Gott stillt den Durst anders - Predigt über Johannes 7, 32-53
Exaudi - 5.06.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Gemeinde!

Nikodemus war also auch dabei gewesen. Erinnern Sie sich? Das war jener gelehrte Rabbiner, der beides war, gottesfürchtig und kritisch-intellektuell, und der Jesus einmal im Schutz der Nacht aufgesucht und mit ihm eine denkwürdige Diskussion über Gott hatte. Jetzt, bei seiner zweiten Begegnung mit Jesus - am hellichten Tag diesmal - ist er nicht ganz so nah dran. Aber es genügte. Er bekommt das Wesentliche mit und fällt prompt unangenehm auf bei seinesgleichen, bei den Theologen. Als möglicher Sympathisant jenes schillernden Mannes aus Nazareth.

Als das Laubhüttenfest am achten und letzten Tag seinen Höhepunkt erreicht hat, da passiert es. Das Laubhüttenfest ist eine Art Erntedank- und Erntebittfest in einem, nach Pessach das zweithöchste Fest der Juden. Wie jedes Mal schöpft an diesem letzten Festtag der Priester aus der berühmten Quelle Siloah am Rande von Jerusalem Wasser mit einem goldenen Krug. Der wurde dann in feierlicher Prozession zum Allerheiligsten in den Tempel gebracht. Dort gießt der Priester den Krug über dem Altar aus, und alle, die dabei sind, bitten um Regen. Und natürlich ist auch Dank dabei und die Erinnerung, daß in der Wüste, in jenen 40 Jahren des Umherirrens zwischen Sklaverei und gelobtem Land, das Wasser einst aus dem Fels gesprudelt war und das Überleben gesichert hatte.

I.

Da passiert es. Jesus macht sich bemerkbar. Es hatte gedauert bis zu diesem Moment. Er hatte lange gezögert, aus der Provinz ins Zentrum, von Galiläa in die Metropole Jerusalem zu gehen. Aber dann ging er doch. Nicht öffentlich, mit Getöse, sondern heimlich. Unter denen, die es vom Hörensagen erfuhren, gab es Gemurmel und Geraune. Das ist ein guter Mann, den müßt ihr hören - sagen die einen. Ein Sektierer, ein gefährlicher Verführer - so die anderen. Die Leute im Tempel sind gerade dabei, die alte Verheißung des Jesaja zu singen: "Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen". Wie die Kinder vor Weihnachten, sind alle in gespannter Erwartung, daß Gott dieses Wort bald wahrmachen und seine Herrlichkeit wie ein unermeßlicher Wasserstrom von Zion her durch die ganze Welt gehen und allen Durst stillen werde.

Kein Wunder, daß Jesu Worte in dem Moment Aufruhr und Spaltung auslösen. Für die einen mag es gerade keine Störung des Festes, sondern seine schönste Erfüllung sein, wenn Jesus mitten in die feierliche Liturgie ruft: "Kommt zu mir! Hier, bei und in mir ist der Gottesstrom, das Wasser des Lebens. Kommt einfach, und trinkt euch satt!" Das war doch genau die Antwort auf die große Erwartung. Und so heißt es in unserem Text, daß viele danach ausrufen: "Dieser ist wirklich der Prophet, ein Mann Gottes! Der, auf den wir schon so lang gewartet haben!"

Aber genauso nachvollziehbar, daß es für die anderen eine nicht zu überbietende Gotteslästerung bedeutet! Sie halten entgegen: "Wenn der Prophet schon kommt, dann ganz sicher nicht aus Galiläa, diesem Palästinisch-Sibirien!" - Die einen finden: "Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser". Die anderen geben ihnen gleich auf den Deckel: "Habt ihr euch verführen lassen? Gibt es denn auch nur einen von den gelehrten Theologen, der ihm glaubt? Nur das Prekariat, die Ungebildeten hören auf ihn!" Und so heißt es dann: "Also entstand Zwietracht im Volk über ihn". Und zum Schluß dieses Kapitels notiert der Evangelist lakonisch: "Und ein jeder ging also heim". Das ist alles. Die Gegner haben die Oberhand gewonnen.

