Predigt zum Gottesdienst am 4. Sonntag nach Epiphanias in der Christuskirche, Freiburg
mit Kantate BWV 81 - Jesus schläft, was soll ich hoffen?

Matthäus 8, 23-27: Vom Gottesschlaf


Der Lesung unmittelbar vorausgehend:

Kantate 3: Die schäumenden Wellen von Belials Bächen verdoppeln die Wut. Ein Christ soll zwar wie Felsen stehn, wenn Trübsalswinde um ihn gehen, doch suchet die stürmende Flut die Kräfte des Glaubens zu schwächen.

Mitten von den schäumenden Wellen, in die Johann Sebastian Bach uns hineingenommen hat, steigen wir mit der Lesung in das Boot hinein, das für Jesus und seine Jünger am Ufer des Sees bereitstand. In wenigen Sätzen beschreibt das Evangelium nach Matthäus das Drama, das sich bald darauf auf dem See abspielt zwischen der Gemeinschaft der Jünger und ihrem Meister. Die Szene beginnt mit der Schriftlesung, die gleich darauf in der Kantate fortgesetzt wird. Der Predigttext für diesen 4.Sonntag nach Epiphanias steht im 8.Kapitel des Matthäusevangelium, Verse 23-27:

23 Er (Jesus) stieg in das Boot, und seine Jünger folgten ihm. 24 Plötzlich brach auf dem See ein gewaltiger Sturm los, sodass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief. 25 Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! 26 Er sagte zu ihnen:

Kantate 4: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?

Kantate 5: Schweig, aufgetürmtes Meer! Verstumme, Sturm und Wind! Dir sei dein Ziel gesetzet, damit mein auserwähltes Kind kein Unfall je verletzet.

Predigt Teil I Vom Gottesschlaf

Wo Gott nicht vorkommt

In Albert Camus Roman "Die Pest", liegt ein kleiner Junge in Todesschmerzen auf dem Sterbebett. Daneben stehen der Jesuiten-Priester Paneloux und der atheistische Arzt Rieux, beide müde und ausgelaugt von ihrem Einsatz für die Menschen der Stadt, die die Seuche befallen hat. Erschüttert von der Qual, setzen sie sich mit der Absurdität des Erlebten auseinander. Welche Rolle spielt Gott in der Situation äußerster Not, in der sich Menschen befinden? Der Priester, der angesichts des Leidens eines Kindes nicht mehr an der Erklärung festhalten kann, die Seuche sei eine Strafe Gottes, kommt zu dem Schluss: "Was hier geschieht ist ekelerregend, es übersteigt unser menschliches Begreifen. Aber vielleicht ist es unsere Aufgabe, zu lieben, was wir nicht verstehen können."

Der Arzt widerspricht ihm und erwidert: "Nein, Vater. Ich habe ein ganz anderes Verständnis von Liebe. Ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden." Während der Priester also den Rückzug in die Unerklärlichkeit der Liebe Gottes inmitten der Grausamkeiten des Lebens antritt, lehnt der Arzt es ab, den Gott zu lieben, der eine Welt geschaffen hat, in der solches Leiden existieren kann. Der Priester hält für wahr, dass wir nicht verstehen können, weshalb solche Dinge geschehen, dennoch hört er nicht auf, Gott zu lieben, der die Welt so schuf wie sie ist. Der Arzt sieht eine andere Lösung: Wo Menschen gequält werden, wo der Boden unter ihren Füßen weggerissen wird, da kann Gott nicht existieren. Denn auch der atheistische Rieux kann sich einen Gott nicht vorstellen, der böse ist. Der Menschen schafft, um sie zu quälen. Ein Gott, der nicht eingreift in Leiden, ist für ihn unvorstellbar. Denn Gott ist allmächtig. Dort, wo er seine Macht einsetzt, reicht sie immer zum Guten. Wo Menschen das Böse befällt, kann es also Gott nicht geben. Der Mensch bleibt sich selbst überlassen. Da ist kein Gott mit an Bord, der wohltuend eingreifen könnte. Gott ist nicht vorhanden. Wir Menschen sind auf uns selbst zurückgeworfen inmitten der Stürme des Lebens.

