Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf - Predigt über Markus 4, 26-29
Sexagesimae - 27.02.2011, Christus- u. Petruskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Rabbi Schmelke pflegte, damit sein Studieren nicht allzu lang unterbrochen werde, nicht anders als im Sitzen zu schlafen, den Kopf auf dem Arm und zwischen den Fingern eine brennende Kerze, die ihn wecken sollte, sobald seine Hand die Flamme berührte. Als sein Freund, Rabbi Eli Melech, ihn besuchte, bereitete er ihm ein Ruhebett und bewog ihn mit viel Überredung, sich für ein Weilchen darauf auszuruhen. Dann schloß und verhüllte er das Fenster. Rabbi Schmelke erwachte erst am hellen Morgen. Er merkte, wie lang er geschlafen hatte, aber seltsam, es reute ihn nicht, denn er empfand eine noch nie erlebte Klarheit. Er ging ins Bethaus und betete der Gemeinde vor, wie er es immer tat. Aber der Gemeinde war es, als hätte sie ihn noch nie gehört. Als er den Gesang vom Zug durchs Schilfmeer anstimmte, mußten sie den Saum ihrer Kleider raffen, daß sie die rechts und links bäumenden Wellen nicht netzten. Später sagte Schmelke zu Eli Melech: "Jetzt weiß ich, daß man Gott auch mit dem Schlaf und mit Nichtstun dienen kann!"

I.

Diese kleine Geschichte aus den von Martin Buber gesammelten "Erzählungen der Chassidim" habe ich, seit ich sie vor vielen Jahren las, nicht mehr vergessen. Auch darum, weil sie manchmal ein heftiger Widerhaken in meinem eigenen Pfarrerdasein ist. Ich glaube, daß heute viele, die sich in unserer Kirche engagieren, in dem Rabbi Schmelke sich ganz gut wiedererkennen können: Wie er von seiner Arbeit, von den Büchern nicht lassen kann und sich den nötigen Schlaf nicht gönnen will, weil er von einem ehernen Pflichtbewußtsein oder auch von schlechtem Gewissen gequält wird. Zwar schlafe ich nicht im Sitzen und habe auch keine Kerze zwischen den Fingern, aber manchmal fällt es mir auch unheimlich schwer, abends den PC runterzufahren und die Schreibtischlampe auszumachen, weil eine tyrannische Stimme mir einhämmert: wenn du dies und jenes jetzt nicht doch noch schnell erledigst, dann holt es dich morgen früh doppelt und dreifach ein! Komischerweise ist dieses Gefühl in den sog. "Streßzeiten", wo man den Schlaf besonders nötig hat, viel stärker als etwa im Urlaub, wo ich automatisch früher als sonst zu Bett gehe. Eigentlich sollte es umgekehrt sein. Aber das zeigt ja nur, wie unnatürlich es bei mir um das Verhältnis zwischen Tun und Lassen ist. Dieses angestrengte Nicht-loslassen-Können ist ja oft nur die Kehrseite eines Leerlaufs, der bestimmt ist von hektischem Aktivismus und Geschäftigkeit. Das Arbeiten des Rabbi Schmelke dreht sich im Kreis. Er selbst weiß es noch nicht, aber seine Gemeinde spürt es längst, und stöhnt unter ihrem furchtbar aktiven und doch ausgebrannten Rabbi.

Ich mag diese Geschichte aber erst recht wegen des Rabbi Eli Melech. Denn dem ist es gelungen, diesen fleißigen Leerlauf des Schmelke zu durchbrechen und ihn dazu zu bringen, sich einmal wirklich auf alle Viere zu begeben und auszuschlafen. Die Gemeinde kommt durch diese neue Erfahrung ihres Rabbi in Fahrt, "als hätte sie ihn noch nie gehört", so viel Klarheit und geistliche Präsenz geht plötzlich von ihm aus. -

Liebe Gemeinde, bestimmt haben Sie gemerkt, warum ich meine Predigt über dieses kleine, aber feine Gleichnis Jesu mit dieser Geschichte begonnen habe. Ich finde es eine Wohltat - in einer Welt, die nach der Devise "Zeit ist Geld" lebt und deren Zauberworte Beschleunigung, Intensivierung und Effektivierung heißen. Und in einer Kirche, in der Lebendigkeit oft damit gleichgesetzt wird, daß ständig irgendwas "läuft", in der Geschäftigkeit, "Events" und kurzlebige Aktionen und Kampagnen die leisen Töne, das konzentrierte Nachdenken über Gottes Wort, das keine Schlagzeilen liefert, verdrängen. Als Protestanten kennen wir unseren Luther, haben also gelernt, daß wir nicht durch unsere Werke, unsere Aktivitäten gerecht werden, Gottes Reich nicht von uns aus auf die Sprünge helfen können. Aber glauben wir's auch? Ich vermute, irgendwo steckt tief in uns die Versuchung drin, rund um die Uhr den Acker zu bestellen und dem Wachsen der Saat, dem wir nicht so recht trauen, nachzuhelfen. So in dem Sinn jenes kitschig-erbaulichen, aber schlicht falschen Spruches, der in den 80er Jahren inflationär umging und sogar kirchliche Urkunden zierte: "Christus hat keine Hände, nur unsere Hände..." Diese Haltung produziert viel kirchlichen Leerlauf und macht uns "Amtsträger" zu unausgeschlafenen, angestrengten Griesgramen. Eine gewisse zur Schau getragene Dauerbesorgtheit gehört in unseren Sitzungen und Gremien ja zum guten Ton. Kein Wunder, daß ein ökumenischer Beobachter unserer Kirche einmal feinsinnig festgestellt hat: "Wo zwei oder drei deutsche Protestanten beieinander sind, ist mitten unter ihnen - ein Problem".

