Weihnachten: Die große Entscheidung - Predigt über das Weihnachtsevangelium
Christvesper - 24.12.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Was immer auch wegbricht bei uns an christlichen Inhalten und Traditionen - um Weihnachten brauchen wir uns keine Sorgen zu machen! Auch die vielen, die mit Kirche und Christentum nicht mehr viel im Sinn haben, geraten in seinen Bann. Sie lassen es sich nicht nehmen, Jahr für Jahr in das Weihnachtsoratorium zu gehen oder gemütlich über den Weihnachtsmarkt zu schlendern. Die herrliche Bachsche Musik, das friedliche Gewimmel am Rathaus oder Unterlinden mit dem leckeren Duft von Glühwein und Würstchen wärmen das Herz, tun einfach wohl.

Einspruch, euer Ehren! - werden jetzt einige denken. Siehst du denn nicht da oben auf der Kanzel, wie sehr Weihnachten entstellt wird? Die Lebkuchensortimente schon im Frühherbst, der Kitsch mit den bunten Lichtern auf den Straßen, das aggressive Gedränge in den Fußgängerzonen und vor den Verkaufstischen, der gefühlt mit jedem Jahr zunehmende "Weihnachtsstreß": - ist das nicht alles eine groteske Verzerrung des wahren Inhalts von Weihnachten?

I.

Einspruch stattgegeben: Natürlich ist das abstoßend, wie mit der Botschaft der Weihnacht und den Sehnsüchten der Menschen Geschäfte gemacht werden. "Weihnachten ist gerettet!": So war es in den letzten Tagen zu lesen. Und zwar nicht etwa in einer Betrachtung im Feuilleton, sondern in der Fernsehzeitschrift. Weihnachten ist gerettet, so verkünden es uns die Programmacher freudig, weil es ihnen wieder gelungen ist, für die Feiertage ein TV-Programm anzubieten, das generationenübergreifend alle Glotzbedürfnisse abdeckt und so die Großfamilie vor dem Grauen der Festtagslangeweile rettet. - Weihnachten damit gerettet? Das ist allerdings ein schlechter Witz. Wir wissen, daß Weihnachten nur "gerettet" wird, wenn wir uns dem wahren Sinn dieses Festes öffnen.

In den letzten Wochen schwappte eine seltsame Empörungswelle durch kirchliche Kreise. Die Aufregung gilt dem Werbeslogan eines großen Elektronikmarktes: "Weihnachten wird unterm Christbaum entschieden". Ich kann diese Empörung nicht wirklich verstehen. Im Gegenteil, ich denke: weder die, die sich in Marketingabsicht diesen Slogan ausgedacht haben noch die, die darüber in Aufregung sind, haben gemerkt, was der eigentlich sagt. Ich für mein Teil sage: Danke, liebe "Media Markt"-Strategen, für diese tolle Steilvorlage für jeden Prediger, der sich müht, zum inneren Kern der Weihnacht vorzudringen. Dieser Spruch ist theologisch nämlich einfach nur wahr! Es kommt nur darauf an, was sich unterm Christbaum finden läßt. Und wohin die Blickrichtung geht. Zur Krippe - oder auf die Größe des neuen Flachbildschirmes oder die Prozessorgeschwindigkeit des neuen Notebooks. Daß die natürlich nicht Weihnachten entscheiden, ist so banal klar, daß sich die Aufregung darüber nicht lohnt. Es wird aber sehr wohl unterm Christbaum entschieden, ob wir zu Gottes großem Ja wirklich Amen sagen, ob wir es wirklich Weihnachten werden lassen, und menschlich miteinander umgehen. Oder ob wir über uns herfallen. Ob wir uns in Familiengemütlichkeit nur noch abschotten und an Weihnachten die Welt außen vor lassen - oder ob wir aus ehrlichem Herzen schenken und uns freudig und dankbar beschenken lassen. "Weihnachten wird umterm Christbaum entschieden": klar, wo denn sonst?! Wohlgemerkt: unsere Weihnacht, die immer nur ein Abglanz der einen und einzigen Weihnacht ist. Und die braucht gar nicht mehr entschieden zu werden, weil sie selbst eine große Entscheidung ist. Denn Gott hat sich ein für alle Mal für dich und mich entschieden, als er im Krippenkind einer wie wir wurde.

