Ökumenischer Gottesdienst zu Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen
vorbereitet von palästinensischen Christen.


Am Montag, den 24. Januar 2011, 19 Uhr - in der Annakirche - St.Cyriak und Perpetua, Freiburg.
Apostelgeschichte 2, 42-47: Zusammen glauben, feiern, beten


Liebe Gemeinde,

Im Februar 1989, wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, machte sich eine kleine Gruppe von Studenten und Studentinnen der evang. Theologie mit ihrem Professor, Klaus Peter Jörns, auf den Weg in das katholische Maria Laach. Es war ein grauer, regnerischer Tag. Dort sicher angekommen, wurden sie mit offenen Armen von Angelus Häußling, Benediktiner der Abtei und ein großer Sachkundiger der Liturgiewissenschaft, empfangen. Vor ihnen lagen sehr intensive Tage des gemeinsamen Studiums. Es ging um Themen der Einheit: Taufe, Eucharistie und Amt. Worin sind sich die Kirchen einig mit Blick auf diese drei, was können sie voneinander lernen, worin unterscheiden sie sich in geschwisterlicher Vielfalt und Verschiedenheit. Das alles bündelte der Ökumenische Weltkirchenrat in seinem Konvergenzpapier mit dem gleichen Namen: Taufe, Eucharistie, Amt. Es ist das Ergebnis eines langjährigen Prozesses, mehr als fünf Jahrzehnte dauerte die Beratungszeit, während derer die Mitgliedskirchen aus aller Welt und vieler Konfessionen sich mit ihren Wurzeln und Traditionen, mit dem, was ihren Glauben leuchten lässt, auseinandergesetzt haben. Sie kamen nicht zu einer vollen Übereinstimmung, wie es unter Geschwistern üblich ist, das wäre ein Konsenspapier geworden, aber sie kamen sich in vielen Punkten sehr nahe. Und manchmal bringt eine fruchtbare Spannung die Kirche weiter auf ihrem Weg in die Gemeinschaft des Auferstandenen als es der Fall wäre, wenn wir uns in allem einig wären.

Die evangelische Kirche hat viel in diesem Prozess von ihrer katholischen Geschwisterkirche gelernt. Das Abendmahl und seine Feier wurden neu bedacht. Es fand eine Rückbesinnung auf die alten liturgischen Formen statt. Die katholische Kirche öffnete sich ebenso den Schätzen des reformatorischen Erbes. "Das Bewußtsein für die Einheit der Christen im Leib Christi sei vorhanden, das gemeinsame Erbe im Evangelium wiederentdeckt worden", heißt es im Vorwort zum Dokument. Die Auseinandersetzung mit den Fundamenten des Glaubens, der orthopraxis, führte zu einer Erneuerung der Praxis des Glaubens. Die Rückbesinnung auf unsere gemeinsamen Wurzeln wirkte bereichernd für alle Seiten.

Zusammen glauben, feiern, beten,

war das nicht auch das Anliegen der ersten Christen, dieser Urgemeinde aller Gemeinden.

Könnte nicht dieser Traum der Rückkehr zur einen Kirche ohne unheilsame Trennung wahr werden, wenn wir nur zu den Quellen ihres Glaubens zurückkehren würden?

Mit Eifer machte sich also die kleine Schar der StudentInnen an das Studium der alten Liturgien. Sie hofften, dort die Zutaten zu finden, die aus einzelnen Gläubigen eine Gemeinschaft machen. Es gab wohl viele heiße Diskussionen zum Thema Ökumene und Liturgie während dieser grauen Februartage in Maria Laach. Was sich jedoch zutiefst ins Gedächtnis eingegraben hat, war der freundliche, jedoch bestimmte Einwand des benediktinischen Gastgebers, der die Euphorie auf ein gesundes Maß zurückführte. Er sagte: "Wir wissen heute viel weniger über die liturgischen Feiern der Urkirche als man vor hundert Jahren zu glauben wußte." Der Satz schlug bei mir ein wie ein Blitz. Unser Wissenszuwachs sollte darin bestehen, dass wir Rückschritte machen, ja regelrecht einen liturgischen Wissensschrumpf? Es war, als hätte jemand die theologische Nabelschnur zu den ersten Christen und wie sie glaubten, feierten, beteten, abgeschnitten. Radikal.

