In der Wüste - und siehe, wir leben - Predigt über 2. Mose 13, 20-22
Altjahrsabend - 31.12.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

"Warum ich noch ein Christ bin": unter diesem Titel ist vor 75 Jahren ein Buch erschienen, zu dem ich gelegentlich gerne greife. Sein Autor Paul Schütz, ein heute (leider) fast vergessener bedeutender theologischer Querdenker, war damals Pfarrer einer Landgemeinde im Hessischen. Es sind Briefe an einen jungen Mann, der sich mit dem christlichen Glauben schwer tut. Mir imponiert, daß der große Theologe dem jungen Freund das Christentum nicht mit frommen Formeln, mit fertigen Antworten plausibel machen will, sondern ihm den Glauben nahe bringt, in dem er sich selbst fragt: Warum bin ich eigentlich noch Christ?

I.

Daß ich heute, am letzten Abend dieses Jahres, noch Christ sein kann: das ist nicht selbstverständlich. 2011 - was für ein Jahr! Manches ist geschehen, wo man mit dem alten Adventschoral fragen wollte: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?" Ich denke an die verheerenden Flutkatastrophen, die immer wieder gerade die Länder treffen, in denen ohnehin viel mehr Menschen als anderswo mit Elend und Armut geschlagen sind. Wir denken natürlich an den Reaktor-GAU von Fukushima, dessen wahre Folgen wir vielleicht erst in vielen Jahren kennen werden, wenn überhaupt. - Anderes wiederum hat vielen neue Hoffnung gemacht. Manches, was über Jahrzehnte selbstverständlich, geradezu zementiert erschien, wurde in diesem Jahr auf frappierende Weise überwunden. Die aufregenden politischen Umbrüche in der arabischen Welt: wir verfolgen sie mit Sympathie - und erleben zugleich, wie dadurch die Lage der Christen dort noch bedrohter geworden ist. Innenpolitisch wurden mit der Wehrpflicht und der Atomenergie jahrzehntelang tragende Säulen deutscher Politik in atemberaubendem Tempo abgewickelt. Und unser Bundesland, wo die Dauerherrschaft einer Partei quasi naturgesetzlich erschien, hat plötzlich einen grünen Ministerpräsidenten! Zugleich aber zu Beginn und zum Ende dieses Jahres ein weiteres Anwachsen der "Politikverdrossenheit", ausgelöst durch tiefgreifende Glaubwürdigkeitskrisen bei zwei Spitzenpolitikern. Schließlich das seit Monaten andauernde verzweifelte Ringen um den Bestand des Euro. Viele haben darüber Existenzangst bekommen, die sie mit ins neue Jahr schleppen. - Und auch kirchlich bei uns Hochs und Tiefs. Hier in Christus läuten nach jahrelangem Verstummen endlich unsere Glocken wieder. Welche Freude jeden Sonntag! Aber andernorts in unserer Pfarrgemeinde Ost ein tiefer, zuletzt nicht mehr lösbarer Konflikt, der am Ende dieses Jahres Ratlosigkeit und bitter gewordene, verletzte Menschen zurück läßt. -

Daß wir über all dem immer noch Christen sind, wenn auch tastend und auf schwankendem Boden: das ist nicht unser Verdienst. Nein, wir können nur dankbar feststellen: Es ist Gnade, wenn wir glauben und am Glauben bleiben können. Von dieser Gnade, die meist unbemerkt über unserem Leben und Glauben steht, brauchen wir wenigstens eine Ahnung. An diesem Abend mehr als sonst. Altjahrsabend: das ist wie das nachdenkliche Betrachten einer verlöschenden Kerze. In den letzten Stunden des Jahres flackert sie noch einmal auf und wirft einen Schein auf Erlebtes von Gewicht im zu Ende gehenden Jahr - aber sie spiegelt mit den beim Verlöschen breiter werdenden Schatten auch die Risse und Wunden, die wir anderen geschlagen und selber davongetragen haben.

