Wer ist Gott? - Predigt über 2. Mose 3, 1-14
Letzter Sonntag n. Epiphanias - 13.02.2011, Matthias-Claudius-Kapelle FR-Günterstal


Liebe Gemeinde!

Irgendwie geht es einem mit dieser Geschichte ähnlich wie dem Mose mit dem brennenden Dornbusch. Sie macht neugierig: "Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen". Sie droht uns zu verbrennen, wenn wir uns zu unbekümmert ihr nähern: "Tritt nicht herzu!" Vor allem aber: Sie läßt uns alles allgemeine Nachdenken über Kirche und Welt vergessen. Sie konzentriert alles auf meine Person, auf meine Identität als ein von Gott Angerufener: "Da rief ihn Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich." -

Wir wollen einfach versuchen, dieser geheimnisvollen Erzählung mit dieser Bereitschaft "Hier bin ich" standzuhalten und an ihr Wesentliches von dem zu entdecken, was es heißt, zu glauben und nach Gott zu fragen. Vor allem aber: von Gott gesucht und angerufen zu werden.

I.

Zunächst: Man kann den Mose schon beneiden! Wer sehnt sich nicht manchmal tief in seinem Innersten auch nach einer so überraschenden Gotteserfahrung wie diesen geheimnisvollen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt? Gottsuchende sind wir auf unsere Weise ja alle, auch wenn uns das meistens gar nicht bewußt ist. Von jeher haben die Dichter und Philosophen fasziniert, die sich auf den langen Weg gemacht haben, Gott zu suchen. Von Martin Heidegger stammt der Satz: Wir können Gott zwar nicht herbeidenken, aber in unserem Denken und Dichten können wir die Bereitschaft für das Erscheinen Gottes in Gang setzen. Ein kühner Anspruch!

Aber nun sehen wir hier eine völlig andere, ungewöhnliche Art, Gott zu entdecken. Mit Dichten und Denken hat Mose nichts im Sinn. Er ist kein verinnerlichter Frommer, kein Schöngeist. Er ist Nomade, ein umherziehender Hirte. Der Kampf ums tägliche Grünfutter nimmt ihn voll in Anspruch. Er steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Zeit für denkerische Höhenflüge, für erbauliche Mußestunden bleibt da keine. Was Mose jeden Tag neu sucht, ist nicht Gott, sondern Weideplätze für seine Herden. In dieser komplett profanen Diesseitigkeit wird Mose mit Gott konfrontiert. Das gibt uns einen ersten wichtigen Hinweis: Dort, wo es ums harte Überleben geht, ums tägliche Brot, wo wir vor lauter Existenzsorgen an besinnliche Frömmigkeit gar nicht denken können, dort kann ganz unerwartet und ungeplant Gott auftauchen!

Und es wird noch spannender. Nicht nur von seiner beruflichen Existenz, erst recht auch von seinem ganzen Lebenszuschnitt her ist Mose alles andere als ein homo religiosus, ein auf Gott ausgerichteter Zeitgenosse. Was wir so mit ihm verbinden - Mann Gottes, Heiliger, Glaubensvorbild -, das ist das letzte, was ihm ins Schilfkörbchen gelegt war. Im vorangehenden Kapitel wird im Zeitraffer seine bisherige Vita berichtet. Und die ist voller Dinge, da hätte die Erzählkunst eines Thomas Mann einen dicken Roman draus machen können. Für Heiligenlegenden freilich taugen sie nicht. Sein Werdegang macht nämlich deutlich: Mose ist kein Mann der abwägenden Vernunft, kein Intellektueller, sondern ein Bauchmensch, einer, der aus den Emotionen lebt. Vor allem aber: Mose ist ein Mann mit Vergangenheit. Und was für eine! Er hat, und das ist in seinem Fall ganz wörtlich zu nehmen, eine Leiche im Keller, eine ganz reale! In Ägypten waren in einem seiner unkontrollierten Momente die Gefühle mit ihm durchgegangen und er tat, was in den vergangenen zwei Wochen im Ägypten von heute Gottseidank nicht passiert ist: er ermordete in seiner Erregung einen der Schergen des Pharao. Das Unrecht, das die ägyptischen Herrenmenschen seinen Frondienst leistenden Landsleuten antaten, hat ihn empört und zum Revolutionär gemacht. Wie so oft in der Geschichte des Kampfs gegen Unterdrückung bis zum bösen Ende, bis zum politischen Mord. Mit der Folge, daß er in den Untergrund abtauchen muß. Irgendwo im Ausland wird er ein einfacher, unauffälliger Viehhirte. Um nur ja nicht geoutet zu werden, heiratet er die Tochter eines einheimischen heidnischen Priesters. Mose hat seine Identität perfekt ausgewechselt, wie so viele politische Kämpfer im Untergrund. Denken wir nur an die in der damaligen DDR untergetauchten RAF-Terroristen, die dort unter einer neuen Identität eine stinknormale biedere Existenz führten.