Nach reiflicher Überlegung und einigen Jahren der Gemeindepraxis zwischen Maria Laach und heute, hören sich die Worte des benediktinischen Bruders eher tröstlich an und ich denke oft daran, wenn ich in der Gefahr stehe, heute und damals zu vergleichen. Denn wie oft erwecken die wenigen Verse des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte, mit seiner brillanten Skizze der Ur-Gemeinde den Eindruck, als sei frühmorgens in der Geschichte der Kirche die Welt tatsächlich noch in Ordnung gewesen.

Das Bild bezirzt, es weckt in uns die Sehnsucht nach der idealen Gemeinschaft, an der gemessen unsere Gemeinden immer wie ein verwahrlostes Geschwistkind erscheinen. Liest man die Stelle als handele es sich um einen historisch objektiven Bericht, was er ja gerade nicht ist, dann wirkt er tatsächlich wie die Droge Ekstasy . Umso mehr wir davon einnehmen, umso schlechter geht es uns nach dem Rausch. Wenn wir aufwachen von diesem Traum der Urgemeinde, dann erwartet uns ein gewaltiger Schock. Dort wurden Güter und Habe verkauft, hier fürchten wir um unsere Immobilien - sie geben uns Identität und kommen uns teuer zu stehen. Dort war man einmütig beieinander auf engem Raum, hier fällt es uns schwer, mit Christen anderer Predigtbezirke und Seelsorgeeinheit in Kontakt zu bleiben, man hat genug mit sich selbst zu tun. Dort brach man täglich Brot miteinander, hier fehlt es uns oft an Spontaneität, den anderen in unser Haus einzuladen.

Eine solche Lektüre dieses wertvollen Texts verdient in meinen Augen das Label "gesundheitsschädlich". Sie ist verführerisch, weil sie uns ein Ideal anstreben lässt und darüber die Realität vernachlässigen lässt, in der Gott an uns heute, in seiner Zukunft handeln will. Wie oft wenden wir den Kopf nach hinten, anstatt nach vorne zu sehen, auf das, was Gott an Herausforderungen vor uns legt, wollen wir uns einrichten und es uns gemütlich machen in der Erinnerung an vergangene Tage und Taten. So wird unser Glaube zur Formel, mit der wir uns Sicherheit und Anerkennung bewahren wollen. Und wehe dem, der daran zu rütteln wagt. Wer könnte das sein?

Gott fordert die Gemeinde heraus

Der Prophet Jesaja nimmt kein Blatt vor den Mund in der Mitte seiner Gemeinde. Propheten machen sich selten beliebt, ihre Frage regt zur Selbstkritik der Gemeinde an:"Wenn Du in Deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen." So hörten wir es in der Lesung.

Es ist verblüffend, was der Prophet hier nebeneinander stellt. Wir erwarten, dass er dazu ermahnt, den Hungrigen zu sättigen, den Elenden zu trösten. Aber nein. Mehr als Brot ist ein offenes Herz, ein offenes Ohr für das, was die Armen dieser Welt uns zu erzählen haben. Es sind wahre Geschichten von Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit, von Unrecht und Menschenverachtung. Was tröstet mehr als zu Tisch geladen werden und mit anderen die Speisen zu teilen, die in der Küche zubereitet wurden. Jemand guten Rat zu geben, das ist eine Sache, doch miteinander zu teilen, auch einmal die Stille auszuhalten, wenn jeder Rat ausgegangen ist, das ist das andere.

Wie man die Hungrigen sein Herz finden lassen kann, davon erzählt der Bericht einer ganz anderen Gruppe von jungen Theologiestudenten, die zu Beginn des vergangenen Jahres für neun Tage in die palästinensischen Gebiete und Israel reiste. Während ihres Aufenthaltes besuchte die Gruppe wichtige Stätten für Juden, Christen und Muslime. Die jungen Menschen nahmen sich Zeit, darüber nachzudenken, wo Jesus gelebt hatte und gestorben war. Sie dachten dabei auch die gegenwärtige politische Lage, in der sich Palästinenser und Israelis befinden. Wir hören einen Ausschnitt aus ihrem Bericht:

Am Samstag verbrachten wir Zeit in der West Bank. Erst reisten wir nach Hebron, um dort Ökumenische Begleiter zu treffen. Sie führten uns durch die Geisterstadt, in die der palästinensische Stadtteil von Hebron verwandelt wurde. Wir sahen wie die Straßen dort unterteilt wurden in Straßenseiten, auf denen kein Palästinenser gehen darf. Wir fühlten uns ständig unter Beobachtung von den Straßenkameras. Selbst in den Straßen Jerusalems kam es uns vor, als werde jeder unserer Schritte verfolgt. In Hebron sahen wir leere Straßen, die Geschäfte waren fast alle geschlossen, und die neuen Ladenbesitzer, die noch geöffnet hatten, rannten zu uns auf die Straße. Verzweifelt versuchten sie uns alles mögliche zu verkaufen, damit sie mit dem allergeringsten Einkommen ihre Familien unterstützen könnten.

