Wo Gott ist, ist der Himmel - Predigt über 1. Könige 8, 22-30
Christi Himmelfahrt - 2.06.2011, M.-Claudius-Kapelle Günterstal (Zentralgottesdienst PG Ost)


Liebe Schwestern und Brüder!

An dem Hochfest, an dem der "Himmel" im Mittelpunkt steht, darf es dem Prediger erlaubt sein, einmal zu träumen. Auch wenn er leider noch nicht weiß, wann der lang gehegte Traum endlich Wirklichkeit wird. Also, ich träume mir unsere seit Jahren in so traurigem Zustand befindliche Christuskirche endlich wieder renoviert und vor allem innen ganz frisch und neu wirkend. Und nun wird sie, nachdem wir über ein Jahr lang keine Gottesdienste mehr in ihr feiern konnten, wieder in Dienst genommen. Ein großer, festlicher Tag für unsere ganze Pfarrgemeinde Ost. Die Christuskirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter feierlichen Orgelklängen ziehen Ältesten ein. Jeder von ihnen trägt etwas von dem, was in die Kirche gehört: das Kreuz, die Bibel, Kerzen und das Parament für den Altar, Kelch und Patene für den Tisch des Herrn, Taufschale für den Taufstein, Osterkerze. Nacheinander bringt jeder, was er trägt, an seinen Platz und spricht ein dazu Bibelwort. So fangen die Dinge, die sonst so selbstverständlich zum Gottesdienst gehören, neu zu sprechen an. Sie bezeugen auf ihre Weise die Treue eines Gottes, der auch als der Unsichtbare anwesend, erfahrbar ist, der auch als der majestätisch Unverfügbare sich an Orte und Zeichen bindet, um zugänglich für uns zu werden.

Dann singt die Gemeinde, wie wir es vorhin auch getan haben, den alten Himmelfahrtschoral: "Christ fuhr gen Himmel; / Was sandt er uns hernieder? / Den Tröster, den Heiligen Geist, / zu Trost der armen Christenheit." Zum Gebet breiten die Pfarrer dieses Mal ihre Hände aus, heben den Blick nach oben und bitten um die Gabe des Geistes. Ihre Worte wie ihre Geste sagen, daß die Gemeinde ganz auf Gottes Kommen, seine Gegenwart angewiesen ist. Sie kann ihren Kirchenraum mit vielen anschaulichen Zeichen der Treue Gottes ausstatten. Aber sie kann mit all diesen Gegenständen niemals seine Gegenwart und die Gabe des Geistes ersetzen. Der Blick der betenden Liturgen sucht nicht das Firmament über uns, sondern die Welt Gottes um uns, die dem natürlichen Blick unserer Augen unzugänglich ist - aber erfahrbar und betretbar für die, deren inneres Auge sich schärft. Diese Welt ist nicht einfach im Himmel, denn "aller Himmel Himmel können dich nicht fassen", wie schon der König Salomo in seinem eben gehörten Gebet aussprach, als er den neu errichteten Tempel betrat, um ihn zu weihen.

I.

So führt uns die kleine Phantasiereise von der Wiederindienstnahme der Christuskirche zur Einweihung des Tempels in Jerusalem. Die Verse unseres Textes sind nur ein kleiner Teil eines großen, feierlichen Gebetes, mit dem Salomo den Tempel seiner Bestimmung übergibt. Es war ein erstaunlicher, für viele auch verstörender Akt, ein Haus zu errichten, in dem Gott wohnen soll. Denkt Salomo, in der Glaubensgeschichte seines Volkes tief verwurzelt, plötzlich wie die Heiden? Deren Tempel werden als Wohnungen Gottes angesehen, ja das Bild der Gottheit wird sogar fast identisch mit dem Bauwerk. Israel aber kennt das Gebot, sich von Gott kein Bild zu machen. Salomo spürt, daß durch das Bauen des Tempels eine Spannung zur bisherigen Glaubensgeschichte Israels entsteht. Deshalb legt er größten Wert darauf, das Band zur Tradition nicht abreißen zu lassen und die Erinnerungen an die Geschichte Gottes mit seinem Volk sozusagen in das Neue des Tempels hineinzunehmen. Deshalb werden die Dinge, die in der Vergangenheit zeichenhaft an den bildlosen Gott erinnert und ihn für seine Leute sozusagen dingfest, geerdet gemacht haben, von den Priestern jetzt feierlich in den Tempel gebracht.