Liebe Gemeinde, irgendwie ist es, als sei die Zeit fast stehengeblieben zwischen damals und heute. "Ein jeder also ging heim": ist das heute anders? Seit 2000 Jahren rufen die Prediger auf der Kanzel, rufen Bücher, Zeitschriften, Rundfunkgeräte und heute auch das Internet den Menschen zu: "Ihr, die ihr so viel Durst habt nach dem gelingenden Leben, kommt zu uns, begegnet dem lebendigen Christus und trinkt!" Es stimmt ja auch: der Strom, der von Jesus Christus ausgeht, ist in eine Unzahl von Leitungen verteilt. In jedem Haus, wo es eine Bibel, in jedem Dorf, wo es eine Kirche gibt, ist die Steckdose da. Man bräuchte sie nur zu aktivieren. Aber die Antwort ist kaum anders als damals bei der Mehrheit der Festbesucher: "Danke der Nachfrage, wir brauchen das nicht! Eure Feierlichkeit, die schönen Lieder und Kirchen, die sind uns schon recht bei unseren Festen. Und Jesus war ein ehrenwerter Mann - aber bitte nicht zu viel von ihm! Wir sind schließlich moderne Leute. Im Übrigen: was bringt uns denn die Kirche? Sie nimmt uns höchstens etwas, nämlich zu viel Geld!"

Irgendwie ist das auch nicht verwunderlich. Dort im Tempelvorhof steht ja nicht eine himmlische Gestalt, die plötzlich aus der Unsichtbarkeit Gottes aufgetaucht wäre. Da steht nur ein Zimmermannssohn aus Galiläa, in einfacher ländlicher Kleidung, ohne den prächtigen Talar der Priester. Er macht auch gar keine Anstalten, irgendein klerikales Gepränge zu entfalten. Er ist, äußerlich gesehen, einfach einer wie alle anderen nach Leben Dürstenden auch. Und er, der ihnen zuruft: "Kommt zu mir und trinkt euch satt!", wird ja bis zum elenden Ende einer von ihnen bleiben. Am Galgen dann schreit er unter fürchterlichen Schmerzen nach kühlendem Wasser. So einer gibt sich als das lebendige Wasser aus. Das verstehe, wer will!

Nur zu verständlich, daß das nicht der Durstlöscher ist, den die Leute brauchen. Für den Durst nach Wissen, Macht, nach Prestige und Attraktivität ist das nicht das passende Getränk. Auch wir Christen haben dafür offenbar nicht die richtigen Mittel parat. Aber das brauchen wir auch nicht. Es gibt anderswo genug davon.

Nun ja! Jedenfalls war es wohl wirklich nur noch ein kleiner Schritt zu dem Beschluß des religiösen Establishments: "Weg mit diesem lästigen Störenfried und Verführer!" Sie brauchten nicht mehr zu trinken. Sie waren offenbar berauscht von ihrer eigenen Frömmigkeit. Auf alle komplexen Fragen hatten sie eine einfache Antwort, für jedes Problem gleich das passende Schriftzitat parat. Der Fundamentalismus ist zu allen Zeiten gleich. Für einen, der sagte: "Kommt zu mir! Bei mir, einer Person, einem Namen ist die Quelle des Lebens, nicht in euren Gedanken und Ideen, und auch nicht in Schriftbuchstaben!", für so einen ist kein Platz bei denen, die immer schon alles wissen.

Aber seltsam: Die Polizisten, die von den Hohepriestern auf Jesus angesetzt wurden, fassen ihn nicht an. Zwischen ihnen und Jesus bleibt eine unsichtbare Mauer. Es ist, als hielte Gott noch seine Hand schützend über seinen Sohn. Noch hat die Stunde der Häscher nicht geschlagen. Merken wir, wie durch Jesu Worte an seine Verfolger so etwas wie königliche Freiheit durchschimmert: "Noch eine kleine Zeit bin ich unter euch, und dann gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Nicht ihr werdet mich greifen, sondern ich werde weggehen, wenn es meines Vaters Wille ist. Ihr werdet mich suchen und nicht finden! Auch ihr werdet einmal Durst bekommen nach dem Wasser des Heils".

II.

Rein menschlich gesehen mag bei dieser vorläufigen Verschonung auch Nikodemus eine Rolle gespielt haben. Als nämlich dieser Mann mit wachem Geist und einer großen Portion Neugier das miterlebte mit Jesus, diesen Szenenwechsel vom einem steinernen Altar zu einem lebendigen Menschen, diese neue Optik weg vom Wasseropfer hin zum Opfer eines Menschen - als er das miterlebte, mag er sich an Einzelheiten jenes Nachtgesprächs mit ihm erinnert haben. Besonders vielleicht an Jesu tiefgründige Worte: "Wenn einer nicht von neuem geboren wird, aus Wasser und Geist, kann er nicht in das Reich Gottes gelangen".

