Der vorübergehende Gott - Predigt über 2. Mose 33, 12-23
2. Sonntag n. Ep. - 16.01.2011, Petrus- u. Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

In dieser Woche werden die Menschen in unserer Stadt im Kino oder im Fernsehen weit über 100 Filme ansehen können. Mordfälle, Liebesgeschichten, Abenteuer im Wilden Westen oder im Weltraum, Historienfilme, Beziehungskomödien, Pornobilder. Aber "Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen". - In dieser Woche wird an den 11 Fakultäten unserer Universität die Forschungsarbeit weitergehen. Eine Handschrift entziffern. Ein Kunstwerk interpretieren. Eine Diagnose stellen. Atomare Strukturen, genetische Codes entschlüsseln. Aber "Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen". - In dieser Woche werden Menschen einen Fremden, der an der Tür geklingelt hat, mißtrauisch beäugen. Frauen und Männer, die sich nicht kennen, werden einander erwartungsvoll mustern. Einige werde alte Fotos anschauen. Andere werden Zukunftsträume entwerfen. Aber "Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen".

Was suchen wir Menschen mit unseren Blicken? Wir wollen heil durchs Leben kommen. Wir brauchen Objekte für unsere Ängste und Sehnsüchte, für unsere Leidenschaften und Triebe. Wir wollen abgelenkt werden von unseren Alltagssorgen. Wir wollen Neues entdecken und Altes besser verstehen. Was suchen wir unser ganzes Leben lang - mit den hellen, neugierigen Augen des Kindes, mit den matten, müden Augen des Alters? "Laß mich deine Herrlichkeit sehen".

Hinter dem Suchen unserer Augen steckt im Tiefsten die Sehnsucht nach dem Klaren, Einfachen, Unbedingten. Und der Urgrund dieser Sehnsucht ist die Suche nach dem, was uns unbedingt angeht, was die Welt im Innersten zusammenhält - nach Gott. Sie steckt in jedem Menschen drin. Auch in denen, die sich als Atheisten bezeichnen. "Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt. Dieses wahnwitzige, dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott selbst - das kann doch kein Mensch mehr aushalten" - notiert der junge, hochbegabte Theologe Dietrich Bonhoeffer. Das ist, wenn wir ehrlich sind, auch unsere Erfahrung. Auch wenn wir es sehr gut verstehen, diese Bedrängnis im Getriebe unseres Alltags immer wieder zu sedieren wie mit einem Schmerzmittel. Aber von Zeit zu Zeit holt sie uns ein.

I.

Und nun ist es das Aufregende, daß diese Sehnsucht nicht nur die von uns Durchschnittschristen im 21. Jahrhundert ist, sondern daß sie auch in Mose brennt. Also der Verkörperung des frommen Glaubenszeugen. Ja, sie geht in ihrer Unbedingtheit über unser Fragen und Suchen nach Gott weit hinaus. Unser Text spielt sich einem Schicksalsmoment in der noch jungen Geschichte des Gottesvolks ab. Im Kapitel unmittelbar davor vollzieht sich ein erster herber Einschnitt im Verhältnis Israels mit seinem Gott: die Anbetung des goldenen Stierbilds. Diesen Akt nur als einen undankbaren Rückfall in überwunden geglaubte heidnische Bräuche zu sehen greift zu kurz. Denn im Grunde offenbart sich in diesem Vorgang eine fast moderne Haltung: das "Goldene Kalb" ist eine Verzweiflungstat von ziellos in der Wüste umher irrenden Menschen, die auf ihre Weise an der Unsichtbarkeit Gottes leiden und der Glanzlosigkeit und Verborgenheit der Gottheit etwas Sinnliches, ein sichtbares, glänzendes Heiligtum entgegensetzen möchten. "Ich glaube nur, was ich sehe": dieses Dogma unserer Zeit war auch damals schon sehr plausibel. Moses Reaktion auf diese Verzweiflungstat ist genauso verzweifelt. Fassungslos zerstört er die Gesetzestafeln, die er gerade erst von Gott diktiert bekommen hatte. Alles scheint bis auf die Grundfesten erschüttert. Die Unsichtbarkeit Gottes, sie droht Israel kaputt zu machen, und sie setzt auch Mose hart zu.