So weit, so gut. Mose hat eine gesicherte Existenz gefunden, ist glücklicher Familienvater, und dieses Idyll hätte für Thomas Mann das passende Ende seines großen Moseromans abgeben können. Aber nun das: Mose, steckbrieflich als Mörder gesucht, wird entdeckt und gestellt! Aber anders als von ihm befürchtet, anders als von seinen Häschern erhofft: Er wird von Gott aufgespürt und in Dienst genommen! Daß Gott jetzt, wo sein unstetes Leben zur Ruhe gekommen ist, erst richtig mit ihm anfängt, daß er nicht mehr länger nach der Melodie "Trautes Heim, Glück allein" in bürgerlicher Behaglichkeit leben soll, das wäre Mose nicht im Traum eingefallen.

Ich habe diese Vorgeschichte unseres Textes so ausführlich erzählt, damit wir merken: Ich brauche kein besonders gläubiger Mensch sein, um zu erfahren, daß Gott etwas mit mir will, daß er sich von mir etwas erwartet. Keiner von uns wird eine so dramatische Lebensgeschichte haben wie Mose. Aber das kennen wir auch, daß man. jedenfalls innerlich, auf der Flucht ist vor irgendwelchen alten Sachen, an die man nicht erinnert werden will, auf der Flucht vor den eigenen Jugendtorheiten oder vor irgend etwas, das man - gar nicht willentlich - jemand anderem angetan hat und wo man nie die Traute hatte, das zu bereinigen. Das muß nicht das fünfte Gebot zu sein, das kann ein Verstoß in Gedanken, Worten oder sogar Werken gegen das sechste Gebot sein, oder viel häufiger noch gegen das achte, das mit der oft geübten üblen Nachrede zu tun hat. Solche Fluchten vor unseren Altlasten gelingen ja meist ganz gut. Aber manchmal geschieht es, daß wir plötzlich merken, wie Gott uns auf den Fersen ist und uns stellt. Aber nicht als ein gnadenloser "Big brother is watching you", sondern indem er etwas Neues mit uns anfangen will.

II.

Also: Wer ist Gott? Erste Antwort: Gott ist auf jeden Fall einer, der sich seine Leute nicht nach unseren bürgerlichen oder kirchlichen Maßstäben aussucht. Weniger geeignet, als es Mose war, kann auch keiner von uns sein! Mir wird, wenn ich darüber nachdenke, wieder einmal bewußt, wie sehr wir, wenn wir nach Menschen für Aufgaben und Ämter in der Gemeinde suchen, immer noch darauf fixiert sind, daß sie einem bestimmten, sehr bürgerlichen Bild von sog. "Kirchlichkeit" entsprechen. Wir wagen immer noch viel zu wenig, jemanden z.B. für das Amt des Ältesten zu gewinnen, der bisher nicht zur "Kerngemeinde" zählt, sondern vielleicht nur an Erntedank und Weihnachten in der Kirche erscheint. Er mag dann noch so viel Begabungen haben, die ihn für das Ältestenamt geeignet machen - er muß nach unserer Denke erst einmal "richtig kirchlich" werden, bevor wir ihn für geeignet halten. Da müssen wir noch viel lernen, hier unsere Scheuklappen abzulegen. Sonst werden wir immer weniger Menschen haben, die noch bereit sind, Verantwortung in unseren Gemeinden zu übernehmen.

Mit ist beim Nachdenken über Mose Dietrich Bonhoeffer eingefallen. Von seiner Lebensgeschichte, seinem persönlichen Zuschnitt her trägt er in mancher Hinsicht Züge von Mose. Ihm, dem Sohn eines durch und durch liberalen, groß- und bildungsbürgerlichen Elternhauses, in dem die sog. Preußischen Tugenden fast religiösen Rang hatten und wo man Kirche und Religion allenfalls mit freundlich-intellektueller Herablassung tolerierte, ihm war es wahrlich nicht an der Wiege gesungen, zum Unverständnis seiner Familie Theologe und Pfarrer, und also solcher ein so eindrucksvollen Gottesdenker zu werden, und schließlich auch ein einsamer politischer Verschwörer mit den Ziel des Tyrannenmords. -

Also noch einmal: Wer ist Gott? Auf jeden Fall keiner, der sich nach unseren Maßstäben richtet. Und darum ist auch keiner von uns heute hier vor seiner zupackenden und in Dienst nehmenden Art sicher. Keiner, nicht einmal der dunkelste Zeitgenosse ist durch Herkunft, Schicksal und Vorleben daran gehindert, von Gott gesucht und gefunden zu werden.

