Predigt am 9.1.2011 - 1.Sonntag nach Epiphanias - an der Christuskirche, Freiburg
Matthäus 4, 12-17: Ein Rückzieher mit Wirkung


Kanzelgruß:

Die Gnade des Herrn Jesus,

der für uns Mensch geworden ist,

sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,

Das war's dann wohl mit Weihnachten und Lichterglanz

Wie ernüchternd ist die Rückkehr in den Alltag nach dem Fest. Die Wohnung wirkt nackt ohne den Weihnachtsbaum. Andererseits hat er auch Platz eingenommen, den wir selbst ganz gut füllen können. Schokoengel und Weihnachtsmänner haben uns mehr Gewicht verliehen. Ansonsten bleibt vieles beim Alten - auch die Gewaltbereitschaft. Erst gestern hat uns die Nachricht von dem brutalen Anschlag auf eine US-Kongressabgeordnete während einer politischen Veranstaltung vor einem Supermarkt in Arizona erreicht. Sechs Leute wurden dabei getötet, mehrere verletzt. Sogar Gottesdienste mussten in den letzten Tagen unter Polizeischutz gefeiert werden. Können wir uns das vorstellen, was für die koptischen Gemeinden am vergangenen Donnerstag Realität wurde? Angst vor Terroranschlägen und Bombenattacken wie sie sich in Ägypten ereigneten überschattete ihr Weihnachtsfest am 6.Januar, das Fest der Menschwerdung Gottes, des Kindes in der Krippe, das in dieser Welt erschienen ist. Epiphanie bedeutet Erscheinung. Doch anstatt in Frieden unter dem Stern, der hell aufleuchtete, zu leben, sitzen wir wieder im Dunkel der Intoleranz und Gewaltherrlichkeit.

Für manch einen innerhalb unserer Gemeinde, war diese Weihnacht auf ähnlich bedrückende Weise eine Zeit der Heimsuchung. Unerwartete Krankheit oder ein anderes familienerschütterndes Ereignis, ja sogar Tod ließen Ihnen kaum eine Chance, Festtagsstimmung aufkommen zu lassen. Die Worte, die der Dichter T.S. Eliot einem der drei Weisen in seinem Gedicht die Reise aus dem Morgenland in den Mund legt, beschreiben es treffend, wo sie sich befinden:

"Wohl einen kalten Anweg hatten wir,
War grad die schlimmste Zeit im Jahr
Für eine Reise, eine so lange Reise:
Die Wege tief, das Wetter harsch,
Mitten im ärgsten Winter."

Unter dem Strich fragen nicht nur sie sich, was bleibt, von der Hoffnung, die am Heiligen Abend aller Welt verkündigt wurde.

"All das liegt weit zurück, ich erinnere mich.

Und würd es wieder tun, doch schreibt

Dies schreibt nieder

Wurden wir den weiten Weg geführt
Zu Tod oder Geburt? …

Diese Geburt war uns

Ein harter, bittrer Heimgang, so wie ein Tod, wie unser Tod."

Nur Matthäus berichtet uns von der Hommage der drei Weisen und ihrem Rückzug in das Heimatland auf einem anderen Weg - was hatten sie sich von Ihrem Unternehmen denn versprochen? Immerhin waren sie von Berufswegen Sterndeuter. Wahrheitssucher also. Sie hatten sich einst aufgemacht, um einem Stern zu folgen, einem klaren Hoffnungsschimmer, der Großes zu enthüllen versprach. So wollten sie entdecken, wo Gott zu finden ist inmitten der Widersprüchlichkeiten unseres Lebens, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, zwischen Liebeserklärungen und Schreckensbotschaften.

Es ist ja alles schon da gewesen. Gleich am Anfang. Geburt und Tod reichen einander die Hände auch in der Weihnachtsgeschichte. Nichts wird ausgeblendet. Nichts, was uns an Heil und Unheil ereilen kann. Auch wenn es schwer für uns auszuhalten ist. Matthäus stellte sich mit seinem Geburtsbericht nicht abseits jeglicher Realitäten. Er schreibt über den Kniefall der Weisen vor dem Baby genauso ernst wie über ihre vorausgegangene Audienz bei dem listigen und intriganten Machthaber Herodes. Er scheut sich auch nicht, das Bild der Metzelei nachzuzeichnen, die Herodes unter den unschuldigen Kindern angerichtet haben soll. So hätten wir uns Weihnachten nicht vorgestellt. Dabei hat uns weder das erste, das wir auch das Alte Testament nennen, noch das Evangelium, das daraus folgt, einen Rosengarten versprochen. Gerade mal eine Rose ist entsprungen, wie wir hier noch zur Christvesper gesungen haben. Nicht genug, um sich darauf zu betten.