Ich bin am Altjahrsabend schon manchmal in den Sog eines Gefühls geraten, das ich Zeitangst nenne. In ihr steckt die Hilflosigkeit der verlorenen Lebenszeit gegenüber, die ich ungenutzt habe verstreichen lassen. Die Zeit läuft uns davon, sie kann nicht zurückgeholt werden, wir sind mit hineingerissen in ihren Strudel. Im letzten Bibelbuch heißt es einmal: "Der Teufel kommt zu euch hinab und weiß, daß er wenig Zeit hat" (Off 12,12). Keine Zeit zu haben, das Gefühl, der Zeit in ihrem Diktat ausgesetzt, in ihrem Griff zu sein: eine teuflische Erfahrung! Wie oft habe ich in diesem Jahr mit der Aussage: "Ich habe keine Zeit!" andere vor den Kopf gestoßen oder mich selbst erst Recht unter Druck gebracht. Menschen stehen vor mir, denen ich in diesem Jahr Aufmerksamkeit, Verstehen, vielleicht nur eine kurze Karte oder Email als Signal des An-sie-Denkens schuldig geblieben bin. Sie wurden einsamer darüber und schleppen diese Erfahrung mit ins neue Jahr. -

Füreinander Zeit haben, sich füreinander Zeit nehmen: das gehört zum Schönsten, was wir einander tun können. Vielleicht gewinnt dieser Altjahrsabend, inmitten der bedrängenden Empfindungen, inneren Glanz, ein verhaltenes Leuchten, wenn wir einmal dankbar an Menschen denken, die in diesem Jahr für uns Zeit gehabt haben. Halten wir dafür einen Moment inne.

- Musikalisches Zwischenspiel -

Warum ich noch Christ bin? Auch darum, liebe Gemeinde, weil Gott sich Zeit genommen hat von Ewigkeit her: Zeit für dich, Zeit für mich, Zeit für die Welt. Mit der Geburt Jesu hat er dies besiegelt. Die ersten Christen haben diese sie überwältigende Erfahrung von Anfang an mit der Erwartung verbunden, daß zu guter Letzt Gott das Werk der Erlösung, für das er sich so viel Zeit genommen hat, vollenden wird: Jesus Christus wird wiederkommen! Es kann doch nicht umsonst gewesen sein, sondern wird zu einem guten Ziel kommen, daß Gott sich durch die Jahrtausende hindurch in jeder Minute für unsere Welt Zeit genommen hat. - Der kurze, aber aussagestarke Predigttext, der uns für diesen Altjahrsabend 2011 gegeben ist, nimmt uns in diesen großen Zusammenhang hinein, daß wir einen Gott haben, der sich Zeit für uns nimmt.

II.

"So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste". Was wie eine nüchterne geographische Angabe erscheint, ist in Wahrheit von existentieller Tiefe. Die lang ersehnte Flucht aus dem menschenunwürdigen Dasein in Ägypten führt die Kinder Israel nicht an die verheißenen Ufer von Milch und Honig, sondern an das Ufer des Schilfmeeres, hinter dem nichts als Wüste wartet. Die Wüste hat viele Gesichter, und deshalb kennt das Hebräische gleich drei Ausdrücke dafür. Die Bibel benutzt sie auch als Symbole, als Metaphern. So steht die zu 40 Jahren sich auswachsende Odyssee durch die Sinai-Wüste, an deren Beginn uns diese Verse führen, auch in einem tiefen existentiellen Sinn für all das, was uns Wüste und Wüstenzeiten sind. Und trotzdem ist es gerade dieses lebensbedrohliche Umfeld, das den verfolgten Kindern Israel auch zum Zufluchtsort wird. Daß auch in der Wüste, am Ort der Dürre und des Todes, neues Leben, Heil wachsen kann, das durchzieht die ganze Bibel. Beim Propheten Jesaja wird die lebensbedrohende Wüste zur blühenden Landschaft, ein Hinweis auf die Rückkehr aus dem Exil in Babylon. Johannes der Täufer ruft in der Wüste Menschen zu Umkehr und Neuanfang. Jesus geht in die Wüste, und ist dort einerseits "bei den wilden Tieren", andererseits aber sind "die Engel um ihn und dienten ihm" (Mk 1,12f). Ein sprechendes Bild für die Zerreißproben, denen man in der Wüste ausgesetzt ist.