Und deshalb muß ich nun doch auch das andere sagen: Einspruch abgelehnt! All dieser Weihnachtszinnober ist eben doch nicht nur plumpe Pervertierung von Weihnachten, sondern es ist wie ein x Mal übertünchter, aber immer noch erkennbarer Abglanz dessen, was der innerste Kern des Christfestes ist. Was wir so schnell als Weihnachtskitsch brandmarken, ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach Harmonie, Zusammengehören, Friede. Und es ist gut, daß uns wenigstens einmal im Jahr die Sehnsucht nach der heilen, gelungenen Welt richtig packt. Deshalb lassen wir uns das Häuslichwerden und Miteinander-Feiern so viel an vorheriger Hektik und Erschöpfung kosten. Daß wir nicht genug kriegen können mit Schenken und Beschenktwerden, dahinter steckt die tiefe Sehnsucht, unser Leben nicht nur selbst meistern zu müssen, sondern einmal intensiv als das zu erfahren, was es in Wahrheit ist: ein Geschenk.

Weihnachten ist eben nicht einfach die Flucht vor einer bedrohlichen Welt in ein verlogenes Idyll, sondern es ist ein Vorschein der neuen, gelungenen Welt: der Welt, die nicht dem Dunkel und dem Leid ausgeliefert bleibt, sondern in der Wärme, Friede, Licht erfahrbar sind. In der Hektik, die manchen von uns bis heute Nachmittag hinein den Atem genommen hat, spiegelt sich eine Ahnung davon, daß Gott mit der Geburt Jesu Christi unsere Welt in Bewegung gebracht hat, daß mit jener Nacht, die wir die Heilige nennen, etwas grundstürzend Neues, noch nie Dagewesenes in diese alte Welt gekommen ist: Wer kann da ruhig bleiben?

So atemlos die letzten Tage auch waren - wir alle sind jetzt in der Situation der Hirten auf dem Feld vor Bethlehem. Mitten in ihren harten, unruhigen Lebensalltag kam die Botschaft von der Geburt Jesu. Daraufhin ließen sie alles stehen und liegen, gerieten erst recht in Unruhe: "Und sie kamen eilend". Nein, liebe Freunde, lasse sich keiner einreden, Weihnachten könne nur feiern, wer besinnliche Stimmung mitbringt! Dieses Fest macht vor niemandem halt. Es übt eine unwiderstehliche Kraft aus, und wir alle sind heute Abend wieder in sein Kraftfeld hineingezogen.

II.

Warum hat Weihnachten diese Wirkung, auch bei solchen, die den Rest des Jahres keine Kirche von innen sehen? Die Antwort kommt aus Engelsmund: "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr". In dieser knappen Mitteilung verdichtet sich alles, was Weihnachten unwiderstehlich macht. Euch - den Hirten, den Christvesperleuten 2011 - ist der Heiland geboren! Du und ich mit unseren unverwechselbaren Namen und Schicksalen, wir sind in den Mittelpunkt des Christfestes gestellt. Die vielen Menschen, die nach wie vor an diesem Abend in die Kirchen strömen, sind Hinweis auf eine Ahnung, daß sich in der Heiligen Nacht etwas Einzigartiges, Großartiges für sie persönlich ereignet haben muß.

Liebe Freunde, das größte Wunder in der Geschichte Gottes mit seiner Welt ist nicht die Schöpfung, so gewaltig ihre Ausmaße und so groß ihr Geheimnis ist. Das größte Wunder in der Geschichte Gottes mit seiner Welt ist das Geschehen von Bethlehem, einem scheinbar gottvergessenen Winkel der Welt. Merkwürdig: Daß Gott in einem Kind zur Welt kommt, das feiern wir Jahr für Jahr mit lautem Jubel. Auf den ersten Blick erscheint es fast absurd: Für die Schöpfung des Kosmos wird kein vergleichbares Fest gefeiert. Unser größtes Fest gilt dem unscheinbarsten Ereignis in Gottes Geschichte mit seiner Schöpfung: als Kind kommt er zur Welt.