Die Sehnsucht nach menschlicher Allmacht

Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Welt, die vor Allmachtssehnsucht nur so sprüht. Computerspiele, die Gewalt verherrlichen, indem sie sie kleinreden, gibt es wie Sand am Meer. Das Bedürfnis, am langen Hebel zu sitzen, einmal der zu sein, der bestimmt, wo es lang gehen soll, findet seinen stärksten Ausdruck darin, wo ich jeden und jede, die sich mir in den Weg stellt, aus dem Weg räume und vernichte. Die Illusion, ich könne die Welt nach meinem Ratschluss schaffen und verändern, wird zur virtuellen Realität. Die Erfahrung meiner Begrenztheit, meiner Ohnmacht, die zum Menschsein mit Haut und Haaren dazugehört, wird vollkommen ausgeblendet. Der Preis ist hoch. Ich verliere meine Menschlichkeit, wo ich nicht mehr die Erfahrung der Begrenztheit meines Wirkens spüre. Ich spiele mich zum Gott auf, wo ich aus einem Pflichtgefühl heraus glaube, in alles eingreifen zu müssen und meine Macht walten zu lassen, wo es mir möglich ist. Sei es im Spiel vor dem Monitor oder im wahren Leben. Die ethischen Diskussionen unserer Zeit wie jene, die sich mit Untersuchungen an Embryos auseinandersetzen, stellen uns immer wieder neu vor das Dilemma: Was ist möglich, was ist dem Menschen zuträglich, was ist erlaubt. Worauf sollen wir hinarbeiten. Dahinter steht letztlich immer die Frage welche Macht uns Menschen zukommt, welche Macht wir Gott zuschreiben.

Wie enttäuschend ist die Erfahrung der Jünger, als Jesus sich in ihrer Bedrängnis nicht rührt. Der Herr aller Welten, er schläft. Sehen wir in Gott nicht ebenso oft genug den, der hinten im Boot liegt, während über uns die Wellen zusammenschlagen? Ein Gott also, der sich nicht wirklich kümmert, sondern unberührt von den Ereignissen und Entwicklungen in Medizin und Bildung, in Wirtschaft und Politik vor sich hin schlummert und uns ans Ruder lässt als gebe es ihn nicht?

Wenn es so ist, dann kann ich Rieux nur recht geben: Ein solcher Gott hat uns tatsächlich recht wenig zu sagen. Bestenfalls ist er eingeschlafen, liegt irgendwo in unseren Kirchen hinter verschlossenen Türen. Doch dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden über Krieg und Frieden, über die Legalität von Hartz IV oder Waffenexporten, da bleibt er links liegen.

An Gottes Stelle

"Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir kommen um." Diese Worte sind der Ruf der Kirche in Bedrängnis. In der Kunst wird sie oft dargestellt wie die Jüngerschar, dicht gedrängt, in einer kleinen Barke umgeben von schäumenden Wellen. Das Wasser steht ihr bis zum Hals. Auch in unserer Zeit würde man ihr am liebsten einen Rettungsring zuwerfen. Dabei rede ich nicht einmal von fallenden Einkünften durch Kirchensteuer oder schrumpfenden Mitgliedszahlen. Die Bedrängnis der Kirche in unserer Gesellschaft zeigt sich nicht in der Gleichgültigkeit Gottes den Menschen gegenüber, sondern viel eher darin, dass wir ganz zufrieden sind, wenn Jesus schläft. In all unserem Engagement lassen wir uns ungern von ihm hineinreden, denn so sehr wir den schwindenden Einfluss der Kirche in vielen Lebensbereichen oder Milieus bedauern, hoffen wir doch, durch kräftiges Rudern, das alles wieder in den Griff zu bekommen. Als könnten wir durch unser Gewackel Gott wiederbeleben, damit er sich vom Kirchenschlaf erhebe und seine Stimme bemerkbar mache.