Das ist die Kulisse, vor der wir in unserem Text Zeugen eines sehr eigenartigen Zwiegesprächs zwischen Mose und seinem Gott werden. Es ist ein höchst intimes Gespräch, und doch kein Privatgespräch. Wir kommen auch darin vor, weil es darin nämlich um das Volk Gottes geht. Es geht darum, wie es weitergehen soll. Ob und wie Gottes Volk in das verheißene Land, also ans Ziel kommen wird. Die Kirche hat die Wanderung der Kinder Israel durch die Wüste immer als tiefes Bild für ihre eigenen Wege und Umwege durch die Weltzeit verstanden.

Und Mose will ganz hoch hinaus. Er hat Gottes Gnade erfahren. Er hat von Gott persönlich dessen Namen offenbart bekommen: Jahwe, zu deutsch "Ich bin, der ich bin". Er hat mit den Geboten die Grundlage für ein gelingendes Leben miteinander erhalten. Aber er will mehr. Nun will er das, was wir Menschen mit unseren unruhigen, sehnsuchtsvollen, angsterfüllten Blicken überall suchen. Er will Gottes Herrlichkeit und Heiligkeit, Gottes Glanz und Schönheit sehen. Mit Paulus gesprochen: er will Gott "von Angesicht zu Angesicht" (1. Kor 13,12) schauen. "Laß mich deine Herrlichkeit sehen": Zeig dich nicht nur in indirekter Weise, die unserem Kopf, unserem Verstehen so viel zumutet, nicht nur in der Wolke oder im Feuer, nicht nur im Spiegelbild und in Rätseln. Komm endlich heraus aus deiner Verhüllung! Zeige dich in deiner Macht, als Herr der Herrlichkeit, damit jeder Mensch, jedes Volk dich als den Herrn sehen und anerkennen muß, damit endlich die Zweifel und Fragen ein Ende haben. Mach deine Göttlichkeit sichtbar bei deiner Kirche, in deiner Welt! Spüren Sie, wie nah die ferne Sehnsucht des Mose auch uns ist?

II.

Und Gott reagiert. Anders freilich, als Mose es sich erhofft hat, anders auch, als wir es wohl gerne hätten. "Ja, ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorüberziehen lassen". Gottes Wirklichkeit ist nach Meinung der Bibel nicht nur ein Glaubensgegenstand. Sie wird nicht nur in alten Texten überliefert und in modernen Worten behauptet. Sie wird uns auch nicht nur durch Gedanken oder vielleicht durch Gefühle vermittelt. Nein, die Wirklichkeit Gottes kann Menschen sinnlich erfahrbar werden. In unserem ungeheuer tiefsinnigen, vielschichtigen Text geht es um die Voraussetzungen und Bedingungen, aber auch um die Einschränkungen, unter denen der Wunsch des Mose, die Sehnsucht der Menschen erfüllt werden können.

Gott lehnt Moses schwindelerregenden Wunsch ja keineswegs rundweg ab, er sieht ihn nicht als Majestätsbeleidigung seiner Göttlichkeit an. "Ja, ich will vor dir kundtun den Namen des Herrn: wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich". Gott offenbart etwas von seiner Herrlichkeit, aber anders als gedacht: indem er seinen Namen bekannt gibt. Mose will etwas zum Sehen - und er bekommt (zunächst) etwas zum Hören. Ein Wort, in dem Gott sich selbst bezeichnet und damit gibt. Ein Name ist ja viel mehr als ein bloßes Etikett. Erst durch einen Namen werde ich von einem anonymen Geschöpf zu einer konkreten Person. Nenne ich jemand meinen Namen, dann kann er mich in Anspruch nehmen, mich ausfindig, im Bedarfsfall sogar haftbar machen. Erst wenn ich meinen Namen angebe, kann ich Bindungen eingehen.