In unserem Gleichnis wird da eine ganz andere, wohltuende Stimme laut. Sie sagt uns: Jesus hat mit seinem Leben und seinem Tod die Gottesherrschaft angekündigt und unwiderruflich eingeleitet. Diese Saat ist so gut, so hochwertig, daß die Ernte garantiert ist und unseres Zutuns nicht bedarf. Zwei Entdeckungen sind mir dabei wichtig.

II.

1. Gottes Herrschaft kommt ganz bestimmt. Und zwar so, daß wir es nicht kontrollieren können. - Seit Jesus gekommen ist, ist Gottes Reich im Kommen. Seine Worte und Taten sind die Saatkörner, die in den verkarsteten Acker dieser Welt eingesät worden sind. Seit Jesus die Sanftmütigen, die Friedenstäter und die nach Gerechtigkeit Hungernden selig gepriesen, seit er zur Feindesliebe und zur schrankenlosen Vergebung ermutigt hat, seit er Menschen für wichtiger erklärt hat als alle heiligen Ordnungen, seit er das Elend der Menschen in seinen tausend Gestalten angriff, seit er unsere Gottesferne auf sich nahm, indem er sich selbst in die totale Gottverlassenheit hat stoßen lassen: seitdem all das geschehen ist, ist unsere Welt nicht mehr die alte. Seither ist auf dem Acker der Welt eine Saat erfolgt, die oft kaum zu sehen ist, die aber nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. An anderer Stelle sagt Jesus einmal: "Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! Oder: da!" Es entzieht sich unserem Kontrollieren und Programmieren.

Die Saat jedenfalls geht auf. Sie geht auf in den Herzen von Menschen, die sich von Gottes Sache haben packen lassen. Von denen Wirkungen ausgehen, die die Welt real verändern - leise, ohne Medienlärm, mit keiner Statistik auszuwerten. Da ist einer voller Liebe und Zuwendung zu seiner chronisch kranken Frau und macht zu seiner Berufsarbeit noch die Hausarbeit dazu, ohne verdrossenes Gesicht. Da opfern berufstätige Eltern ihre kostbare Ferienzeit, um mit einer Horde Kinder eine Sommerfreizeit zu veranstalten. Da gibt eine vielbeschäftigte Frau einen Großteil ihrer Freizeit dran, um Asylbewerbern, die von Ausweisung bedroht sind, zu helfen. Da opfert eine Kirchenälteste mehrere Abende in der gefüllten Vorweihnachtszeit, um mit Konfis einen Baumstamm in Krippenfiguren für die Kirche zu verwandeln. Nur ein paar Beispiele unter vielen, die mir in mehreren Gemeinden begegnet sind. Keine "großen" Sachen, über die die Zeitung schriebe. Aber sie geben mühseligen und beladenen Existenzen ein Stück Würde, und so bewegen sie die Welt vielleicht mehr als manche angeblich weltbewegende Evangelisationen oder kirchliche Imagekampagnen. In diesen unscheinbaren Aktivitäten wird in Umrissen Gottes Herrschaft sichtbar, geht die Saat auf, die Jesus gestreut hat.

Liebe Gemeinde, was da täglich geschieht an ganz unmittelbaren Taten der Liebe und Solidarität, die keine Schlagzeilen hergeben, das ist wunderbar. Man müßte nur Augen haben, das alles wahrzunehmen! Auch wenn die Umwelt dem wenig Aufmerksamkeit schenkt, die Saat wächst. Unabhängig davon. Es ist eben ein Geheimnis mit dem Kommen der Gottesherrschaft. Wir können es ebenso wenig erklären und kontrollieren wie den Vorgang, der sich im Erdboden abspielt, wenn ein Saatkorn keimt und den Halm hervorbringt. Was da genau passiert sein mag - ob da ein Bibelwort auf einmal getroffen hat, ob der Eindruck eines anderen Christen gewirkt hat oder einfach die überwältigende Erfahrung, von jemand anderem unbedingt geliebt zu werden - wer will das kontrollieren? Entscheidend ist, daß es geschieht, immer wieder.