Wasser, klar, das brauchten sie alle. So wie Brot. Aber daß Jesus nicht nur das Wasser, sondern auch den Geist genannt hatte, das war Nikodemus haften geblieben. Sonst hätte er wohl kaum in die Diskussion über die Person Jesu hinein eingeworfen: "Richtet denn euer Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?" Freilich, nachdenklich stimmen konnte er mit diesem differenzierenden Einspruch die anderen Schriftgelehrten nicht. "Kommst du etwa auch aus dieser Gegend da oben? Du mußt doch wissen, daß keiner, der etwas zu sagen hat, von dort kommen kann!", bekommt er zurück.

Wie soll es für Nikodemus nun weitergehen? Vergessen kann er Jesu Worte jedenfalls nicht. Wie Jesus aufgetreten war! Mit welcher Souveränität und Klarheit er sich zu Wort gemeldet hatte! "Wenn einer Durst hat, komme er zu mir und trinke! Ich bin das Wasser des Lebens." Nikodemus dämmert, daß es um ganz anderes geht bei diesem Ruf. Wir tun viel im Beruf, im Alltag, im Religiösen. Was aber Leben in seiner Tiefe ist, das können wir nicht tun, das haben wir nicht gemacht. Nikodemus fängt an zu überlegen: Was mache ich? Vor allem aber: Was bekomme ich? Das hatte Jesus ja eindrücklich deutlich gemacht anläßlich der Wasserspende beim Erntefest: das Spenden, das Opfern soll den Blick nicht erschöpfen. Die entscheidende Spende, das wirkliche Opfer kommt andersherum. Gott spendet und opfert. Freilich, das konnte jetzt, zu diesem Zeitpunkt, noch nicht einleuchten. Jetzt war es noch zu früh.

Ob die klerikalen Kreise, in denen Nikodemus verkehrte, etwas von seiner Entwicklung gemerkt haben? Wie war sein Stand unter seinesgleichen? Beobachtete ihn vielleicht jemand einige Zeit später, als er sich Jesus ein drittes Mal näherte? Zu spät näherte, könnte man meinen. Denn Nikodemus hatte Jerusalem ja nicht verlassen, er wußte von den letzten dramatischen Ereignissen und war auf dem Weg nach Golgatha. Bei sich hatte Nikodemus hundert Pfund Myrrhe zum Einbalsamieren des toten Jesus. Zu spät?

Johannes, der all das aufgeschrieben hat, gibt uns einen Hinweis, der in eine andere Richtung deutet. Jene drei einschneidenden Begegnungen von Nikodemus mit Jesus sollen ja noch überholt werden. Und zwar dann, als der Geist auf Jesu Leute kam, als er sie sendete. Jesus kam ja wieder, als Auferstandener. Er kam als der gleiche, aber nicht mehr als derselbe wie vorher. Er zeigte ihnen seine gefolterten Hände und seine durchstochene Seite. Er grüßte seine Leute und gab ihnen seinen Geist: "Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch. Nehmt den heiligen Geist!" Und die Jesus-Leute spürten auf einmal neue Kraft - wie von außen angeflogen.

Jetzt wurde Wahrheit, was vorher nur dunkel vorausschien. Jesus ging seinen Leuten richtig auf. Ob Nikodemus von Golgatha mit herübergekommen war? Wasser, Opfer, Umkehr: alles wichtig und gut zu einem gelingenden, vertieften Leben. Aber nicht ausschlaggebend zum Heil. Das, was wirklich auf die Beine stellt, das kann nur Gott selber tun. Sein Geist erinnert an die Wüste und an die Befreiung. Sein Geist erst läßt das von sich aus absolut Unverständliche, die Hinrichtung auf Golgatha, verstehen und das Leben ergreifen. Jetzt war heraus, was Gott mit Jesus angefangen und vollendet hatte. Aus dieser umwerfenden Erfahrung heraus entstand die Kirche.

Aber das ist wieder eine neue Geschichte. Und mit der können wir ruhig noch eine Woche warten. Dann ist Pfingsten.

Amen.

Lieder: 119,1-5 / 429,1+2 / 130,1-3 / 135,1+4+5 / 579