"Mose aber trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb." Der Hirte Mose weiß, daß am Sinai im Sommer die Steppe dürr wird. Dann muß man höher hinauf in die Berge, wo es in schattigen Tälern noch etwas Grün gibt. Mose sucht mitnichten eine heilige Stätte auf, sondern nichts als Grünfutter für die Tiere. Es ist Alltag, der Sonntag ist weit weg. Und da passiert's, wie es ja auch dem Fischer Simon Petrus passierte, mitten im Berufsalltag. Gott stellt ihn, weil er mit ihm, dem Mann mit Vergangenheit, für die Zukunft etwas vorhat.

III.

Mose sieht den Dornbusch, eine für die karge Vegetation der Wüste typisches, ärmliches Gewächs. Es brennt, und verbrennt doch nicht. Die gelehrten Ausleger überbieten sich geradezu in tiefsinnigen Deutungen dieses Phänomens. Für uns soll dabei nur wichtig sein, daß auch hier unsere Frage: Wer ist Gott? eine weitere Antwort findet. Es ist ein Gott, der sich für sein Feuer ein eher ungeeignetes Brennholz aussucht. Und die Flamme dieses Feuers verzehrt ihre Nahrung nicht, um dann noch etwas nachzuglühen und schließlich endgültig zu verlöschen. Hier brennt eine andere Flamme als das Feuer, das entsteht, wenn wir Steine gegeneinander reiben. Hier ist Gott selber anwesend als ein brennendes Geheimnis - wie ein rätselhafter Vorgriff auf das Pfingstwunder in Jerusalem.

Eine alte jüdische Auslegung sieht diesen Dornbusch als Gleichnis für das Volk Israel. Wir sind keine Juden, aber Teil des erweiterten Gottesvolks und können die Kirche Jesu Christi auch als Dornbusch ansehen, in dem die Flamme Jesu brennt, aber nicht verbrennt. Die Flamme dessen, der von sich sagte, er sei gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden. Und dieses Feuer brennt wirklich - allen Versuchen zum Trotz, es zu ersticken, an denen es im Lauf der Geschichte ja nie gefehlt hat. Diese feurige Flamme lebt nicht von dem Dornbusch, aber sie hat ihren Ort da. Liebe Gemeinde, ich finde das ein schönes Bild für die Kirche. Wir gleichen ja oft einem etwas eingetrockneten, stacheligen und wenig ansehnlichen Gewächs. Wir leiden darunter und unternehmen vieles, um es zu bewässern, damit es wieder blühender, attraktiver wird. Wir hätten den Dornbusch "Kirche" gern als farbenprächtigen, dicken Blumenstrauß, den die Leute bewundern. Aber in Wahrheit sind das ja nur Äußerlichkeiten. Zumal der Apostel Paulus ja festgestellt hat, daß wir in dieser Welt den Schatz des Evangeliums immer nur in irdenen, d.h. äußerlich unansehnlichen Gefäßen haben (2. Kor 4,7). Es ist völlig genug, daß Gottes Feuer in diesem Gefäß brennt. Und nach dem durchgreifendsten Versuch, dieses Feuer zu ersticken, damals auf Golgatha, sagt uns der Morgen seiner Auferstehung: dieses Feuer wird nie mehr ausgehen.

Das brennende Gottesgeheimnis ist mitten unter uns. Mose will es, wie es so unsere menschliche Art ist, analysieren und entschlüsseln. Aber seine Neugier wird nicht gestillt, sondern brüsk abgewehrt. "Tritt nicht herzu!", hört er erschrocken die Stimme aus dem Dornbusch sagen. Liebe Gemeinde, diese kurze Szene, die im Gesamten unserer Geschichte zunächst eher belanglos erscheint, gibt uns einen unüberhörbaren Hinweis darauf, wie sich Gott dagegen wehrt, daß wir ihn in den Griff bekommen. Keine noch so neugierige Wahrheitssuche, keine noch so beflissene Frömmigkeit, keine noch so tiefer Gedanke kann Gott auf einen griffigen Nenner bringen. Er ist und bleibt das große Geheimnis dieser Welt, das uns umtreibt und hoffentlich immer wieder in Unruhe hält. Wo Theologen oder Fromme meinen, allzu sicher über Gott und seine Wege Bescheid zu wissen, da kommen sie dem Dornbusch zu nahe und drohen sich böse Verbrennungen zu holen. Mir sagte mal jemand, den ich in einer schwierigen Lebensphase begleitete: "Ich weiß nicht, wohin Gott mich führt, aber ich spüre, daß er mich führt". Sehr oft muß das erst einmal genügen. Gott über die Schulter schauen, das können wir nicht.

