Predigt 1. Trinitatis 2011
26.Juni 2011 - Christuskirche Freiburg

Joh 5, 39-47, Ehre, wem Ehre gebührt


Liebe Gemeinde,

I Küss die Hand

hat man Ihnen schon einmal die Hand geküsst? Wenn ja, wie ging es Ihnen dabei? Ich weiß, es handelt sich hier um eine exklusive Frage. Um darauf antworten zu können, müssen Sie eine Frau sein wie Angela Merkel oder die Würden eines Geistlichen tragen, also Bischof oder Papst sein.

So leicht es aussehen mag, es ist gar nicht so einfach, richtig die Hand zu küssen. Versuchen Sie es besser nicht, ohne vorher einen Blick in den Knigge geworfen zu haben. Es könnte sonst für Sie und die so bedachte Person peinlich werden. Diese einfache Geste ist Ausdruck des tiefsten Respekts. Ist der Handkuss doch schon lange nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Zwischen Mann und Frau, Kindern und Eltern kann er zugleich eine Ehrerweisung wie auch Liebeserklärung bedeuten.

So soll noch Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen nach der Proklamation seines Vaters zum Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles 1871 in sein Tagebuch geschrieben haben:

"Dieser Augenblick war mächtig ergreifend, ja überwältigend und nahm sich wunderbar schön aus. Ich beugte ein Knie vor dem Kaiser und küsste ihm die Hand, worauf er mich aufhob und mit tiefer Bewegung umarmte."

Es war nicht nur für den alten Kaiser sehr berührend, die Hand geküsst zu bekommen. Geschieht es tatsächlich einmal, dann antworten wir meist mit einem Lächeln, ein wenig unsicher, wie wir darauf antworten sollen. Aber nicht doch. Solche Wertschätzung, Bewunderung und Verehrung überrascht und schmeichelt. Steht mir das überhaupt zu? Welche Ehre!

II Ehre ist kein veralteter Begriff

Das Wort Ehre mag als altmodischer Begriff gelten, aber es hat noch immer seinen festen Platz in unserer aufgeklärten Welt. Jede Stadt hat ihre Ehrenbürger, jede Uni verleiht den Doktortitel honoris causa - der Ehre wegen. Beides wird man nur aufgrund besonderer Leistungen. Ein Mensch hat sich an der Gesellschaft verdient gemacht, er hat sich auf außerordentliche Weise um ihr Wohl bemüht. Die Stadt oder Universität, die so gefördert wurde in ihrem Ansehen, ihrer Ausstrahlung und Wirkung, würdigt dies. Zwischen beiden Parteien besteht ein besonderes Verhältnis. Der Ehrenerweis gehört zur Beziehungspflege. Keine Beziehung kommt ohne gegenseitige Achtung und Anerkennung aus.

Ehre erhält man nicht umsonst, sondern aufgrund bestimmter Voraussetzungen. So sehen es auch die Glaubenstreuen zu Lebzeiten Jesu. Es ist ein Streit ausgebrochen zwischen ihnen und dem jungen Rabbi Jesus. Den Anfang bildete eine Heilungsgeschichte. Gegen die Heilung an sich ist nichts einzuwenden. Das Fatale daran ist der Zeitpunkt der Heilung am Sabbath. Diese Wahl Jesu wird als reine Provokation aufgenommen. Jesus tut sich wichtig damit. Diesen Eindruck hinterlässt sein Tun. Denn nur Gott ist Herr über den Sabbath. Aus Jesu Sicht gilt genau diese Logik: "Mein Vater wirkt ohne Unterbrechung und so halte ich es auch." Aus der Sicht seiner Zeitgenossen geht er hiermit einen Schritt zu weit. Er bricht nicht nur den Sabbath, als sei dieser Schritt nicht schon verletzend genug. Die strikte Einhaltung des Sabbats war immerhin die Voraussetzung für das Kommen des Messias. Die Tradition besagte: "Würde Israel nur zwei Sabbate wirklich so, wie es vorgeschrieben ist, halten, würde die Erlösung anbrechen." Keine Chance, wenn der Rabbi am Sonntag heilt. Der Gipfel der Frechheit besteht aber darin, dass Jesus sich anmaßt zu sein wie Gott.