Die ökumenischen Begleiter sind hier als Beobachter. Sie sollen Zeugen dafür sein, was im Israeli/Palestinenser Konflikt geschieht. Sie sind nicht hier, um Partei zu nehmen. Sie stehen mit beiden Seiten in Kontakt. Ihre Aufgabe besteht darin, den Konflikt zu entschärfen wo es nur geht: Manche von ihnen gehen mit palästinensischen Kindern zu Schule, damit diese nicht angegriffen werden können oder von Ihrer Erziehung abgehalten werden können.

Andere wiederum stehen an den Kontrollpunkten und helfen Bauern, auf ihre Felder zu kommen, die auf der anderen Seite des Zaunes liegen. ES ist erfrischend zu sehen, dass die Ökumenischen Begleiter bei all dem Schrecken, der sie umgibt, noch ganz normal bleiben. Sie nutzen ihre Zeit zu solch ganz einfachen Dingen wie Fußballspielen mitten auf der Straße. Hier schimmert ein wenig normales Leben durch an einem Ort, wo die Normalität des Unrechts so viel Schrecken verbreiten kann.

Mit Gott in aller Weite walten

Soweit dieser Ausschnitt aus einer Reise mitten in die Themen unseres Jahrhunderts, das schon in seiner ersten Dekade von Konflikten ungeahnten Ausmaßes gekennzeichnet wurde.

Ora et labora - bete und arbeite, schrieb Benedikt von Nursia seinen Mönchen als oberste Regel ins Buch. Seine Regel sollte die Mönche zu einem Leben anleiten, das Gott gefällt. Bete und arbeite - an diese Regel halten sich die ökumenischen Beobachter, die die TheologiestudentInnen willkommen hießen an einem Ort, der nach Frieden nur so schreit. "Wenn die altchristlichen Apostel und Propheten feierlich das Eucharistiegebet sprachen", so heißt es in einer Studie der ersten christlichen Abendmahlsliturgien, "so waren sie nicht an starre Formeln gebunden, sondern ließen den Geist frei walten." Der Inhalt zielte immer auf dasselbe: das Lob Gottes als dem "Weltenschöpfer und Menschenfreundes" und das Lob unseres Herrn Jesus Christus in allem, was er tat, damit wir heil werden und es uns an nichts fehlt.

Vielleicht müssen wir lernen, Gottes Geist wieder frei walten zu lassen. Damit unser Gottesdienst ein "Zusammen feiern, glauben, beten" wird, das nicht nach falschen Harmonien strebt, sondern das Unrecht beim Namen nennt, damit wir unsere Mithilfe verweigern, dort wo über andere übel geredet wird und mit dem Finger gezeigt wird. Da spielt es auch keine Rolle, ob dies für einen guten Zweck geschieht. Vielleicht müssen wir lernen, dass unser Herz viel weiter ist, als wir ihm erlauben und uns nicht immer mit uns selbst und unserer Vergangenheit beschäftigen. Wir leben in einer Zeit, in der die Religionen immer näher aneinanderrücken. Menschen anderen Glaubens, die eine andere Sprache sprechen als unsere und andere Traditionen lieb haben, klopfen an unsere Türen. Wenn wir ihnen öffnen, dann so wie es dem Glaubenden geht, den Dietrich Bonhoeffer (im selben Jahrhundert, in dem die Arbeit zum Konvergenzpapier Taufe, Eucharistie begann,) beschreibt:

"Der Blick weitet sich, und er erkennt zu seinem Erstaunen über seinen Brüdern zum ersten Mal den Reichtum der Schöpferherrlichkeit Gottes. Gott hat den andern nicht gemacht, wie ich ihn gemacht hätte. Er hat ihn mir nicht zum Bruder gegeben, damit ich ihn beherrsche, sondern damit ich über ihm den Schöpfer finde. In seiner geschöpflichen Freiheit wird mir nun der andere Grund zur Freude, während er mir vorher nur Mühe und Not war."

Zusammen glauben, feiern, beten, das fordert uns zu einer neuen ökumenischen Weite heraus, in der wir uns nicht mehr selbst im Wege stehen, weil wir nichts anderes als unser Hab und Gut, unsere Errungenschaften im Sinn haben, sondern weil wir wagen, im Anderen, der uns zunächst fremd ist, die Liebe Gottes zu entdecken. Amen.