Der heruntergekommene Gott - Predigt über 1. Mose 11, 1-9
Ök. Gottesdienst an Pfingstmontag - 13.06.2011, Christuskirche Freiburg


Liebe Schwestern und Brüder!

Der Erzähler hat vor fast 3000 Jahren in diese uralte Geschichte eingezeichnet, was er um sich sah, wenn er auf die damaligen Supermächte Ägypten und Babylonien blickte. Und er hat zugleich ein Bild des Menschen gezeichnet, das bis heute Gültigkeit hat. Er hat dazu einen Stoff verwendet, den er sich nicht selber ausgedacht hat, sondern der in der orientalischen Welt damals sehr volkstümlich war. Man versuchte mit diesem mythischen Stoff den Ursprung von zwei ganz verschiedenen Erscheinungen zu erklären. Zum einen die Entstehung hoher Turmruinen, die man im damaligen Mesopotamien, dem Zweistromland, vielerorts bestaunte. Zum zweiten das Phänomen der vielen Sprachen, die die Verständigung von Mensch zu Mensch so unnötig, scheinbar sinnlos erschweren. Da müssen, dachte man damals, irgendwann die Götter dazwischen geschlagen haben. Deshalb diese seltsamen Ruinen und dieser Völker- und Sprachenwirrwar.

Der biblische Erzähler, der diesen Stoff zur Geschichte vom babylonischen Turmbau verarbeitet hat, hält nichts von den Göttern. Er meint nicht, daß über uns Götter thronen, die neidisch auf das Können der Menschen blicken und aus gekränkter Eitelkeit dreinschlagen. Er ist Israelit und kennt den einen Gott, Jahwe, den Schöpfer von Himmel und Erde.

Und doch erkennt er etwas unaufgebbar Wahres in diesem Mythos. Deshalb stellt er ihn ans Ende seines großen Berichts über die Anfänge der Welt und des Menschen, der die ersten 11 Kapitel der Bibel umfasst: die sog. Urgeschichte. Sie erzählt von einer Zerrüttung, einem lawinenartigen Anwachsen von Unheil, das vom Menschen ausgeht und auf ihn selber zurückschlägt. Ohne es zu kommentieren, wirft der Erzähler die bedrängende Frage auf: Was ist aus dem Lot geraten, daß der Mensch so haltlos und zerstörerisch durch die Geschichte taumelt?

I.

Liebe Gemeinde, manchmal sind wir zu schnell dabei, an dieser Stelle das oft mißbrauchte Wort Sünde einzusetzen. Natürlich ist diese Antwort in einem tiefen Sinn wahr. Aber: wissen wir, was wir damit sagen, und wie sehr das uns alle trifft? Sünde, das sagt die Bibel immer wieder, ist der offenbar ur-menschliche Drang ins Maßlose, in die Verhältnislosigkeit. Dafür ist diese Geschichte vom Turmbau beispielhaft. Ihr Thema ist ja die Warnung vor dem Maßlosen. Wir denken dabei etwa an die vielen Potentaten, nicht nur im arabischen Raum, die ihre Völker klein und in Armut halten, während sie für sich selbst Milliardenbeträge auf Schweizer Konten schleusen. Oder überhaupt an den modernen Menschen, der sich anmaßt, mit Vernunft und Technik alle möglichen Grenzen zu überschreiten. Schnell haben wir die Schuldigen ausgemacht und entlarven sie mit dieser Geschichte vom Turmbau. Aber dabei verdrängen wir, daß in der Bibel nie einfach nur die anderen gemeint sind, sondern immer zuerst wir selbst! Wir sind die Täter, besser: die Untäter, die (wie damals zu Urzeiten die Bauleute) nicht genug kriegen können zu sagen: Wohlauf, laßt uns dies und jenes tun! Biblische Urgeschichte heißt also, daß Grunderfahrungen des Menschen festgehalten und gedeutet werden, die der Mensch zu allen Zeiten macht und die uns dunkel und rätselhaft im Griff haben. Damals wie heute fragen sich die Menschen: Wie kommt es, daß wir so sprachlos, ja feindselig, nebeneinander her und gegeneinander leben?