Ehre, wem Ehre gebührt. Darum geht es in Jesu Rede im Evangelium des Johannes im 5.Kapitel, dem Predigttext für diesen Sonntag: Ich lese in der Übersetzung von Klaus Berger und Christiane Nord:

5 (39) Ihr durchforscht die Schrift, weil ihr meint, in ihr stecke das ewige Leben. Doch die Schrift ist ein Zeugnis für mich. Ihr aber wollt nicht zu mir kommen, sondern weist das Leben ab. Ich bin auf Ehrungen von Menschen nicht angewiesen. Daher macht es mir nichts aus, wenn ihr mich nicht ehren wollt. Aber es macht mir wohl etwas aus, wenn ich erkennen muss, dass ihr Gott nicht liebt. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und trotzdem nehmt ihr mich nicht an. Andere Leute, die in ihrem eigenen Namen kommen, nehmt ihr gerne an. Wie könnt ihr auch zum Glauben finden, wenn ihr euch von menschlichen Ehrungen abhängig macht und gleichzeitig die Ehre und Herrlichkeit, die Gott euch schenken möchte, zurückweist. Ihr müsst nicht glauben, dass ich euch beim Vater verklagen werde. Aber Mose klagt euch an, der, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt hattet. Hättet ihr Mose geglaubt, dann könntet ihr auch mir glauben, denn seine Schrift handelt von mir. Wenn ihr schon seiner Schrift nicht glaubt, wie sollt ihr dann meinen Worten glauben können?

Wir könnten die Bibel an dieser Stelle zuschlagen und sagen: Es gibt dem im Rückblick nichts weiter hinzuzufügen. Jesus hatte Recht. Das glauben wir, das glaubte der Verfasser des Johannesevangeliums aus seiner nachösterlichen Sicht. Jesus stand die Ehre zu, seine jüdischen Glaubensgenossen, die den guten Ruf Gottes schützen wollten und sich doch so sicher wähnten, waren auf den Holzweg geraten. Der Fall ist gelöst und damit der Streit darum, wem denn jetzt die Ehre zu erweisen sei. Niemand nimmt ein Ehrenamt in der Kirche auf sich, weil er glaubt, dadurch an Ansehen zu gewinnen. Im Gegenteil, wie einst Wilhelm Busch gedichtet haben soll:

Willst Du froh und glücklich leben,
laß kein Ehrenamt dir geben!
Willst du nicht zu früh ins Grab
lehne jedes Amt gleich ab!

Wieviel Mühen, Sorgen, Plagen
wieviel Ärger mußt Du tragen;
gibst viel Geld aus, opferst Zeit -
und der Lohn? Undankbarkeit!

Ohne Amt lebst Du so friedlich
und so ruhig und so gemütlich,
Du sparst Kraft und Geld und Zeit,
wirst geachtet weit und breit.

So ein Amt bringt niemals Ehre,
denn der Klatschsucht scharfe Schere
schneidet boshaft Dir, schnipp-schnapp,
Deine Ehre vielfach ab.

III Welche Rolle spielt die Ehre

Soli Deo Gloria. Gott allein gehört die Ehre, schrieben dagegen barocke Musiker wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel noch unter ihre Werke. In einer Zeit, in der die Menschen sich Tod und Sterblichkeit unmittelbar ausgesetzt sahen, komponierten sie nicht, um für sich Ehre anzuhäufen, sich ein Ehrenmal zu schaffen, sondern um Gott zu loben und so die Herzen der Menschen auf das zu richten, was wirklich zum Leben führt. Ob es ihnen tatsächlich immer gelang, die eigene Ehre hintenanzustellen, lässt sich schwer sagen. Was geschieht mit uns, wenn wir am Ende einer Partitur auf diese drei Buchstaben stoßen: SDG.

Wenn wir unser Leben betrachten, spielt Ehre von Anfang an eine große Rolle. Ich fühle mich geschmeichelt, wenn man mich ehrt ob zu Recht oder nicht. Es kitzelt mein Ego. Wie gelange ich in den Besitz der Ehre. Was verleiht mir Ehre und was raubt sie mir? Wann ist meine Ehre schon einmal verletzt worden. Wie viel Mühe hat es gekostet, sie wieder herzustellen. Darüber machen wir uns bewusst oder unbewusst täglich Gedanken.

