Predigt zur Christmette 2011 mit Kantate III aus dem Weihnachtsoratorium BWV 248
24.12.2011 - 23 Uhr, Christuskirche Freiburg

Lukas 2, 15-20
Eija, wärn wir da


Lesung: AT Lesung: Jesaja 11, 1-3, 5+6 und Kapitel 12, 4-6

Kapitel 11 Der Messias und sein Friedensreich

1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,

5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

Kapitel 12 Das Danklied der Erlösten

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN,

rufet an seinen Namen!

Machet kund unter den Völkern sein Tun,

verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen.

Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion;

denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Kantate III

1.Coro
Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen,
Lass dir die matten Gesänge gefallen,
Wenn dich dein Zion mit Psalmen erhöht!
Höre der Herzen frohlockendes Preisen,
Wenn wir dir itzo die Ehrfurcht erweisen,
Weil unsre Wohlfahrt befestiget steht!

2. Recitativo
Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten
untereinander:

3. Coro
Lasset uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Engel

4. Recitativo
Er hat sein Volk getröst',
Er hat sein Israel erlöst,
Die Hülf aus Zion hergesendet
Und unser Leid geendet.
Seht, Hirten, dies hat er getan;
Geht, dieses trefft ihr an!

5. Choral
Dies hat er alles uns getan,
Sein groß Lieb zu zeigen an;
Des freu sich alle Christenheit
Und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis!

Lesung "Friede auf Erden" von Conrad Ferdinand Meyer

Kantate Nr. 6-12

6. Aria (Duetto)
Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen
Tröstet uns und macht uns frei.

Deine holde Gunst und Liebe,

Deine wundersamen Triebe

Machen deine Vatertreu

Wieder neu.

7. Recitativo
Und sie kamen eilend und funden beide, Mariam und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesaget war. Und alle, für die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesaget hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

8. Aria
Schließe, mein Herze, dies selige Wunder
Fest in deinem Glauben ein!
Lasse dies Wunder, die göttlichen Werke

Immer zur Stärke

Deines schwachen Glaubens sein!

9. Recitativo
Ja, ja, mein Herz soll es bewahren,
Was es an dieser holden Zeit
Zu seiner Seligkeit
Für sicheren Beweis erfahren.

10. Choral
Ich will dich mit Fleiß bewahren,
Ich will dir
Leben hier,
Dir will ich abfahren,
Mit dir will ich endlich schweben
Voller Freud
Ohne Zeit
Dort im andern Leben.
11. Recitativo
Und die Hirten kehrten wieder um, preiseten und lobten Gott um alles, das sie gesehen und gehöret hatten, wie denn zu ihnen gesaget war.

12. Choral
Seid froh dieweil,
Dass euer Heil
Ist hie ein Gott und auch ein Mensch geboren,
Der, welcher ist
Der Herr und Christ
In Davids Stadt, von vielen auserkoren.

Ansprache: "Eija, wärn wir da"

Was jede Weihnacht geschieht, ist ein Nachklang. Eine Resonanz auf das, was im Stall in Bethlehem geschah.

Immer sind wir hinterher. Immer ist uns Gott voraus.

Eija, wärn wir da.

Liebe Gemeinde

Wunderbare Dinge geschehen in der Heiligen Nacht. So weiß eine mittelalterliche Legende zu berichten: das Wasser in Flüssen und Quellen wird zu Milch und Honig, unterm Schnee fangen die Blumen an zu blühen, die Bäume beginnen Früchte zu tragen mitten im Winter, ja, sogar die Tiere fangen an zu sprechen. Christus ist geboren - kräht der Hahn. Wann, wann? - schnattert die Gans. In dieser Nacht - antwortet die Krähe. Wo? Wo? - heult die Eule. In Bethlehem - antwortet das Lamm.

So haben es die Lesungen von Krippenspielen und der Vesper heute Abend erzählt. Es ist hell um uns geworden. Doch nicht etwa, weil wir dem Festtagsbrauch geschuldet, Geschenke ausgetauscht haben. Das Licht, das um uns leuchtet, kommt nicht aus unserer Mitte. Sondern, wie der Schweizer Theologe Ed Thurneysen in seinem Weihnachtsrundbrief aus dem Jahr 1967, da ist er ein hochbetagter Mann, an seine Freunde schreibt: "Das Kind in der Krippe sagt uns, dass alles menschliche Grosstun und Selberkönnen überflüssig geworden ist: das, was wir uns nicht nehmen können, soll uns gegeben werden. Es führt kein Weg vom Menschen aus zu Gott, aber es führt desto sicherer ein Weg von Gott aus zum Menschen."

Das haben die Hirten erlebt in dieser Nacht. So recht begriffen haben sie wohl zunächst nicht, was Ihnen da zugestoßen ist als der Engel zu ihnen trat. Es waren gestandene Männer. Nachts draußen auf dem Feld zwischen Schafen und Wölfen muss man sich ein dickes Fell wachsen lassen und für sich selbst sorgen können. Da darf einen nichts so schnell aus der Bahn werfen oder in die Knie zwingen. Alles ist gut, wenn es im gewohnten Trott läuft, so wie wir es uns vorstellen. Für Schaf wie für Hirte. Keine Nachricht ist hier eine gute Nachricht.