"Die sprechen nicht mehr miteinander": wenn das von Eltern und Kindern oder von zwei Partnern, von Nachbarn oder von Politikern in derselben Partei gesagt wird, dann steht es schlimm um die betroffenen Leute. Wo man nicht mehr miteinander spricht, da ist menschliches Miteinander im Innersten gestört. Da hat sich mitten im Leben schon der Tod eingeschlichen. Und wir fragen uns hilflos: Wie kann es geschehen, daß unter uns soviel Entsolidarisierung, soviel Sprachlosigkeit da ist? Erst recht, wenn wir über unseren Tellerrand hinaus schauen: woher kommen die unfaßbaren Grausamkeiten, die - in Europa vor 15 Jahren auf dem Balkan, in Afrika bis heute immer wieder - Menschen einander antun, die vorher über Jahrzehnte friedlich zumindest nebeneinander gelebt haben? Was sind das für Abgründe in uns, daß wir, die "Krone der Schöpfung", so schöpferisch zu immer neuen Untaten sind? Auch das Alte Testament enthält ja etliche Berichte, die unheimlich blutgetränkt sind. Das zeigt uns, wie sehr schon die Menschen in Israel diese Urerfahrung beschäftigt hat. Unsere Geschichte versucht eine Antwort zu geben.

II.

Den Schlüssel dazu finden wir in der Aussage: "Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht". Der Turm soll also bis dorthin reichen, wo Gott selbst wohnt. Das ist Ausdruck von Größenwahn: Wir wollen sein wie Gott! Aber flink deuten wir wieder auf die anderen: "Die da oben", die Politiker, die Herren in den Vorstandsetagen, die den Hals nicht vollkriegen an Bonuszahlungen, die Forscher in den Labors - und bringen uns selbst damit elegant ins Trockene. Aber so verfehlen wir unsere Geschichte. Denn dieser Turm, den sie hochziehen wollten, ist eben nicht nur Ausdruck von technischem Größenwahn. In der altorientalischen Kultur ist dieser Turm ein religiöses Bauwerk. Einen eindrucksvollen Kultbau wollen sie haben, um Religion auszuüben, ihrer Ehrfurcht vor der Gottheit Ausdruck zu geben. Wer wollte dagegen etwas einwenden? Und überhaupt: Die Leute wollen in jener Stadt ja etwas sehr Verständliches, Naheliegendes. Sie wollen nicht zerstreut, voneinander entfernt existieren, und dadurch in Fremdheit oder gar Feindschaft geraten. Sie wollen zusammen bleiben, in friedlicher Koexistenz. Eine urmenschliche Sehnsucht. Aus ihr sind Dörfer und Städte entstanden.

Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und das liegt, wie so oft, in den geheimen Motiven hinter dem Vorhaben - die hier ja so geheim gar nicht sind. Denn wie lautet doch die Begründung der Architekten für ihr großes Vorhaben: "...damit wir uns einen Namen machen", sagen sie. Das ist der Knackpunkt, an dem aufscheint, wie unheimlich eng bei uns Höhenflüge und Abstürze, Begabung und Gefährdung beieinander liegen. Die Lieblingsbeschäftigung der Völker sei das Karussellfahren um den eigenen Ruhm, hat ein hellsichtiger Zeitgenosse einmal festgestellt. Was seit dem Ende des Kalten Krieges vor 20 Jahren, das manchen damals schon als Beginn eines ewigen Friedens erschien, allein in Europa geschehen ist, zeigt, wie recht er hatte. Es ist wahr: Gäbe es die Geschichte vom Turmbau zu Babel nicht, man müßte sie erfinden, so empfindlich trifft sie den Nerv und die Peinlichkeiten unserer Zeit! Denken Sie an die unsägliche Geschichte aus den 90ger Jahren, als der fromme Präsident eines kleinen bettelarmen afrikanischen Landes mitten im Busch eine Kathedrale hochzog, die größer als der Petersdom sein mußte. Zum Ruhm Gottes, hieß es offiziell. In Wahrheit doch wohl zum höheren Ruhm des eigenen Namens. Aber es braucht gar nicht erst so ein Beispiel. Eitelkeit und die Sucht nach Anerkennung verderben die beste Arbeit. Auch so manche Doktorarbeit, wie man inzwischen weiß.

Merken Sie, wie nah uns die Geschichte inzwischen gerückt ist? Hinter Religion und Frömmigkeit steht oft die pure Angst. Nicht der Größenwahn einiger Weniger, sondern die Angst von uns allen - ohne die der Größenwahn der Wenigen sich ja gar nicht entfalten könnte - ist die eigentliche Wurzel des Übels. Es ist meine und deine ganz alltägliche Angst, zu kurz zu kommen, das Nachsehen zu haben. Wir können diese Angst vom ganz Privaten bis tief ins Politische hinein namhaft machen. Und weil wir im Grunde unseres Herzens von dieser Angst nicht loskommen, von ihr unser Handeln bestimmen lassen, sind wir es, die den Turm von Babel bauen. Und nun behaupte ich, daß diese Angst im letzten, geheimsten Sinn die Angst von uns modernen Menschen ist, Gott verloren zu haben. Gott ist hinter der prallen Weltlichkeit, in der uns eingerichtet haben, schier unsichtbar geworden. Offenbar auch eine Erfahrung, die den Menschen schon damals zu schaffen gemacht hat. Deshalb wollten sie einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht: nicht einfach nur, um letzte Grenzen zu überwinden, sondern auch, weil sie Sehnsucht nach Gott hatten, weil es ihnen zu mühsam war, immer nur glauben zu müssen, oft gegen den Augenschein. Sie wollten Gott sehen, handfesterfahren können. So sind wir, so ist der Mensch.