Der Anbruch einer neuen Zeit

Martin Luther, in seiner Weisheit, wollte den 25.Dezember zum Neujahrstag erklären. Für ihn sollte mit der Geburt des Heilands der Anbruch einer neuen Zeit markiert werden. Nicht einmal innerkirchlich setzte sich Luther hier durch und auch wir werden die Zeitrechnung nicht mehr ändern. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Nicht vor Weihnachten und nicht vor die Anschläge in Alexandria und alle Katastrophen, die noch andauern.

In eine unheilvolle Situation hinein, damals wie heute, ist uns der Predigttext für diesen letzten Tag in der Weihnachtszeit gegeben. Viele Jahre waren gefolgt auf die eine Sternstunde der Geburt Jesu. Lange hatte man nichts Weiteres von ihm gehört. Was sich nun ereignet, lässt nichts Gutes ahnen. Johannes, der für Jesus warb, wird mundtot gemacht. Politische Repression war an der Tagesordnung. Im Matthäusevangelium lesen wir dazu:

Matthäus 4, 12-17

12 Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Liebe Gemeinde,

Licht und Buße

was sollen wir von diesem Text halten? Er verspricht ein Lichtzeichen und endet mit Buße. Das war's dann wohl auch bei Matthäus mit Weihnachten. Luther selbst flüsterte uns doch diesen tröstlichen Rat zu als wir an der Krippe standen: "Sieh nicht an, daß du ein armer Sünder bist, sonst wäre lauter Traurigkeit da, sondern sieh Christum an, der sich nicht darum bekümmert, wie schändlich er von seinen Verwandten empfangen wird, daß er so elend ist, daß er hier in einem stinkenden Stall bleiben muß."

Das Anliegen eines Christen ist es also, auf dieses Kind zu blicken und das Licht, das uns von ihm her strahlt. Wie Luther es empfiehlt.

Es steckt Weisheit in dem Rat. Denn jede Selbstbeschäftigung, wenn sie bei sich bleibt, läuft Gefahr in falsche Selbstliebe abzugleiten, wie sie einst der Jüngling Narziss pflegte. Es macht keinen großen Unterschied, ob wir uns in unsere guten Taten oder unsere Sünden verlieben. Beide Male sehnen wir uns nach Bewunderung, weil wir uns selbst gering schätzen und schweifen von Gott ab. Denn der uns im Kind nahe kommt, trägt uns nicht auf, uns ausschließlich mit uns selbst zu beschäftigen. Das Heil ist uns nahe gekommen. Doch anstatt uns auf die Suche nach Versöhnung zu machen, legen wir mit unseren gut gemeinten Neujahrsresolutionen alles hinein, Schmiede unseres eigenen Glücks zu werden.

Kein Wunder also ist unter uns gefragt.

Wir machen alles selbst. Der größte Verkauf von Selbsthilfebüchern findet ja bekanntlich jedes Jahr gegen Ende Dezember und während der ersten Tage im Januar statt. Das ist sicher kein Zufall. Der Eintritt ins Neue Jahr kommt uns gelegen in unseren Bemühungen, ein Blatt in unserem Leben zu wenden. Alte Laster abzulegen, sich aus unheilsame Beziehungen auszulösen, noch einmal von vorne anfangen, auf einem unbeschriebenen Blatt. Das wäre schön. Die Bücher sparen nicht mit gutem Rat, wie das geschehen kann. Sie wollen uns helfen, ein neues Verhalten einzuüben. Und das ist in vielen Fällen auch nötig. Doch die besten Intentionen und Bücher, die wir kaufen, die guten Ratschläge, die wir annehmen, lenken unsere Aufmerksamkeit überwiegend auf unsere Defizite und nicht auf das, was Gott uns zu bieten hat. Konsequenterweise richten wir unsere ganze Kraft in unserer Zukunft darauf, unsere Mängel auszugleichen. Doch woher nehmen wir den Maßstab. Gerade in kritischen Zeiten sollte unser Augenmerk darauf gelenkt sein, was Gott uns anvertraut an Gaben und Aufgaben, das geht nicht ohne etwas aufzugeben. Unsere Eigenwilligkeit. Herodes glaubte, Johannes ein Schnippchen schlagen zu können, indem er ihn wegsperrte. Wir handeln oft als könnten wir Gott wegsperren.