Da ist die Bundeslade. Sie galt seit der Wüstenwanderung der Kinder Israel als das geheiligte Symbol von Gottes Gegenwart. Ließen die Priester die Lade nieder, so wußten sie Gott im Lager. Hob man sie auf, so erlebten sie, wie auch Gott sich in Bewegung setzte, um mit seinem Volk unterwegs zu sein. In der Lade waren die Gesetzestafeln aufbewahrt, in die Mose am Sinai Gottes Gebote als Hilfe zu einem gelingenden Leben gemeißelt hatte. - Ebenso erinnert die Stiftshütte an Gottes Bund, ein Gerüst mit vergoldeten Brettern und kostbaren Teppichen. Sie war das Heiligtum Israels in den Zeiten der Wanderung, ein "Zelt der Begegnung", wie sie es nannten. Denn hier begegnete Gott dem Mose ein ums andere Mal in einer Wolke, um ihm Wegweisung zu geben. Eine solche Wolke erfüllt jetzt auch den neu errichteten Tempel, nachdem die Priester Lade und Stiftshütte hineingetragen haben. Wie einst Mose Gott nicht direkt, sondern nur in der Verhüllung einer Wolke begegnen konnte, so ist es jetzt Salomo, der vor dieser Wolke für sein Volk betet, Gott gleichsam um Verständnis bittet für den Traditionsbruch, den der Bau des Tempels bedeutet.

II.

Wir sind Protestanten, d.h. zumeist coole Vernunftmenschen, in der gemäßigten religiösen Zone angesiedelt. Also solche wissen wir gut, daß Gott nicht an heilige Räumen und besondere Zeiten gebunden ist. Wir wissen es leider nur zu gut! "Ich glaube an meinen Herrgott, aber dazu muß ich nicht in die Kirche rennen; ich erfahre ihn viel näher am Sonntag auf dem Schauinsland"... Nun ja, die Erzketzerei ist das nicht - schon Luther hat gesagt: "Wo Gottes Wort klingt, sei es im Wald oder im Wasser, da ist ein Bethel, ein Gotteshaus". Das stimmt wohl - nur habe ich Gottes Wort im Rauschen des Waldes oder der Wellen eher selten klingen hören. Und daß ich wieder aufatmen kann, weil mir Schuld vergeben wird, daß ich Gemeinschaft mit anderen finde, die auch zu glauben versuchen: das habe ich im Schwarzwald oder auf dem Bodensee auch noch nicht erfahren. Dazu brauche ich den Gottesdienst, deshalb bleibt er unverzichtbar.

Natürlich, Gott begegnet uns nicht nur in den Kirchen. Aber im Gotteshaus will er uns begegnen, dort dürfen wir ihn ganz gewiß erwarten - dort, wo wir als seine Gemeinde beieinander sind, sein Wort hören und seine Sakramente feiern. In der Tat: Er, den alle Himmel nicht fassen, handelt, wann, wo und wie er will. Er braucht keine festen Orte und festen Zeiten. Aber wir, atemlos, wie wir sind, ständig vor uns selbst und unseren Altlasten fliehend: wir brauchen sie. Es ist ein Segen, daß wir diese festen Orte und festen Zeiten haben. Ohne sie hätten wir Gott längst verloren. "Serva ordinem et ordo te servabit"; Halte die Ordnung ein, und die Ordnung wird dich halten und tragen - lautet ein wunderbarer Satz voller geistlicher und menschlicher Weisheit in der Regel der Benediktiner. Und ein Dichter hat einmal gesagt: "Als der Mensch den ersten Altar baute, wurde er Mensch. Wenn er den letzten abreißt, wird er wieder zum Tier". Gott ist überall gegenwärtig, sonst wäre er nicht Gott. Aber er ist nicht überall für uns offenbar und erfahrbar. Im Gegenteil, die Nähe Gottes kann uns zusetzen und quälen, wenn er uns rätselhaft, verborgen und unheimlich bleibt. Wir ertragen den Gott nicht, der für uns dunkel bleibt, in Katastrophen und Schicksalsschlägen verborgen, weil wir nicht wissen, ob er für uns oder gegen uns ist. Und wenn wir aufgrund schwerer Erfahrungen, die uns zugemutet werden, das Gefühl bekommen, daß er gegen uns ist, beschließen wir lieber, daß er gar nicht ist. Das ist noch leichter zu ertragen.

Gott weiß das. Und deshalb weiß er auch, daß uns nur geholfen ist, indem er sich uns an bestimmten Orten zu erkennen gibt und sich dort finden läßt. Deshalb spielt er das religiöse Spiel der Israeliten mit und läßt sich - vielleicht mit einem kleinen himmlischen Seufzer - auf den Tempelbau ein. Luther hat gesagt: "Gott ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht dastehen als ein Bube am Pranger oder Halseisen geschmiedet". Das ist wahr, und auch dafür steht das Fest der Himmelfahrt. Aber wenn der freie, himmlische Gott sich binden und "erden" will - und er hat es getan, vom Bau des Tempels über die Sendung Jesu bis zum Ausgießen des Geistes -, dann bindet er sich, und wir tun gut daran, uns eben dort an ihn zu wenden. In einem alten Adventschoral heißt es: "Seht, wie so mancher Ort / hochtröstlich ist zu nennen, / da wir ihn finden können / in Nachtmahl, Tauf' und Wort". Das ist es. Sicherlich ist für viele von uns ihre Kirche zu so einem hochtröstlichen Ort geworden. Deshalb ist es schon noch mal ein Unterschied, ob wir beim Nachdenken darüber, von welchen Gebäuden wir uns aus Sparzwängen trennen müssen, über Gemeindehäuser oder Kirchengebäude reden.

