"Nichts ist so groß, Gott ist noch größer…" - Predigt über Jesaja 40, 12-31
5. Sonntag n. Ep. - 6.02.2011, Christus- u. Petruskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

So viele Fragen hintereinander. Nach der vierten denke ich: also gut, ich hab's kapiert. Der Fragereigen in diesem prophetischen Predigttext erinnert mich ein wenig an Bertold Brechts berühmtes Gedicht "Fragen eines lesenden Arbeiters". Dort heißt es u.a.: "Wer baute das siebentorige Theben? (…) Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? (…) Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?" Und so weiter. Die Fragen sind hier wie dort rhetorisch gemeint, und wenn das zu dick aufgetragen wird, merkt man die Absicht und ist verstimmt. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist, daß diese Fragen in wunderbarer Sprache formuliert sind. Der Zweite Jesaja, wie man den unbekannten Verfasser des mittleren Teils des Jesajabuchs nennt, war ein begnadeter Sprachschöpfer. Unser Textabschnitt ist geradezu poetisch und läßt Bilder entstehen, wenn man ihn liest und hört. Man hört die Goldschmiede klopfen und die Silberkettchen klimpern. Das alles unterfüttert mit leiser Ironie, lebendiger Rede und Gegenrede. Irgendwie liegt eine merkwürdige Leichtigkeit über diesen Versen.

I.

Ja, merkwürdig ist das allerdings! Denn die Situation, in die hinein dieses rhetorische Frage- und Antwortspiel gesprochen wird, ist alles andere als leicht, sondern tonnenschwer. Der Zweite Jesaja hat sie etwa um 550 v. Chr. an seine Zeit- und Leidensgenossen gerichtet, denen der Boden unter den Füßen weggezogen war. Seit fast 30 Jahren befinden sich breite Schichten Israels bereits im Exil in Babylon, wohin sie nach der Katastrophe von 587 - der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar und, noch schlimmer, der Schleifung des Tempels - zwangsverschleppt worden waren. Die zunächst noch lebendige Hoffnung, das werde nur ein kurzes, alptraumartiges Intermezzo sein, man werde doch wohl bald wieder heimkehren können, hat sich längst zerschlagen. Dennoch bleibt für die Israeliten in Babylon diese zwangsweise Diaspora eine verheerende Wendung, die noch in keiner Weise bewältigt ist. Zwar werden sie in Babylon weder im Gefängnis noch in Konzentrationslagern festgehalten. Man hatte ihnen sogar Parzellen zum Ansiedeln zugewiesen. Und doch ist die Deportation ein tiefer Schock, schwerer noch, als das ohnehin bei jeder Vertreibung aus der Heimat der Fall ist. Bedeutet sie doch für die Israeliten den Verlust der von Gott verheißenen Heimat, das Verbanntsein in einen Raum, in dem Jahwe, der Gott Israels, nicht wohnt. Denn der wohnt für Israel zuerst und vor allem im Tempel - und von dem ist man unerreichbar abgeschnitten. Man ist in "unreinem Land". Und dann noch das ständige Konfrontiertsein mit den fremden Göttern dort, Marduk, Mummu und wie sie alle heißen. Als die Götter der Sieger, beeindruckende kunsthandwerkliche Gebilde, die man sehen, umkreisen, anbeten kann, üben sie je länger je mehr eine verzweifelte Faszination auf die Deportierten aus. "Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: 'Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber'", heißt es gegen Ende unseres Textes. Eine Schlüsselaussage! Es ist die verzweifelte Klage des Volkes, nicht nur einen unsichtbaren Gott zu haben, der die Grundbedürfnisse des Menschen nach sinnlicher Erfahrung nicht bedient, sondern der sein Volk in seiner elenden Lage nicht einmal mehr wahrzunehmen scheint. Die Sehnsucht danach, daß Gottes Macht sichtbar - epiphan! - werde, wird im Exil mit seiner Übermacht der fremden Götter besonders schmerzhaft.

Dorothee Sölle hat einmal über Jesus von Nazareth geschrieben: "Vergleich ihn ruhig mit anderen Größen / Sokrates / Rosa Luxemburg / Gandhi / er hält das aus / besser ist allerdings / du vergleichst ihn / mit dir." - Warum, so mag man mit den Israeliten in Babylon fragen, sollte das nicht auch im Blick auf Gott erlaubt sein: "Vergleiche ihn ruhig mit anderen Größen"? Aus Sicht unseres Textes freilich scheint dieser Versuch sinnlos zu sein: "Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?" So gesehen wäre es also kein Verbot, sondern eher ein Ausweis von Spitzenqualität, von Gott zu sagen: "Kein Vergleich!" Freilich leben wir heute in einer Zeit, wo auch die Kirchen nicht mehr so einfach drum herum kommen, sich auf den "Markt" zu begeben und - nein, nicht sich anzupreisen wie Sauerbier, aber doch ihr "Produkt" zu erklären und zu präsentieren, um Neugier bei den vielen auszulösen, die nicht mehr selbstverständlich und von klein auf in das Christliche hineingewachsen sind. Der Vergleich auf dem "Markt der Religionen" ist geradezu ein Kennzeichen unserer Zeit. Das viel beschriebene Phänomen der "Patchwork-Religiosität", wo man tief in den religiösen Baukasten greift und sich die passenden Stücke zusammenbastelt, verlangt geradezu nach dem religiösen Vergleich. Gerade hier in Freiburg kann man vieles davon wahrnehmen. Der bekannte Soziologe Ulrich Beck hat dazu festgestellt: "Religion wandelt sich in Religiosität. Deren Kern ist es, einen eigenen Gott zu haben, der für andere unplausibel, für einen selbst aber eine unüberbietbare Richtschnur ist. Das ist meist nicht der Gott der Kirchen, Moscheen und Tempel, sondern der Gott der eigenen Erfahrungen."