Wie geht nun Gott mit dieser schillernden Sehnsucht um? "Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschen bauten". Das ist aus zweierlei Gründen die Nahtstelle, die entscheidende Aktion in dieser Geschichte. Es zeigt sich hier eine meisterhafte Ironie des Erzählers: die Menschen wollen einen Turm hochziehen, der alle Maßstäbe sprengt und die Sterne vom Himmel holen soll. Aber Gott muß seinerseits überhaupt erst herabsteigen, damit er das Unternehmen näher in Augenschein nehmen kann. Was für eine Blamage des Menschen in seinem Drang zur Hochleistung! Wir lernen daraus: Vor Gott sind auch die schöpferischsten Produkte menschlichen Geistes nur Stückwerk, eine Momentaufnahme. "Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist", stellt der Psalmist fest, und kurz darauf: "Was köstlich gewesen ist an unserem Leben, war doch nur vergebliche Mühe".

III.

Aber, liebe Gemeinde, diese Herablassung Gottes in unsere Niederungen hat nicht nur diese für uns peinliche Seite. Es scheint noch etwas anderes darin auf, und spätestens hier kommt Pfingsten ins Spiel. Manchmal sind es die kleinen, leicht übersehenen Worte, die uns auf die richtige Spur bringen. Dreimal taucht hier die Aufforderung auf: Wohlauf! Zweimal aus dem Mund der von sich selbst berauschten Menschen: "Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen... Wohlauf, laßt uns eine Stadt uns einen Turm bauen!" Das dritte Mal aus Gottes Mund: "Und der Herr sprach: Wohlauf, laßt uns herniederfahren!" Das will eben nicht nur Spott und Hohn ausdrücken, so nach dem Motto: ei, was für ein winziges, lächerliches Gewusel dort unten auf der Erde! "Laßt uns herniederfahren": das ist auch die Antwort auf unser Bitten: "Komm, Heiliger Geist!" So also ist dieser Gott: Er hält sich nicht über den Wolken verborgen, auf daß wir verzweifelt hoch hinaus müssen, um in Kontakt mit ihm zu kommen. Wo wir am Ende sind, ausweglos gefangen in unserer Angst, bleibt er nicht in unerreichbarer Höhe und Ferne. Er macht sich selber auf den Weg zu uns, ganz nach unten. Das ist die tiefere Schicht unseres Textes, und sie weitet die Entlarvungsgeschichte aus zu einer Trostgeschichte.

Und wenn es dann heißt: "So zerstreute der Herr sie von dort in alle Länder", dann ist das eben nicht nur Strafe und Verhängnis, sondern auch der Ansporn, in der Kraft seines Geistes in all unserer Verschiedenheit aufeinander aufmerksam und neugierig zu werden, um Wege zueinander zu suchen. Das ist ja das Geheimnis der Gemeinde Jesu, der Kirche, daß dort gerade auch die zusammengehören, die sich ansonsten gerne aus dem Weg gehen - weil wir als Getaufte alle Glieder am einen Leib Jesu Christi sind. Und deshalb hat diese Geschichte aus dem Alten Testament auch eine sehr ökumenische Dimension, ist sie gerade in unserer heutigen, ökumenisch müde gewordenen Situation frappierend aktuell. Die Zerstreuung und Zersplitterung am Leib Christi, der doch die Kirche sein soll, ist trotz vieler Annäherungen in den letzten 50 Jahren immer noch beschämend. Damit geben wir einer Welt, die so viele andere Götter kennt und dringend darauf angewiesen wäre, daß wir als Christen in den wesentlichen Fragen mit einer, und einiger Stimme reden, ein miserables Zeugnis ab. Das ist selbstkritisch vor allem in Richtung meiner Konfession zu sagen, die in so viele Kirchen und Denominationen aufgeteilt ist. Freilich schaut es, wenn ich es recht sehe, zurzeit innerhalb der zwar rechtlich einheitlichen Katholischen Kirche auch nicht so viel besser und einiger aus.