Es gibt neben der Rede vom Ehrenmord auch die Tat, der jährlich tausende von Frauen zum Opfer fallen. Der Glaube, die Ehre der Familie werde verletzt, führt zu Gewalttaten, nur um sie aufrecht zu erhalten. Bin ich ohne Ehre, dann kommt das in manchen Kulturkreisen einem Todesurteil gleich, ich bin verloren. In Asien gibt es nichts schlimmeres, als sein Gesicht zu verlieren. Ein Mensch kann daran sterben, wenn er sich in seiner Ehre, seiner Würde angegriffen fühlt, die Wertschätzung ist dahin.

Kleider machen Leute und Stadtteile auch. Während eine Frau sich beleidigt fühlte und Schmerzensgeld dafür verlangte, als "Wiehre-Zicke" bezeichnet zu werden, würde so manche andere sich geehrt fühlen. Wenn wir uns in Deutschland auch schon lange von der Klassengesellschaft verabschiedet haben, halten wir diese oder jene berufliche Beschäftigung für ehrenvoller als andere. Nicht nur Herr von Guttenberg verbindet mit dem Doktortitel eine gewisse Würde und Ansehen in der Gesellschaft.

IV Nicht auf die eigene Ehre bedacht sein, sondern Gott ehren

Jesus wurde nicht nur für gering geachtet. Er achtete seine Ehre für gering. In-Gott-sein hielt er für Ehre, von Gott gesehen zu sein, verleiht dem Menschen seine Würde. Dabei geht es nicht darum, dass Menschen sich vor Gott erniedrigen. Im Gegenteil, wo Menschen Zeit oder Geld darin investieren, von anderen verehrt zu werden, und so Anerkennung zu erlangen, verfehlen sie ihre Bestimmung. Sie erniedrigen sich selbst.

"Wie könnt ihr auch zum Glauben finden, wenn ihr euch von menschlichen Ehrungen abhängig macht und gleichzeitig die Ehre und Herrlichkeit, die Gott euch schenken möchte, zurückweist." - stellt Jesus auch uns heute noch in Frage. Wenn es stimmt, dass meine Würde aus meiner Verbindung zu Gott erwächst und nicht aus diesem oder jenem frommen oder standesgemäßen Verhalten, tue ich tatsächlich gut daran, all mein Tun und Lassen mit einem Soli Deo Gloria zu unterschreiben. So sind wir Menschen angelegt. Der Westminster Katechismus beantwortet es auf seine erste Frage nach dem höchsten Ziel des Menschen so: Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen. Daraus folgt die zweite Frage: Wie mache ich das, Gott verherrlichen, ihn so ehren? Die Hilfestellung liegt nach reformatorischem Verständnis im Wort Gottes wie es uns in der Bibel entgegenkommt.

V Soli Deo Gloria

Ehre ist Gott in unserem Leben, wenn wir uns immer wieder auf ihn und sein Wort besinnen. So wie es die Eltern tun, die ihr Kind zur Taufe bringen oder der erwachsene Mensch, der in seinem Ja zur Taufe erkennt: Mein Leben kommt von Gott und führt in seine Richtung. Da liegt Gerechtigkeit, da findet sich Friede, wie die Engel es im weihnachtlichen Gloria singen und wir am Sonntag im Gottesdienst auf den Gnadenspruch antworten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Im Ja, das wir zu Gottes Segen an unserer Konfirmation sprechen und im "Ja, mit Gottes Hilfe" zweier Menschen, die sich lieben und als Ehepartner ehren wollen, Freude und Leid mit einander teilen, sich die Treue halten, wird der Glanz und die Ehre Gottes auf dieser Erde sichtbar. Selbst über den Tod hinaus hört unser Lied nicht auf. Denn, so tröstet uns der Heidelberger Katechismus auf die 6. Frage: Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen?

Nein. Gott hat den Menschen gut und nach seinem Ebenbild erschaffen, das bedeutet: wahrhaft gerecht und heilig, damit er Gott, seinen Schöpfer, recht erkenne, von Herzen liebe und in ewiger Seligkeit mit ihm lebe, ihn zu loben und zu preisen.

Wenn wir so nach Gottes Wort leben, dann ist unser Gloria wie ein Handkuss, eine Liebeserklärung an Gott, die wir ein für alle Mal aussprechen. Amen.