IV.

Und jetzt wird die Frage: Wer ist Gott? noch bedrängender. Wenn er sich uns in dem Moment, wo wir ihn zu haben meinen, entzieht, heißt das dann, daß er immer der Unnahbare, Unberechenbare, Verborgene bleibt? Bleiben wir die ewig hoffnungslosen Gottsucher, von ihm selbst immer wieder ins Dunkel geworfen? Gleicht die Suche nach Gott einer Sisyphusarbeit? Was ist das für ein Gott? - Da haben wir an unserem Text etwas Weiteres, Grundlegendes zu entdecken: Wie die Bibel überhaupt, so antwortet auch unsere Geschichte auf die Frage nach Gott nicht mit allgemeinen, spekulativen Gedanken über Gottes Wesen "an sich", seine Eigenschaften, sondern indem sie davon erzählt, was er tut. "Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Schreien über ihre Unterdrücker habe ich gehört. Darum bin ich herniedergefahren, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu erretten und sie in ein schönes, weites Land zu führen, in dem Milch und Honig fließt."

Liebe Gemeinde, diese Worte sind Evangelium pur! Gott hört und sieht das Elend der Menschen. Obwohl er der in sich selbst Ewigreiche ist, hat er an sich selbst nicht genug, sondern er kommt zu uns in die Tiefe, er rettet und befreit. Merken wir, wo wir die ersehnten Gotteserfahrungen machen können? Merken wir, wie sich die Frage: Wer ist Gott? klammheimlich wandelt in die Frage: Wo ist Gott?, und wie mit einem Mal die Antwort an uns heran kommt? Überall dort ist Gott, wo Menschen nach Befreiung schreien, überall dort, wo Bedrängnisse und Ängste erlitten werden. So leuchten mitten in unserer Welt plötzlich die Erscheinungsorte Gottes auf, auch wenn wir mit unseren Augen keine Spur von einer so wundersamen Erscheinung wie dem brennenden Dornbusch wahrnehmen. Von Unfreiheit, Ängsten, Bedrängnissen ist unsere Welt randvoll. Dort haben wir Gott zu suchen, oder genauer gesagt: dort sucht und findet uns Gott. Liebe Schwestern und Brüder, diese Botschaft von Gottes Nähe in unseren Ängsten und Zwängen, die ist so unverbrauchbar wie der sich nicht verzehrende brennende Dornbusch. Wir können Gott noch so angestrengt suchen - wir finden ihn nur, weil er uns längst gesucht und gefunden hat. Deshalb nimmt er Mose, den mörderischen Außenseiter, in Dienst. Deshalb ruft er dich und mich. Vergebung der Sünden, "das Recht, ein anderer zu werden" (Dorothee Sölle): das ist Gottes großes Geschenk an uns.

Wenn es schon so ist, wie landauf, landab behauptet wird, daß in unseren Breitengraden das Christliche dramatisch wegbricht, so kapituliert Gott davor nicht. Das meint seine so rätselhaft anmutende Namensnennung am Ende dieser Geschichte: "Ich werde sein, der ich sein werde". Über diese eigenartige Selbstoffenbarung haben sich die Theologen aller Zeiten hochgelehrte Gedanken gemacht. Sie ist ja auch hintergründig. "Ich werde sein, der ich sein werde": uns soll jetzt daran gerade nur angehen, daß Gott hier seine Zusage gibt, sich durch nichts von diesem leidenschaftlich Interesse an unserem Leben und dieser morschen Welt abbringen zu lassen. Darüber wird Mose verwandelt. Und darüber sollen auch wir verwandelt werden. In einem Gedicht von Jochen Klepper über die Emmausgeschichte heißt es am Ende:

Der Herr, mit dem wir redeten und handelten,

der dort am Tische sitzt und uns den Kelch gesegnet,

und der so vielgestaltig uns begegnet:

Er blieb sich immer gleich - doch wir sind die Verwandelten.

Gott gebe, daß ein Funke des brennenden Dornbuschs, der doch nicht niederbrennt, auf uns überspringt und wir uns feuriger machen lassen für diesen befreienden Gott.

Amen.

Lieder: 70,1+3+4 / 47,1+5 / 368,1-4 / 379,1-3 / 644,1-3 / 70,6