II.

Genau daran, an unsere eigenen Erfahrungen knüpft ein Buch an, das für mich zu den spannendsten theologischen Büchern gehört, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und das obwohl sein Autor nicht einmal Theologe ist, sondern Psychiater, und katholisch noch dazu. Manfred Lütz, so heißt er, beginnt sein Buch "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten" mit einer Kaskade von Fragen, die ein wenig an unseren Jesajatext erinnern:

"Warum überfallen Sie eigentlich keine Bank - wenn Sie absolut sicher sein könnten, daß Sie niemand erwischt? Was macht Sie so sicher, daß Sie demnächst nicht mit milder Spritze entsorgt werden? Es könnte doch sein, daß die Behandlungs- und Pflegekosten Ihrer demnächst festgestellten schweren Krankheit der Gesellschaft bei besten Willen nicht mehr zugemutet werden könnten. Warum kippt man Leichen nicht in den Sondermüll und macht aus Friedhöfen Kinderspielplätze? Woher wissen Sie, daß Ihr Mann Ihnen gerade treu ist? Woher wissen Sie, daß das Kind Ihrer Frau auch Ihr Kind ist?"

Mit diesen provozierenden Fragen will Manfred Lütz seine Leser davon überzeugen, daß man die Frage nach Gott als die Frage nach dem eigenen Tod und nach dem Sinn des eigenen Lebens letztlich nicht wegschieben und für erledigt erklären kann. Er fragt: "Also ganz im Ernst: was spricht dafür, daß Gott existiert oder daß er nicht existiert". Für Lütz ist klar, daß man sich eine Antwort auf diese letzte, existentiellste Frage überhaupt nicht ausdenken kann. So wenig man sich den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ausdenken konnte. Noch einmal Lütz: "Eine solche Antwort, wenn es sie denn überhaupt geben kann, müßte von Gott selber kommen".

Genau das geschieht in unserem Text. "Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr euch von ihm machen?" heißt es am Ende des großen Reigens an rhetorischen Fragen. Bis dann kurz danach der Gegenstand des Diskurses - Gott nämlich - plötzlich die Diskurshoheit an sich reißt, indem er selber das Wort nimmt: "Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei, spricht der Heilige. Hebet eure Augen auf in die Höhe und seht: wer hat dies geschaffen? (…) Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unerforschlich." - Anders gesagt: Ihr laßt euch faszinieren von dem, was ihr sehen und greifen könnt, von den kunstvollen Statuen der Götter Babylons. So nah, so anschaulich wollt ihr euren Gott haben? Da muß ich euch buchstäblich ent-täuschen. Ein sinnlicher Gefühls- und Bauchglaube ist mit mir nicht zu haben. Für mich braucht ihr nicht Bauch und Gefühl, sondern Herz und Verstand.

Das ist keine Religion light, kein Patchwork, was Jahwe hier seinem Volk ausrichtet. In ihre Sehnsüchte nach einem plausiblen Gott zum Anfassen treffen die Fragen, die den Israeliten hier gestellt werden, wie Trommelschläge, schnell und präzise. Indem sie mitten in ihre Zweifel treffen, ob's denn noch wahr sein kann mit ihrem einen und einzigen Gott, rufen die Fragen doch zugleich schon aus diesen Zweifeln heraus. Denn sie lassen nur einen Schluß zu: Nichts und niemand ist ihrem Gott vergleichbar. Daß er sich durch nichts fassen, begreifen läßt, zeigt nur seine unendlich unermeßliche Größe und Majestät. Wenn sie es, allen vermeintlich gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz, wagen, auf ihn zu setzen, liegt darin die Verheißung von nie ermüdender Kraft und Stärke. "Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden."

III.

An einer anderen Stelle im Jesajabuch fragt Gott einmal: "Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?" - Bin ich ein Nahgott nur und ein Ferngott nicht auch? Glaubt ihr, daß Gott nur dort zugange ist, wo ihr seine Nähe fühlt? Wir machen Gott klein, zu einer Art religiösen Kuscheltier, wenn wir unseren Glauben daran hängen, daß seine Nähe für uns auf Schritt und Tritt unbestritten ist. Gott ist auch dort am Werk, wo wir ihn nicht fühlen, wo er uns keine Sicherheit gibt, wo er nicht die Erklärung für das Dunkel in unserem Leben und in der Welt ist, wo wir mit leeren Händen dastehen - kurz, wo er ganz fern ist.

