Ansprache zum Krippenspiel mit den Kinderchören
24. Dezember 2011 - 17 Uhr, Christuskirche Freiburg

Nichts bleibt wie es war


Liebe Gemeinde,

liebe Väter und Mütter, liebe Jungen und Mädchen,

dem Rabbi , einem jüdischen Pfarrer also, wird erzählt, man rede in der Stadt hier und dort davon, der Retter, Messias genannt, sei schon gekommen.

Der Rabbi hält kurz inne beim Studium und schickt einen Schüler ans Fenster. "Was siehst Du? Hat sich etwas verändert da draußen?" "Nein Rebbe, es ist alles wie es gestern war und wie ich es nicht anders kenne." - "Dann ist auch der Messias noch nicht gekommen", stellt der Rabbi fest und wendet sich wieder den Hl Schriften zu.

Der Rabbi ist ein kluger Mann. Er weiß, wenn der Messias, der Friedensbringer, kommt, dann muss sich in dieser Welt etwas verändern. Und zwar auf sichtbare Weise. Da genügt es nicht, dass die Leute einfach so daherreden. So eine wichtige Nachricht, die muss schon Hände und Füße haben.

Und so war es dann auch. Vor mehr als zweitausend Jahren - so habt ihr Kinder gesungen - da hielt die Erde den Atem an. Mit der Geburt eines einzigen Kindes setzte eine große Veränderung ein. Diese Botschaft hatte Hände und Füße. Ganz kleine, zarte, versteht sich. Und Gott bekam für uns Menschen ein Gesicht. Er, den kein Auge je gesehn, kein Ohr je gehört hatte.

Ein neugeborenes Kind in den Armen halten, zum ersten Mal - liebe Erwachsene, können Sie sich noch daran erinnern? Das geht unter die Haut und macht sprachlos. Zu keiner Zeit machen Eltern so viele Fotos von ihren Kindern wie für ihr Babyalbum. Von allen Seiten und in allen möglichen Lagen. Da können wir uns an dem Wunder nicht sattsehen: dieses kleine Menschenkind ist uns geschenkt. So viel Glück kann sich keiner verdienen. Doch irgendwann verblassen die Bilder. Oder verschwinden in einer Schublade. Anderes ist wird dringlicher.

Irgendwann sind auch die Bilder von der ersten Krippe, aus der Gottes gute Zukunft uns Menschen entgegenlächelte, verblasst. Vielleicht war es eine ähnliche Erfahrung, die Franz von Assisi dazu bewegte, die allererste Weihnachtskrippe aufzubauen. Damals war es schon mehr als 1000 Jahre her seit Jesus geboren war. Da musste so manches Gedächtnis aufgefrischt werden. So fand im Jahr 1223 das erste Krippenspiel statt, in einer Höhle mitten im Wald von Greccio mit echten Personen und Tieren, die dufteten nach Heu und Stroh. Das alles hatte seinen Sinn. Es war mehr als Spielerei. Denn: "Was nützt es, wenn ihr alles bewundert, was ihr dort seht…das Kind, Maria und Josef, aber nicht mehr?" fragte Franz "Was nützt es, wenn ihr Weihnachten nur feiert, eure Geschenke aufrechnet und für ein paar Stunden gerührt seid? Ich habe euch die Krippe nicht zum Anschauen geschenkt, sondern zum Anfassen." Franz von Assisi spürte, dass die Menschen nur dann etwas von Weihnachten haben, wenn es für sie lebendig wird. Anstatt nur darüber zu reden, sollten sie sich das Kind zu Eigen machen. Eins werden mit den Gestalten der Heiligen Nacht.

Liebe Erwachsene, haben Sie schon mal versucht, ein neugeborenes Kind aus den Armen zu legen? Das geht nicht so einfach. So ein ungeschütztes verletzliches Lebewesen, heimatlos und verletzlich, ruft in uns tiefste Instinkte wach. Und wenn jemand uns ein neugeborenes Kind entgegenhält und uns bittet: "Nimm Du mal eben", dann sind wir gezwungen, alles andere aus der Hand zu legen. Ein Baby stellt unser ganzes Leben auf den Kopf ob wir wollen oder nicht. Es gibt unseren Tagen und Nächten einen neuen Rhythmus. Es ist eine Störung, aber eine gute.

So ist es, wenn Gott sich in dem kleinen Kind in unsere Arme legt. Es fordert uns heraus. Da muss etwas anderes liegen bleiben. Wir müssen manche Dinge in unserem Leben aus der Hand legen, jede/r von uns etwas anderes, wenn wir Gott fassen wollen. Wir können nicht so weiter machen wie bisher.

Der Rabbi hatte Recht als er fragte: Was siehst Du? Hat sich etwas verändert da draußen?

Amen. So sei es.