III.

Und doch, die Spannung, die Salomo in seinem Gebet beim Namen nennt, die bleibt. "Siehe, aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?" Juri Gagarin, dessen Flug als erster Mensch ins Weltall sich kürzlich zum 50. Mal gejährt hat, gab nach seinem Flug ja den berstend ironische Bemerkung zum Besten, er habe intensiv, "mit den besten Fernrohren" nach Gott gesucht - aber gesehen habe er nichts als die unendliche Weite und Leere des Universums. Damals konnte man damit noch im Kalten Krieg punkten. Heute erscheint uns das als fader Witz eines strammen sozialistischen Parteisoldaten. "Niemand hat Gott je gesehen", heißt es schließlich zu Beginn des Johannesevangeliums.

Aber ist das wirklich so klar für uns als Glaubende? Wenn die Sehnsucht nach Verdinglichung, nach einer Verortung Gottes schon bei den alten Israeliten so groß war, daß ein Tempel her mußte, dann ist das bei uns Kindern der Moderne doch erst recht so. "Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt. Dieses wahnwitzige, dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott selbst - das kann doch kein Mensch mehr aushalten". Dieser ratlose Satz des jungen Dietrich Bonhoeffer beschreibt auch unsere Not. Sie führt dazu, daß wir beim Versuch, Gott zu denken und einen Zugang zu ihm zu finden, immer wieder der Versuchung zu platten Rationalisierungen erliegen. Im Blick auf den heutigen Festtag hat das dazu geführt, daß wir beim Wort "Himmel" in erster Linie an den Raum über uns, also an die die Erde umgebende Atmosphäre denken - darin dem atheistischen Raumfahrer ganz ähnlich. Genau das aber ist eine Verflachung, die völlig an der Sache vorbei geht, für die das Phänomen "Himmelfahrt" steht.

Nein, der "Himmel", das ist mehr und etwas ganz anderes, als was wir sehen, wenn wir unsere Hälse recken. Die Bibel weiß das im Unterschied zu uns sehr gut. Das Wort "Himmel" ist dort vielfach verwendet als Inbegriff einer für uns Menschen nicht zugänglichen und begreifbaren Wirklichkeit, die sich uns nur als Geheimnis darstellt. Der "Himmel" ist für die Bibel nicht einfach Gott selbst, wohl aber so etwas wie Gottes unmittelbares "Milieu", sein "Thron" sozusagen - also das, woran etwas von dem aufscheint, was die Menschen zu allen Zeiten Gottes "Herrlichkeit" genannt haben. Der "Himmel" ist Ausdruck dafür, daß Gott auch als der, der sich in dem Menschen Jesus ganz nah und anschaulich gemacht hat, dennoch - Gott bleibt, der Majestätische, Heilige, ganz und gar Unverfügbare. Obwohl er sich offenbart, uns anredet und uns zu seinem Gegenüber bestimmt hat, ist und bleibt er das große, unergründliche Geheimnis der Welt, das nur um so größer wird, je mehr wir in es eindringen. Dies alles ist in dem Wort "Himmel" mit ausgesagt. Wenn Salomo ausruft: "Siehe, aller Himmel Himmel können dich nicht fassen", dann ist damit nicht gemeint, daß Gott im Weltall Wohnungsnot hätte, sondern damit ist ausgesagt, daß jedes Denken und Reden von Gott in den uns vertrauten Dimensionen von Raum und Zeit scheitern muß. "Nichts ist so groß, Gott ist noch größer. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner", hat Luther gesagt und damit genau die Aussage des Salomo getroffen.

Vielleicht kann man es ganz schlicht so ausdrücken: Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, da ist der Himmel. Dazu zum Schluß eine alte russische Legende:

Zwei Mönche lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem sich Himmel und Erde berührten und das Reich Gottes zu finden sei. Sie beschlossen, sich auf den Weg zu machen und nicht eher umzukehren, bis sie jenen himmlischen Ort gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden Gefahren, erlitten Entbehrungen. Eine Tür sei an jenem Ort, so hatten sie in dem alten Buch gelesen. Man brauche nur anzuklopfen und befände sich im Reich Gottes. Schließlich fanden sie, was sie so lange gesucht hatten. Sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Und als sie eintraten, standen sie - zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: der Ort, an dem das Reich Gottes beginnt, befindet sich auf der Erde, an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat.

Amen.

Lieder: 269,1-5 / 120 / 123,1+3+8+9 / 379,1-3+5 / 188 / 566,1-4