Sie klingt in meinen Ohren so ein bißchen nach: Hallo, unser Land ist aber christlich geprägt und wir, die Kirchen, sind auch noch da und wollen nicht an den Rand gedrängt werden! So aber werden wir keine überzeugenden Botschafter für "christliche Werte".

Und es wird sehr wohl unterm Christbaum, entschieden, ob wir zu Gottes weihnachtlichem Ja wirklich Amen sagen, ob wir es also wirklich Weihnachten werden lassen, und menschlich miteinander umgehen. Oder ob wir über uns herfallen. Ob wir uns in Familiengemütlichkeit nur noch abschotten und an Weihnachten die Welt außen vor lassen - oder ob wir aus ehrlichem Herzen schenken.

Es ist ja so eine Sache mit der "deutschen Weihnacht", weshalb dies Fest alle Jahre wieder den Kabarettisten so viel dankbaren Stoff bietet. Weihnachten als "Fest der Familie" vereint viele weit verstreut lebende Familien, aber einigen tut es sie oft kaum noch. Überreizte, abgearbeitete Mütter und Väter, überdrehte, quengelnde Kinder, Töchter und Söhne, die hyperkritisch aus ihren Studienorten nach Hause kommen, beflissen betüttelnde Groß- und Schwiegereltern, die es natürlich nur gut meinen - und in all dem das Übermaß an gegenseitigen Erwartungen: das kann bei der banalsten weihnachtlichen Gelegenheit zur innerfamiliären Explosion führen. Liebe Freunde, wer sich von Gott uneingeschränkt bejaht, in theologischer Sprache: gerechtfertigt weiß, der braucht sich nicht unentwegt selber zu bejahen, zu rechtfertigen. Er kann seine Erwartungen auf ein menschliches Maß runterschrauben und den weihnachtlichen Ball flach halten, er kann nachgeben und durch Aufmerksamkeit, ja auch durch Takt dazu beitragen, daß die kommende Weihnacht wirklich eine frohe wird. Unterm Christbaum wird entschieden, ob wir ernst damit machen, daß Gott Mensch wird. "Mach's wie Gott, werde Mensch!": so lautet die weihnachtliche Ermunterung aneinander.

"Weihnachten wird umterm Christbaum entschieden": Bingo, wo denn sonst?! Wohlgemerkt natürlich: unsere Weihnacht, die immer nur ein matter Abglanz der einen und einzigen Weihnacht ist. Und die braucht gar nicht mehr entschieden zu werden, weil sie selbst die große Entscheidung ist, ein für alle Mal gefallen. Denn Gott hat sich definitiv für dich und mich entschieden, indem er einer wie wir wurde. Gott hat zur rechten Zeit sein hilfreiches Wort gesagt, das noch viel mehr erhellen kann als der strahlendste Christbaum. Es heißt Ja, Ja und nochmals Ja. Und dieses Ja wartet nun auf unser

Amen.

 

Lieder 1,1-3 / 6,1+3 / 11,1+5+6 / 16,1+3+4 / 14,1+5+6 / 13