Der Theologe Stanley Hauerwas beobachtet einen ähnlichen Trend: Wo unsere Predigten, unsere Taufen und das Zeugnis unserer Gemeinschaft des Glaubens nichts ausrichten können, da setzten wir seiner Meinung nach unsere Energie fälschlicherweise auf Ersatzhandlungen. Wir bilden eine Lobby, um fortschrittliche Initiativen des Staats zu unterstützen, wir fordern, dass in unseren christlich geprägten Kulturen Rassismus, Promiskuität und Gewalt ein wenig weniger Raum gelassen wird. Letztlich passt sich die Kirche jedoch der Erwartung an, die von allen an sie gestellt wird. Ihr Existenzrecht besteht darin, in Kultur und Gesellschaft präsent zu sein, beide zu stützen ohne sie jedoch radikal in Frage zu stellen. Wie schnell gehört die Kirche zum Establishment der konservativen wie auch der radikalen Parteien. Wir bedienen uns ihrer, wo sie in unser Bild passt, in unsere Gesellschaft. Wehe aber, sie wird erwachsen und selbständig. Hauerwas erklärt sich diese Bewegung dadurch, dass die Welt erkennt, wie subversiv der christliche Glaube wirkt. Sie unterläuft die christliche Glaubensgemeinschaft in dem sie Christen ignoriert, uns in unseren Kirchen schlafen lässt, oder indem sie uns die freie Ausübung des Glaubens zugesteht - zumindest so lange wie Religion eine persönliche Angelegenheit bleibt, die sich auf den privaten Bereich beschränkt. Kirchliches Engagement dient dann primär dazu, die Existenz der Kirche zu rechtfertigen. Wir werden gebraucht, weil wir Gutes tun. In Diakonie und Seelsorge in Krankenhaus, Altenheim und Militär. In Gottesdiensten und Konzerten tragen wir zum kulturellen Erbe unserer Gesellschaft und dessen Erhaltung bei. Im Religionsunterricht, in unseren evangelischen Schulen mit ihren besonderen pädagogischen Ausrichtungen fördern wir die Bildung in unserem Land.

Wenn die Kirche aus dem Schlaf erwacht

Ein solches Selbstverständnis der Kirche ist gefährlich. Um existieren zu dürfen, muss sie sich beweisen. Sie sagt zu den Mächtigen in unserer Gesellschaft: Schaut her, ihr braucht uns. Wir sind mit im Boot, damit Euch das Wasser nicht eines Tages bis zum Hals steht. Eine solche Kirche, die sich auf ihr Handeln beschränkt, verfällt mit ihren Strategien in einen Allmachtswahn. Sie macht es wie die Jünger: Wenn Jesus schon ins Boot mit einsteigt, dann soll er auch konstruktiv mitarbeiten und sich einspannen lassen für ihre Ziele.

Wo wir die Existenz der Kirche damit verteidigen wollen, dass sie sich nützlich macht, dass sie etwas bietet, was andere soziale oder religiöse Institutionen nicht anbieten können, dann spielen wir das alte Machtspiel wie Bonifatius an der Donnereiche: Unser Gott ist mächtiger als Eurer. Und wir verkaufen die Kirche als eine Dienstleisterin der Gesellschaft. Das ist nicht ihre Berufung. Statt mit säkularer Macht und Vernunft zu spielen und dadurch die Gesellschaft ein klein bisschen gerechter zu machen, muss die Kirche Veränderung bewirken, indem sie die Welt dem Evangelium begegnen lässt, nicht indem sie das Evangelium der Welt anpasst - um noch einmal mit Hauerwas zu sprechen.

Der Albtraum der Jünger endet nicht, weil sie Jesus wecken und ihm Vorwürfe machen. Er lässt sich nicht in ihre Unruhe, ihre Besorgtheit hineinziehen, um sich vor ihnen zu beweisen. Jesus scheut sich nicht, die Jünger daran zu erinnern, dass ihre Furcht sie blind für seine Macht werden lässt. Mein Leben, das in Bedrängnis ist, erfährt seine Wende, wenn ich es unter Gottes Wort stelle. Die Kirche wacht aus ihrem Schlaf, wenn sie sich daran erinnert, dass Gott mit im Boot sitzt und nicht fern am Ufer steht. Bach sah es ähnlich, im Januar 1724, als die Kantate so wie heute am 30.Januar aufgeführt wurde. Hören wir, was damals und heute gilt:

Kantate 6:Wohl mir, mein Jesus spricht ein Wort, mein Helfer ist erwacht, so muss der Wellen Sturm, des Unglücks Nacht und aller Kummer fort.

Kantate 7: Unter deinen Schirmen bin ich für den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wittern, lass den Feind erbittern, mir steht Jesus bei. Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.