Warum eigentlich ausgerechnet als Kind? Eigentlich ist das wunderbar zu verstehen: Wenn Eltern ein Kind erwarten, beginnt sich ihr Leben tiefgreifend zu verändern. Etwas grundlegend Neues ist für sie im Kommen. Ein Kind, mit dessen Geburt eine neue Dimension in die Zweisamkeit von Eltern oder in das Singledasein einer Mutter oder in das routinierte Gefüge einer Familie einbricht, gibt dem Leben der Betroffenen ganz neue Qualität. Eltern und Geschwister lernen mit dem Kommen, dem Heranwachsen des Kindes die Welt neu zu entdecken und vieles neu durchzubuchstabieren. Gott kann uns gar nicht näherkommen, um unsere Welt auf neues Leben hin zu verwandeln, denn als Kind. Ein einziges menschliches Herz, hat der Philosoph Blaise Pascal gesagt, wiegt schwerer als die ganze Weite des Kosmos. Er hat recht. Gott kommt als Kind zu uns. Das heißt, klein und zart macht er, der große Gott, sich uns bekannt. Gott fängt als Kind unten an: dort, wo wir alle miteinander einmal angefangen haben. Gott fängt ganz neu und ganz am Anfang an. Dieses unscheinbare Kind ist Gottes Liebeserklärung an diese Welt, an uns. Jetzt ist Gott nicht mehr fern und in der unnahbaren Majestät des Schöpfers, sondern er ist uns ganz nah. Er macht sich uns gleich. Das ist ein Wunder. Ja, das ist das Wunder aller Wunder! Der englische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton hat gesagt: "Wer einen Gott anbetet, der als schreiendes Baby in einer Krippe liegt, der kann nicht zum Fanatiker werden."

III.

Wegen all dem ist Weihnachten das Fest, wo Licht auf das Kleine, sonst Übersehene fällt. Wo das Geringe, ja sogar das Lächerliche hoch geachtet wird. Wie sich das auswirken kann, dazu möchte ich Ihnen eine eindrucksvolle Begebenheit aus dem 1. Weltkrieg erzählen.

Heiliger Abend 1917 an der Westfront in Frankreich. Auf beiden Seiten herrscht Waffenruhe, ohne daß das förmlich verabredet worden war. Nur ein algerisches Regiment bei den Franzosen hatte diese Absprache mangels christlicher Erfahrung nicht realisiert. So beschossen sie mit Artillerie und Handfeuerwaffen wie jeden Tag die deutschen Schützengräben, und das gegenüberliegende deutsche Regiment, empört über die Mißachtung des ungeschriebenen Weihnachtsgesetzes, feuerte zornig zurück. Das sorgfältig eingeübte Umbringen von Menschen, das man Krieg nennt, nahm so auch am Heiligen Abend seinen blutigen Fortgang.

In einem Grabenstück ganz vorne, gegen Einschläge der feindlichen Artillerie ziemlich abgesichert, war an diesem Abend ein kleiner dicker Berliner Konditor namens Alfred Kornitzke damit beschäftigt, Marzipan für seine Kompanie herzustellen. Die Mandeln hackte er mangels einer Mandelmühle mit dem Seitengewehr sorgfältig klein. Die unzeitgemäße Artillerieballerei störte ihn gewaltig.

Als wieder ein Einschlag alles erschütterte, wurde er so wütend, daß er in Richtung der gegnerischen Linien brüllte: "Det reicht mir, Jeschäftsfreunde! Weihnachten ist Weihnachten, und Marzipan ist Marzipan. Ick laß mir det nich von euch vermiesen!" Und ehe seine Kameraden ihn daran hindern konnten, hatte er, seine große Bäckermütze auf dem Kopf und einen kleinen kerzenbesteckten Tannenbaum in der Hand, den Grabenrand erklommen und stand auf dem freien Feld, für jeden sichtbar und ohne Schutz vor den feindlichen Kugeln.