Weit entfernt von diesem Bild, doch treffend für uns Menschen in der Stadt, hat Albert Camus diese menschliche Einstellung auf den Punkt gebracht:

Aufstehen,

Straßenbahn, vier Stunden Büro

Oder Fabrik,

Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit,

Essen, Schlafen,

Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag,

Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus -

Das ist sehr lange ein bequemer Weg.

Eines Tages aber steht das "Warum" da,

und mit diesem Überdruss,

in den sich das Erstaunen mischt,

fängt alles an.

Genau dieses Warum tritt mit dem Engel in das Leben der Hirten. Das ist ihr heller Moment. Die Dickhäutigen beginnen sich zu fürchten. Warum? Weil ihnen eine große Freude wiederfahren soll. Warum? Weil ihnen ein Kind geboren ist. Und auf einmal erinnern sie sich an das, wovor wir uns alle sehnen und fürchten: Dass Gott auch uns etwas zu sagen hat. Dass sein Wort auch an mich gerichtet ist.

Es weckt uns aus dem tiefen Schlaf der Gewohnheit. Wir sind keine Atheisten und haben uns doch daran gewöhnt, uns nichts von Gott sagen zu lassen. Denn seine Botschaft ist schrecklich und wunderbar zugleich. Sie fordert uns heraus wie schon Papst Leo der Große im 5.Jahrhundert uns entgegenruft: "Christ, erkenne, deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Sinnlosigkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde."

Eija, wärn wir da. Lebten wir doch nur nicht immer hinter der Sehnsucht her, Mensch zu werden. Ganz Mensch zu sein, von Gott her geschaffen, zu Gott hin bestimmt. Die Hirten aber lassen sich aufschrecken. Und wenn auch zunächst ein gewisses Maß an Chaos herrscht - Bach hat dies auf herrliche Weise im "Lasset uns nun gehen nach Bethlehem" nachgezeichnet mit der Gegenläufigkeit der vielen Stimmen. In alle Richtungen laufen sie, doch nach wenigen Takten finden sie doch zusammen und bewegen sich in die gleiche Richtung.

Wohin? Ins Haus ihres neuen Herren - der in der Krippe liegt. Wir können die Hirten nur beneiden um das, was sie dort erleben. Eija, wärn wir da. Könnten wir nur mit ihnen über den Rand der Krippe schauen in das Gesichtchen Gottes. Könnten wir es aushalten, seinem Blick standhalten? Angesichts der schrecklichen Dinge, die heute noch auf dieser Erde geschehen? Frech, ohne das Tageslicht zu scheuen, begehen Menschen Anschläge auf Menschen und leben so weit unter ihrer Menschenwürde. Von der rechten Szene in Deutschland bis hin nach Syrien und weiter nach Afghanistan.

"Wahrheit und Liebe werden über Lüge und Hass siegen", dieser Wahlspruch Vaclav Havels klingt wie ein schönes tchechisches Märchen. Ja, ja, mein Herz soll es bewahren, wohinter mein Verstand herhinkt. "Friede ist uns nicht nur verheißen, sondern er ist da; Nicht aufgehoben, sondern geschenkt." (Bernhard von Clairvaux) Nicht menschengemacht, sondern von Gott her kommt der Einsatz.

Die Hirten machen es deutlich. Wir müssen diesem Frieden hinterherlaufen, wenn wir ihn finden wollen. Gott gibt uns Zeichen, er weiß wie schwer wir von Verstand sind. Vielleicht hat er gerade deshalb die Sehnsucht und das Seufzen in den Menschen gelegt. Sie halten uns in der inneren Unruhe, die uns trotz aller Zweifel zu ihm bringt.

Vielleicht geht es nicht anders als Thomas Hardy es mit 75 Jahren mitten im Krieg im Jahr 1915 beschreibt:

Heiligabend, zwölf in der Nacht.

"Jetzt knien sie alle",

sagte ein Älterer als wir, die Kinderschar,

um die Wärme des Herds gedrängt saßen.

Wir stellten uns die sanften, frommen Tiere vor,

dort in ihrem Stall auf Stroh,

und keinem wäre es eingefallen zu zweifeln,

dass sie wirklich dort knieten.

Es war eine gut ersonnene Geschichte

In diesen Jahren! Und doch, glaube ich,

wenn einer am Heiligabend sagen würde,

"Komm, lass uns die Ochsen knien sehen,

dort in dem einsamen Gehöft im engen Tal,

das uns vertraut ist aus Kindertagen",

ich würde mit ihm gehen im Dunkeln

und hoffen, es könnte wirklich so sein.

Amen.

 

Lieder: EG33, 1+3 / EG70, 1+6 / Hört der Engel große Freud (Hark! The herald angels sing -Mendelssohn) / Freue dich Welt, der Herr ist da (Joy to the world - Händel)