In der Wüste: Das ist die Welt in ihrer Heimatlosigkeit und Einsamkeit. Da gibt es keine Stadt, kein Dorf und kein Haus. Wie sich orientieren? In der Wüste, wo es in alle Himmelsrichtungen gleich aussieht, geht man schnell im Kreis. Und wer sich im Kreis dreht, ist in Gefahr. Die Wüste, das ist die Welt mit dem verschlossenen Himmel über sich, in der man Wasser und Brot, zumindest aber Manna braucht, um zu überleben. Dort fällt alles von einem ab, was banal und überflüssig ist, und es bleibt allein das, was wichtig, was von Belang ist. In der Wüste erfahren wir das Abgründige, das uns zu zerreißen droht. Wüste ist für die Bibel der Raum, in dem man ganz und gar angewiesen ist auf Gott - oder man verdirbt. Es ist kein Zufall, daß das Mönchstum in seinen Ursprüngen in der Wüste entstanden ist. "Großer Gott, steh uns bei!": es ist ungewöhnlich, auf der Kanzel die Bild-Zeitung zu loben. Aber mit dieser berühmten Schlagzeile am Tag nach dem 11. September vor zehn Jahren traf sie den Nerv, brachte sie das eigentlich Unsagbare in Sprache und drückte aus, was einem bleibt, wenn man in die Wüste geraten ist.

Liebe Freunde, vielleicht ahnen wir in der besonderen Gestimmtheit dieses Abends, daß wir öfter am Rand der Wüste sind, als es uns im Getriebe unseres Alltags bewußt ist. Ja, "wüst und leer", verwüstet und sinnentleert erscheint eine Welt, in der ausgerechnet Länder, die immer wieder von klimabedingten Unwettern getroffen werden, aus wirtschaftlichen Interessen sich beharrlich weigern, verbindliche Klimaschutzabkommen zu unterzeichnen. In der Europa, aus dem jüdisch-christlichen Erbe entstanden, sich verbarrikadiert gegen verzweifelte Menschen aus Afrika, die dem Elend und der Aussichtslosigkeit ihrer Existenz entkommen wollen. In der religiöse Fanatiker unter Berufung auf den einen Gott andere und sich selbst in die Luft jagen. In der Banken, statt durch seriöseres Geschäftsgebaren ihren ramponierten Ruf aufzupolieren, Leute in einflußreicher Position als "gehobene Privatkunden" einstufen und ihnen zu unglaublich vorteilhaften Bedingungen Kredit geben. Um dann lauthals über die "Occupy"-Bewegung zu zetern.

III.

Wohin sollen wir gehen? Oder sollen wir lieber den Kopf in den Wüstensand stecken? Der Blick nach vorn verheißt Gefahr, vielleicht auch Tod. Wer kommt durch, kommt an im gelobten Land? Vielleicht ist es ja doch gescheiter, weil sicherer, umzukehren, zurückzugehen zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Wenn sich erweist, daß erst einmal die Mühen der (Wüsten)Ebene warten, bevor man an den Aufstieg zum Gipfel denken kann, dann vollzieht sich in unserem Inneren atemberaubend schnell ein Perspektivenwechsel, und die Vergangenheit wird zur Zuflucht in der Angst, indem sie vom Glorienschein umhüllt wird. "Früher war alles besser! Da wußte man, was man hatte!" So füllen sich im Irrgarten der verklärenden Rückschau die Töpfe mit saftigen Fleischstücken, auch wenn sie nur mit Zwiebeln und Bohnen gefüllt waren. Eine fatale Versuchung gerade auch für uns als Kirche auf unserem Weg in eine tiefgreifend veränderte Zukunft, der uns manchmal auch wie eine Wüstenwanderung anmutet. In seiner berühmt gewordenen Freiburger "Konzerthausrede" hat der Papst am 25. September einen Steinwurf von hier entfernt manches gesagt, was auch für uns Protestanten bedenkenswert ist. Er sagte u.a.: "Auch in der Kirche ist das Beharrungsvermögen, der nostalgische Blick zurück ein sehr starker Faktor. Sie neigt leider dazu, einmal erworbene Güter und erworbene Positionen zu verteidigen. Die Fähigkeit zur Selbstbescheidung und Selbstbeschneidung ist nicht sehr entwickelt. Ich glaube, daß das gerade auch die Kirche in Deutschland trifft." - Ich ergänze: nicht nur die katholische Kirche.