Beide Seiten trauten ihren Augen nicht. Ein Soldat mit Bäckermütze und Tannenbaum lief auf die feindliche Linie zu. Und dann geschah das Unglaubliche: die Schießerei erstarb. Kornitzke, zwischen den Fronten, stellte den Baum hin und zündete die Kerzen an. Auch die Artillerie hatte inzwischen ihr Schießen eingestellt, und man konnte auf beiden Seiten deutlich hören, wie er brüllte: "Na also, ihr Dösköppe, jetzt wißt ihr, wat los is! Fröhliche Weihnachten!"

Und dann ging er zurück, turnte wieder in seinem Graben und widmete sich nun ungestört der Marzipanherstellung. Das Bäumchen zwischen den beiden feindlichen Linien strahlte stundenlang, und so wurde diese Begebenheit rasch sehr bekannt und der rasende Bäckermeister Kornitzke wurde bald in den Predigten der Pastoren zum frommen Friedenshelden. Was er, bei Licht besehen, nur in gewisser Weise war. Denn eigentlich ging es ihm ja nur ums ungestörte Marzipanbacken am Heiligen Abend. -

IV.

Liebe Freunde, solch eine Geschichte darf nicht zur Verharmlosung des Krieges führen. Nach den Weihnachtstagen ist das Abschlachten damals ja noch fast ein ganzes Jahr weitergegangen. Weihnachten ist nicht das Fest der hochfliegenden Utopien. Auch der Bäcker Kornitzke war ja nur ein kleiner Einzelfall. - Aber eben: im einzelnen Fall, bei einzelnen, kleinen Menschen läßt die Botschaft von dem Kind plötzlich ein Licht aufscheinen, das ihnen einen großen Mut gibt, von dem sie gar nicht gewußt hatten, daß sie ihn haben. Denken wir nicht immer gleich an die großen Weltkonflikte - denken wir heute abend einmal einfach an uns selbst und die vielen kleinen, aber in ihrer Langzeitwirkung manchmal auch schrecklichen Konflikte, in die wir uns eingegraben haben wie Soldaten in ihre Schützengräben. Das wäre schon viel, wenn wir dieses Weihnachtsfest als eine Gelegenheit zum Waffenstillstand nehmen würden, wenn über Fondue und Weihnachtsgans unmerklich, wie von selbst ein Friedensprozeß in unseren Beziehungen, unseren Familien, unseren mancherorts so zerrissenen Gemeinden in Gang käme.

Es ist ja so eine Sache mit der "deutschen Weihnacht", weshalb dieses Fest alle Jahre wieder den Kabarettisten so viel dankbaren Stoff bietet. Als "Fest der Familie" vereint Weihnachten viele weit verstreut lebende Familien, aber einigen tut es sie oft kaum noch. Überreizte, abgearbeitete Mütter und Väter, überdrehte Kinder, Töchter und Söhne, die hyperkritisch aus ihren Studienorten nach Hause kommen, beflissene Groß- und Schwiegereltern, die es natürlich nur gut meinen - und in all dem das Übermaß an gegenseitigen Erwartungen: das kann bei der banalsten weihnachtlichen Gelegenheit zur innerfamiliären Explosion führen. Liebe Freunde, wer sich von Gott uneingeschränkt bejaht weiß, der braucht sich nicht unentwegt selber zu bejahen, zu rechtfertigen. Er kann seine Erwartungen auf ein menschliches Maß runterschrauben und den weihnachtlichen Ball flach halten, er kann nachgeben und durch Aufmerksamkeit, ja auch durch Takt dazu beitragen, daß die kommende Weihnacht wirklich wird, was wir heute einander wünschen: eine frohe.

Sie wird es, wenn wir uns die weihnachtliche Aufforderung gesagt sein lassen: Mach's wie Gott, werde Mensch!

Amen.