Predigt am 1. Christtag 2011, Christuskirche Freiburg

1.Johannes 3, 1+2
Erzählpredigt: Kind, wo gehörst du hin?


Liebe Gemeinde,

es gibt Weihnachtsgeschenke, die eine Herausforderung sind. Die zehnte Krawatte zum Beispiel oder die Rührmaschine. Sie waren gut gemeint, aber sie passen nicht zu uns. Es fällt uns schwer, mit Freude dafür zu danken.

Und es gibt Predigttexte, die scheinbar ebenso wenig zu Weihnachten gehören. Sie erschließen sich erst im Erzählen. Hören wir den Predigttext aus dem 1.Johannesbrief, Kapitel 3, 1-6:

(3) 1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde.6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Szene 1 - Heimfahrt

Es war am Morgen des Heiligen Abend. Auf dem Bahnsteig drängelten sich alle möglichen Leute. Darunter ein junges Paar mit Kind und Buggy; Männer und Frauen, jüngeren und mittleren Alters. Martin war einer von den Wartenden. Er blickte um sich. Jeder dritte, würde er sagen, war gerade mit seinem Handy beschäftigt. Viele starrten einfach nur vor sich hin oder schauten in kurzen Abständen auf ihre Uhr, noch fünf Minuten bis der Zug eintreffen sollte. Die meisten von ihnen waren sicher Heimfahrer wie er. Über die Lautsprecher des Bahnhofs wurde der Zug angekündigt. "Achtung beim Einfahren des ICE von Hamburg Altona nach Basel auf Gleis 2." Martin fühlte die Anspannung in sich steigen. Nach so langer Zeit wieder Weihnachten mit den Eltern zu feiern. War das eine gute Idee? Die Bremsen quietschten, der Zug hielt an.

Szene 2 - Kindheit

Gut, dass er gerade noch rechtzeitig einen Platz reserviert hatte. Trotz Aufpreis. Er verstaute seinen Koffer, dann holte er seinen Laptop aus der Tasche und öffnete es. Die ältere Dame neben ihm schaute befremdlich. Eine Großmutter auf dem Weg zu den Enkeln, die Tasche voller Weihnachtsgeschenke. Sie hatten ein paar freundliche Worte getauscht, dabei blieb es. Es trennten sie Welten. In der Dichte der vergangenen Tage hatte er nur die wichtigsten Mails beantworten können. Jetzt wollte er Vergangenes aufholen. Es dauerte nicht lange, bis sein Blick abschweifte auf die Landschaften, die Bäume und Felder voll Schnee bedeckt. Leise rieselte der Schnee. Fast wie im Bilderbuch. Er erinnerte sich wie es war, damals, vor vielen Jahren, als er klein war. Als er mit dem Vater Hand in Hand durch die Straßen der Stadt marschiert war. Seine kleine Hand in der großen. Unterwegs auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, einen Baum wollten sie kaufen. Immer wieder wurden sie angehalten von Leuten, die den Vater kannten. "Grüß Gott", und "ach ist der Bub schon groß, der Junior ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten. Auf den können Sie sicher stolz sein." Und der Vater erwiderte die Grüße, nickte mit dem Kopf. Noch jetzt breitete sich in ihm das Gefühl aus, wie stolz und froh er damals über dieses Lob, die leise Zustimmung des Vaters gewesen war. Es war schön, ein Kind zu sein, sein Sohn.

Szene 3 - Jugend

Die alte Dame im Sitz neben ihm riss ihn aus seinen Gedanken mit einer Frage: wo er denn aussteige. Es stellte sich heraus, dass sie denselben Weg hatten. "Was für ein Zufall und ob er ihr beim Aussteigen nachher mit der Tasche behilflich sein könne." Ja, sicher. Gerne. Er nickt. In Gedanken aber war er wieder der kleine stolze Junge zuhause. Vater und Sohn verstanden sich lange sehr gut.

Erst nach und nach entdeckte Martin die Risse an der Wand. Nichts Spektakuläres. Aber eben doch genug, um den einen oder anderen Konflikt anzufachen. Ja Renate, die große Schwester, die machte es den Eltern immer recht. Eigentlich wollte sie den gleichen Beruf wie der Vater einschlagen. Das tat sie dann auch. Aber fand wenig Beachtung. Warum nur hatte der Vater so viel Wert darauf gelegt, dass Martin in seine Fußstapfen treten solle. Er verstand es immer noch nicht. Wie jenen Tag, als sie sich ganz zerstritten hatten. Ausgerechnet kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe. Er war stolz auf sich gewesen, hatte die Zulassung fürs Studium seiner Wahl erhalten, er wollte zum Theater. Am liebsten als Regisseur. Die Mutter freute sich mit ihm. Der Vater sagte nichts. Die Enttäuschung war ihm anzuspüren. So war es immer gewesen. Kein Gefühlsausbruch, kein Donnerwetter, nur ein ausdrucksloses Gesicht. Schwer auszuhalten für einen jungen Menschen, der sich nach Zustimmung sehnte. "Fahrkarten bitte", die Ticketkontrolleurin schaute ihn an. Ach ja, sein Ticket. Er streckte es hin. Und dachte weiter darüber nach, was denn damals zuhause passiert war.