Wie aber können wir das wenigstens erahnen, daß Gott auch da, wo er uns fern und stumm erscheint, dennoch da und am Werk ist? Es ist das Sperrige an unserem Text, daß er darauf keine persönliche Antwort gibt, sondern buchstäblich eine "globale". Er verweist auf die Majestät und Unergründlichkeit all dessen, was um uns herum ist, seine Schöpfung also. - Ein junger Mensch auf einer Wiese. Ganz entspannt liegt er da, die Sonne genießend. Das nächste Bild: derselbe Mensch, doch aus viel größerer Entfernung. Dann: eine Aufnahme von so weit oben, daß die Person zu einem Fleck inmitten gewaltiger Natur verschwommen ist. Von noch weiter oben, sind keine Naturdetails mehr zu erkennen, aber die Krümmung der Erdoberfläche. Ein weiteres Bild: wir schauen auf den Planeten Erde, ein faszinierendes Satellitenbild. Und immer noch fernere Perspektiven entführen uns in die Milchstraße, in das Staunen der Unendlichkeit des Universums. Kein Gedanke mehr an den Menschen auf der Wiese - Größeres umgibt uns. Diese Bildfolienreihe gehört zu einer Materialsammlung für den Religionsunterricht. Für mich wie ein Kommentar zu unserem Text. Jesaja traut Gottes Kraft mehr zu als unserer Kleingläubigkeit. Ja selbst globale Sorgen wie Terrorismus, Genozide und Klimakatastrophe verlieren für Momente ihre Bedeutung. Und in glücklichen Momenten denken wir dann vielleicht: "Ja, vermutlich gibt es tatsächlich einen verborgenen Plan, den mein kleiner Verstand nicht fassen kann. Gottes Wege sind nicht unsere Wege - wir müssen also an der Welt nicht verzweifeln."

Was also bin ich in dieser Welt? Bin ich so groß, wie ich mich fühle, wenn mein Leben gelingt? Oder so klein, wie ich mich sehe, wenn ich Scheitern erfahre? Und wie groß ist Gott, der alles geschaffen hat? So groß, wie ich ihn in meiner Überheblichkeit oder meiner Depression sein lasse? Die Antwort des Zweiten Jesaja auf diese abgründige Frage ist auf jeden Fall eine Provokation für unsere Neigung, Gott und unseren Glauben plausibel zu machen, ihn einzupassen in unsere allzumenschlichen Bilder und Vorstellungen. Etwas verkürzt gesagt lautet sie: Weil ihr klein, unbedeutend und ohnmächtig seid im Weltgetriebe, weil ihr meint, auf der Verliererseite zu sein, meint ihr, unser Gott, der Gott Israels, sei auch klein und ohnmächtig und könne nicht tun, was er ansagt?! Warum macht ihr Gott so klein - der doch Himmel und Erde geschaffen hat, der alles kennt und weiß und darüber herrscht? Warum stellt ihr euch hin, als wäret ihr Gottes Ratgeber und wüßtet, was möglich oder unmöglich ist? Könnt ihr denn Gottes Gedanken abmessen? Braucht Gott euch, damit ihr ihn über den richtigen Weg belehrt?

IV.

Liebe Gemeinde, wir können heute diese alten Worte nicht an unserem Glauben an Jesus Christus vorbei hören. An den, der die Unergründlichkeit und Kraft, ja Macht Gottes quer zu allen Erwartungen in die Welt gebracht hat. Der nicht mehr nur Trost Israels, sondern Trost der ganzen Welt sein will. Und plötzlich paßt auch die umgekehrte Bildfolge, die es bei den RU-Materialien auch gibt. Wieder der junge Mensch auf der Wiese. Doch dann zoomen uns die Fotos immer näher heran, wir sehen die Hautzellen stark vergrößert, dann die Blutkörperchen, die Mitochondrien, schließlich Elektronen und Atome. Ein ganzer Kosmos, der innerhalb dieses einen Menschen sich entfaltet. So schließt sich der Kreis: der unergründliche Gott, himmelweit über unseren Phantasien, Ängsten und Plänen und gleichzeitig jene Kraft, die uns näher kommt, als wir selber es sein können. Mag angesichts des Universums unsere Bedeutung atomaren Bruchteilchen gleichkommen, in ihm, Jesus Christus sind wir durch und durch Gefäße von Gottes überbordender Liebe. Es gibt also doch ein Maß für Gottes Macht: Die unermeßliche Liebe ist der Maßstab, der bis heute unsere Sichtweisen korrigieren kann.

Oder wie Martin Luther es ausgedrückt hat: "Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner."

Amen.

Lieder: 71,1-3+6/ 70,7 / 246,1-4 / 324,1-7 / 74,1-4