All das liegt in der überraschenden Antwort Gottes an Mose. Ja, das ist seine Herrlichkeit - anders zwar als erwartet, aber eben darin besteht sie. Gott legt sich Mose und seinem Volk gegenüber fest, er macht sich anrufbar, haftbar, indem er Mose zeigt: du hast es nicht mit einer anonymen, namenlosen Nacht zu tun! Ich bin Jahwe, ich habe euch aus Ägypten herausgeholt, durchs Meer gerettet, am Sinai mit euch mich verbündet. Du kannst mich nicht sehen mit dem natürlichen Augenlicht - aber ich bin der Gott, mit dem ihr schon so viel erlebt habt. Sichtbar bin ich euch nicht - noch nicht. Aber ich bin der Eure. Reicht dir das noch nicht?

III.

Liebe Gemeinde, darin liegt etwas Grundsätzliches. Gott wahrnehmen ist nicht das Ergebnis einer Methode. Gottes Herrlichkeit kann man nicht einschalten wie ein Computerprogramm. Wer Gott wirklich erfahren, ja vielleicht sogar auf eine bestimmte Art ihn "sehen" will, der wird sich jahrelang darauf einstellen müssen. Und sollte es je einmal zu einer Art Erfüllung dieser Sehnsucht kommen, so wird dieser Augenblick doch nicht die Folge seines Bemühens sein. Wenn ein Mensch durch alle irdische Realität hindurch ein Stück der Herrlichkeit Gottes sehen darf, dann hat ihn Gottes Gnade ergriffen. Ein solcher unfaßbarer Augen-Blick erfaßt einen Menschen, wenn überhaupt, vielleicht nur ein- oder zweimal in seinem Leben.

Und auch dies ist keineswegs erwartbar, sondern all unserer Verfügung entzogen. "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht". Gottes Herrlichkeit, sagte ich, ist nichts, was man mit irgendeiner Methode erfassen kann. Aber Gott ist eben auch nicht einfach eine Person wie Du und ich, der man wie einem Gegenüber begegnen kann. Gottes Angesicht ist heilig. Diesen Anblick - und das ist etwas, was allen großen Religionen gemein ist - überleben wir Menschen nicht. Weil er zu schrecklich ist? Oder umgekehrt zu schön? Weil uns seine Leuchtkraft vernichtet? Wir wissen es nicht. Es gibt in uns nur ein ganz intuitives Empfinden, daß bei aller Sehnsucht nach unmittelbarer Gottesschau diese unter den Bedingungen dieser irdischen Welt eine Art Tabu darstellt. Daß Gottes Wirklichkeit hinter den irdischen Realitäten in der Regel verborgen bleibt, ist eigentlich eine gnädige Voraussetzung dafür, daß wir leben können.

So gibt es eben nicht nur unsere Sehnsucht nach dem von Gott geschützten Raum. Es gibt auch den vor Gott geschützten Raum. Daß dieser uns auch gut tut, zeigt uns diese alte Geschichte. Gott weiß, daß wir die unmittelbare Konfrontation mit seiner alle Dimensionen von Raum und Zeit übersteigenden Heiligkeit und Herrlichkeit nicht überstehen würden. Deshalb stellt er einen Schutzraum zwischen Mose und sich her. "Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in eine Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen". In vielen Religionen schafft sich der Mensch Einrichtungen und Räume, in denen er sich vor der Heiligkeit der Gottheit schützt. Hier ist es umgekehrt: Gott selbst ist es, der Mose und damit uns Menschen überhaupt vor sich selbst schützt - und vor uns selbst, der Maßlosigkeit unseres Immer-höher-Hinauswollens. Das gehört zu der Barmherzigkeit, mit der Gott sich dem Mose haftbar gemacht hat, daß er uns eine solche Felskluft gewährt, einen Raum, in dem wir Gott so erkennen können, wie es unserem Fassungsvermögen angemessen ist. Wir "haben" Gott - aber eben nicht so, daß wir ihn festhalten können wie einen Gegenstand, nach unseren Bedürfnissen, sondern gerade so, indem er an uns vorüberzieht, wie diese Geschichte es beschreibt. Gott bleibt in Bewegung, in seiner Nähe zu uns steckt immer auch das Ungreifbare, Unverfügbare. In all seiner Menschlichkeit, die wir in dieser Weihnachtsfestzeit feiern, bleibt er eben doch der unbegreiflich Andere - eben Gott.

III.