Szene 4 - Erwachsen werden

Er musste raus, das stand fest. Keiner nahm es ihm übel. Er war ja alt genug. Er zog dann auch so weit von zuhause weg wie möglich. Sein Beruf machte ihm Spaß. Die Eltern verstanden wenig davon. Das war nicht weiter tragisch. Die Distanz tat ihm gut. Sie gab ihm die Freiheit, die er zuhause vermisste. Die alten Traditionen, die Geborgenheit, die den kleinen Jungen stolz werden ließen, hatten ihren Geschmack verloren. Es war müßig darüber nachzudenken. Auch wenn er sich manchmal heimatlos fühlte. Besonders als seine Ehe auseinanderging. Kinder gab es keine. Man hatte sich auseinandergelebt, daran gab es keinen Zweifel. Martin war nicht stolz auf sich. Die Eltern hatten viel Verständnis gezeigt. Auch wenn es Ihnen schwer fiel. Eigentlich konnte er stolz auf sie sein.

Szene 5 - Wiedersehen

Der Zug verlangsamte sich. Draußen fiel der Schnee immer dichter. Sein Handy klingelte. Seine Schwester war am Apparat. Sie würde nach den Feiertagen zu den Eltern kommen. Ob er denn nicht noch ein paar Tage länger bleiben könne. "Wir haben uns so lange nicht gesehen, ich weiß gar nicht mehr wie Du aussiehst. Er lachte, genauso wie damals. Das glaub ich Dir nicht. Ein paar graue Haare musst Du doch inzwischen haben. Nein, alles noch schwarz. - Ja , es wäre schön, wenn sie mal Zeit hätten, ein wenig von dem nachzuholen, was sich bei beiden Geschwistern so alles getan hat. Aber es geht nicht. Er hatte gerade einen neuen Vertrag unterzeichnet. Die Rolle war wichtig. Er musste sich noch in den Text einlesen. Renate klang enttäuscht. Ja, es war schade.

Als er aufgelegt hatte, traf der Zug endlich ein. Er half noch wie versprochen der alten Dame mit ihrer Tasche auf den Bahnsteig. Dann nahm er ein Taxi nachhause. Die Eltern freuten sich schon.

Der Heilige Abend verlief gerade so wie früher. Das Haus war erfüllt mit Essendüften und einer freundlichen Betriebsamkeit. Über allem lag eine eigentümliche Ruhe. Als wiederhole sich hier ein Schauspiel aus uralten Zeiten zum aber tausendsten Mal. "Sag mal, wie kam es eigentlich, dass Martin damals zum Jesuskind in der Krippe wurde?", fragte der Vater die Mutter. Früher hatte sie immer die Geschichte erzählt. Konnte es wirklich sein, dass sie sich nicht mehr erinnerte? Die Mutter schüttelte den Kopf. "Nein, so genau weiß ich das jetzt auch nicht mehr. Er war ja auch schon sehr alt für die Rolle und wollte nicht so recht in der Krippe bleiben, zumindest wollte er nicht drin liegen, sondern bei der Probe ist er einmal herausgekrabbelt und hat dabei alle so lieb angestrahlt, dass es ihm keiner übel nehmen konnte." "Die Liebe zum Schauspielen war Dir einfach in die Wiege gelegt.", mit diesen Worten lächelte sie ihn an. Als sei der Weg dahin so einfach und selbstverständlich gewesen.

Der Rest des Abends lief seinen gewohnten Lauf. Man sprach über Wirtschaft und Politik, Stuttgart 21, ob es wohl zum Volksentscheid kommen würde? Sie gingen gemeinsam zur Christvesper. Der Pfarrer predigte ganz ordentlich. Ein oder zwei Gedanken beschäftigten ihn weiter. Die Lieder waren die alten. Nachhause gekehrt, tauschten alle Geschenke aus. Später als das Licht überall im Haus aus war, konnte er lange nicht schlafen. Alles kam ihm vor wie ein Traum aus längst vergessenen Zeiten. Welche Rolle ihm dabei zukam, war ihm ein Rätsel.

Szene 6 - Erkennen

Am nächsten Morgen machte er Frühstück. Die Mutter schaute zur Tür hinein. "Kommst Du mit zum Gottesdienst?" Er schüttelte den Kopf. Dann ging er ins Wohnzimmer der Eltern. Warum er das Radio eingeschalten hatte und dem Gottesdienst zuhörte, wusste er nicht mehr. Das war nicht seine Art. Vielleicht tat er es an diesem Tag aus Sentimentalität. Er horchte auf. Das Lied kannte er noch nicht. Die Melodie war neu:

[Liebe Gemeinde, wir kennen das Lied und wir singen es nun: Die Gemeinde singt] EG 56,1-3 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

…es traf ihn ganz unerwartet, ohne großen Knall. Das war vielleicht gerade das Wunderbare. Seit langem hatte er wieder das Gefühl, verstanden zu sein. Und doch nicht festgelegt. Sein Leben war nicht fest vorgezeichnet. Und auch die Menschen, die er glaubte, zu kennen, konnten aus ihrer Rolle ausbrechen.

Etwas entspannte sich in ihm. Nichts war umsonst gewesen in seinem Leben. Das wurde ihm jetzt klar. Alles gehörte zu ihm. Machte ihn aus. Sein Name würde nicht abhängig von Erfolg oder Misserfolg der nächsten Aufführung sein. Er hatte heute die gültige Zustimmung gefunden, die er für seinen Beruf brauchte. Diese Zustimmung lag nicht im Applaus des Publikums. Sein Blick lag auf dem Foto, das auf dem Schreibtisch des Vaters stand. Ein Baby in der Krippe, mit wachen Augen sah es ihm ins Gesicht und klatschte dabei in die Hände.

Es war das Kind in der Krippe, das in die Hände klatschte, für das er in Zukunft spielen wollte.

(3) 1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. (1.Johannesbrief, Kapitel 3, 1+2)

Amen.