2. Gottes Herrschaft kommt ganz bestimmt. Und zwar so, daß wir nichts dazu beizutragen haben. - Das ist die Pointe dieses Gleichnisses: Gottes Reich kommt nicht durch unser Nachhelfen und Drängeln zustande. In der Welt ist alles Mögliche realisierbar, programmierbar - Gottes Reich ist es nicht. Jesus sagt von dem Sämann: Nachdem er die Saat ausgeworfen hat, überläßt er sie sich selbst. Er zupft nicht an den Halmen, er probiert's nicht mit Brennglas und Bewässerungsanlage. Er weiß: es ist dafür gesorgt, daß die Saat aufgeht und wächst. Dafür muß ich nicht auch noch aufkommen. Weil wir fest darauf bauen können: aus dem Samen von Gottes Wort, das wir verkünden, da wird was draus. Hier ist eine andere Aktivität im Spiel. "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, / doch Wachstum und Gedeihen liegt in den Himmels Hand: / der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf / und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf" (EG 508,1). Mit anderen Worten: Unmögliches wird mir nicht zugemutet. Wir dürfen also ruhigen Gewissens uns auch schlafen legen, auch mal lang und ausgiebig, wie der Rabbi Schmelke. Denn ein gesunder Schlaf gehört zum Leben wie das tägliche Brot. Ein rechter Christ muß nicht ständig angestrengt wach sein, sondern betet um einen gesegneten Schlaf: "Verschon uns, Gott, mit Strafen, und laß uns ruhig schlafen, und unsern kranken Nachbarn auch".

III.

Heißt das nun, daß uns Jesus damit zur Untätigkeit verlocken will? Oder vielleicht dazu, es mit unserem Tun nicht so ernst und korrekt zu nehmen, ruhig auch mal von anderen abzukupfern und ein Plagiat herzustellen? Gottes Herrschaft kommt "automatisch": dieses provozierend klingende Wort steht hier im griechischen Urtext. Also von selbst, unabhängig davon, was wir so veranstalten. Warum dann aber noch Mission, warum unser dauerndes Bemühen, Mitarbeiter zu gewinnen? Nun, Jesus hat ansonsten ja sehr dazu aufgerufen, tätig zu sein - solange es Tag ist. Und der Sämann ist ja auch nicht einfach ausgeschaltet. Er schläft, aber er steht dann auch wieder auf, "Nacht und Tag", wie es hier heißt. Er tut also durchaus das Seine. Aber eben, das Seine - nicht mehr! Er hat Zeit zum Atemholen und Kraftschöpfen. Wir haben eben nicht Gottes Arbeit zu besorgen, also nicht für den Ertrag der Saat aufzukommen. Es ist schon wahr, manchmal kann einen die Tiefe unserer Haushaltslöcher auch um den Schlaf bringen wie den Rabbi Schmelke. Aber wir dürfen das alles nicht zum Dreh- und Angelpunkt unseres Kircheseins machen. Also weg von dem beklommenen Starren auf Menschen- und Geldzahlen! Starren macht eben starr. Gott sorgt für seine Sache - und er ist kein Dilettant.

Eine Gemeinde, die dieses Gleichnis verstanden hat, ist durchaus nicht zur Passivität, zur Untätigkeit verurteilt. Sie ist vielmehr aufgerufen, an die von Jesus selbst ausgestreute Saat immer wieder zu erinnern, und das heißt v.a.: dem Wachsen dieser Saat ihrerseits nicht im Weg zu stehen. Aber sie entfaltet ihre Aktivität nicht, damit Gottes Reich kommt, sondern weil es kommt. Sie darf sich durch die Aufgeregtheit unserer Zeit nicht verleiten lassen, selber Wind und Betrieb zu machen. Passen wir auf, daß die Kirche nicht zu einem konturlosen Gemischtwarenladen wird, und wir Pastoren zu umtriebigen Hansdampfen, dauernd auf Trab, aber ohne innere Ruhe und mit vertrockneter geistlicher Substanz. Deshalb brauchen wir auch den "Kirchenschlaf". Nicht den trügerischen Schlaf der Sicherheit - den haben wir bei uns in Deutschland, z.B. im trägen Vertrauen auf den nie nachlassenden Fluß der Kirchensteuern, viel zu lange geschlafen. Sondern den Schlaf der unaufgeregten Gelassenheit, in dem der Herr es seinen Freunden schenkt, wie es im 127. Psalm heißt.

Liebe Schwestern und Brüder, zum Schluß einer Predigt über dieses Gleichnis kann man nur Martin Luther das Wort geben, mit einer seiner tröstlichsten Aussagen:

"Wir sind's doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten, unsere Vorfahren sind's auch nicht gewesen und unsere Nachkommen werden's auch nicht sein, sondern der ist's gewesen, ist's noch und wird's sein, der da spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Unsere Kirche, jedenfalls in ihrer überkommenen äußeren Gestalt als Volkskirche, als flächendeckender religiöser Dienstleister mit zahllosen Gebäuden, mit Beamtenbesoldung für die PfarrerInnen und TVÖD für die Angestellten - das alles ist gewiß nicht für die Ewigkeit gemacht. Das mag irgendwann seine Zeit gehabt haben und dahingehen. Gottes Reich aber kommt.

Amen.