Gerade dann geschieht, was Matthäus schreibt: Gott zieht sich in die dunklen Ecken zurück, der Weltpolitik wie auch unseres Lebens. Er interessiert sich für uns. Die gebrochenen Versprechen, die Gewalt, die wir uns und anderen antun, die Angst, die wir verbreiten und den Druck, den wir auf uns und andere ausüben, sie schrecken ihn nicht von uns ab. Er weiß darum. Wissen wir es? Oder machen wir uns etwas vor. Glauben wir nicht doch in einem tiefen Winkel unseres Herzens, dass die anderen verbesserungswürdig sind und uns die Gnade zufällt, das zu erkennen?

Im Matthäusevangelium heißt es, Jesus habe sich in der kritischen Zeit im hintersten Winkel der Welt so geäußert: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!"

Tut Buße - das ist eine Praxis, die wahrhaftig aus der Mode gekommen ist, der Begriff selbst mutet altmodisch an. Dahinter verbirgt sich das griechische Wort μετανοεῖn: seinen Sinn ändern / umkehren. Kehrt um! Das sagt man Menschen, die sich auf dem Holzweg befinden. Sie laufen in die falsche Richtung. Hier warnt einer: geht zurück, dorthin, woher ihr gekommen seid, zu dem, der euch geschaffen hat.

Kehrt um! - was soll diese Botschaft am Anfang des Neuen Jahres. Wir sind ja gerade erst im Begriff, unsere Arbeit wieder aufzunehmen. Die Schulen öffnen erst morgen wieder ihre Pforten. Noch hatte niemand von uns viel Zeit, Fehler zu machen.

Buße tun, umkehren, das tun wir in jedem Gottesdienst gleich am Anfang im ersten Gebet, das auch Bußgebet heißt. Gleich im Eingangsteil des Gottesdienstes wird uns hier die Chance gegeben, von unserem falschen Streben abzulassen. Wir gestehen uns selbst ein: Wir müssen Gott nichts gleichtun. Wir kommen nicht als Helden oder Gerechte vor ihn. Das ist nicht unsere Berufung. Sondern wir treten als Menschen vor Gott. Wenn wir das Kyrie rufen, bekennen wir uns zu unserem Menschsein. Gott ist Herr. Gott will es uns gleichtun, wird Mensch. Weil er unsere Menschheit, unsere Geschöpflichkeit bejaht, können wir es. Wir müssen nicht zu Göttern werden, bevor wir mit Gott ins Gespräch kommen können. Dieser Weg führt ins Nichts. Gott hat nichts mit unseren Selbstüberforderungen und Selbstkasteiungen zu tun.

Ein Rückzieher mit Wirkung

"Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe gekommen!", das ist zuerst einmal ein Rückschritt. Hier wende ich mich meinen Zielen ab, um das zu entdecken, was Gott vor mich legt. Für Jesus war es der Gang in die Einöde - jede Werbeagentur hätte ihm davon abgeraten. So beginnt man nicht seinen großen Auftritt. Gute Öffentlichkeitsarbeit erregt Aufmerksamkeit bei denen, die das Sagen haben. Klinken putzen, um Einfluss zu erlangen, das ist nicht die Strategie eines Jesus aus Nazareth. Der Zweck heiligt bei ihm die Mittel nicht. Jesus ruft Menschen in Gemeinschaft miteinander und so mit Gott. Wo Gemeinschaft stattfinden soll, kann nicht einer den anderen ausspielen oder übervorteilen wollen.