Predigt Teil II Von Gottes Wachen

Gott sitzt mit im Boot

Wir tun uns schwer mit den Stürmen des Lebens. Viel lieber würden wir ihnen ausweichen als mitten durch sie zu steuern. Krankheit und jede Widrigkeit des Lebens deuten wir zwar nicht mehr wie der Priester Paneloux als Strafe Gottes. Aber manchmal kommt es uns vor als wende Gott uns im Schlaf auch noch den Rücken zu. Als ginge ihn die Lage der Kirche nichts an. Das Bild, das Matthäus hier von der Jüngerschar entwirft, und das Bach so eindringlich in seiner Dramatik aufgreift, lenkt unsere Aufmerksamkeit weg vom Sturm, hin auf Jesus. Für einen Moment blicken wir ihm in die Augen. Die Angst und Sorge, die uns lähmt, tritt in den Hintergrund. Sie verschwinden nicht. Doch sie bestimmen nicht mehr, wovon ich mich leiten lasse. So stelle ich es mir vor: Noch ehe Jesus den Sturm zur Ruhe bringt, beruhigt er mein Herz. Wo ich auf ihn treffe, da weiß ich mich in Ewigkeit gehalten. Die Stille nach dem Sturm bestätigt es. Eine neue Zeit ist hereingebrochen. Es ist nicht die Zeit des Paradieses, in der weder Leid noch Zweifel eine Rolle spielen. Es ist die Zeit, in der Gott einzieht in meine Lebensgeschichte, so wie sie ist. Voller kleiner oder großer Wunden und Narben, widersprüchlich, Stückwerk. Und er fragt mich mit diesem Blick, von mir abzusehen und auf seine Kirche. Sie ist mehr als die Summe einzelner Schicksale. Sie wird dort sichtbar, wo sie sich um Christus sammelt. Ihre Berufung besteht nicht darin, erfolgreich zu sein, sich herauszustellen oder mit anderen Organisationen oder Religionen zu konkurrieren.

Die Kirche ist konkurrenzlos, sie ist wettbewerbsfrei. Sie ist gerade keine exklusive Gesellschaft, die um ihrer Selbsterhaltung willen fest im Hafen verankert bleibt. Im Gegenteil. Weil Jesus mit im Boot sitzt, kann die Kirche sich dem Sturm aussetzen, der über sie hereinbricht, wo sie zu neuen Ufern aufbricht. Diese Stürme nehmen vielerlei Gestalt an. Da wo wir bekanntes Land verlassen, uns neu orientieren, werden viele Ängste in uns wach. Sie verunsichern uns. Jeder Neuanfang fordert mich heraus aus Gewohntem. Doch gerade darin liegt die Chance der Jünger, dass sie nicht mehr in alten Gewässern fahren können, sondern erkennen, jetzt sind sie ganz auf Gott geworfen. Um Jesus nachzufolgen, so berichten alle Evangelisten, verzichteten die Jünger auf das, was sie in ihrem Leben bisher angehäuft hatten. Bevor man etwas Neues in die Hand nimmt, muss man etwas Altes weglegen können. Wer sich auf Gott einlässt, kann nicht nach den Kategorien der Welt handeln. Er muss frei sein, nach vorne zu schauen. So wie Karl Rahner es in seiner Meditation zu Neujahr schreibt: "Ich interessiere mich dafür, was das neue Jahr bringt. Ich interessiere mich dafür mit dem ganzen Ernst der Ewigkeit. Was da kommt, geht ja nicht wieder fort. Es kommt, um zu bleiben. Es geschieht, um zu sein, nicht um zu vergehen".

So wacht Gott, indem er uns die Angst nimmt vor den Widrigkeiten und Hindernissen, die sich vor uns auftürmen und uns einschüchtern wollen. Mehr noch, er macht aus uns Menschen, die sich für seine Zukunft interessieren. Menschen, die auf Jesus schauen und in Anlehnung an das Wort des Tagespsalms entdecken: Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig. Der Herr aber ist noch größer, der mit uns ruht im Boot.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Predigtlied: Was ich erträume:

1.Was ich erträume, hast du schon getan.Seh ich den Weg nicht, gehst du ihn voran. Was ich auch denke bei Tag und bei Nacht, du, Gott, hast immer schon an mich gedacht.

2. Forme mein Wesen und führ meinen Sinn; bring mich zurück, wenn ich nicht bei dir bin. Will meine Seele vor Sehnsucht vergehen, lass du ein Bild deiner Zukunft entstehn.

3. Freund meiner Hoffnung, vollende dein Tun; mitten im Lärm lass mein Innerstes ruhn in der Gewissheit, dass das, was zerstört ist, von dir geheilt wird und zu dir gehört.

Lieder: EG446, 1-4 / 325, 1+5 / Kantate 3 / Predigtlied/ EG 396, 3,4,6