Und noch etwas gibt uns dieses tiefsinnige Bild von der Felsspalte zu erkennen. Reden kann man von Gott überall. Aber sichtbar, erfahrbar wird er eben nur an ganz besonderen Orten. Und das sind eben nicht, wie wir Menschen meinen, in erster Linie die besonders gewaltigen, prunkvollen oder schön gemachten Orte, die Dome und Kathedralen. Sondern wenn wir aufmerksam die Bibel lesen, wird deutlich, daß es eher die Plätze sind, an denen die Härte des Lebens unübersehbar aufscheint. Die Wüste. Eine Wasserfurt. Das Gebirge. Das Kreuz natürlich. Aber eben auch so eine dunkle Felskluft. Wer an einen solchen Ort geführt wird, wer sich dort niederlässt und wen dort ein Schutzmantel umhüllt, der wird die Begegnung mit Gott überleben.

"Du darfst hinter mir her sehen" bekommt Mose von Gott gesagt. Darin liegt auch eine tiefe Lebenwahrheit. Nämlich, daß Gottes Gegenwart sich oft erst im Nachhinein zeigt. Wie oft ist es uns schon so gegangen, wie es die bekannte Geschichte von den Spuren im Sand ausdrückt:

Eines Nachts hatte ein Mensch einen Traum. Er träumte, er ginge am Strand entlang - mit Gott. Über den Himmel hin leuchteten die Szenen aus seinem leben auf. Für jede Szene bemerkte er im Sand zwei Fußspuren. Die eine war seine eigene. Die andere gehörte zu Gott. Als die letzte Szene vor ihm aufgeleuchtet war, blickte er zurück auf die Fußspuren und bemerkte, daß lange Zeit den Weg entlang nur ein Paar Spuren im Sand zu sehen waren. Er merkte auch, daß dies während der schwersten und traurigsten Zeit in seinem Leben geschehen war. Das machte ihm schweres Kopfzerbrechen und er fragte Gott: "Herr, als ich mich entschied, dir zu folgen, versprachst du mir, den ganzen Weg mitzugehen. Deshalb verstehe ich nicht, daß du mich, als ich dich am meisten gebraucht hätte, verlassen hattest." Da antwortete Gott: "Mein kostbares Kind, ich liebe dich und werde dich niemals verlassen. Während deiner Zeit voll Lasten und Leiden, als du nur ein paar Spuren im Sand sahest, da habe ich dich getragen".

Helmut James von Moltke, der im Widerstand gegen Hitler sein Leben ließ, hat an seine vor einem Jahr hochbetagt verstorbene Frau Freya in seinem letzten Brief vor der Hinrichtung dieses geschrieben:

"Uns ist es nicht gegeben, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Aber wir müssen sehr erschüttert sein, wenn wir plötzlich erkennen, daß er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und in der Nacht als Feuersäule vor uns hergegangen ist, und daß er uns erlaubt, das plötzlich in einem Augenblick zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen."

Liebe Gemeinde, wir können Gottes Handschrift in unserem Leben also meistens nur in der Rückschau entdecken. So sind wir als Glaubende also Menschen, die im wörtlichen Sinn das Nach-Sehen haben. Und das ist gut für uns. "Jetzt erkenne ich durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott erkannt bin" (1 Kor 13,12). So schreibt es Paulus am Ende seines berühmten Hohelieds. Gott verhüllt sich, aber er entzieht sich uns nicht. Wir erkennen nur Fragmentarisches von ihm, und oft erst im Nachhinein, aber wir sind von ihm erkannt und geliebt. Das allein zählt, daraufhin können wir leben und erhobenen Hauptes ins Neue, Unbekannte weitergehen. Wie damals Mose dann wieder aufgebrochen ist von Sinai und weiterzog in das noch unbekannte verheißene Land.

Und daraufhin können wir, wenn die Zeit da ist ist, auch einmal sterben. Wie damals Mose, der das verheißene Land zwar noch sehen, aber nicht mehr betreten konnte. Und doch konnte er in Frieden sterben. Weil er, wie wir, in den unsichtbaren Händen Gottes geborgen war.

Amen.

Lieder: 69,1-4 / 66,7+8 / 398,1+2 / 382,1-3 / 70,1+4+6