Aber täuschen wir uns nicht. Der Blick zurück, das ist der tiefe Sinn der unheimlichen Geschichte von Lots Frau, kann lebensbedrohlich sein. Er kann das Blut in den Adern gefrieren und einen zur Salzsäule erstarren lassen. Von Sören Kierkegaard kommt das lebenskluge Wort: "Das Leben wird nach vorn gelebt und nach hinten verstanden". Wenn wir das zu beherzigen versuchen, werden wir einen Perspektivenwechsel anderer Art erleben. Wir werden dann nicht mehr nur die bedrohliche Ödnis der Wüste vor uns sehen, sondern eben auch das, was in unserem Text Wolken- und Feuersäule sind. Gott, nicht sichtbar von Angesicht zu Angesicht, nicht greifbar und für unsere Bedürfnisse einfach zu vereinnahmen - aber eben doch da, verborgen in Feuer und Wolke. Man kann die Aussage dieses tiefsinnigen Bildes vielleicht so fassen: Ich weiß nicht, wohin Gott mich führt, aber ich kann mich ganz gewiß drauf verlassen, daß er mich führt. Und das genügt. Denn dann kommt der Apostel Paulus ins Spiel, aus demselben Römerbriefkapitel wie vorhin in der Lesung: "Wir aber wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen" (Röm 8,28). "Wie sollte er uns mit ihm" - Jesus Christus nämlich - "nicht alles schenken?", fragt Paulus kurz danach.

Wenn wir unser Leben, im ganz Persönlichen wie als Gemeinde, so gestalten, in der konzentrierten Sicht auf Gott, der nicht einfach unsere Wege "mitgeht", sondern der uns voran geht und unseren manchmal fragwürdigen Wegen auch neue Richtung gibt: wenn wir unser Leben so nach vorn leben, dann wird es uns auch besser gelingen, es nach hinten zu verstehen. Nämlich dankbar zu entdecken, wie Gott auch in das Gewesene "in Wolke und Feuer" hineingeleuchtet hat und wir in manchen Wüstenstrecken Oasen erreicht haben. Was das gewesen sein kann? Das kann jeder nur ganz persönlich sagen. Machen wir deshalb noch einmal ein kurzes Break, um dem nachzudenken, was uns in unseren Wüstenstrecken dieses Jahres zur Oase geworden ist.

- Musikalisches Zwischenspiel -

IV.

Am Rande unserer Wüsten und an der Schwelle zu einem neuen Jahr suchen wir Orientierung. Ganz unverdient hat uns Gott noch ein anderes Zeichen, eine andere Orientierung gegeben, die über Wolke und Feuersäule hinausgeht - weil es ein Zeichen ist, das mehr ist als Schall und Rauch, ein Zeichen nämlich aus Fleisch und Blut: der, von dem die Bekenntnisformel des Hebräerbriefs sagt: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" (Hebr 13,8) Was für ein Ausblick! Was immer im neuen Jahr auf uns warten wird - die Zeitungen sind am letzten Tag des Jahres ja immer voll von Prognosen -, einer steht auf jeden Fall beim Übergang über die Schwelle auf der anderen Seite und wartet auf uns.

Warum wir noch Christen sind? Weil Jesus Christus sich für uns Zeit nimmt, indem er mit uns aufbrach, uns auf dem langen Weg voran geht und am Ziel auf uns warten wird. Laßt uns danken am Abend dieses Jahres, daß dies Versprechen wie eine gute, nicht auszulöschende Widmung im Buch unseres Lebens steht. Und laßt uns darauf vertrauen, daß unsere Wege im neuen Jahr nicht im Wüstennebel sich verlieren, sondern nach vorn gehen: Ihm entgegen.

Amen.

Lieder: 37,1+2+5+8 / 181.6 / 64,1-3+6 / 58,1-3+11-15 / 55,1-3 / 34,4