Wie auch immer: das Pfingstwunder, das ja gleichsam die hoffnungsvolle neutestamentliche Gegengeschichte zu babylonischen Turmbau ist, hält die Sehnsucht in mir wach, daß wir - wann und auf welchem Weg auch immer, das weiß Gott allein - doch noch den Zustand erreichen und erleben werden, den in der Ökumene engagierte Christen mit dem Wort von der "versöhnten Verschiedenheit" kennzeichnen. Eine rechtlich und institutionell einheitliche Weltkirche müssen wir dazu sicherlich nicht werden. Dazu sind wir in unseren geschichtlichen, geistlichen, liturgischen Traditionen und Prägungen alle jeweils zu sehr in der Wolle gefärbt. Aber statt gegenseitigem Aburteilen und Ausschließen könnte ein Reichtum daraus werden, aus dem heraus wir einander beschenken. Und das geschieht ja auch schon, Gott sei Dank! Das viel größere Gewicht, das die jüngeren PfarrerInnen meiner Kirche heute auf die würdige und feierliche Gestaltung der Liturgie legen wäre ohne das Vorbild der katholischen Kirche nicht denkbar gewesen. Und andersherum: daß in Ihren katholischen Gottesdiensten Gemeindechoräle gesungen werden, nicht nur alte, sondern zeitgenössische, daß die Bibel ausgelegt und in den Häusern von Laien gelesen und diskutiert wird, das verdankt sich neben den Weichenstellungen des Konzils natürlich auch der Nachbarschaft zur Evangelischen Kirche.

Pfingsten, und in gewisser Weise gerade auch unsere Geschichte vom Turmbau, ruft uns zu einer Art kopernikanischen Wende in unseren ökumenischen Beziehungen zueinander auf. Wie meine ich das? Ich denke, wir haben die jeweils anderen christlichen Gemeinschaften nicht mehr so anzusehen, als ob sie sich um die eigene Kirche als Mitte bewegen, so wie vor Kopernikus die Planeten als sich um die Erde drehend verstanden worden waren. Sondern wir müssen erkennen, daß wir mit den anderen Gemeinschaften zusammen gleichsam wie Planeten um Christus als die Sonne kreisen und von ihm her Licht empfangen. Wir haben die anderen nicht mit uns zu vergleichen, sondern wir haben uns mit ihnen zusammen mit dem biblischen Christuszeugnis zu vergleichen. Wir müssen also lernen, uns ein Stück weit von außen zu sehen.

Lieber Bruder P. Eryk, mir ist bewusst, daß diese Sichtweise bis auf weiteres nicht mit dem Selbstverständnis Ihrer Kirche in Einklang zu bringen ist. Das festzustellen gehört zu der Nüchternheit, die uns Protestanten ja nachgesagt wird. Ich weigere mich aber zugleich, die Hoffnung aufzugeben, daß diese Vision durch das immer wieder überraschende Wirken des Heiligen Geistes doch einmal gelebte Realität werden kann.

IV.

Liebe Freunde, so erweist sich unsere Turmbau-Geschichte gleichsam als das Filmnegativ zum Pfingstereignis. Das Negativ - also nicht einfach das dunkle Gegenstück! Denn das Sprachenwunder von Jerusalem bestand ja keineswegs darin, daß plötzlich alle dieselbe Sprache, eine Art aseptisches Einheitsesperanto gesprochen hätten. Die Verschiedenheit, die Buntheit der Völker und Sprachen, die bleibt ja. Nur daß sie, im wahrsten Sinn des Wortes geistes-gegenwärtig, aufeinander hören, sich in ihrer Verschiedenheit annehmen und verstehen können.

Pfingsten ist also nicht, wie manchmal gesagt wird, das späte Happy-End der Katastrophe von Babel. Wie wir ja jetzt auch gemerkt haben, daß jene Geschichte eben nicht nur eine Katastrophe erzählt. Sie ist auch ein geheimnisvoller Vorschein von Pfingsten: die Einkehr göttlicher Geistesgegenwart in eine von vielen guten Geistern verlassene Welt. Wo wir das gelten lassen, liebe Schwestern und Brüder, da bleibt nicht alles beim Alten. Gottes Geist bringt uns, die Stummgewordenen, in Bewegung, ins Miteinanderreden und zum gegenseitigen Verstehen. Da wird keine Mauer mehr sein, kein Turm und keine unvollendete Stadt.

Amen.

Lieder: 136,1+2+4 / 316,1+5 / 124,1-4 / 128,1-7 / 265,1-5