Gemeindeleben heißt immer auch sich darauf besinnen, was Gott vor uns legt. "Denn nahe gekommen ist das Himmelreich." Das ist die Einladung an uns, dem nachzuspüren. Lange Zeit haben wir das Wort Mission mit der Vorstellung verbunden, dass Menschen aus Europa sich aufmachen in die Welt, um ihren Glauben anderen mitzuteilen. Lange Zeit haben wir Caritas und Diakonie damit verbunden, Gutes anderen zukommen zu lassen.

Doch mit dem Erscheinen Jesu in unserer Welt, belehrt uns Gott eines anderen. Er verbindet das Wort Mission mit seinem Kommen mitten unter uns. Caritas, Liebe zum Nächsten, und Diakonie, Dienst, das bedeutet nicht mehr "für" andere etwas tun. So hat es sich im Mittelalter eingebürgert. Armenpflege bedeutete damals, wer reich ist, der sorgt für andere. Im vergangenen Jahrhundert haben uns die Armen, die der weltweiten Kirche angehören, dass es nicht darum geht, dass Reiche etwas für sie tun. Als ließe sich so eindeutig sagen, wer arm, wer reich ist. Johannes Chrysostomos, Goldmund genannt, der alte Kirchenvater, deckte diesen Trugschluss schon im 4.Jahrhundert auf: "Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht - arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer viel begehrt." In seinen Gemeindepredigten zum Matthäusevangelium forderte er dazu auf: " Jeder soll nämlich das, was er besitzt, sei es Weisheit oder Gewalt oder Reichtum oder sonst etwas, zum allgemeinen Wohle verwenden, nicht aber zum Nachteile seiner Mitmenschen oder zum eigenen Verderben". Wer also hat wem etwas zu geben? Vielleicht ist es auch für unsere reichen Kirchen in Europa an der Zeit von den materiell schwächer gestellten Kirchen außerhalb unseres Kontinents zu empfangen.

Umkehr im radikalen Sinn bedeutet immer Mitteilhabe

In der Frage sozialer Gerechtigkeit empfahl der Kirchenvater den Verzicht auf Privateigentum. Kein Wunder, dass er sich nicht gut mit der Kaiserin verstand. Vermögen, gleich ob durch eigene Arbeit angesammelt oder ererbt, gehörte für ihn von vornherein den Armen. Angesichts des Reiches Gottes, dem Raum, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen, werden wir alle zu Miteigentümern. Jeder Einsatz, der sich darum bemüht, die bestehende Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufzuheben, kann nicht einseitig vollzogen werden. Hilfsbedürftig, umkehrbedürftig sind wir alle. Buße tun meint hier, mich vom anderen verändern zu lassen. So lautet der Auftrag an die Kirche nicht Kirche für andere zu sein und sie damit als Objekte zu behandeln, sondern Kirche ist nach dem Modell Gottes gefragt, mit anderen zu sein und so die herrschenden Verhältnisse und sich in Frage stellen zu lassen. Das ist viel gefährlicher als alles andere.

Kehrt um - mit diesem Ruf lädt Jesus uns ein, unsere Beziehung mit Gott zu erneuern. Und das nicht auf eine verinnerlichende Weise. Sondern ganz konkret, indem wir unsere Zukunft offen lassen für seine Intervention. Umkehr bedeutet gerade dies, unser Leben auf Gott hin zu reflektieren. Aus dem Schatz der methodistischen Kirche ist uns ein altes Gebet überliefert, das diesen Rückschritt auf Gott hin skizziert. Es wird dort in den Gemeinden weltweit vor allem zu Jahresbeginn, zur Erinnerung der Taufe, während des Gottesdienstes gesprochen:

"Ich gehöre nicht mehr mir, sondern Dir.

Stelle mich, wohin Du willst!

Stelle mich, zu wem Du willst!

Lass mich wirken, lass mich dulden!

Brauche mich für Dich, oder stelle mich für Dich beiseite!

Erhöhe mich für Dich, erniedrige mich für Dich!

Lass mich alles haben, lass mich nichts haben!

In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles Deinem Willen und Wohlgefallen.

Herrlicher und erhabener Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist: Du bist mein und ich bin Dein. So soll es sein. Bestätige im Himmel den Bund, der jetzt auf Erden neu geschlossen wurde!"

So, liebe Gemeinde, kann Weihnachten werden. Amen.